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Auf dem Spielplatz klettert ein Junge wie selbstverständlich das große Klettergerüst hinauf. Dein Kind steht unten, schaut lange zu und hält deine Hand fest. Eine andere Mutter sagt freundlich: „Na, traust du dich nicht? Der Paul ist doch auch schon oben.“ Dein Kind senkt den Blick und will nach Hause.
In diesem Beitrag erfährst du, warum Vergleiche deinem hochsensiblen Kind schaden, weshalb hochsensible Kinder öfter verglichen werden als durchschnittlich sensible Kinder und wie du dein hochsensibles Kind stattdessen hilfreicher unterstützen kannst.
Gerade bei Kindern können Vergleiche einen prägenden negativen Grundstein für ihr Selbstbild legen, das sie ihr ganzes Leben begleitet. Genauso machen wir Großen uns das Leben schwer, wenn wir uns vergleichen. Auch wenn der Beitrag vom Umgang mit hochsensiblen Kindern handelt, bekommst du viele Impulse für dich. Denn dieses Thema ist letztendlich keine Frage des Alters.
Ich lade dich ein, dir anzuschauen, was Vergleiche in deinem Kind auslösen und wie du es in seinem eigenen Tempo stärken kannst. Schauen wir uns das der Reihe nach an.
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Kurz gesagt: hochsensible Kinder unterstützen
Hochsensible Kinder beobachten erst, bevor sie handeln, sind in neuen Situationen zurückhaltender und brauchen länger die Rückversicherung ihrer Bezugspersonen. Deshalb werden sie häufiger mit anderen Kindern verglichen. Vergleiche erzeugen bei ihnen schnell Scham und Druck und schwächen das Selbstbild. Nach der Forschung zur differenziellen Empfänglichkeit reagieren sensible Kinder besonders stark auf ihre Umgebung: Unter ungünstigen Bedingungen leiden sie mehr, von liebevoller Unterstützung profitieren sie aber auch besonders. Was hilft: kleine Erfolge feiern, das Kind in seinem eigenen Tempo begleiten statt drängen (begleiten, nicht fighten), Ängste ernst nehmen, sich gegenüber Vergleichen von außen abgrenzen und mit sich selbst als Mutter oder Vater nachsichtig sein.
„Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“
Dieser Satz wird dem dänischen Philosophen Søren Kierkegaard zugeschrieben.
Was bedeutet Hochsensibilität bei Kindern?
Den Begriff der Hochsensibilität prägte die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron. Etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen sind hochsensibel, Kinder genauso wie Erwachsene. Hochsensibilität ist keine Krankheit. Sie ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal.
Hochsensible Kinder nehmen ihre Umwelt intensiver wahr und brauchen länger, um Reize und Informationen zu verarbeiten. Sie reagieren empfindlicher auf Reize wie laute Geräusche, einen starken Geruch oder kratzige Kleidung und sind in Kita oder Schule schneller überreizt. Hochsensible Kinder reagieren stark auf Stimmungen in ihrer Umgebung, und viele haben ein großes Einfühlungsvermögen und eine mitfühlende Art. Oft werden sie als zart besaitet beschrieben, manche sprechen auch von hypersensiblen Kindern. Woran du Hochsensibilität erkennen kannst, zeigt dir mein Test für hochsensible Kinder, den ich weiter unten verlinke.
Der Vergleich wird oft schon in die Wiege gelegt
Gerade im Baby- und Kleinkindalter neigen wir dazu, unsere Kinder mit anderen zu vergleichen. Viele tun das aus der Sorge heraus, dass ihr Kind sich nicht altersgerecht entwickelt. Ein anderes Kind aus der Krabbelgruppe sitzt schon seit zwei Monaten, das eigene Kind macht noch gar keine Anstalten. Das kann schon dazu verleiten, das eigene Kind öfter hinzusetzen, um das Sitzen zu üben.
Babys setzen sich von sich aus hin, wenn ihr Skelett und die Muskulatur weit genug entwickelt sind. Vorher zu sitzen, ist eine Überforderung. Viele Kinderärzte und Physiotherapeuten raten deshalb davon ab, Babys zu früh hinzusetzen. Aus diesem Grund ist auch allzu langes Liegen in einer Babywippe, einem Babyhopser oder das zu frühe Sitzen im Hochstuhl (auch wenn das Kind mit Kissen abgestützt wird) nicht empfehlenswert.
Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht
Dies ist ein körperliches Beispiel, es lässt sich aber genauso auf die psychische Entwicklung des Kindes übertragen.
Wie kann ich ein hochsensibles Kind hilfreich unterstützen?
Bevor ein Baby sitzen kann, muss es den Kopf sicher halten und sich rollen können. Außerdem muss es auch noch das Wippen beherrschen. Hierfür braucht das Baby Freiraum, die Möglichkeit, sich ungehindert bewegen zu können.
Das Baby wird motiviert, wenn auch kleine Erfolge gefeiert werden, wenn wir uns sichtbar freuen über die vielen Versuche. Auch oder vielleicht gerade, wenn sie nicht gelingen. Der Weg ist das Ziel. Das Baby lernt so: Hey, es ist okay zu versuchen, und wenn es nicht klappt, ist es auch okay. Es lernt in seinem Tempo, ohne den Druck, den Ansprüchen anderer genügen zu müssen. So bekommt es ein gutes Gespür dafür, wie es seine Kräfte angemessen einsetzt.
Unser Selbstbild prägt unser Leben
Schon in diesem frühen Alter beginnt das Kind, sein Selbstbild zu entwickeln. Es spürt, was in seiner Welt erwünscht ist und was nicht. Es lernt Selbstwirksamkeit und dass es viele Versuche braucht, um etwas zu schaffen. Jedes Mal, wenn wir unser Kind aufsetzen, um ihm zu „helfen“, ist die Chance auf die Lernerfahrung vertan, es selbst geschafft zu haben. Wenn das häufig genug passiert, bekommt das Kind ein Selbstbild mit der Überzeugung: „Ich bin nicht in der Lage, es selbst zu schaffen!“
Der direkte verbale Vergleich prägt sich tief ein
Gerade im Babyalter gibt es da viele Vergleichsmöglichkeiten: der erste Schritt, das Sprechen, die ersten Zähnchen. Manche Babys werden ständig verglichen. Manchmal sogar in direkter Ansprache.
Macht das Vergleichen wirklich Sinn?
Stell dir einmal zehn beliebige Freunde, Bekannte oder Arbeitskollegen vor. Wann konnten sie sitzen? Mit welchem Alter liefen sie ihre ersten Schritte? Wer von ihnen hat als Erstes durchgeschlafen und wer war als Erstes trocken? Weißt du nicht? Könnte es sein, dass es letztendlich gar nicht so wichtig ist, wer was wann konnte? Letztendlich hat sich jeder im eigenen Tempo entwickelt und ist groß geworden. Nach den alten Vergleichen kräht heute kein Hahn mehr.
Jedes hochsensible Kind ist anders und hat eigene Stärken
Und bitte verstehe mich richtig. Natürlich ist es wichtig, die Entwicklung eines Kindes im Auge zu behalten. Hierfür gibt es Tabellen zur Orientierung und viele Fachleute, wie Ärzte in Vorsorgeuntersuchungen oder geschulte Erzieher, die ein Auge auf dein Kind haben, wenn es wirklich in einem Bereich Unterstützung braucht. Der Vergleich mit anderen Kindern ist hierfür aber nicht hilfreich. Kinder sind so verschieden.
Meine Tochter war noch keine zwei und hat sich in umfangreichen Schachtelsätzen ausgedrückt, dafür fing sie erst mit einem Jahr und acht Monaten an zu laufen. Jedes Kind hat seine eigenen Stärken. Ich erlebe es in meiner Arbeit, dass der Vergleich mit anderen viele Eltern extrem unter Druck setzt. Und dieser kommt auch in unterschiedlichster Weise bei den Kindern an. Ob dein Kind hochsensibel ist, kannst du mit meinem Test für hochsensible Kinder einschätzen.
Direkte Vergleiche erzeugen Scham und Schuld
Ich war mit meiner zweijährigen Tochter beim Kinderturnen. Wie die meisten hochsensiblen Kinder konnte sie sich schon sehr früh äußerst differenziert ausdrücken.
Eine andere Mutter sagte zu ihrem gleichaltrigen Kind: „Die kann schon so gut sprechen, und warum sagst du nichts?“ Das Kind schaute beschämt zu Boden. Es tat mir im Herzen leid, und ich stammelte nur: „Na, dann kann es dafür andere Sachen ganz toll.“
Vergleichen als Kreislauf über Generationen
Einige Zeit später besuchten wir diese Familie, weil unsere Kinder spielen wollten. Die Mutter erzählte mir, dass sie selbst gerade erst ein Burn-out hinter sich hatte. Sie konnte ihren eigenen, für mein Empfinden sehr hohen Ansprüchen nicht genügen. Dabei ging sie extrem hart mit sich ins Gericht. Sie schilderte, dass sie es ihren Eltern nie recht machen konnte und bis heute noch massiv darunter leide, weil sie das Gefühl habe, nie genügen zu können.
Während sie das alles erzählte, gab es drei Situationen, in denen sie ihr Kind grob abwertend beurteilte. Zweimal direkt und einmal im Gespräch, das ihr Kind mithörte. Für mich zeigt sich hier ein tragischer Kreislauf. Dieser wird sich ohne Hilfe von außen kaum auflösen.
Was kann dir aus dem eigenen Kreislauf helfen?
Wenn du dich in dieser Schilderung wiederfindest, vergleichst du dich vielleicht gerade wieder mit anderen Eltern, begleitet von einem Gefühl von Scham und Schuld. Das ist sehr nachvollziehbar aus deiner Geschichte heraus, nutzt aber niemandem. Weder deinem Kind noch dir. Ihr beide braucht jemanden, der euch liebevoll unterstützt, wohlwollend, gerade wenn es noch nicht so klappt.
Eine Marte-Meo-Fachkraft (Marte Meo bedeutet „aus eigener Kraft“) könnte euch zum Beispiel unterstützen, den Blick auf eure Stärken zu lenken, ein positives Selbstbild zu festigen und euch liebevoll im Veränderungsprozess zu begleiten. Auch in meinem Coaching für Eltern schauen wir auf solche Muster.
Hochsensible Kinder verstehen: Warum sie öfter verglichen werden
Nach meiner Beobachtung werden die Vergleiche im Grundschulalter weniger, weil in dieser Zeit die Geschwindigkeit der offensichtlichen Entwicklung nachlässt und die Kinder ihre Fähigkeiten mehr angeglichen haben.
Für hochsensible Kinder dauert diese Phase allerdings häufig länger. Weil sie durch ihr Bedürfnis zu beobachten in neuen Situationen zurückhaltender sind und mehr Rückversicherung durch ihre Bezugspersonen brauchen.
Die Psychologin Elaine Aron beschreibt dieses Verhalten als Teil der Hochsensibilität: Hochsensible Kinder verarbeiten Eindrücke tiefer, halten erst inne und prüfen eine Situation, bevor sie handeln. Das ist eine Stärke, sie wird von außen aber oft als Schüchternheit oder Ängstlichkeit gedeutet.
Warum Vergleiche hochsensible Kinder besonders treffen
Studien von Michael Pluess und Jay Belsky zur sogenannten differenziellen Empfänglichkeit zeigen: Kinder mit einem empfindsamen Temperament reagieren stärker auf das, was sie in ihrer Umgebung erleben. Kritik, Druck und Beschämung hinterlassen bei ihnen tiefere Spuren. Umgekehrt profitieren sie besonders von einfühlsamer, unterstützender Begleitung. Eine Studie von Meike Slagt und Kollegen aus dem Jahr 2018 fand bei Kindern mit hoher Verarbeitungssensibilität ebenfalls eine besonders starke Reaktion auf positives und negatives Erziehungsverhalten.
Für dich heißt das, dass hochsensible Kinder von jeder ermutigenden Erfahrung besonders profitieren. Wie du hochsensible Kinder in ihrem Selbstbewusstsein fördern kannst, beschreibe ich ausführlich im Beitrag Hochsensible Kinder stärken.
Hochsensible Kinder fördern: Was ein hochsensibles Kind braucht
Hochsensible Kinder profitieren von einem Umfeld, das ihr Tempo achtet. Was dein Kind braucht, ist oft gar nicht viel:
- genug Zeit und Raum, um neue Situationen erst zu beobachten
- feste Rituale, die Sicherheit geben, zum Beispiel beim Abschied in der Kita
- die Möglichkeit, sich nach Kita oder Schule zurückzuziehen, wenn viele Reize auf es eingeströmt sind
- Anerkennung für kleine Schritte, unabhängig davon, was andere Kinder schon können
- Worte für seine Gefühle und die Erfahrung, dass diese Gefühle willkommen sind
- eine Bezugsperson, die begleitet, statt zu drängen
Begleiten, nicht fighten
Ein großer Sorgenpunkt der Eltern ist zum Beispiel, dass ihre Kinder an der Kasse nicht bezahlen mögen. Hier hilft das Motto: begleiten, nicht fighten. Sobald du mit deinem Kind in den Kampf gegen seine Ängste gehst, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Angst noch wächst, viel größer. Das ist bei uns Erwachsenen ja auch nicht anders.
Hochsensible Kinder brauchen mehr Hinwendung
Ich habe meine Tochter noch zum Kinderturnen begleitet, als alle anderen Kinder ihres Alters schon alleine da waren. Auf Geburtstagen war ich die einzige Mutter, die noch einige Zeit länger anwesend war. Mir war es wichtig, meine Tochter in Situationen zu unterstützen, die sie überforderten, und ihr die Erfahrung zu ermöglichen, dass sie die fremde Situation sicher meistern kann.
Meine Devise war dabei, greifbar zu sein, aber mich immer so viel wie möglich zurückzunehmen. So fiel es ihr leicht, trotz meiner Anwesenheit Kontakte zu knüpfen. Ich blieb so lange, bis sie mir signalisiert hat, dass ich gehen kann. Hochsensible Kinder sind häufig ängstlicher als durchschnittlich sensible Kinder, da sie schon früh einen Blick für Gefahren haben. Wenn ich versucht habe, sie zu etwas zu überreden oder zu drängen, hat das nie geklappt. Sie geriet dadurch eher noch mehr in Stress.
Angst kann man nicht wegreden!
Nach einem Hundebiss im Gesicht hatte sie eine Höhenangst entwickelt. Auch Rolltreppen, die sie vorher geliebt hatte, wollte sie nicht mehr fahren. Sobald wir versucht haben, ihr Verhalten zu pushen, ging gar nichts mehr. Eines Tages wollten wir auf einen Kirchturm steigen. Nach der ersten Begeisterung holte sie ihre Angst wieder ein und sie wollte nicht mehr weiter. Jegliches Pushen, es doch mal zu versuchen, und Ähnliches verstärkte ihre Anspannung.
Sobald ich sagte: „Kein Thema, du bestimmst, ob und wie hoch du gehst, und ich bin da und unterstütze dich“, beruhigte sie sich sofort. Wichtig ist, das ohne eine Spur von Vorwurf oder Genervtsein zu tun. Schritt für Schritt schaffte sie es in ihrem Tempo bis ganz nach oben. Und das ist grundsätzlich so. Wenn wir uns in angespannten Situationen zurücknehmen, ihr anbieten, sie zu unterstützen, und sie in ihrem Tempo machen lassen, wächst sie über sich hinaus.
Auch hier ist wieder der Grundsatz: begleiten, nicht fighten.
Vergleiche schwächen das hochsensible Kind
Wenn ich sie in solch einer Situation pushe und sie noch mit anderen Kindern vergleiche, die keine Angst haben, kommt zu der Angst noch ein Schamgefühl. Unterstützt das unser Kind in irgendeiner Weise positiv? Würde uns der Vergleich wirklich unterstützen?
Hochsensibilität und Konkurrenz
Es gibt Menschen, die solch eine Konkurrenz anspornt. Das trifft auf HSK, so kürze ich hochsensible Kinder ab, aber in der Regel nicht zu. Hochsensible Kinder meiden in der Regel Konkurrenzkämpfe.
Kinder brauchen nur genügend gute Eltern
Und auch hier wieder: Trotz allem fachlichen Wissen gibt es Momente, in denen ich es total vermassle. Wir müssen nicht perfekt sein. Es reicht aus, genügend gut zu sein. Der Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott hat dafür den Begriff der „genügend guten Mutter“ geprägt. Jedes Mal, wenn es mir gelingt, meine Tochter wahr- und ernst zu nehmen und ihr ihren Raum zur Entwicklung zu geben, ist das ein Pluspunkt für ihr Selbstbild und ihren Selbstwert.
Es gibt noch eine weitere Herausforderung bei Vergleichen
Auch wenn es uns schon mehr gelingt, nicht zu vergleichen und unserem Kind seinen Freiraum zu lassen, gibt es immer noch die anderen Erziehungsexperten, und die können gnadenlos sein.
Wenn andere das hochsensible Kind vergleichen
- Die Oma, die immer wieder fragt, ob das Kind schon allein oder durchschläft. Die Freundin, die dauernd erzählt, dass ihr Kind schon viel früher trocken war und dass es doch jetzt endlich Zeit für das Töpfchen-Training wäre.
- Die Schwiegereltern, die mit besorgtem, manchmal sogar abfälligem Blick betonen, dass du nicht gleich springen solltest, wenn das Baby weint. „Du verwöhnst es viel zu sehr, es wird dir später auf der Nase herumtanzen!“
- Die eigenen Eltern, die immer wieder Spitzen loslassen, du seist nicht streng genug, weil das Kind nicht „pariert“, und gleichzeitig die Grenzen, die du deinem Kind setzt, wie weniger Süßigkeiten oder kein Fernsehen, nicht einhalten.
- Und nicht zu vergessen die anderen Eltern. Eine besondere Spezies. Eltern wissen immer ganz genau, wie andere Kinder erzogen werden sollten. Das natürlich gerne auch tuschelnderweise mit anderen Eltern, man will ja nichts sagen!
Verglichen werden kostet Kraft: Eltern hochsensibler Kinder unter Druck
Die Beispiele sind sehr harsch beschrieben, aber sie spiegeln die Erlebniswelt vieler Eltern aus meinen Seminaren wider. Sie bemühen sich, ihr Kind in seiner Wahrnehmung ernst zu nehmen, sich seinem Entwicklungsstand anzupassen, ihm Freiräume für eigene Erfahrungen und Entwicklung zu geben, und erleben diese Situation mit anderen wie in einer Kampfarena. Es kostet sie wahnsinnig viel Kraft, wenn es ihnen selbst oder ihren Partnern schwerfällt, sich abzugrenzen. Manchmal treffen sich auch diese unterschiedlichen Erziehungsvorstellungen innerhalb einer Partnerschaft wieder, und das kann diese auf eine harte Probe stellen. Nicht selten gerät dann auch noch das Kind zwischen die Fronten.
Wenn es uns dann auch noch schwerfällt, eigene Grenzen zu setzen, oder wir unsicher sind, können solche Aussagen noch lange im Kopf herumschwirren und uns nervlich stark belasten.
So grenzt du dich gegenüber Vergleichen ab
Hilfreich sind kurze, freundliche Sätze, die das Gespräch beenden, ohne dich zu rechtfertigen: „Danke, wir machen das in unserem Tempo.“ Oder: „Jedes Kind ist anders, unseres braucht noch etwas Zeit.“ Sprich mit deinem Partner vorher ab, wie ihr beide auf solche Bemerkungen reagieren wollt. So steht ihr gemeinsam hinter eurem Kind.
Persönliche Erfahrungen: Der Mehraufwand lohnt sich
Ich gehe davon aus, dass einige Eltern auch mich als überfürsorglich wahrgenommen haben. Als eine Mutter, die ihr Kind viel zu stark betüddelt. Und auch von Familienangehörigen kam der eine oder andere Zweifel an diesem Vorgehen. Dass sie so ja lernen würde, dass sich alles nur um sie dreht. Dass sie so verweichlicht. Aber das Gegenteil ist der Fall.
Sie ist ein sehr soziales Kind, das zwar gerne über seinen Standpunkt diskutiert, aber absolut kompromissbereit ist. Sie ist äußerst selbstständig und kontaktfreudig. Mit zehn Jahren ist sie alleine für zehn Tage in ein Sprachcamp gefahren und im Heide Park in alle Karussells. Allen Unkenrufen zum Trotz.
Sie ist immer noch sehr vorsichtig, kann aber ihre Fähigkeiten sehr gut einschätzen. Und in ihrem Tempo schafft sie alles, was sie will. Solange wir sie nicht drängen.
Hochsensible Kinder unterstützen auf einen Blick
Die Übersicht stellt typische Vergleichssituationen und hilfreiche Alternativen gegenüber.
| Situation | Vergleich, der schadet | Was dein Kind stattdessen stärkt |
|---|---|---|
| Kind klettert noch nicht aufs Gerüst | „Der Paul ist doch auch schon oben.“ | „Schau erst mal in Ruhe zu, ich bin bei dir.“ |
| Kind spricht später als andere | „Warum sagst du nichts?“ | Stärken des Kindes benennen, Fachleute bei echten Sorgen fragen |
| Kind will an der Kasse nicht bezahlen | Drängen, mit Geschwistern vergleichen | begleiten, nicht fighten; gemeinsam üben |
| Kind hat Angst vor Neuem | „Die anderen haben auch keine Angst.“ | Angst ernst nehmen, das Kind bestimmt das Tempo |
| Verwandte kommentieren die Entwicklung | sich rechtfertigen, verunsichern lassen | kurzer, freundlicher Satz zur Abgrenzung |
Onlinekurs: Das hochsensible Kind verstehen
Wenn du tiefer einsteigen möchtest, begleitet dich mein Onlinekurs Das hochsensible Kind verstehen Schritt für Schritt dabei, dein Kind in seiner Wahrnehmung zu verstehen und im Alltag gut zu begleiten.
Fazit: Dein Kind hat sein eigenes Tempo
Keiner kennt dein Kind besser als du. Gib ihm so wenig Unterstützung wie möglich, aber so viel wie nötig. Denke daran: begleiten, nicht fighten. Es ist egal, was andere Kinder können oder nicht können. Jedes Kind hat sein eigenes Tempo. Auch du hast dein eigenes Tempo. Sei liebevoll zu dir, wenn du bemerkst, dass du dein Kind vergleichst. Gönne dir Ehrenrunden. Dieses Mal hast du es vielleicht vermasselt, beim nächsten Mal klappt es. Es reicht, genügend gut zu sein.
Was dein Kind darüber hinaus braucht, liest du im Beitrag Bedürfnisse hochsensibler Kinder. Viele Eltern erkennen beim Blick auf ihr Kind ihre eigene Hochsensibilität. Auf meiner Übersichtsseite liest du, wie Hochsensibilität das Leben Erwachsener prägt, von Alltag und Beziehungen bis zum Beruf.
Häufige Fragen: hochsensible Kinder unterstützen
Wie kann ich mein hochsensibles Kind unterstützen?
Indem du es in seinem eigenen Tempo begleitest, kleine Erfolge feierst, seine Ängste ernst nimmst und es in neuen Situationen so lange unterstützt, bis es dir signalisiert, dass es allein zurechtkommt. Vergleiche mit anderen Kindern helfen dabei nicht.
Warum schaden Vergleiche hochsensiblen Kindern?
Hochsensible Kinder nehmen Kritik und Stimmungen intensiv wahr, und Druck kann sie schnell überfordern. Ein Vergleich mit anderen Kindern löst bei ihnen schnell Scham und Druck aus und kann das Selbstbild dauerhaft schwächen.
Werden hochsensible Kinder häufiger verglichen?
Ja, oft. Weil sie in neuen Situationen erst beobachten, zurückhaltender sind und länger die Nähe ihrer Bezugspersonen brauchen, fallen sie im Vergleich mit Gleichaltrigen häufiger auf.
Was bedeutet „begleiten, nicht fighten“?
Du kämpfst mit deinem Kind nicht gegen seine Angst an und drängst es nicht. Du bleibst an seiner Seite, bietest Unterstützung an und lässt es selbst bestimmen, wie weit es geht. So wächst es in seinem Tempo über sich hinaus.
Wie reagiere ich, wenn Verwandte mein Kind mit anderen vergleichen?
Mit einem kurzen, freundlichen Satz, der keine Rechtfertigung braucht, etwa: „Danke, wir machen das in unserem Tempo.“ Sprich dich vorher mit deinem Partner ab, damit ihr gemeinsam hinter eurem Kind steht.
Sind hochsensible Kinder ängstlicher?
Viele hochsensible Kinder sind vorsichtiger, weil sie Gefahren früh wahrnehmen und Situationen erst prüfen, bevor sie handeln. Mit geduldiger Begleitung werden sie oft sehr selbstständig und können ihre Fähigkeiten gut einschätzen.
Wo bekomme ich Unterstützung als Eltern eines hochsensiblen Kindes?
Hilfreich sind Beratung und Begleitung, die den Blick auf die Stärken lenken, zum Beispiel Marte Meo, ein Elterncoaching oder der Austausch mit anderen Eltern hochsensibler Kinder. Bei anhaltenden Ängsten oder Entwicklungssorgen ist der Kinderarzt die erste Anlaufstelle.
Quellen und weiterführende Literatur
- Aron, E. N. (2002): The Highly Sensitive Child. Broadway Books, New York. Deutsche Ausgabe: Das hochsensible Kind. mvg Verlag.
- Pluess, M. und Belsky, J. (2009): Differential susceptibility to rearing experience: the case of childcare. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 50(4), 396 bis 404.
- Slagt, M. u. a. (2018): Sensory processing sensitivity as a marker of differential susceptibility to parenting. Developmental Psychology, 54(3), 543 bis 558.
- Winnicott, D. W. (1953): Transitional objects and transitional phenomena. International Journal of Psycho-Analysis, 34, 89 bis 97.
Über die Autorin

Sandra Quedenbaum arbeitet seit über zwanzig Jahren mit hochsensiblen Menschen und bildet seit fast 20 Jahren Coaches aus. Sie ist Erzieherin und Sozialpädagogin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, ausgebildete Lehrtrainerin und selbst hochsensibel. Sie hat eine hochsensible Tochter und begleitet ihre Kunden, darunter viele Eltern hochsensibler Kinder, im Einzelcoaching, in Online-Kursen und in der Ausbildung zum HSP-Coach. Ihr Ansatz ist körperorientiert und traumasensibel.