Hochsensibles Nervensystem: Warum Hochsensibilität schnell überreizt

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Eine Kundin beschrieb mir ihr Nervensystem einmal als Rauchmelder, der schon beim Toastbrot losgeht. Ich habe das Bild seitdem oft benutzt, weil es genau trifft, was das vegetative Nervensystem hochsensibler Menschen tut: Es meldet früh, es meldet laut, und es braucht länger, bis es wieder still ist. Das ist keine Fehlfunktion. Es ist eine andere Einstellung, und wer sie versteht, versteht einen großen Teil dessen, was Hochsensibilität verstehen heißt.

In diesem Beitrag geht es darum, was das vegetative Nervensystem ist, was bei Hochsensibilität daran anders eingestellt ist, welche Rolle Noradrenalin, Herzfrequenz und der Vagusnerv spielen, woran du merkst, dass dein Nervensystem überreizt ist, welche körperlichen Symptome dazugehören und wie du es im Alltag regulierst. Was dabei im Gehirn passiert, steht in meinem Beitrag über das hochsensible Gehirn, die Hormone Adrenalin und Cortisol behandle ich in Hochsensibilität und Hormone.

Ich lade dich ein, beim Lesen in deinen eigenen Körper hineinzuspüren. Schauen wir uns das der Reihe nach an.

Kurz gesagt: das hochsensible Nervensystem

Das vegetative Nervensystem steuert alles, was der Körper ohne bewusste Entscheidung tut: Herzschlag, Atmung, Verdauung, Muskelspannung, Schwitzen. Es hat zwei Hauptzweige, den Sympathikus für Aktivierung und Alarm und den Parasympathikus für Erholung und Verdauung. Bei hochsensiblen Menschen ist dieses System empfindlicher eingestellt: Der Sympathikus springt schneller an, hält länger durch und wird durch mehr Reize ausgelöst, während die Rückkehr in die Ruhe länger dauert. Hochsensible Menschen nehmen äußere und innere Reize intensiv wahr, und viele Reize gleichzeitig stressen ihr Nervensystem schneller als andere. Der Entwicklungspsychologe Jerome Kagan fand bei hochreaktiven Kindern eine höhere Herzfrequenz und mehr Noradrenalin, den Botenstoff, der das Aufmerksamkeitssystem antreibt. Die Folge ist eine dauerhafte Bereitschaft, die im Alltag als Wachheit, Feinfühligkeit und schnelle Überreizung erlebt wird. Wer sein Nervensystem kennt, kann es regulieren: durch Reizpausen, Atmung, Bewegung, Schlaf und Grenzen.

Aufbau des vegetativen Nervensystems: Warum Reize Hochsensible schnell stressen

Das vegetative Nervensystem, auch autonomes Nervensystem genannt, kontrolliert unsere Vitalfunktionen, die Organe und das Organsystem, und es erklärt, warum viele Reize hochsensible Menschen so schnell stressen. Es arbeitet über Neurotransmitter, also Botenstoffe, und es ist nicht durch unser Bewusstsein steuerbar. Du kannst nicht beschließen, dass dein Herz langsamer schlägt. Du kannst nur Bedingungen schaffen, unter denen es das von selbst tut.

Schematische Zeichnung zweier Nervenzellen mit Synapse, Sinnbild für Neurotransmitter

Zwei Zweige teilen sich die Arbeit. Der Sympathikus ist der Gaspedal-Zweig: Er beschleunigt den Herzschlag, spannt die Muskeln an, weitet die Pupillen, bremst die Verdauung und schüttet über die Nebenniere Adrenalin aus. Er ist für Gefahr, Leistung und Aufmerksamkeit zuständig. Der Parasympathikus ist der Bremszweig: Er senkt den Puls, entspannt die Muskeln, kurbelt die Verdauung an und sorgt dafür, dass der Körper regeneriert. Sein wichtigster Nerv ist der Vagusnerv, der vom Hirnstamm bis in den Bauchraum reicht und Herz, Lunge und Darm mit dem Gehirn verbindet.

Bei einem gesunden Nervensystem wechseln sich beide Zweige ab: Aktivierung am Tag, Erholung in Pausen und nachts. Die Kunst liegt im Wechsel. Wer ständig auf dem Gaspedal steht, brennt aus. Wer ständig auf der Bremse steht, kommt nicht in Gang. Elaine N. Aron beschreibt bei hochsensiblen Personen ein leichter erregbares vegetatives System, denn Hochsensible nehmen Reize stärker wahr.

Sympathikus als Gaspedal, Parasympathikus als Bremse und der Vagusnerv als Weg in die Ruhe: das vegetative Nervensystem bei Hochsensibilität

Hochsensibilität und Sinnesverarbeitung: Was bei Sensibilität anders eingestellt ist

Hochsensible Personen, oft mit HSP abgekürzt, haben einen empfindlicher justierten Sympathikus. Die Sinnesverarbeitung und die gesamte Informationsverarbeitung laufen auf neuronaler Ebene gründlicher, und das gilt für alle Kanäle: Geräusch, Licht, Geruch, Berührung, Stimmung im Raum. Nach Untersuchungen von Jerome Kagan haben hochreaktive Kinder, die zu einem großen Teil das sind, was wir heute hochsensibel nennen, eine höhere Konzentration an Noradrenalin. Dieser Neurotransmitter ist verantwortlich für das stark ausgeprägte Aufmerksamkeitssystem der Hochsensiblen und die damit verbundene intensive Verarbeitung von Sinneseindrücken. Noradrenalin aktiviert das Gehirn. HSP sind deshalb immer bereit für den geistigen Einsatz, und sie sind selten wirklich entspannt, auch wenn sie ruhig wirken.

Bei hochsensiblen Säuglingen kann man eine höhere Herzfrequenz messen, und sie reagieren auf neue Reize mit stärkerer Bewegung und schnellerem Weinen. Kagan nannte sie „high-reactive“, hochreaktiv, und konnte zeigen, dass diese Reaktionsweise über Jahre stabil bleibt. Elaine N. Aron, die US-amerikanische Psychologin, die die Hochsensibilität 1996 beschrieben hat, sieht in diesen Kindern die frühe Form dessen, was sie als Sensory Processing Sensitivity bezeichnet: eine tiefere Verarbeitung von Reizen, die zu etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen gehört und zu einem erheblichen Teil genetisch bedingt ist.

Dadurch, dass das vegetative Nervensystem permanent auf „Obacht“ eingestellt ist, kommt es schneller zur Adrenalinausschüttung. Ein lautes Geräusch, ein scharfer Tonfall, ein voller Raum, Reizüberflutung im Supermarkt: Der Sympathikus springt an, bevor der Verstand die Lage eingeschätzt hat. Bei nicht hochsensiblen Menschen passiert das auch, nur später und bei stärkeren Reizen. Der zweite Unterschied liegt in der Rückkehr. Der Parasympathikus braucht bei Hochsensiblen länger, um die Aktivierung wieder abzubauen. Deshalb wirkt ein Streit am Morgen bis zum Abend nach, und deshalb ist eine Stunde im Einkaufszentrum erst nach zwei Stunden auf dem Sofa verarbeitet.

Leichtere Überreizbarkeit: was hochsensible Menschen nach Aron ausmacht

Elaine Aron beschreibt vier Merkmale, die zusammen die Hochsensibilität ausmachen. Im Englischen fasst sie sie mit dem Kürzel DOES zusammen:

  1. Tiefe Verarbeitung (Depth of processing): Informationen werden neuronal gründlicher verarbeitet und mit früheren Erfahrungen verknüpft.
  2. Leichtere Überreizbarkeit (Overstimulation): Das Nervensystem ist schneller voll, weil mehr Reize ankommen und tiefer verarbeitet werden.
  3. Starke Gefühlswelt und Empathie (Emotional reactivity and empathy): Eigene und fremde Gefühle werden intensiv erlebt.
  4. Wahrnehmung feiner Reize (Sensitivity to subtleties): Kleine Veränderungen in Geräuschen, Gerüchen oder Stimmungen fallen sofort auf.

Dieser Beitrag beschäftigt sich vor allem mit dem zweiten Merkmal. Die leichtere Überreizbarkeit ist keine eigene Störung, sie folgt aus den anderen drei Merkmalen: Wer mehr wahrnimmt und gründlicher verarbeitet, hat früher genug. Die Natur hat Hochsensiblen dafür auch ausgleichende Fähigkeiten mitgegeben. Sie bemerken Stressfaktoren früher und können entsprechend früher gegensteuern, wenn sie gelernt haben, auf diese Signale zu hören. Ob du die vier Merkmale bei dir wiederfindest, kannst du mit meinem Test für Erwachsene einschätzen.

Überreizung erkennen: Wenn das feinfühlige Nervensystem auf Hochtour läuft

In meiner Arbeit ist das die häufigste Frage: Wie merke ich, dass es zu viel wird, bevor es zu viel ist? Die Antwort steht im Körper, und ein hochsensibles Nervensystem zeigt sie in drei Stufen.

Frühe Zeichen: Die Gedanken werden schneller und unschärfer. Kleinigkeiten stören, die vorhin noch egal waren. Der Nacken wird fest, die Schultern gehen hoch, der Atem wird flacher. Du redest lauter oder gar nicht mehr. Du wirst ungeduldig mit Menschen, die du magst.

Mittlere Zeichen: Kopfschmerzen, Herzklopfen, ein flaues Gefühl im Magen, Zittern der Hände, Hitze im Gesicht. Die Konzentration bricht weg. Du liest denselben Satz dreimal. Geräusche tun weh, Licht ist zu hell, Berührung ist zu viel. Der Wunsch, dass alle einfach still sind, wird übermächtig.

Späte Zeichen: Der Körper schaltet ab. Plötzliche Müdigkeit, Leere, das Gefühl, hinter Glas zu sitzen, Tränen ohne erkennbaren Grund oder Wut aus dem Nichts. Manche HSP beschreiben diesen Zustand als „Nervenzusammenbruch“, obwohl es keiner ist: Es ist der Moment, in dem der Sympathikus nicht mehr kann und der Parasympathikus die Notbremse zieht. Was dann hilft, habe ich in einem eigenen Beitrag beschrieben.

Wenn du die Zeichen lieber hörst als liest: In meiner Podcastfolge „15 Symptome der Überreizung bei Hochsensiblen und wie du wieder in deine Kraft kommst“ gehe ich alle fünfzehn Zeichen durch, vom ersten Prasseln der Reize bis zum Abschalten, und zeige, wie Highly Sensitive Persons aus diesem Zustand wieder herausfinden. Viele Hörer erkennen dort Zeichen wieder, die sie jahrelang für schlechte Laune oder mangelnde Belastbarkeit gehalten haben, obwohl sie schlicht Ausdruck ihrer Wahrnehmungsfähigkeit sind: Wer mehr Reize stärker wahrnimmt, ist auch früher voll.

Je früher du die erste Stufe erkennst, desto weniger brauchst du für die Rückkehr. Das ist das Wichtigste, was ich Kunden über ihr Nervensystem beibringe: Die frühen Zeichen sind die Chance, nicht die späten.

Körperliche Symptome: Reizüberflutung und Dauerstress bei HSP

Weil das vegetative Nervensystem den ganzen Körper steuert, gehen Reizüberflutung und Dauerstress bei hochsensiblen Menschen in den Körper, und ein dauerhaft aktivierter Sympathikus zeigt sich überall. Typische körperliche Symptome hochsensibler Menschen in reizreichen Phasen sind Verspannungen in Nacken, Schultern und Kiefer, Kopfschmerzen und Migräne, Herzklopfen und Herzstolpern, Magen- und Darmbeschwerden, weil die Verdauung im Alarmzustand gebremst wird, Schlafprobleme, weil der Körper abends nicht herunterfährt, Schwitzen, kalte Hände und Füße, Zittern, ein empfindliches Immunsystem und eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit. Viele HSP haben außerdem einen empfindlichen Darm, was nicht überrascht: Der Vagusnerv verbindet Bauch und Gehirn in beide Richtungen, und was das Nervensystem belastet, belastet den Bauch.

Diese Symptome sind belastend, aber sie sind Folgen der Aktivierung, keine Krankheit. Sie verschwinden meist, wenn das Nervensystem wieder in die Ruhe kommt. Wer sie dauerhaft hat, sollte sie trotzdem ärztlich abklären lassen, weil Dauerstress auf lange Sicht krank macht. Was das Stresshormon Cortisol dabei anrichtet, steht in meinem Beitrag Cortisol, Hochsensible und Dauerstress.

Dauerstress bei Hochsensibilität: was frühe Erfahrungen damit zu tun haben

Weil der Sympathikus bei Hochsensiblen schneller anspringt, ist die Fähigkeit, sich nach einer Überreizung wieder zu beruhigen, besonders wichtig. Gelingt das nicht, wird aus der kurzen Aktivierung Dauerstress. Manche HSP übergehen ihre inneren Warnzeichen, weil sie hohe Ansprüche an sich haben oder mit durchschnittlich sensiblen Menschen mithalten wollen. Lang andauernder Stress kann zu Ängsten, Panikattacken, einer Depression oder einem Burn-out beitragen.

Wichtig ist: Diese Folgen entstehen nicht durch die Hochsensibilität. In meiner Arbeit zeigt sich, dass vor allem Menschen betroffen sind, deren Bindungs- oder Nervensystem durch frühe Erfahrungen belastet wurde, zum Beispiel weil ihre Sensibilität nicht angenommen, ständig hinterfragt oder sogar beschämt wurde. Dann sind die Fähigkeiten, mit der höheren Reizempfindlichkeit gut umzugehen, weniger aktiv, und die Hochsensibilität wird zur zusätzlichen Last. Wie solche Erfahrungen in der Kindheit entstehen, beschreibe ich im Beitrag Hochsensible Kinder, Zwänge und Ängste.

Das Gute daran: Diese Fähigkeiten sind nicht verloren. Sie schlummern im Hintergrund und lassen sich wieder aktivieren. Nach meiner Erfahrung kommen Hochsensible dabei oft schneller in eine positive Veränderung als durchschnittlich sensible Menschen, weil ihre feine Wahrnehmung und ihre Reflexionsfähigkeit sie dabei unterstützen.

Hochsensibles Nervensystem oder Angststörung? Eine Selbsteinschätzung

Diese Frage kommt in meiner Arbeit regelmäßig, meist mit hohem Leidensdruck, und sie ist berechtigt, weil sich die körperlichen Zeichen ähneln: Herzklopfen, flacher Atem, Anspannung, Schreckhaftigkeit. Der Unterschied liegt im Auslöser und im Verlauf. Das hochsensible Nervensystem reagiert auf tatsächliche Reize, laut, hell, voll, emotional, und es beruhigt sich, wenn die Reize weg sind. Eine Angststörung reagiert auf Gedanken und Erwartungen, oft ohne äußeren Reiz, und die Anspannung bleibt auch in ruhiger Umgebung. Beides kann zusammen vorkommen, und ein dauerhaft überreiztes Nervensystem macht anfälliger für Angst. Wer sich nicht sicher ist, sollte das fachlich abklären lassen. Hochsensibilität selbst ist ein Persönlichkeitsmerkmal und keine Angststörung. In der Persönlichkeitspsychologie wird sie über Fragebogen erfasst, im deutschsprachigen Raum unter anderem mit dem Erhebungsbogen von Philipp Yorck Herzberg an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Ob du hochsensibel bist, zeigt dir als Selbsteinschätzung mein Test für Erwachsene; solche Selbsttests ersetzen keine Diagnostik, geben aber eine gute erste Orientierung.

Überreizung im Alltag: Wie hochsensible Personen Reize reduzieren

Die leichtere Überreizbarkeit prägt den Alltag vieler Hochsensibler. Sie brauchen mehr Ruhepausen, schätzen Arbeitsphasen, in denen sie allein arbeiten können, und meiden ein reizstarkes Umfeld, aus dem sie sich nur schwer zurückziehen können, etwa den Weihnachtsmarkt am Freitagabend oder eine Familienfeier, die über viele Stunden geht.

HSP lieben die Gemeinschaft. Die Zeitspanne, in der sie das Beisammensein rundum genießen können, ist aber kürzer als bei durchschnittlich Sensiblen. Manche sagen Treffen deshalb vorher ab, weil sie befürchten, dass ein frühes Gehen als Ablehnung verstanden wird. Andere halten durch und sind am nächsten Tag völlig erschöpft. Nach sozialen Kontakten brauchen die meisten Zeit für sich, auch wenn der Abend schön war.

Viele Hochsensible achten deshalb darauf, Außenreize klein zu halten. Fernseher und Radio laufen beim Essen oder im Gespräch nicht nebenbei, weil sonst Unruhe entsteht. Starke Gerüche wie Duftkerzen oder Parfüm werden eher gemieden, es sei denn, es ist ein geliebter Duft, dann wird er zum Genuss. Schilder in der Kleidung werden herausgeschnitten, weil sie sonst ständig wahrgenommen werden. Ein kleines Schild kann so zum großen Stressfaktor werden. Welche Reizquellen am meisten ins Gewicht fallen und wie du die Reizmenge dauerhaft senkst, beschreibe ich im Beitrag Hochsensibilität und Reizüberflutung.

Wenn Hochsensible in der Überreizung zur Furie werden

So gutmütig und harmonieliebend hochsensible Menschen in der Regel sind, sie können zur Furie werden, wenn die Überreizung zu stark wird. Dann schaltet das Nervensystem in den Angriffs- oder Fluchtmodus. Mein Thema ist Zeitdruck. Wenn ich unter Zeitdruck stehe, braucht es nur Mini-Impulse, und ich bin total überreizt. Wenn mein Mann es dann gut mit mir meint und mich zur Beruhigung in den Arm nehmen will, lebt er echt gefährlich, weil mir eine Berührung dann viel zu viel ist und richtig körperlich wehtut.

Eine hochsensible Person in der Überreizung lässt man deshalb am besten mit liebevollem Blick in Ruhe. Wenn nicht unentwegt neue Reize dazukommen, fahren die meisten Hochsensiblen nach einigen Minuten wieder herunter.

Nervensystem beruhigen: Ruhephasen, Atmung, Entspannungstechniken, innere Balance

Regulation heißt nicht abschalten. Das hochsensible Nervensystem bleibt sensibel, und das ist gut so, denn dieselbe Sensibilität macht dich feinfühlig, aufmerksam und empathisch. Regulieren heißt, dem Parasympathikus regelmäßig die Chance zu geben, seine Arbeit zu tun und die innere Balance wiederherzustellen. Bei introvertierten Hochsensiblen kommt dazu, dass auch soziale Kontakte Reize sind, die verarbeitet werden wollen.

Reizpausen als Routine. Nicht erst, wenn nichts mehr geht. Zehn Minuten Stille nach jedem reizreichen Termin, eine halbe Stunde allein nach der Arbeit, ein Tag am Wochenende ohne Verabredungen. Die Ruhephasen sind für ein hochsensibles Nervensystem das, was Schlaf für alle ist: Wartung, keine Belohnung.

Atmung. Der Atem ist der einzige Teil des vegetativen Nervensystems, den du direkt steuern kannst, und über ihn erreichst du den Vagusnerv. Langsames Ausatmen, länger als das Einatmen, meldet dem Körper, dass keine Gefahr besteht. Vier Sekunden ein, sechs bis acht Sekunden aus, ein paar Minuten lang. Solche Atemübungen wirken in der akuten Situation und als tägliche Übung; andere Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung setzen am selben Punkt an.

Bewegung. Der Sympathikus bereitet den Körper auf Bewegung vor. Wer sich nach einem reizreichen Tag bewegt, ein Spaziergang, Schwimmen, Radfahren, gibt dem Körper die Bewegung, für die er sich aktiviert hat, und der Abbau von Adrenalin geht schneller. Sehr intensiver Sport ist dagegen ein weiterer Reiz.

Wärme, Wasser, Natur. Ein warmes Bad, Hände in kaltes Wasser, ein Blick ins Grüne, Vogelstimmen: Das sind Signale, auf die der Parasympathikus verlässlich reagiert. Es ist kein Zufall, dass HSP sich so oft in die Natur sehnen.

Schlaf. Nachts findet die Regeneration statt, die tagsüber nicht möglich war. Ein hochsensibles Nervensystem braucht oft mehr Schlaf als der Durchschnitt, und es braucht eine Abendroutine, die es aus dem Alarm holt: Bildschirme aus, Licht gedämpft, kein Streit vor dem Schlafengehen.

Grenzen setzen. Jedes Ja zu einem Termin, den du nicht willst, ist ein Reiz, den dein Nervensystem verarbeiten muss. Grenzen zu setzen ist deshalb Nervensystempflege und keine Charakterfrage. Wie du das im Alltag umsetzt, ist auch ein Teil meines Kurses Live Up, Stressmanagement für Hochsensible.

Ernährung. Ein Nervensystem im Dauerstress verbraucht mehr, als eines in der Ruhe. Regelmäßige Mahlzeiten verhindern Unterzuckerung, die den Sympathikus zusätzlich anschiebt. Zu Magnesium, das oft für die Nerven empfohlen wird, gibt es für HSP keine belastbaren Studien; ob ein Mangel vorliegt, klärt ein Bluttest, nicht ein Nahrungsergänzungsmittel auf Verdacht. Welche Lebensmittel, Öle und Getränke dein Nervensystem unterstützen, beschreibe ich ausführlich im Beitrag Hochsensibilität und Ernährung.

Dein Nervensystem ist genau richtig, so wie es ist. Es braucht nur einen Alltag, der zu ihm passt.

Auf einen Blick: das Nervensystem von hochsensiblen Menschen

Zustand Was das Nervensystem tut Was du spürst Was hilft
Ruhe Parasympathikus führt, Vagusnerv aktiv Ruhiger Atem, warme Hände, Hunger, klare Gedanken Zustand bewusst wahrnehmen, verlängern
Aktivierung Sympathikus führt, Noradrenalin und Adrenalin steigen Wachheit, Konzentration, leichte Anspannung Normal, in Pausen wieder herunterfahren
Beginnende Überreizung Sympathikus bleibt an, Reize werden nicht mehr sortiert Gereiztheit, Nacken fest, flacher Atem, Ungeduld Raus aus der Situation, Atmung, kurze Pause
Überreizung Alarmzustand, Verdauung gebremst, Muskeln hart Kopfschmerz, Herzklopfen, Reizempfindlichkeit, Konzentrationsverlust Ruhige Umgebung, Bewegung, Wärme, Stille
Zusammenbruch Parasympathikus zieht die Notbremse Leere, Müdigkeit, Tränen, Rückzug Schlaf, Schutz, danach Ursachen ändern
Dauerstress Wechsel funktioniert nicht mehr, Cortisol erhöht Erschöpfung, Schlafstörung, Infektanfälligkeit Ärztliche Abklärung, Alltag umbauen, Begleitung

Häufige Fragen zum hochsensiblen Nervensystem

Wie merkt man, dass das Nervensystem überreizt ist?

An frühen Zeichen wie Gereiztheit, festem Nacken, flacherem Atem und Ungeduld, dann an Kopfschmerzen, Herzklopfen, Konzentrationsverlust und dem Gefühl, dass Geräusche, Licht und Berührung zu viel sind. Späte Zeichen sind plötzliche Müdigkeit, Leere, Tränen oder Wut ohne Anlass. Je früher du die ersten Zeichen bemerkst, desto schneller kommt das Nervensystem zurück in die Ruhe.

Welche körperlichen Symptome zeigen Menschen mit Hochsensibilität?

Verspannungen in Nacken, Schultern und Kiefer, Kopfschmerzen, Herzklopfen, Magen- und Darmbeschwerden, Schlafprobleme, Schwitzen, kalte Hände, Zittern, erhöhte Schmerz- und Infektanfälligkeit. Das sind Folgen eines dauerhaft aktivierten Sympathikus, keine Krankheit. Bleiben sie über Wochen bestehen, gehören sie ärztlich abgeklärt.

Was passiert, wenn alles zu viel wird, wenn man hochsensibel ist?

Der Sympathikus läuft auf Hochtouren, bis die Kapazität erschöpft ist, dann zieht der Parasympathikus die Notbremse: Der Körper schaltet ab, es kommen Müdigkeit, Leere, Rückzug, manchmal Tränen oder Wut. Das ist ein Schutzmechanismus gegen Überforderung. Was hilft, ist eine ruhige Umgebung, Schlaf und danach die Frage, welche Reize sich im Alltag dauerhaft reduzieren lassen.

Ist man neurodivergent, wenn man hochsensibel ist?

Hochsensibilität ist eine andere Art der Reizverarbeitung und wird deshalb manchmal im weiten Sinn zur Neurodivergenz gezählt. Sie ist aber keine Diagnose und gehört nicht zu Autismus oder ADHS. Das hochsensible Nervensystem ist empfindlicher eingestellt, nicht gestört.

Wie kann ich mein hochsensibles Nervensystem beruhigen?

Über den Atem, langsam und mit verlängertem Ausatmen, über Bewegung nach reizreichen Tagen, über Wärme, Wasser und Natur, über feste Reizpausen und genug Schlaf. In der akuten Überreizung hilft zuerst der Rückzug aus der Situation. Langfristig hilft ein Alltag mit weniger gleichzeitigen Reizen und klaren Grenzen.

Ist ein hochsensibles Nervensystem eine Angststörung?

Nein. Das hochsensible Nervensystem reagiert auf tatsächliche Reize und beruhigt sich, wenn sie weg sind. Eine Angststörung reagiert auf Gedanken und Erwartungen und bleibt auch in ruhiger Umgebung aktiv. Beides kann zusammen auftreten, und bei Unsicherheit ist eine fachliche Abklärung sinnvoll.

Was bedeutet leichtere Überreizbarkeit bei Hochsensibilität?

Leichtere Überreizbarkeit ist eines der vier Grundmerkmale der Hochsensibilität nach Elaine Aron. Weil hochsensible Menschen mehr Reize wahrnehmen und gründlicher verarbeiten, ist ihr Nervensystem schneller voll. Sie brauchen deshalb mehr Pausen, reagieren in reizreichen Situationen früher mit Stress und profitieren besonders davon, die frühen Zeichen der Überreizung zu erkennen.

Warum haben HSP mehr Noradrenalin?

Der Entwicklungspsychologe Jerome Kagan fand bei hochreaktiven Kindern höhere Noradrenalin-Werte, eine höhere Herzfrequenz und eine stärkere Aktivierung der rechten Stirnhirnregion. Noradrenalin hält das Gehirn wach und aufmerksam. Diese Kinder gelten heute zu einem großen Teil als hochsensibel, und die Veranlagung ist zu einem erheblichen Teil erblich.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Aron, E. N. (1996): The Highly Sensitive Person. Broadway Books, New York.
  • Aron, E. N. und Aron, A. (1997): Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73, 345 bis 368.
  • Kagan, J., Reznick, J. S. und Snidman, N. (1988): Biological bases of childhood shyness. Science, 240, 167 bis 171.
  • Kagan, J. (1994): Galen’s Prophecy. Temperament in Human Nature. Basic Books, New York.
  • Porges, S. W. (2011): The Polyvagal Theory. Norton, New York.
  • Benham, G. (2006): The highly sensitive person: stress and physical symptom reports. Personality and Individual Differences, 40, 1433 bis 1440.
  • Greven, C. U. und andere (2019): Sensory Processing Sensitivity in the context of Environmental Sensitivity. Neuroscience and Biobehavioral Reviews, 98, 287 bis 305.
  • Assary, E. und andere (2021): Genetic architecture of environmental sensitivity reflects multiple heritable components. Molecular Psychiatry, 26, 4896 bis 4904.

Über die Autorin

Sandra Quedenbaum, Coach für Hochsensible

Sandra Quedenbaum arbeitet seit über zwanzig Jahren mit hochsensiblen Menschen und bildet seit fast 20 Jahren Coaches aus. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, selbst hochsensibel und begleitet ihre Kunden im Einzelcoaching, in Online-Kursen und in der Ausbildung zum HSP-Coach. Ihr Ansatz ist körperorientiert und traumasensibel.

Zuletzt aktualisiert am 29. September 2026

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