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Du arbeitest gründlich, du siehst Fehler, bevor sie jemandem auffallen, du spürst, wenn im Team etwas nicht stimmt. Und trotzdem gehst du abends nach Hause mit dem Gefühl, dass der Tag mehr Kraft gekostet hat, als er dürfte. Das Großraumbüro, die Unterbrechungen, das Meeting, in dem zwei Kollegen aneinandergeraten sind, die Deadline, die jemand ohne Rücksprache nach vorn gezogen hat. Für Kollegen ist das ein normaler Arbeitstag. Für dich ist es ein Tag, den du erst am Wochenende verdaut hast.
Listen mit 10 Berufen für Hochsensible gibt es viele, und auch in diesem Beitrag findest du weiter unten eine Tabelle mit Berufen aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Ob ein hochsensibler Mensch in seinem Beruf aufblüht oder ausbrennt, hängt aber selten am Beruf allein. Es hängt an den Bedingungen, unter denen er arbeitet, und daran, ob er seine Stärken kennt. In meiner Arbeit mit hochsensiblen Kunden zeigt sich immer wieder: Die meisten wissen genau, was sie im Job belastet. Den Blick auf das, was sie besser können als andere, haben die wenigsten. Ich lade dich ein, beim Lesen auf beides zu achten, auf das, was dich Kraft kostet, und auf das, was du mitbringst. Schauen wir uns das der Reihe nach an.
Kurz gesagt: Hochsensibilität im Beruf bedeutet, dass ein Mensch Reize, Stimmungen und Informationen am Arbeitsplatz intensiver wahrnimmt und tiefer verarbeitet als die meisten Kollegen. Das betrifft nach der Psychologin Elaine Aron etwa 15 bis 20 Prozent aller Menschen. Die Stärken hochsensibler Menschen im Beruf sind Gründlichkeit, Fehlererkennung, Einfühlungsvermögen, Gewissenhaftigkeit, vorausschauendes Denken, Kreativität und ein feines Gespür für Stimmungen und Sinn. Belastend sind vor allem die Bedingungen: Lärm, Unterbrechungen, Zeitdruck, Konflikte und fehlende Erholung. Studien zeigen, dass hochsensible Menschen bei hohen Anforderungen mehr Stress und Erschöpfung erleben und von guten Arbeitsbedingungen stärker profitieren als andere.
Was Hochsensibilität im Beruf bedeutet
Hochsensibilität ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, das die amerikanische Psychologin Elaine Aron 1997 als Sensory Processing Sensitivity beschrieben hat. Hochsensibilität bedeutet im Kern, dass das Nervensystem äußere Reize und innere Eindrücke schwächer filtert und gründlicher verarbeitet als bei den meisten Menschen. Die vier Merkmale hochsensibler Menschen nach Aron: Eine hochsensible Person, im Englischen Highly Sensitive Person oder kurz HSP, verarbeitet Eindrücke tiefer, ist schneller überreizt, erlebt Gefühle intensiver und bemerkt Feinheiten, die anderen entgehen. Das Merkmal ist keine Krankheit und keine Schwäche. Es ist eine Art, die Welt aufzunehmen, die bei etwa jedem fünften bis sechsten Menschen ausgeprägt ist. Hochsensibel im Beruf zu sein wirkt in beide Richtungen, und das Berufsleben entscheidet mit, welche Richtung überwiegt.
Die Forschung zur Hochsensibilität im Job ist noch jung, zeigt aber ein klares Muster. Eine niederländische Studie von Evers, Rasche und Schabracq fand 2008 bei Berufstätigen, dass Hochsensibilität mit mehr Unlust an der Arbeit und einem höheren Erholungsbedürfnis einhergeht. Eine polnische Untersuchung von Golonka und Gulla aus dem Jahr 2021 zeigt einen Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und Erschöpfung, dem Kernmerkmal von Burn-out. Bei Pflegekräften in den USA fanden Redfearn und Kollegen 2020 mehr Stress und mehr Burn-out, je höher die Sensibilität war. Das ist die eine Seite.
Die andere Seite beschreibt das Konzept der Vantage Sensitivity von Michael Pluess und Jay Belsky: Sensible Menschen reagieren auf ihre Umgebung stärker, im Schlechten wie im Guten. Eine belgische Studie mit gut 1.000 Beschäftigten hat das 2019 für das Arbeitsleben gezeigt. Bei sensiblen Beschäftigten führten hohe Anforderungen eher zu emotionaler Erschöpfung, gute Bedingungen wie Handlungsspielraum und Unterstützung führten bei ihnen stärker zu hilfsbereitem Verhalten im Team. Ein hochsensibler Mensch in einem lauten, hektischen Arbeitsumfeld leidet mehr als seine Kollegen. In einem ruhigen, wertschätzenden Umfeld mit klaren Aufgaben kann derselbe Mensch mehr beitragen als viele von ihnen. Hochsensibilität wirkt im Beruf wie ein Verstärker, und welche Seite sie verstärkt, hängt stark von den Bedingungen ab.
Die Stärken von Hochsensiblen im Beruf
Hochsensible Menschen besitzen Stärken, die im Berufsleben selten benannt werden. Viele hochsensible Menschen haben jahrelang gehört, sie seien zu empfindlich oder zu langsam. Deshalb fällt es ihnen schwer, ihre Stärken als Stärken zu sehen. Die folgenden sechs sehe ich in meiner Arbeit fast bei jedem hochsensiblen Kunden, unabhängig vom Berufsfeld.
Gründlichkeit und Fehlererkennung
Wer Informationen tief verarbeitet, arbeitet gründlich. Hochsensible sehen den Tippfehler im Angebot, die Lücke im Vertrag, die Zahl, die nicht zur Vorwoche passt. Sie denken Aufgaben zu Ende, bevor sie anfangen, und liefern selten etwas Halbfertiges ab. In Berufen, in denen Qualität zählt, ist das der Unterschied zwischen einem guten und einem sehr guten Mitarbeiter.
Ausgeprägte Empathie und Menschenkenntnis
Hochsensible Menschen nehmen die Stimmung in einem Raum wahr, bevor jemand etwas gesagt hat, und spüren, wie es ihrem Gegenüber geht, oft bevor es ausgesprochen wird. Sie sind empathisch, ohne es gelernt zu haben. Sie merken, wenn ein Kunde zögert oder wenn ein Kollege überfordert ist. Im Verkauf spüren sie, was ein Kunde wirklich braucht, und beraten ihn danach. Diese zwischenmenschliche Wahrnehmung macht sie zu guten Beratern, Verkäufern, Verhandlern, Pflegern, Lehrern und Führungskräften, sofern sie gelernt haben, die Gefühle anderer wahrzunehmen, ohne sie zu übernehmen.
Gewissenhaftigkeit und Verlässlichkeit
Was Hochsensible zusagen, halten sie. Sie nehmen Verantwortung ernst, oft ernster, als es der Aufgabe angemessen wäre. Vorgesetzte schätzen das, auch wenn sie es selten aussprechen. Die Kehrseite ist der eigene Anspruch, der schnell in Perfektionismus kippt. Dazu später mehr.
Vorausschauendes und analytisches Denken
Weil hochsensible Menschen viele Informationen gleichzeitig aufnehmen und verknüpfen, erkennen sie Muster und Risiken früh. Sie stellen die Frage, die im Projekt noch niemand gestellt hat, und sehen Folgen, die anderen erst Monate später auffallen. In der Planung, im Qualitätsmanagement, in der Forschung und in jeder analytischen Tätigkeit verhindert das Fehler, bevor sie teuer werden.
Kreativität und Ideenreichtum
Die tiefe Verarbeitung erzeugt Verbindungen zwischen Dingen, die andere nicht zusammendenken. Viele Hochsensible arbeiten in kreativen Berufen, im Schreiben, Gestalten, in der Musik oder im Handwerk. Genauso viele bringen ihre Kreativität in ganz normale Bürojobs ein, indem sie Abläufe verbessern oder Lösungen finden, die im Standardprozess nicht vorgesehen waren.
Feines Gespür für Stimmungen und Sinn
Hochsensible Menschen merken früh, wenn in einem Team etwas nicht stimmt, wenn eine Entscheidung gegen die Werte des Unternehmens läuft oder wenn ein Kunde sich nicht ernst genommen fühlt. Sie brauchen Sinn in ihrer Arbeit und stellen ihn her, wo er fehlt. Für ein Unternehmen ist das eine Art Frühwarnsystem.
Woran hochsensible Menschen im Berufsalltag scheitern
Wenn es im Job hakt, liegt es bei Hochsensiblen meist an den Bedingungen, unter denen sie arbeiten. Im Job arbeiten hochsensible Menschen oft unter Umständen, die gegen ihre Art laufen. Die häufigsten Belastungen im Arbeitsalltag, die ich in meiner Arbeit höre, sind diese:
Reizreiche Arbeitsumgebungen: Das Großraumbüro ist für viele hochsensible Menschen der anstrengendste Ort des Tages. Telefonate, Gespräche, Bildschirme, Neonlicht, ständiges Kommen und Gehen. Das Nervensystem verarbeitet alles davon, auch das, was nicht zur eigenen Aufgabe gehört. Oft ist der Akku schon am Mittag leer, obwohl die eigentliche Arbeit noch vor einem liegt. Warum hochsensible Menschen schneller überreizt sind, erkläre ich im Beitrag Hochsensibilität und Reizüberflutung.
Unterbrechungen und Multitasking: Hochsensible arbeiten am besten in Ruhe an einer Sache. Jede Unterbrechung reißt sie aus der tiefen Verarbeitung heraus, und der Wiedereinstieg kostet sie mehr Zeit als andere. Wer zwischen Telefon, Chat, E-Mail und Kollegenfragen hin- und herspringen muss, arbeitet weit unter seinen Möglichkeiten.
Zeitdruck und Beobachtung: Elaine Aron beschreibt, dass hochsensible Menschen unter Zeitdruck und unter Beobachtung schlechter abschneiden als in Ruhe, obwohl sie die Aufgabe beherrschen. Wer eine Präsentation vor dem Vorstand hält oder eine Prüfung unter Aufsicht ablegt, kennt das. Das Ergebnis bleibt dann unter dem eigenen Können, und das nagt am Selbstwert.
Konflikte und Stimmungen: Ein Streit zwischen Kollegen, ein cholerischer Chef, unausgesprochene Spannungen im Team: Hochsensible nehmen das auf, als wären sie selbst beteiligt. Sie tragen Konflikte mit nach Hause, die gar nicht ihre sind. Wie du fremde Gefühle von deinen eigenen unterscheidest, beschreibe ich im Beitrag Gefühle anderer spüren.
Kritik und Perfektionismus: Kritik trifft Hochsensible tief, auch wenn sie sachlich gemeint war. Um Kritik zu vermeiden, arbeiten viele über die Grenze des Nötigen hinaus. Das kostet Zeit und Kraft und wird von außen selten gesehen, weil das Ergebnis einfach gut ist.
Anpassung um jeden Preis: Viele Hochsensible verstecken ihre Empfindsamkeit im Beruf. Sie sitzen im lauten Büro, gehen zu jedem Teamevent und sagen zu jedem Zusatzprojekt Ja, weil sie nicht als schwierig gelten wollen. Das funktioniert eine Weile. Dann kommt die Erschöpfung. Warum das Unterdrücken der Hochsensibilität auf Dauer scheitert, habe ich im Beitrag Hochsensibilität unterdrücken beschrieben; was bei Dauerstress im Körper passiert, im Beitrag Cortisol, Hochsensible und Dauerstress.
Berufe für Hochsensible: passende Berufe und Bedingungen
Die Frage nach passenden Berufen für Hochsensible höre ich zu diesem Thema am häufigsten. Einen Beruf, der für alle Hochsensiblen passt, gibt es nicht, und kaum einer scheidet grundsätzlich aus. Ein hochsensibler Mensch kann als Krankenpfleger aufblühen und als Buchhalter ausbrennen, oder umgekehrt. Trotzdem lassen sich Berufsfelder benennen, in denen Hochsensible ihre Stärken häufig einbringen, und Bedingungen, auf die sie in jedem Berufsfeld achten sollten.
Soziale Berufe wie Pflege, Therapie, Beratung, Pädagogik und Coaching liegen vielen Hochsensiblen, weil Empathie dort gebraucht wird. Sie sind zugleich die Berufe mit dem höchsten Risiko: Wer die Gefühle anderer aufnimmt, ohne sich abgrenzen zu können, ist im sozialen Bereich schnell erschöpft. Soziale Berufe ohne Abgrenzung sind Gift für Hochsensible. Kreative Berufe und kreative Tätigkeiten im Schreiben, Gestalten, in Musik und Handwerk passen zur tiefen Verarbeitung, bringen aber oft unsichere Einkommen und Zeitdruck mit sich. Analytische Berufe in Forschung, Qualitätssicherung, Datenanalyse, Lektorat oder Recht nutzen die Gründlichkeit und brauchen ruhige Arbeitsbedingungen. Handwerk, Gärtnerei, Landwirtschaft und Tierberufe bieten vielen Hochsensiblen sichtbare Ergebnisse, wenig Politik und viel Ruhe.
Die Selbstständigkeit ist für viele hochsensible Menschen eine gute Option, weil sie Arbeitsumgebung, Tempo und Kunden selbst bestimmen können. Sie verlangt aber, dass man Grenzen auch ohne Vorgesetzten setzt und mit finanzieller Unsicherheit umgehen kann. Ich selbst arbeite seit vielen Jahren selbstständig mit hochsensiblen Menschen. Wer sein feines Gespür für Menschen zum Beruf machen möchte, findet im Beitrag HSP-Coach werden: So findest du die richtige Ausbildung, was dabei zu beachten ist. Manche Hochsensible arbeiten sogar in Berufen, die auf den ersten Blick gar nicht zu ihnen passen, weil dieser Beruf ihre Berufung ist. Wie das gelingen kann, beschreibe ich im Beitrag Berufung für Hochsensible.
Wichtiger als das Berufsfeld sind vier Bedingungen: ein Arbeitsplatz mit Rückzugsmöglichkeit, Aufgaben, die man in Ruhe zu Ende bringen kann, Vorgesetzte, die sachlich und ruhig kommunizieren, und ein Sinn, den man in der Arbeit erkennt. Wer diese vier Punkte prüft, bevor er einen Job annimmt, hat gute Chancen, einen passenden Job zu finden, und spart sich manchen Wechsel.
Passende Berufe nach Stärken: Beispiele aus vielen Berufsfeldern
Die folgende Tabelle ordnet jeder Stärke Berufe aus ganz unterschiedlichen Berufsfeldern zu. Sie ist als Anregung gedacht. Ob ein Beruf zu dir passt, entscheiden am Ende die Bedingungen, unter denen du ihn ausübst.
| Stärke | Passende Berufe (Beispiele) | Worauf es ankommt |
|---|---|---|
| Gründlichkeit und Fehlererkennung | Lektor, Steuerfachangestellter, Zahntechniker, Uhrmacher, Qualitätsprüfer in der Industrie, Softwaretester, Laborant, Restaurator, Vermessungstechniker | Ruhige Arbeitsphasen und genug Zeit für sorgfältige Arbeit |
| Empathie und Menschenkenntnis | Augenoptiker, Hörakustiker, Fachverkäufer im Fachhandel (Buchhandlung, Fahrradladen, Naturkost), Friseur, Physiotherapeut, Personalreferent, Bestatter, Mediator, Gastgeber einer kleinen Pension | Im Verkauf ohne Quotendruck, bei dem Kunden Dinge verkauft werden sollen, die sie gar nicht brauchen; Pausen nach intensiven Kontakten |
| Gewissenhaftigkeit und Verlässlichkeit | Apotheker, Elektriker, Notarfachangestellter, Fachkraft für Arbeitssicherheit, Hausverwalter, Landwirt mit Tierhaltung, Sachbearbeiter in einer Versicherung | Klare Zuständigkeiten, damit die Verantwortung überschaubar bleibt |
| Vorausschauendes und analytisches Denken | Förster, Stadtplaner, Datenanalyst, Disponent in der Logistik, Projektleiter, Versicherungsmathematiker | Gehör bei Entscheidungen und Zeit zum Durchdenken |
| Kreativität und Ideenreichtum | Tischler, Koch in einem kleinen Restaurant, Landschaftsgärtner, Florist, Architekt, Grafikdesigner, Produktentwickler, Texter | Gestaltungsfreiraum und wenig Kontrolle |
| Gespür für Stimmungen und Sinn | Lehrer, Hundetrainer, Tierpfleger, Seelsorger, Organisationsentwickler, Pflegefachkraft in der Palliativversorgung, Nachhaltigkeitsmanager | Eine Arbeit, die zu den eigenen Werten passt, und Abgrenzung von fremden Gefühlen |
Hochsensibilität im Job nutzen: sechs Schritte
Such dir aus den folgenden sechs Schritten den heraus, der bei dir am meisten Kraft freisetzen würde, und fang dort an.
1. Eigene Stärken benennen können
Schreib auf, was du im Job besser kannst als die meisten. Ohne Bescheidenheit und so konkret wie möglich: „Ich finde Fehler in Verträgen, bevor sie unterschrieben werden.“ „Ich merke, wenn ein Kunde abspringen will, und kann gegensteuern.“ Wer seine Stärken benennen kann, verhandelt anders, bewirbt sich anders und nimmt Kritik anders auf.
2. Die Arbeitsumgebung gestalten
Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung, ein Platz am Rand oder mit dem Rücken zur Wand, Tageslicht, ein oder zwei Tage Homeoffice für die Aufgaben, die Konzentration brauchen. Solche Anpassungen lassen sich leichter vereinbaren, wenn du sie mit dem Ergebnis begründest, zum Beispiel mit weniger Fehlern oder einer schnelleren Bearbeitung.
3. Den Arbeitsrhythmus an die Verarbeitungstiefe anpassen
Blocke zusammenhängende Zeiten für konzentrierte Arbeit und lege E-Mails und Rückfragen auf feste Zeiten. Plane nach reizintensiven Terminen eine Pause ein, bevor du ins nächste Meeting gehst. Zehn Minuten allein nach einer schwierigen Besprechung sorgen dafür, dass die nächsten zwei Stunden gut laufen.
4. Über die eigenen Bedürfnisse sprechen, ohne sich zu erklären
Konkrete Bitten wirken beim Chef besser als eine Erklärung, was Hochsensibilität ist: „Ich arbeite deutlich schneller, wenn ich vormittags zwei Stunden ungestört bin.“ „Ich bereite Präsentationen gern schriftlich vor, dann bin ich im Termin besser.“ Die Kommunikation über ihre Bedürfnisse gelingt Hochsensiblen am besten, wenn sie beim Ergebnis ansetzt, das auch der Arbeitgeber will.
5. Klare Grenzen setzen, bevor der Körper es tut
Ein Nein zum vierten Zusatzprojekt, ein früherer Abgang vom Teamabend, ein Feierabend, der Feierabend bleibt: Grenzen zu setzen fällt Hochsensiblen schwer, weil sie Enttäuschung beim anderen spüren. Der Körper setzt die Grenze sonst selbst, und zwar mit Erschöpfung, Schlafstörungen oder Krankheit. Das ist die teurere Variante.
6. Erholung als Teil der Arbeit begreifen
Hochsensible brauchen nach dem Arbeitstag mehr Erholung als andere, und sie brauchen sie in reizarmer Form. Ein voller Abend mit Freunden erholt wenig, wenn der Tag schon voll war. Wer Erholung einplant, um Überlastung zu vermeiden, hält seine Leistung über Jahre. Wie du ein überreiztes Nervensystem wieder beruhigst, beschreibe ich im Beitrag Hochsensible in der Überreizung.
Hochsensible als Führungskraft: anders führen, anders arbeiten
Ob Hochsensible gute Führungskräfte sind, wird oft bezweifelt, weil Führung mit Durchsetzung und dicker Haut verbunden wird. In meiner Arbeit erlebe ich das Gegenteil. Hochsensible Führungskräfte merken früh, wenn im Team etwas kippt, sie treffen Entscheidungen gründlich, sie nehmen Mitarbeiter ernst und schaffen ein Klima, in dem Menschen gern arbeiten. Was sie brauchen, ist Schutz vor der eigenen Überforderung: weniger Meetings, klare Delegation, ein Stellvertreter für die lauten Auseinandersetzungen und Zeit, Entscheidungen in Ruhe vorzubereiten. Wer das organisiert, kann seine Stärken als Führungskraft voll einbringen.
Auf einen Blick: Stärken hochsensibler Menschen im Beruf
| Stärke | So zeigt sie sich im Job | Was sie braucht |
|---|---|---|
| Gründlichkeit | Fehler früh erkennen, Aufgaben zu Ende denken | Zeit, ungestörte Arbeitsphasen |
| Empathie | Kunden und Kollegen verstehen, Konflikte früh spüren | Abgrenzung, Pausen nach Kontakten |
| Gewissenhaftigkeit | Verlässlichkeit, Verantwortung | Klare Erwartungen, Schutz vor Perfektionismus |
| Vorausschauendes Denken | Risiken und Muster erkennen | Gehör bei Entscheidungen |
| Kreativität | Neue Lösungen, verbesserte Abläufe | Freiraum, wenig Kontrolle |
| Gespür für Stimmungen | Frühwarnsystem im Team, Sinnorientierung | Vorgesetzte, die zuhören |
Wenn der Beruf krank macht
Manchmal reichen Kopfhörer und Homeoffice nicht. Wenn du seit Monaten erschöpft bist, sonntags schon vor dem Montag Angst hast oder körperliche Beschwerden ohne Befund entwickelst, ist die Grenze überschritten. Dann geht es zuerst darum, das Nervensystem zu beruhigen, und erst danach um die Frage, ob der Job, die Abteilung oder nur die Bedingungen wechseln müssen. Mein Onlinekurs Live Up: Stressmanagement für Hochsensible führt dich in 18 Modulen durch genau diesen Weg. Wenn die Entscheidung über den Beruf ansteht, ist ein persönliches Gespräch im Coaching für Hochsensible der schnellere Weg.
Du bringst in deinen Beruf etwas mit, das viele Arbeitsplätze brauchen: Gründlichkeit, ein feines Gespür für Menschen und einen Blick für das, was andere übersehen. Jeder kleine Schritt, mit dem du deine Bedingungen passender machst, gibt diesen Stärken mehr Raum.
Häufige Fragen zu Hochsensibilität im Beruf
Welche Berufe passen zu hochsensiblen Menschen?
Es gibt keine Berufe, die nur für Hochsensible passen, und kaum welche, die grundsätzlich ausscheiden. Gut passen oft Berufe, in denen die eigenen Stärken gefragt sind: Gründlichkeit etwa im Lektorat, im Labor oder im Handwerk, Empathie in Beratung, Pflege oder im Fachhandel, analytisches Denken in Planung und Forschung. Entscheidend sind die Bedingungen: Rückzugsmöglichkeit, ungestörte Arbeitsphasen, sachliche Vorgesetzte und ein erkennbarer Sinn.
Was triggert hochsensible Menschen im Job?
Lärm, Unterbrechungen, Zeitdruck, Beobachtung bei der Arbeit, Konflikte im Team, unklare Erwartungen und Kritik, die persönlich statt sachlich vorgetragen wird. Die meisten dieser Auslöser lassen sich durch Absprachen und eine angepasste Arbeitsumgebung verringern.
Welche Berufe haben wenig Reizüberflutung?
Berufe mit eigenem Arbeitsplatz, planbaren Abläufen und wenig Publikumsverkehr: Lektorat, Buchhaltung, Forschung, Softwareentwicklung, Gärtnerei, Handwerk in kleinen Betrieben, Archiv- und Bibliotheksarbeit. Auch in reizreichen Berufen lässt sich die Reizmenge durch Homeoffice-Tage, Kopfhörer und feste Pausen senken.
Sind Hochsensible besonders Burn-out-gefährdet?
Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und Erschöpfung, dem Kernmerkmal von Burn-out, vor allem bei hohen Anforderungen und in konfliktreichen Arbeitsumgebungen. Sie zeigen aber auch, dass gute Arbeitsbedingungen bei Hochsensiblen besonders stark wirken. Erholung, klare Grenzen und ein passendes Arbeitsumfeld sind deshalb der wichtigste Schutz.
Sind Hochsensible gute Führungskräfte?
Ja, wenn sie sich vor Überforderung schützen. Hochsensible Führungskräfte erkennen Spannungen früh, entscheiden gründlich und schaffen ein Klima, in dem Mitarbeiter sich ernst genommen fühlen. Sie brauchen weniger Meetings, klare Delegation und Zeit für Entscheidungen.
Soll ich meinem Arbeitgeber sagen, dass ich hochsensibel bin?
In den meisten Fällen ist es wirksamer, konkrete Bedürfnisse zu benennen als den Begriff. „Ich arbeite schneller, wenn ich vormittags ungestört bin“ versteht jeder Vorgesetzte. Der Begriff Hochsensibilität ist vielen unbekannt und wird schnell als Empfindlichkeit missverstanden.
Ist Hochsensibilität weiblich? Hochsensible Frauen und Männer im Beruf
Nein, Hochsensibilität kommt bei beiden Geschlechtern vor. Elaine Aron geht davon aus, dass Männer und Frauen gleich häufig hochsensibel geboren werden. In Fragebogenstudien erreichen Frauen im Durchschnitt höhere Werte, das bestätigt auch eine große spanische Untersuchung aus dem Jahr 2025. Ein Grund kann sein, dass hochsensible Männer oft schon als Jungen lernen, ihre Empfindsamkeit zu verbergen. Für hochsensible Frauen und Männer im Beruf gilt dasselbe: Wer seine Empfindsamkeit dauerhaft versteckt, verbraucht Kraft, die im Job fehlt.
Quellen und weiterführende Literatur
- Aron, E. N. und Aron, A. (1997): Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345 bis 368.
- Aron, E. N. (1996): The Highly Sensitive Person. New York: Birch Lane Press.
- Evers, A., Rasche, J. und Schabracq, M. J. (2008): High sensory-processing sensitivity at work. International Journal of Stress Management, 15(2), 189 bis 198.
- Golonka, K. und Gulla, B. (2021): Individual differences and susceptibility to burnout syndrome: Sensory processing sensitivity and its relation to exhaustion and disengagement. Frontiers in Psychology, 12, 751350.
- Redfearn, R. A., van Ittersum, K. W. und Stenmark, C. K. (2020): The impact of sensory processing sensitivity on stress and burnout in nurses. International Journal of Stress Management, 27(4), 370 bis 379.
- Vander Elst, T., Sercu, M., Van den Broeck, A., Van Hoof, E., Baillien, E. und Godderis, L. (2019): Who is more susceptible to job stressors and resources? Sensory-processing sensitivity as a personal resource and vulnerability factor. PLOS ONE, 14(11), e0225103.
- Pluess, M. und Belsky, J. (2013): Vantage sensitivity: Individual differences in response to positive experiences. Psychological Bulletin, 139(4), 901 bis 916.
- Morales-Botello, M.-L., Betancort, M., Pérez-Chacón, M., Rodríguez-Jiménez, R.-M. und Chacón, A. (2025): Sociodemographic markers of high Sensory Processing Sensitivity: a descriptive study. Frontiers in Psychology, 16, 1617089.
- Jaeger, B. (2004): Making Work Work for the Highly Sensitive Person. New York: McGraw-Hill.
Über die Autorin
Sandra Quedenbaum arbeitet seit über zwanzig Jahren mit hochsensiblen Menschen und ist selbst hochsensibel. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Coach und Lehrtrainerin, bildet seit fast 20 Jahren aus und begleitet hochsensible Menschen im Coaching und mit dem Onlinekurs „Live Up“ dabei, ihren Berufsalltag so zu gestalten, dass er zu ihrer Veranlagung passt.