Hochsensible Kinder, Zwänge und Ängste: wenn ihre Wahrnehmung nicht zählt

Inhaltsverzeichnis

Wichtig vorab: Dieser Beitrag beschreibt ein mögliches Entwicklungstrauma. Die Hochsensibilität selbst ist hier nicht das Problem. Ein vermindertes Selbstwertgefühl, fehlendes Vertrauen in die eigene Wahrnehmung oder ein Hang zur Kontrolle sind keine Eigenschaften der Hochsensibilität. Sie entstehen aus Erfahrungen, die wir gemacht haben.

Jedes Kind kann durch eine solche Behandlung ein Entwicklungstrauma entwickeln. Wenn du dich in diesem Beitrag wiederfindest, ist das kein Hinweis auf eine Hochsensibilität. Welche Merkmale typisch für Hochsensibilität sind, beschreibe ich im Beitrag Hochsensibilität einfach erklärt, und wie du Hochsensibilität und Traumafolgen unterscheidest, im Beitrag Trauma und Hochsensibilität unterscheiden.

Psychische Krankheiten entstehen nicht durch die Hochsensibilität. Sie entstehen durch Erlebnisse, die uns geprägt haben.

In diesem Beitrag erfährst du, wie ungünstige Erfahrungen in der Kindheit hochsensible Kinder so prägen können, dass sie später unter Ängsten, Zwängen, Selbstzweifeln oder Erschöpfung leiden. Du erfährst auch, warum manche hochsensiblen Kinder Rituale und Zwänge entwickeln, wann das ein normaler Teil der Entwicklung ist und wann dein Kind Hilfe braucht.

Der Beitrag richtet sich sowohl an Eltern hochsensibler Kinder als auch an hochsensible Erwachsene, die stark unter ihrer Hochsensibilität leiden. Woran du ein hochsensibles Kind überhaupt erkennst, kannst du mit meiner Ankreuzliste für hochsensible Kinder durchgehen.

Kurz gesagt: Hochsensible Kinder, Zwänge und Ängste

Hochsensibilität ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal und keine Krankheit. Hochsensible Kinder nehmen Reize intensiver wahr und reagieren stärker auf ihr Umfeld, in guten wie in belastenden Bedingungen. Wird ihre Wahrnehmung immer wieder abgewertet („Das tut doch nicht weh“, „Stell dich nicht so an“), lernen sie, sich selbst nicht zu trauen. Daraus können Selbstzweifel, Ängste, Kontrollbedürfnis und Zwänge entstehen, später auch Perfektionismus und Burn-out. Rituale sind bei Kleinkindern normal und geben hochsensiblen Kindern Sicherheit. Leidet ein Kind unter seinen Ritualen oder bestimmen sie den Alltag, gehört das in die Hände des Kinderarztes. Das Wichtigste, was Eltern tun können: die Wahrnehmung ihres Kindes ernst nehmen.

Hochsensible Kinder und ihre Wahrnehmung: der Beitrag als Video

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Hochsensibel und unglücklich, häufig eine Folge der Erziehung?

In meiner Arbeit zeigt sich, dass es einen wesentlichen Faktor gibt, der bestimmt, wie glücklich oder auch unglücklich wir mit der Hochsensibilität sind. Und der ist wichtig zu wissen. Zum einen für hochsensible Eltern, damit sie ihre Kinder gut unterstützen können, zum anderen für hochsensible Erwachsene, um sich selbst besser zu verstehen und damit entsprechend handeln zu können.

Die Hochsensibilität an sich ist nicht der Auslöser von Depressionen, starken Ängsten oder einer ständigen Überforderung. Diese Symptome entstehen sehr häufig aus ungünstigen Erfahrungen, die wir in unserer Kindheit machen. Sie sind die Folge einer Erziehung, die in den meisten Fällen sogar gut gemeint, im Endergebnis aber sehr schädigend sein kann.

Die Forschung stützt diese Beobachtung. Hochsensible Kinder reagieren auf ihr Umfeld stärker als andere Kinder, in beide Richtungen: Von einer warmen, verständnisvollen Erziehung profitieren sie besonders, unter einer harten oder abwertenden Erziehung leiden sie besonders (Belsky und Pluess 2009, Slagt und andere 2018). Welche Probleme daraus bei Erwachsenen entstehen können und warum sie nicht jeden Hochsensiblen betreffen, beschreibe ich im Beitrag Schattenseiten der Hochsensibilität.

Im Folgenden beschreibe ich Erfahrungen meiner Kunden, die mir in abgewandelter Form hundertfach geschildert wurden. Ich beginne mit dem Beispiel eines typischen Tagesanfangs der dreijährigen Anna. Im Anschluss stelle ich dir dazu eine Frage und lade dich ein, dir etwas zum Schreiben zu holen, um dir deine Gedanken zu notieren.

Das hochsensible Kind Anna

Anna ist ein hochsensibles Kind, das heißt, dass sie schon sehr leichte Sinnesreize wahrnimmt, die sie gleichzeitig weniger filtern kann als durchschnittlich sensible Kinder. Gefühle empfindet sie sehr stark, ihr Körper ist oft ganz ausgefüllt davon. Sie ist sehr empathisch und reflektiert viel über die mannigfaltigen Eindrücke, die sie am Tag erlebt. Dies macht sie in einer viel stärkeren Tiefe als durchschnittlich sensible Kinder. Es ist ihr wichtig, erst mal zu beobachten, bevor sie etwas tut, weil ihr das ein Gefühl von Sicherheit gibt.

Zähne putzen mit hochsensiblen Kindern kann eine Herausforderung sein

Morgens steht sie auf und ihre Mama hilft ihr, sich für den Kindergarten fertig zu machen. Beim Zähneputzen gibt es immer Streit, weil Anna den Mund nicht aufmachen will. Die Zahnpasta ist ihr viel zu scharf und sie drückt das aus, indem sie sagt, dass ihr das Zähneputzen wehtut. Ihre Mutter ist sehr bemüht, sie versucht sie zum Öffnen des Mundes zu bewegen und putzt dann ganz sanft ihre Zähne. Anna sagt: „Mama, das tut weh!“ „Nein, Anna, das tut nicht weh, schau, ich bin ganz vorsichtig.“ Die Mutter putzt ganz vorsichtig Annas Zähne, die immer wieder den Kopf wegzieht, weil es ihr wehtut. Ihre Mutter beteuert immer wieder, dass sie ja ganz vorsichtig ist und dass es gar nicht wehtun kann.

Die richtige Kleidung kann gerade bei hochsensiblen Kindern schwierig sein

Dann geht es ans Anziehen. Anna mag keine Strumpfhosen, weil die ihr zu eng an den Zehenspitzen sind, das kann sie aber noch nicht benennen. Es ist Winter und ihre Mama hat ihr extra die teuren, superweichen Lillifee-Strumpfhosen gekauft. Es ist eine Tortur, Annas Mama betont immer wieder, wie schön weich und gut zu tragen die Strumpfhose doch sei, während es ewig dauert, bis sie endlich angezogen ist. Langsam wird die Zeit knapp. Schnell noch frühstücken.

Hochsensible Kinder haben häufig sehr eigene Essgewohnheiten

Anna bekommt ein Brot mit ihrer Lieblingswurst. Das Brot ist schon etwas älter und die Rinde ist härter als sonst. „Mama, ich mag das Brot nicht.“ Die Mutter wird langsam ungeduldig. Es ist wichtig, dass alles klappt, damit sie pünktlich zur Arbeit kommt. „Anna, das ist deine Lieblingswurst, jetzt stell dich nicht so an und iss einfach. Das ist das Gleiche, was du sonst isst, das schmeckt.“ Mittlerweile sind beide schon ziemlich hoch mit ihrem Stresspegel. Nun machen sie sich gemeinsam auf zum 10-Minuten-Marsch zur Kita. Mehr zum Essen bei hochsensiblen Kindern liest du im Beitrag Hochsensible Kinder und Essen.

Hochsensible Kinder brauchen mehr Hinwendung, das kann leicht überfordern

Sie laufen los. Die Strumpfhosen an Annas Zehen fühlen sich in den Schuhen schrecklich an. Immer wieder bleibt sie stehen, will nicht weitergehen und sagt: „Mama, ich habe was in den Schuhen, das tut weh.“ Die Mutter kniet sich zu ihr runter, zieht ihr den Schuh aus, kann aber nichts finden. „Da ist nichts, Anna, komm jetzt.“ Irgendwann ist ihre Mutter total fertig und genervt und zieht Anna hinter sich her. „Musst du dich denn immer so anstellen?“ Jammernd lässt sich Anna mitziehen. „Mama, bist du wütend auf mich?“ „Nein“, knirscht die Mutter, verzieht das Gesicht und starrt auf die Kita-Tür, die sie bald endlich erreicht haben.

Für den einen wirkt die beschriebene Situation vielleicht überzogen, für den anderen sogar noch zu geschönt. Dieser kleine Tagesausschnitt kann exemplarisch für den ganzen Tag stehen, an dem es eventuell noch viele weitere solcher Situationen geben wird.

Und jetzt lade ich dich ein innezuhalten. Schreibe dir am besten deine Gedanken zu der kommenden Frage auf.

Was hat die hochsensible Anna heute Morgen gelernt?

In meinen Seminaren gehen die Antworten auf diese Frage weit auseinander. Selten wird gerade der Aspekt genannt, der Anna vielleicht später das Leben sehr schwer machen kann. Deswegen gehe ich im Weiteren nur auf diesen Aspekt ein.

Anna hat heute gelernt, dass sie ihrer Wahrnehmung nicht trauen kann! Vielleicht fragst du dich, wieso das? Schauen wir uns die Situation noch mal genauer an.

Anna tut die Zahnpasta weh, weil sie ihr zu scharf ist. Die Mutter negiert die Wahrnehmung des Kindes und klärt sie auf, dass es nicht wehtun kann, weil sie ja ganz vorsichtig ist.

Für Anna ist Mama die Person, die weiß, wie es läuft. Die alles weiß. Und wenn Mama sagt: „Das tut nicht weh“, wird das wohl stimmen. Und dann kann Annas Gefühl nicht richtig sein. Schauen wir weiter:

Anna empfindet ihre Strumpfhosen als unangenehm. Ihre Mutter erklärt ihr, dass sie doch ganz bequem sind. Wieder wird die Wahrnehmung der Tochter ohne böse Absicht infrage gestellt. Anna schmeckt das Brot nicht und wieder wird sie belehrt, dass sie sich irrt.

Warum sich Hochsensible oft falsch fühlen

Anna kann nicht mehr, ihre Füße tun ihr weh. Sie bleibt stehen, damit es nicht so schmerzt. Neben der Negierung von Annas Empfinden kommt hier noch ein weiterer Aspekt dazu: die Ablehnung der Mutter. Anna lernt, wenn sie nach ihren Bedürfnissen handelt, wendet sich die Mama ab und beschimpft sie. Sie bekommt das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben.

Empathisch, wie hochsensible Kinder nun mal sind, spürt sie, dass ihre Mutter wütend auf sie ist. Diese verneint ihre Wut aber, weil sie eigentlich gar nicht wütend sein möchte und dem Kind auf diesem Wege zeigen will, dass es okay ist. Und auch hier lernt Anna, dass ihre Wahrnehmung falsch ist.

So lernt Anna systematisch, der Wahrnehmung der anderen eher als ihrer eigenen zu trauen. Natürlich gibt es in der Erziehung immer mal solche Situationen. Ein Kind, das generell in seiner Wahrnehmung gesehen und bestätigt wird, kann da auch einiges wegstecken, ohne Schaden zu nehmen. Kommt das aber zu häufig vor, kann es verheerende Auswirkungen auf die Psyche des Kindes haben. Im schlimmsten Fall kann sich daraus ein Entwicklungstrauma entwickeln.

Je öfter es uns gelingt, unser hochsensibles Kind wirklich wahrzunehmen, desto glücklicher wird es.

Hochsensible Kinder als Erwachsene: die Folgen solcher Erfahrungen

Welche Folgen haben solche Erfahrungen konkret? Anna lernt, dass ihr Gefühl nicht richtig ist. Sie beginnt, ihren eigenen Gefühlen zu misstrauen und sie zu übergehen. In manchen Fällen lernt sie vielleicht sogar, gar nichts mehr zu fühlen, weil die innere Diskrepanz für sie sonst nicht aushaltbar ist.

Anna lernt, andere besser zu fühlen als sich selbst

Als hochsensible Empathin kann Anna im späteren Leben wunderbar spüren, wie es anderen geht und was diese brauchen. Bei ihren eigenen Gefühlen fällt ihr das dann allerdings sehr schwer. Wenn man sie fragt, wie es ihr geht, startet automatisch die Gedankenschleife: „Wie sollte es mir denn gehen?“ Ein typischer Spruch ist dann: „Dir geht es gut, und wie geht es mir?“

Anna wird es schwerfallen, Grenzen zu setzen

Dadurch, dass Annas Grenzen nicht gesehen und geachtet wurden, wird es ihr im späteren Leben sehr schwerfallen, Grenzen zu ziehen. Eine Instanz in ihr erachtet die Grenzen anderer immer als wichtiger.

Rolf Sellin benennt in seinem großartigen Buch „Bis hierher und nicht weiter“ dieses Phänomen als das „entgrenzte Ich“. Wer Schwierigkeiten hat, eigene Grenzen wahrzunehmen und zu setzen, findet in diesem Buch viele Informationen und Handlungstipps.

Anna verliert den Zugang zu ihren eigenen Bedürfnissen

Nehmen wir unsere Grenzen nicht wahr, hat das noch weitreichendere Folgen. Es fällt uns schwer, Bedürfnisse zu benennen, da wir den Zugang zu unserer eigenen Wahrnehmung verloren haben. Wir neigen dann dazu, uns anzupassen, da uns das ein Gefühl von Sicherheit gibt. Leider bedeutet das meistens auch, dass wir Dinge tun, die wir eigentlich gar nicht wollen und die nicht zu unserer Natur gehören. Und das kann sämtliche Lebensbereiche durchziehen. Wir essen Dinge, die wir nicht mögen, oder beginnen ein Studium, obwohl wir eigentlich etwas ganz anderes möchten. Wir haben dann kein Gefühl dafür, was für uns gut ist, weil wir immer denken, was denn die anderen erwarten würden. Darum passen wir uns an und übergehen dabei eigene Bedürfnisse oder merken zum Teil gar nicht, dass wir gegen uns handeln. Die Bedürfnisse anderer werden immer wichtiger genommen.

In ausgeprägten Fällen erlebe ich in meiner Arbeit, dass diese Anpassung so stark wird, dass Menschen kaum noch eine Entscheidung ohne die Zustimmung anderer treffen können.

Wird unser Verhalten abgewertet, lernen wir Schuld und Scham

Häufig kommen dann auch noch Schuld und Scham mit ins Spiel. Wenn unsere Wahrnehmung immer abgewertet wurde und uns häufig genug suggeriert wurde, dass wir doch anders sein sollten, kann in uns die Überzeugung wachsen, falsch zu sein. Wir schämen uns dann für unser Verhalten und letztendlich für uns. Wenn jemand aus dieser Grundhaltung anderen erzählt, hochsensibel zu sein, dann meistens in Form einer Entschuldigungserklärung. Mit dieser Prägung kämpfen wir permanent gegen uns selbst, und diesen Kampf können wir nicht gewinnen.

Nachdenklicher kleiner Junge in dunklem Pullover lehnt am Fenster und schaut hinaus

Resignieren, rebellieren oder kontrollieren

Erfahrungen, so wie Anna sie gemacht hat, können zur Folge haben, dass wir:

  • resignieren: Wir fühlen uns unfähig und trauen uns nichts zu. Wir fangen Dinge gar nicht erst an oder brechen sie ab, weil wir innerlich davon ausgehen, dass wir es sowieso nicht schaffen. Wir sehen nur die geschlossenen Türen und rennen an den offenen vorbei. Und das ist eine große Tragödie, weil wir uns dadurch immer wieder selbst bestätigen, dass wir etwas nicht können.
  • rebellieren (bei Hochsensiblen eher selten): Wenn ich es keinem recht machen kann, mache ich halt, was ich will, ohne Rücksicht auf Verluste, oder bin erst mal prinzipiell dagegen, wogegen auch immer. Häufig ist das verbunden mit einem Gefühl der Überlegenheit. Ich bin der Wissende und die anderen haben keine Ahnung. Teilen sie meine Meinung, sind sie wenigstens nicht ganz verloren. Die Sympathie kann sich aber schnell abschwächen, sollte der andere denn auch mal eine andere Meinung haben. Wenn dann noch ein überlastetes Nervensystem dazukommt, das permanent nach Gefahren scannt und misstrauisch alles beäugt, kann das den Boden für starres Schwarz-Weiß-Denken oder ein Feindbild bereiten, mit dem wir unterdrückte Minderwertigkeitsgefühle ausgleichen.
  • kontrollieren: Wir versuchen, uns selbst so im Griff zu haben, dass wir unantastbar sind. Alles muss perfekt sein. Der Garten, die Wohnung, das Aussehen, die Aktivitäten.

Wir sind wahnsinnig hart mit uns selbst und haben null Fehlertoleranz. Alles, um möglichst unangreifbar zu sein, oder aus dem extremen Wunsch, alles richtig zu machen. Ein wahnsinnig anstrengendes Vorgehen, weil wir so nie zur Ruhe kommen. Es ist nicht möglich, es jedem recht zu machen. Wenn es uns dann nicht gelingt, perfekt zu sein, fühlen wir uns schuldig, bekommen ein schlechtes Gewissen und machen uns Vorwürfe.

Dieses Kontrollbedürfnis wird dann auch zum Teil auf andere übertragen, was ein noch unmöglicheres Unterfangen ist. Und wenn diese Überkontrolle Kinder trifft, setzt sich ein tragischer Kreislauf in Gang, da auch diese Kinder es ihrer Bezugsperson nie recht machen können. Wenn wir dieses Programm in unserer Grundstruktur haben, kann es im schlimmsten Fall auch zu Zwangsstörungen kommen. Wie sich Kontrollbedürfnis und Zwänge schon bei Kindern zeigen können, beschreibe ich weiter unten.

Solche Erfahrungen prägen spätere Beziehungen

Solche Erfahrungen haben auch Einfluss auf unsere späteren Beziehungen. In meiner Arbeit erlebe ich zum Beispiel, dass Hochsensible mit einem „entgrenzten Ich“ häufiger an Partner geraten, die ihre Grenzen übergehen. Das tut ihnen nicht gut, passt aber mit ihrer Persönlichkeitsstruktur leider genau zusammen. Was eine gute Beziehung für Hochsensible ausmacht, liest du im Beitrag Hochsensibilität in der Partnerschaft.

Entscheidungen fallen schwer

Außerdem fällt es ihnen häufig schwer, Entscheidungen zu treffen. Da sie ihre Körperresonanzen nicht wahrnehmen oder ernst nehmen, kommt es zu keiner abschließenden Beurteilung. Kopf und Bauch arbeiten nicht zusammen. Und auch das kann sich durch alle Lebensbereiche ziehen. Von der Entscheidung, welche Marmelade ich kaufen möchte, bis dahin, ob ich heiraten will.

Es fällt schwer, Ziele zu entwickeln

Auch Ziele können nicht entwickelt werden, zum einen, weil vielleicht eine (meist unbewusste) Instanz davon ausgeht, dass ich grundsätzlich nicht in der Lage bin, etwas zu schaffen. Zum anderen, weil ich kein Ziel benennen kann, wenn ich nicht weiß, was ich will. Stellen wir uns vor, wir steigen in ein Taxi und bitten den Fahrer, uns nach Hause zu bringen, ohne dass wir ihm sagen, wo wir wohnen. Der Fahrer hat gar keine Chance, uns an den richtigen Ort zu bringen.

Wir nehmen Warnsignale unseres Körpers nicht mehr wahr

Eine weitere tragische Auswirkung, die ich in meiner Arbeit immer wieder erlebe, ist, dass wir mit einer solchen Prägung Warnzeichen unseres Körpers ignorieren. Und da wird es besonders für hochsensible Menschen mit ihrem Hang zum Perfektionismus gefährlich. Wenn wir unsere Bedürfnisse nicht wahrnehmen, können wir kaum fühlen, wenn uns etwas zu viel wird oder uns anderweitig nicht guttut.

Wir sind stark Burn-out-gefährdet

Wir neigen dann dazu, uns permanent zu überfordern. Gerade bei Hochsensiblen, für die es besonders wichtig ist, die Akkus rechtzeitig aufzuladen, ist diese Fähigkeit besonders entscheidend, um nicht in Dauerstress zu gelangen. Wenn wir dann auch noch ein Programm haben, es allen recht machen zu wollen, keine Fehler machen zu dürfen oder den Anspruch haben, wir müssten Dinge genauso können wie durchschnittlich Sensible, ist das Burn-out früher oder später vorprogrammiert. Wir überfordern unser Körper-Geist-Seele-System so lange, bis unser Organismus kapituliert und nichts mehr geht. Entweder durch Krankheit oder ein Burn-out.

Burn-out als Chance

Für viele Hochsensible ist das aber auch der Zeitpunkt, ein paar Gänge zurückzuschalten, mit alten Mustern aufzuräumen, sich neu zu sortieren und zu orientieren.

Hochsensible Kinder und Zwänge: Ritual, Kontrolle oder Zwangsstörung?

Viele Eltern hochsensibler Kinder beobachten Verhaltensweisen, die an Zwänge erinnern: Die Socken müssen genau so sitzen, die Kuscheltiere in einer bestimmten Reihenfolge liegen, das Abendritual darf sich nicht ändern, die Hände werden immer wieder gewaschen. Das macht Sorgen. Hinter solchen Verhaltensweisen können sehr unterschiedliche Dinge stecken.

Rituale sind in der Kindheit normal

Rituale gehören zur normalen Entwicklung. Die Psychologen David Evans und Kollegen haben gezeigt, dass Kleinkinder, vor allem zwischen zwei und vier Jahren, häufig auf festen Abläufen, einer bestimmten Reihenfolge und „genau so und nicht anders“ bestehen (Evans und andere 1997). Das gibt ihnen Orientierung in einer Welt, die sie noch nicht überblicken. Solche Entwicklungsphasen gehen vorbei. Mit dem Schulalter lässt das bei den meisten Kindern von allein nach.

Warum hochsensible Kinder Rituale und Kontrolle brauchen

Für hochsensible Kinder, manche sprechen auch von hochsensitiven Kindern, sind feste Abläufe oft noch wichtiger. Die Psychologin Elaine Aron beschreibt Hochsensibilität als genetische Veranlagung: Das Nervensystem nimmt mehr Reize auf und verarbeitet sie gründlicher. Was vorhersehbar ist, kostet weniger Kraft. Eine feste Routine ist deshalb häufig ein Versuch, sich selbst zu regulieren und in einer reizvollen Umgebung ein Gefühl der Sicherheit herzustellen. Die Socke, die „richtig“ sitzt, ist für ein hochsensibles Kind oft schlicht die Socke, deren Naht nicht mehr drückt, denn taktile Reize nimmt es besonders deutlich wahr.

Schwierig wird es, wenn das Kind seiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen darf. Ein Kind wie Anna, dem seine Bezugspersonen immer wieder sagen, dass es sich irrt, sucht Sicherheit im Außen. Es versucht, seine Umgebung zu kontrollieren, um sich sicher zu fühlen, wenn es sich auf sein Inneres nicht verlassen kann. Kommen Leistungsdruck oder traumatische Erlebnisse dazu, wird das Kind oft perfektionistisch und hart mit sich selbst. Aus Ritualen, die helfen, können dann Rituale werden, die festhalten, und aus Unsicherheit können Sorgen und Ängste werden.

Zwangsgedanken und Zwangshandlungen: So zeigt sich eine Zwangsstörung

Eine Zwangsstörung, im Englischen obsessive-compulsive disorder (OCD), gehört zu den psychischen Erkrankungen und ist etwas anderes als Hochsensibilität. Ob hochsensible Kinder häufiger eine Zwangsstörung entwickeln als andere Kinder, ist wissenschaftlich nicht geklärt.

Bei einer Zwangsstörung kommen Zwangsgedanken und Zwangshandlungen zusammen. Zwangsgedanken sind aufdringliche, unwillkürliche Gedanken, zum Beispiel die Angst, dass etwas Schlimmes passiert, wenn das Kind etwas nicht tut. Um diese Angst zu neutralisieren, fühlt sich das Kind gedrängt, bestimmte Handlungen auszuführen, oft wiederholt und nach festen Regeln. Typisch sind Waschzwänge und Reinigungszwänge mit häufigem Händewaschen, Kontrollzwänge, Zählzwänge oder der Drang, Dinge immer wieder zu ordnen. Die einzelne Zwangshandlung beruhigt nur kurz. Gedanken und Handlungen kosten viel Zeit, sind für das Kind sehr anstrengend und führen zu Einschränkungen im Alltag. Aufmerksam solltest du werden, wenn:

  • die Handlungen oder Gedanken viel Zeit kosten und den Alltag bestimmen,
  • dein Kind große Angst oder Wut bekommt, wenn ein Ritual unterbrochen wird,
  • dein Kind einen hohen Leidensdruck hat und die Handlungen trotzdem nicht lassen kann,
  • immer neue Rituale dazukommen oder bestehende immer länger werden.

Zwang, Tics oder Autismus?

Nicht alles, was sich wiederholend zeigt, ist ein Zwang. Tics sind plötzliche, unwillkürliche Bewegungen oder Laute, etwa Blinzeln oder Räuspern, ohne einen Gedanken dahinter. Auch bei Autismus spielen feste Abläufe eine große Rolle. Welches Symptom wozu gehört, können nur Fachleute sicher einschätzen, die dein Kind untersuchen. Die Abklärung gehört in ärztliche oder psychotherapeutische Hände.

Behandlung von Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen

Der erste Weg ist der zum Kinderarzt. Er kann einschätzen, ob eine Abklärung bei einem Kinder- und Jugendpsychiater oder in einer psychotherapeutischen Praxis für Kinder und Jugendliche sinnvoll ist. Zwangsstörungen lassen sich gut behandeln. Die Leitlinien empfehlen als erste Wahl eine kognitive Verhaltenstherapie mit Übungen, in denen das Kind lernt, die Angst auszuhalten, ohne die Zwangshandlung auszuführen. Sie findet meist ambulant statt, nur selten stationär. In schweren Fällen kann eine medikamentöse Behandlung dazukommen, meist mit einem SSRI. Je früher eine Zwangsstörung erkannt wird, desto besser.

MerkmalHilfreiches RitualHinweis auf einen Zwang
WirkungBeruhigt und gibt SicherheitBeruhigt nur kurz, die Angst kommt wieder
ZeitaufwandKurz, passt in den TagesablaufKostet viel Zeit, verdrängt Spiel und Schlaf
UnterbrechungEnttäuschung, aber aushaltbarPanik, Wut, alles muss von vorn beginnen
Erleben des KindesDas Kind mag sein RitualDas Kind leidet und kann nicht aufhören
EntwicklungBleibt gleich oder wird wenigerWird mehr und länger

Was hochsensible Kinder mit Ängsten und Zwängen brauchen

Das Wichtigste ist, die Wahrnehmung deines Kindes ernst zu nehmen. „Die Zahnpasta ist dir zu scharf? Dann probieren wir eine milde.“ Ein Kind, das erlebt, dass seine Empfindungen stimmen dürfen, braucht weniger Kontrolle im Außen. Hilfreich sind außerdem verlässliche Abläufe, Vorwarnung bei Veränderungen und Pausen nach reizreichen Tagen. Hilfreiche Rituale darfst du lassen, ohne sie immer weiter auszubauen. Kämpfe nicht gegen sie an, solange sie deinem Kind guttun. Welche Bedürfnisse hochsensible Kinder im Alltag haben, beschreibe ich im Beitrag Bedürfnisse hochsensibler Kinder.

Kommen wir noch mal zurück zu Anna

Ist das das Erziehungsziel, das Annas Mutter erreichen wollte? Wohl kaum!

Diese Zusammenhänge sind uns in der Regel nicht bewusst. Und selbst wenn sie uns bewusst sind, heißt es noch lange nicht, dass wir von nun an nie mehr so handeln werden. Die Art, wie wir erziehen, ist tief verwurzelt mit den Erfahrungen, wie wir selbst erzogen wurden. Das gilt auch für unsere Eltern, deren Eltern und so weiter.

Auch Eltern sind nur Menschen

Ich bin Erzieherin, Sozialpädagogin, habe viele Zusatzausbildungen, räume schon seit vielen Jahren mit meiner Geschichte auf und liebe meine Tochter aus tiefstem Herzen. Trotzdem vermassle ich manche Situationen total. Manchmal sogar mit offenen Augen, weil ich zu überreizt bin und in dem Moment nicht anders handeln kann. Und das ist menschlich.

Keiner ist perfekt, jeder hat seine Geschichte, die ihn prägt. Wenn wir den Anspruch haben, in der Erziehung alles richtig zu machen, setzt uns das so unter Druck, dass wir nur versagen können. Weil Versagen einfach ein Teil des Menschseins ist. Aber aus Fehlern kann man lernen. Es geht nicht darum, ein perfekter Elternteil zu sein, es ist ausreichend, genügend gut zu sein.

Sammle Pluspunkte für ein glückliches Leben deines Kindes

Jedes Mal, wenn es uns gelingt, unser Kind in seiner Wahrnehmung wahr- und ernst zu nehmen, ist das ein Pluspunkt für sein Selbst und sein späteres, glückliches Erwachsenenleben.

Ich lade dich ein, in den Momenten, in denen es dir nicht gelingt, eine Ehrenrunde zu drehen und liebevoll mit dir zu sein. Genauso wie dein Kind es gerade braucht. Dieses Mal hat es nicht geklappt. Begib dich auf den Weg des Lernenden. Aus Fehlern wird man klug, darum ist einer nicht genug. Es ist schon ein großer Schritt, dass dir aufgefallen ist, dass etwas schiefläuft. Das bringt viel Ruhe in die Situation und steigert die Chance, dass es beim nächsten Mal klappt. 

Wenn du dich so sehr in deinen Strukturen verhedderst, dass du nicht rauskommst, hole dir professionelle Hilfe, zum Beispiel bei einer Marte-Meo-Fachkraft. Wenn du das Thema gründlich verstehen willst, begleitet dich mein Onlinekurs Das hochsensible Kind verstehen.

Wenn deine eigenen Erfahrungen stärker sind

Wenn du dich selbst in den beschriebenen Mustern wiederfindest, kann die Intensität der Auswirkungen sehr unterschiedlich sein, abhängig davon, wie intensiv oder auch häufig die Situationen waren und was du an positiven Prägungen als Ausgleich mitbekommen hast. Wie Hochsensibilität und Trauma zusammenhängen, beschreibe ich im Beitrag Hochsensibilität und Trauma.

Was du tun kannst, wenn du selbst betroffen bist, oder wie du dein hochsensibles Kind anders hilfreich unterstützen kannst, erfährst du in meinen Seminaren und Ausbildungen. Wenn du dir für eure Situation persönliche Unterstützung wünschst, findest du hier mein Coaching und meine Beratung für Eltern hochsensibler Kinder. Für dich selbst gibt es das Coaching für Hochsensible.

Häufige Fragen: hochsensible Kinder, Zwänge und Ängste

Macht Hochsensibilität psychisch krank?

Nein. Hochsensibilität ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal und keine Krankheit. Psychische Probleme wie Ängste, Depressionen oder Zwänge entstehen vor allem durch belastende Erfahrungen. Hochsensible Kinder reagieren auf solche Erfahrungen allerdings stärker, genauso wie sie von einer guten Umgebung stärker profitieren.

Warum entwickeln hochsensible Kinder Zwänge?

Viele hochsensible Kinder brauchen feste Abläufe, weil Vorhersehbarkeit ihr reizoffenes Nervensystem entlastet. Solche Rituale sind meist hilfreich. Wird die Wahrnehmung eines Kindes immer wieder abgewertet, sucht es Sicherheit in der Kontrolle über sein Umfeld. Dann können Rituale starrer werden. Eine echte Zwangsstörung ist eine Erkrankung und gehört in ärztliche Hände.

Sind Rituale bei hochsensiblen Kindern normal?

Ja. Rituale sind bei Kleinkindern, vor allem zwischen zwei und vier Jahren, ein normaler Teil der Entwicklung. Hochsensible Kinder halten oft länger oder stärker an ihnen fest, weil sie ihnen Sicherheit geben. Solange das Ritual dein Kind beruhigt und den Alltag nicht bestimmt, ist das kein Grund zur Sorge.

Wann sollte ich mit meinem Kind zum Arzt?

Wenn Rituale oder Gedanken viel Zeit kosten, dein Kind bei einer Unterbrechung in Panik gerät, selbst unter den Handlungen leidet oder immer neue dazukommen. Auch starke Ängste, anhaltender Rückzug oder körperliche Beschwerden ohne Befund sind ein Grund, mit dem Kinderarzt zu sprechen.

Was ist ein Entwicklungstrauma?

Ein Entwicklungstrauma entsteht durch wiederholte belastende Erfahrungen in der Kindheit, zum Beispiel wenn die Gefühle und die Wahrnehmung eines Kindes über lange Zeit nicht gesehen, abgewertet oder bestraft werden. Es ist kein einzelnes Ereignis. Die Folgen zeigen sich oft erst im Erwachsenenalter. Mehr dazu liest du im Beitrag Schocktrauma und Entwicklungstrauma.

Wie wirkt sich die Kindheit auf hochsensible Erwachsene aus?

Hochsensible Erwachsene, die als Kinder mit ihrer Sensibilität angenommen wurden, erleben ihre Hochsensibilität oft als Stärke. Wer dagegen immer wieder hören musste, er sei zu empfindlich, zweifelt häufiger an sich, hat Mühe, Grenzen zu setzen und eigene Bedürfnisse zu spüren, und neigt zu Perfektionismus und Überforderung.

Was hilft hochsensiblen Kindern mit Ängsten?

Eltern, die die Angst ernst nehmen, statt sie auszureden, verlässliche Abläufe, Vorwarnung bei Veränderungen und kleine Schritte in schwierigen Situationen. Hilfreich ist, die Wahrnehmung des Kindes zu bestätigen: „Du merkst, dass es hier sehr laut ist.“ Halten Ängste lange an oder schränken sie das Kind stark ein, ist der Kinderarzt der richtige Ansprechpartner.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Aron, E. N. (2002): The Highly Sensitive Child. Broadway Books, New York. Deutsch: Das hochsensible Kind.
  • Belsky, J. und Pluess, M. (2009): Beyond diathesis stress: Differential susceptibility to environmental influences. Psychological Bulletin, 135, 885 bis 908.
  • Evans, D. W. und andere (1997): Ritual, habit, and perfectionism: The prevalence and development of compulsive-like behavior in normal young children. Child Development, 68, 58 bis 68.
  • Sellin, R. (2014): Bis hierher und nicht weiter. Kösel, München.
  • Slagt, M. und andere (2018): Sensory processing sensitivity as a marker of differential susceptibility to parenting. Developmental Psychology, 54, 543 bis 558.

Über die Autorin

Sandra Quedenbaum, Coach für Hochsensible

Sandra Quedenbaum arbeitet seit über zwanzig Jahren mit hochsensiblen Menschen und bildet seit fast 20 Jahren Coaches aus. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, ausgebildete Lehrtrainerin, selbst hochsensibel und begleitet ihre Kunden im Einzelcoaching, in Online-Kursen und in der Ausbildung zum HSP-Coach. Ihr Ansatz ist körperorientiert und traumasensibel.

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