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Immer wieder kommen Menschen mit einem eindeutigen Testergebnis zu mir: Der Test bestätigt ihre Hochsensibilität, und sie möchten wissen, wie sie damit leben sollen, denn sie macht ihnen das Leben schwer. Sie kommen kaum zur Ruhe, schlafen schlecht, haben Erinnerungslücken aus ihrer Kindheit und explodieren im Streit so, dass sie sich hinterher schämen. Das Testergebnis stimmt in solchen Fällen oft. Die Erklärung, die sie daraus ableiten, greift aber zu kurz: Was ihnen das Leben schwer macht, ist häufig ein Trauma, das sich hinter dem Begriff Hochsensibilität versteckt hat.
Im zweiten Teil meiner Reihe „Trauma von Hochsensibilität unterscheiden“ zeige ich dir in einer Tabelle, woran du Hochsensibilität und eine mögliche Traumatisierung unterscheiden kannst. Die Tabelle stammt aus meinen Beobachtungen aus über zwanzig Jahren Arbeit mit hochsensiblen Menschen und mit Menschen, die ein Trauma erlebt haben; sie ersetzt keine Diagnose, aber sie schärft den Blick. Teil 1 erklärt die Zusammenhänge zwischen Hochsensibilität und Trauma und das Stresstoleranzfenster, Teil 3 den Unterschied zwischen Schocktrauma und Entwicklungstrauma. Keine Lust zu lesen? Weiter unten kannst du dir den Beitrag als Video anschauen, mit vertiefenden Erklärungen.
Ich lade dich ein, die Tabelle in Ruhe zu lesen und bei jeder Zeile zu spüren, in welcher Spalte du dich eher wiederfindest. Schauen wir uns das der Reihe nach an.
Kurz gesagt: hochsensibel oder traumatisiert?
Hochsensibilität ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, das Elaine Aron 1996 beschrieben hat: Hochsensible Menschen verarbeiten Reize tiefer und intensiver, positive wie negative. Ein Trauma ist eine Verletzung des Nervensystems durch ein akutes, überwältigendes Ereignis oder durch wiederholte emotionale Verletzungen in der Kindheit; es macht ebenfalls reizempfindlich, aber auf andere Weise: Es versetzt das Nervensystem in eine dauerhafte Wachsamkeit gegenüber Gefahr. Beide sehen in der Überreizung gleich aus. Sie unterscheiden sich im Alltag: Hochsensible suchen Ruhe, schlafen viel, erinnern sich gut, fühlen echte Empathie, haben ein gutes Körpergefühl und erleben Schönes intensiv; Menschen mit Trauma-Erfahrungen vermeiden Ruhe, schlafen schlecht, haben Erinnerungslücken, scannen andere auf Gefahr, spüren ihren Körper kaum und halten starke Gefühle schlecht aus. Beides kann zusammen vorkommen, und wer stark unter seiner Hochsensibilität leidet, sollte ein Trauma als Ursache prüfen lassen.
Hochsensibilität und Trauma: Warum beide so oft verwechselt werden
Die Gemeinsamkeiten von Hochsensibilität und Trauma liegen im Nervensystem. Beide haben ein schmaleres Stresstoleranzfenster als der Durchschnitt: Sie geraten schneller in die Übererregung (Kampf, Flucht, Anspannung, Gedankenkreisen) oder in die Untererregung (Erstarrung, Leere, Rückzug). Beide reagieren stärker auf Lärm, Licht, Menschenmengen und Stimmungen. Beide brauchen mehr Erholung und klare Grenzen gegenüber äußeren Einflüssen. Und beide werden von ihrer Umgebung als „zu empfindlich“ beschrieben. Von außen betrachtet sehen hochsensible Menschen und traumatisierte Menschen deshalb ähnlich aus.
Der Unterschied liegt in der Ursache und in der Richtung. Ein hochsensibler Mensch verarbeitet Reize tiefer, weil sein Gehirn so gebaut ist; die Hochsensibilität ist eine angeborene Eigenschaft. Seine Sensibilität ist nach innen und nach außen offen und nimmt Schönes genauso intensiv wahr wie Belastendes. Traumatisierte Menschen nehmen Reize intensiver wahr, weil ihr Nervensystem nach einer Verletzung auf Gefahr eingestellt ist; die Fachsprache nennt das Hypervigilanz. Diese Wachsamkeit ist einseitig: Sie sucht nach Bedrohung und übersieht das Gute. Deshalb erleben Betroffene die verstärkte Wahrnehmung fast nur als unangenehm, während Hochsensible auch in Musik, Kunst und Natur aufgehen können.
In den letzten Jahren hat sich viel in der Traumaforschung getan. Man hat herausgefunden, dass es weitere Möglichkeiten einer Traumatisierung gibt als das große Ereignis: Neben den traumatischen Erfahrungen, die jeder kennt (Unfall, Gewalt, Katastrophe, mit der posttraumatischen Belastungsstörung als möglicher Folge), hinterlassen auch Vernachlässigung, Abwertung und fehlende Bindung in den ersten Lebensjahren Traumata. Dieses sogenannte Entwicklungstrauma ist weniger offensichtlich, hat aber tiefgreifendere Beeinträchtigungen zur Folge. Viele Menschen sind davon betroffen, ohne es zu wissen, und suchen die Erklärung für ihre Symptome beim Thema Hochsensibilität. Viele Hochsensible wiederum tragen ein Trauma, ohne es zu wissen, weil sie ihre Symptome der Veranlagung zuschreiben. Ein unterstützendes Umfeld hilft in beiden Fällen, und die Klärung braucht es trotzdem.
Auf einen Blick: Trauma von Hochsensibilität unterscheiden
Du findest dich viel in der linken Spalte wieder, obwohl du davon ausgehst, keinen Trauma-Hintergrund zu haben? Dann lies danach den dritten Teil über das Entwicklungstrauma; vielleicht bist du betroffen, ohne es zu wissen. Die Tabelle mit 20 Merkmalen beschreibt Tendenzen. Aussagekräftig wird sie erst, wenn mehrere Merkmale zusammenkommen.
| Traumatisierte Menschen | Hochsensible Menschen |
|---|---|
| sind oftmals permanent in Bewegung. Sie vermeiden es, zur Ruhe zu kommen, weil das für sie ein unangenehmer Zustand ist. Häufig werden sie im Urlaub krank, weil der Organismus dann kollabiert und von der Übererregung in die Untererregung rauscht. | suchen die Ruhe. Sie brauchen Zeit, gerne auch allein, ohne Input, und genießen diese Zeiten. Bekommen sie sie nicht, fühlen sie sich unbehaglich. Auszeiten geben Kraft. |
| leiden häufig an Schlaflosigkeit. | sind eher Vielschläfer. |
| wirken generell eher nervös oder emotional teilnahmslos. | sind generell eher ruhig, aber emotional präsent. |
| neigen dazu, misstrauisch zu sein. | suchen eher die Verbindung und das Positive. |
| haben oft Lücken in der Erinnerung; an große Teile ihrer Kindheit fehlt manchen fast jede Erinnerung. | erinnern sich meist sehr lebendig an Erlebtes, oft bis weit in die ersten Lebensjahre zurück. |
| haben eher eine egozentrische Empathie, die darauf abscannt, ob Gefahr droht. Das hält andere eher auf Distanz. | fühlen echte Empathie, durch die sich andere gesehen und verstanden fühlen. |
| spüren ihren Körper häufig kaum. Empfindungen im Körper wahrzunehmen und in Worte zu fassen, fällt ihnen schwer. | haben ein ausgeprägtes Körpergespür, das wie ein frühes Warnsystem funktioniert. Manche hochsensible Frau bemerkt ihren Eisprung, und viele berichten, dass sie den Moment der Empfängnis wahrgenommen und früh gewusst haben, dass sie schwanger sind. Sie spüren Empfindungen sehr fein und können sie genau benennen. |
| neigen zur Selbstmedikation zur Beruhigung, zum Beispiel durch Alkohol oder Medikamente. | lehnen Medikamente oft ab, selbst wenn der Arzt sie verschrieben hat, und trinken meist wenig oder gar keinen Alkohol. |
| sind bei Wutausbrüchen auch verbal vernichtend. | ziehen sich in ihrer Wut eher zurück und setzen eine klare Grenze („Lass mich in Ruhe!“), ohne andere zu beschimpfen. |
| verlieren sich in Tagträumen. | sind in der Regel eher bodenständig und realistisch. |
| erleben sich oft als einsam, manchmal sogar mitten unter Menschen. | sind gerne allein, weil sie dann besser zu sich kommen. |
| zeigen sich, wenn eine entsprechende Neigung besteht, eher esoterisch, zum Teil „abgehoben“. | sind, bei entsprechender Neigung, eher spirituell mit dem Leben verbunden. |
| haben das Gefühl der Sinnlosigkeit. | glauben an einen tieferen Sinn. |
| haben Schwierigkeiten, Bindungen einzugehen. | lieben tiefe Verbindungen in Freundschaft und Partnerschaft. |
| halten starke positive Gefühle schwer aus. | genießen starke positive Gefühle in vollen Zügen und können sich zum Beispiel ganz in Musik, Kunst oder einer schönen Landschaft verlieren. |
| spüren ihr „Bauchgefühl“ selten bis gar nicht. | nehmen ihr Bauchgefühl wahr, aber leider nicht immer ernst. |
| empfinden die verstärkte Sinneswahrnehmung eher in Form unangenehmer Sinnesreize. | erleben negative wie positive Sinnesreize sehr intensiv. |
| halten den Begriff Hochsensibilität eher wie einen Schutzschild vor sich und identifizieren sich sehr stark damit; das gilt besonders für diejenigen, die „nur“ traumatisiert und eigentlich nicht hochsensibel sind. | sehen im Begriff der Hochsensibilität eher eine Stütze, die ihnen hilft und die sie nicht wie ein Etikett vor sich hertragen. |
| spüren ihre eigenen Grenzen und die anderer nur schwer und bemerken oft nicht, wenn sie die Grenzen anderer überschreiten. | haben ein sehr feines Grenzempfinden und achten sehr darauf, die Grenzen anderer zu wahren. Gleichzeitig haben sie oft Schwierigkeiten, die eigenen Grenzen zu vertreten. |
| empfinden sich häufig als „falsch“. | fühlen sich eher „anders“. |
Traumatisierte HSP behalten viele Eigenschaften der Hochsensibilität
Diese Merkmale sind eine Auswahl dessen, woran du Hochsensibilität und Trauma unterscheiden kannst. Sobald die Komfortzone verlassen wird, reagieren beide gleich: mit Übererregung oder Kollaps. Hochsensible mit sicherer Bindung und guter Selbstregulation finden allerdings recht schnell in ihr Toleranzfenster zurück. Sie hören auf die Signale ihres Körpers und handeln danach. Menschen mit Trauma erleben Überreizung dagegen als völliges Ausgeliefertsein. Sie neigen zum emotionalen „Explodieren“ oder „Implodieren“, das heißt, sie kollabieren.
Hochsensible Menschen mit traumatischen, belastenden Erfahrungen bleiben in der Regel sehr einfühlsam, haben meist ein ausgeprägtes Gespür für soziale, ethische und ökologische Fragen und zeigen natürlich auch die vielen anderen Merkmale der Hochsensibilität. Bei ihnen liegen beide Spalten der Tabelle übereinander: das gute Erlebnisgedächtnis der Hochsensiblen mit Erinnerungslücken an bestimmte Phasen; die echte Empathie mit dem Gefahrenscan; die Liebe zur Ruhe mit der Schwierigkeit, sie auszuhalten. Nach meiner Erfahrung neigen Hochsensible in der Überreizung eher zum Kollabieren als zum Explodieren. Diese Gruppe ist in meiner Arbeit die größte.
Wutanfälle bei hochsensiblen Menschen: Überreizung oder Trauma?
Eine der häufigsten Fragen, mit denen Menschen auf diese Seite kommen, lautet: Warum habe ich als hochsensibler Erwachsener Wutanfälle? Die Antwort steht in der Tabelle. Ein Hochsensibler in der Überreizung wird laut, kurz und abgrenzend: „Lass mich in Ruhe!“ Danach schämt er sich, zieht sich zurück und ist nach einer Pause wieder ansprechbar. Die Wut ist ein Notausgang des Nervensystems, wenn zu viele Reize zu lange auf es eingeprasselt sind, und sie richtet sich selten gezielt gegen einen Menschen.
Ein Mensch mit einem Trauma wird häufiger in der Wut verbal vernichtend. Er trifft die Schwachstelle des anderen, weil das Nervensystem im Kampfmodus alles einsetzt, was es hat. Die Wut kommt aus dem Nichts, steht in keinem Verhältnis zum Anlass und fühlt sich hinterher fremd an. Wer sich in der zweiten Beschreibung wiedererkennt, hat wahrscheinlich einen Trigger, der eine alte Verletzung berührt. Wie du dich in einer akuten Überreizung beruhigst, bevor die Wut kommt, beschreibe ich im Beitrag über Hochsensible in der Überreizung.
Ist Hochsensibilität eine Traumafolge? Hypervigilanz und Traumata
Nein. Hochsensibilität ist nach Elaine Aron ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, das in Zwillingsstudien als zu etwa der Hälfte erblich nachgewiesen wurde und sich bei rund 15 bis 20 Prozent der Menschen findet. Sie lässt sich nicht wegtrainieren, und sie entsteht nicht durch ein Ereignis. Was durch ein Trauma entsteht, ist eine Sensibilisierung, die einer Hochsensibilität ähnelt: Hypervigilanz. Diese geht zurück, wenn das Trauma verarbeitet ist. Die Hochsensibilität bleibt.
Trotzdem begegnen sich beide häufig. Hochsensible Menschen verarbeiten traumatische Erlebnisse intensiver, weil sie alles intensiver verarbeiten, Schönes genauso wie Schweres. Häufiger von einem Trauma betroffen sind sie nach meiner Beobachtung deshalb nicht; mehr dazu steht unten in den häufigen Fragen. Und viele Menschen, die sich als hochsensibel bezeichnen, sind es nach den Kriterien von Elaine Aron gar nicht. Sie haben ihre Traumafolgen fälschlich als Auswirkungen ihrer Hochsensibilität interpretiert, manche haben diese Interpretation auch von anderen bekommen. Ob deine Wahrnehmung zur Hochsensibilität passt, kannst du mit meinem Test auf Hochsensibilität für Erwachsene prüfen. Er misst die Veranlagung, kein Trauma; deshalb gehört diese Tabelle daneben.
Wann du therapeutische Hilfe suchen solltest
Die Unterscheidung hat praktische Folgen. Der ausschließlich Hochsensible und der traumatisierte Mensch brauchen jeweils ein anderes Vorgehen. Ein Hochsensibler braucht Wissen über seine Veranlagung, Reizdosierung und Selbstregulation; das lässt sich im Coaching lernen. Wer ein Trauma erlebt hat, braucht Verarbeitung, und die gehört in therapeutische Hände. Aus meiner Sicht sollte Traumaarbeit körperorientiert sein, denn ein Trauma sitzt im Körper und im Nervensystem. Besonders hervorheben möchte ich die Somatische Emotionale Integration (SEI) von Dami Charf, weil sie körperorientierte Traumaarbeit und Bindungsarbeit zusammenbringt; mehr dazu steht in Teil 3. Wer bei einem Trauma nur an der Reizdosierung arbeitet, verwaltet die Symptome und erreicht die Ursache nicht. Wer bei einer reinen Hochsensibilität nach einem Trauma sucht, findet unter Umständen eines, wo keines ist.
Suche zeitnah therapeutische oder ärztliche Hilfe, wenn du Flashbacks oder Dissoziation erlebst, Suizidgedanken hast, Alkohol oder Medikamente zur Beruhigung brauchst, seit Wochen kaum schläfst oder Panikattacken bekommst. Antworten auf die häufigsten Fragen zu diesem Thema findest du kompakt in meinen FAQ zu Hochsensibilität und Trauma.
Wie ein Coaching aussieht, das Hochsensibilität und alte Verletzungen zusammen im Blick hat und die Therapie ergänzt, beschreibe ich auf der Seite Traumasensibles Coaching für Hochsensible. Für Coaches und Therapeuten, die diese Unterscheidung professionell lernen wollen, ist sie ein Kernstück meiner Ausbildung zum HSP-Coach.
Ob Hochsensibilität, Trauma-Erfahrungen oder beides: Du darfst dir die Klarheit holen, die du brauchst. Mit ihr findest du die Unterstützung, die wirklich zu dir passt.
Der Beitrag als Video
Hier kannst du dir den Beitrag als Video anschauen, mit vertiefenden Erklärungen.
Hier geht es weiter mit Teil 3 der Serie: Schocktrauma und Entwicklungstrauma.
Häufige Fragen zu Hochsensibilität und Trauma
Was ist der Unterschied zwischen Hochsensibilität und Trauma?
Hochsensibilität ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal mit tiefer Verarbeitung aller Reize, positiver wie negativer. Ein Trauma ist eine Verletzung des Nervensystems, die eine einseitige Wachsamkeit gegenüber Gefahr erzeugt (Hypervigilanz). Hochsensible suchen Ruhe, erinnern sich gut und fühlen echte Empathie; Menschen mit einem Trauma vermeiden Ruhe, haben Erinnerungslücken und scannen andere auf Gefahr.
Wie verhält sich ein Mensch, der traumatisiert ist?
Er ist oft permanent in Bewegung, schläft schlecht, wirkt nervös oder teilnahmslos, ist misstrauisch, spürt seinen Körper kaum, hält starke Gefühle schlecht aus, beruhigt sich mit Alkohol oder Medikamenten und wird in der Wut verletzend. Viele wissen nicht, dass sie von einem Trauma betroffen sind, weil sie nach einem großen Ereignis suchen.
Ist Hochsensibilität eine Traumafolge?
Nein. Hochsensibilität ist angeboren und bleibt ein Leben lang. Ein Trauma kann eine ähnliche Reizempfindlichkeit erzeugen, also eine erhöhte Sinneswahrnehmung durch das Trauma; sie geht mit der Verarbeitung zurück. Beides kann zusammen vorkommen.
Bekommen hochsensible Menschen schneller ein Trauma?
Nach meiner Beobachtung ist das nicht so. Die Forschung zeigt zwar, dass hochsensible Menschen traumatische Erlebnisse intensiver verarbeiten. Gleichzeitig bringen Hochsensible mehr Rüstzeug mit, um traumatische Ereignisse zu verarbeiten. Dieselbe Empfänglichkeit wirkt nämlich auch in die gute Richtung: Nach Studien des Psychologen Michael Pluess sprechen Hochsensible besonders gut auf Unterstützung an. Dazu kommt, dass die hochsensiblen Fähigkeiten in der Regel trotz Trauma erhalten bleiben, zum Beispiel das feine Körpergefühl. Das ist ein Vorteil bei einem akuten Trauma (Schocktrauma) und auch bei einem Entwicklungstrauma. Nach meiner Erfahrung gelingt Hochsensiblen die Verarbeitung dadurch schneller. Sehr häufig ist bei Hochsensiblen allerdings eine bestimmte Traumaform: der Umgang mit ihrer Hochsensibilität in der Kindheit.
Was ist Hypervigilanz?
Hypervigilanz ist eine dauerhaft erhöhte Wachsamkeit des Nervensystems nach einem Trauma. Der Mensch scannt seine Umgebung ständig auf Gefahr, erschrickt leicht, kann sich schlecht entspannen und nimmt Reize vor allem als bedrohlich wahr. Sie wird oft mit Hochsensibilität verwechselt, ist aber eine Traumafolge und behandelbar.
Warum haben hochsensible Erwachsene Wutanfälle?
Wut ist bei Hochsensiblen meist ein Notausgang der Überreizung: Zu viele Reize zu lange, dann kommt ein kurzer, abgrenzender Ausbruch. Kommt die Wut aus dem Nichts, ist sie verbal vernichtend und fühlt sich hinterher fremd an, spricht das für einen Trigger aus einer alten Verletzung, also für ein Trauma.
Hochsensibel oder gefühlsstark: Was ist der Unterschied?
„Gefühlsstark“ ist ein Begriff aus der Elternberatung für Kinder mit besonders intensiven Gefühlen und starkem Willen. Er beschreibt das Temperament, Hochsensibilität die Verarbeitungstiefe. Viele gefühlsstarke Kinder sind hochsensibel, aber nicht alle Hochsensiblen sind gefühlsstark; viele sind eher still.
Kann man hochsensibel und traumatisiert sein?
Ja, und das ist häufig. Bei diesen Menschen liegen die Merkmale beider Spalten übereinander. Die Hochsensibilität bleibt nach der Traumaverarbeitung erhalten; was verschwindet, ist die Übererregung und das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Hochsensible sind nach meiner Beobachtung nicht häufiger von einem Trauma betroffen als andere Menschen. Eine Traumaform begegnet mir bei ihnen aber sehr häufig: die Art, wie in der Kindheit mit ihnen und ihrer Hochsensibilität umgegangen wurde. Wer immer wieder in seiner Persönlichkeit infrage gestellt, kritisiert und abgewertet wird, erlebt den Ort, der eigentlich Sicherheit geben sollte, als tägliches Minenfeld, mit weitreichenden Auswirkungen. Mehr dazu findest du in meinem Beitrag darüber, wie hochsensible Kinder zu psychisch kranken Erwachsenen werden.
Quellen und weiterführende Literatur
- Aron, E. N. (1996): The Highly Sensitive Person. Broadway Books, New York.
- Aron, E. N., Aron, A. und Davies, K. M. (2005): Adult shyness: The interaction of temperamental sensitivity and an adverse childhood environment. Personality and Social Psychology Bulletin, 31, 181 bis 197.
- Assary, E. und andere (2021): Genetic architecture of Environmental Sensitivity reflects multiple heritable components: a twin study with adolescents. Molecular Psychiatry, 26, 4896 bis 4904.
- Charf, D. (2018): Auch alte Wunden können heilen. Kösel, München.
- Herman, J. L. (1992): Trauma and Recovery. Basic Books, New York.
- Levine, P. A. (1997): Waking the Tiger. North Atlantic Books, Berkeley.
- Pluess, M. und Boniwell, I. (2015): Sensory-Processing Sensitivity predicts treatment response to a school-based depression prevention program: Evidence of Vantage Sensitivity. Personality and Individual Differences, 82, 40 bis 45.
- Siegel, D. J. (1999): The Developing Mind. Guilford Press, New York.
- van der Kolk, B. (2014): The Body Keeps the Score. Viking, New York.
Über die Autorin

Sandra Quedenbaum arbeitet seit über zwanzig Jahren mit hochsensiblen Menschen und bildet seit fast 20 Jahren Coaches aus. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, selbst hochsensibel und begleitet ihre Kunden im Einzelcoaching, in Online-Kursen und in der Ausbildung zum HSP-Coach. Ihr Ansatz ist körperorientiert und traumasensibel.
