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Hochsensibilität ist ein Geschenk? Nicht immer, sie hat auch negative Seiten. In meiner Arbeit erlebe ich es oft: Hochsensible Menschen hören von allen Seiten, wie wunderbar ihre Feinfühligkeit ist, und fühlen sich selbst vor allem müde. Diese Seite der Hochsensibilität erleben viele HSP und sprechen sie selten aus. Hier erfährst du, welche Probleme und Nachteile hochsensible Menschen im Alltag wirklich kennen, warum diese Schattenseiten entstehen und wie du damit umgehen kannst.
Ich lade dich ein, beim Lesen zu prüfen, welche dieser zehn Punkte du von dir selbst kennst. Schauen wir uns das der Reihe nach an.
Kurz gesagt: Schattenseiten der Hochsensibilität
Hochsensibilität ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, das nach der amerikanischen Psychologin Elaine Aron etwa 15 bis 20 Prozent aller Menschen betrifft. Das Nervensystem hochsensibler Menschen nimmt Reize feiner auf und verarbeitet Reize tiefer als das der meisten Menschen. Daraus entstehen Stärken. Typische Probleme wie Selbstkritik, emotionale Achterbahnfahrten, das Aufsaugen fremder Stimmungen, Überforderung durch Reizüberflutung, fehlende Grenzen, Unsicherheit bei Kritik, Entscheidungsschwierigkeiten, Perfektionismus, überhörte Körpersignale und fehlende eigene Ziele entstehen vor allem dann, wenn ein hochsensibler Mensch mit seiner Sensibilität nicht angenommen wurde: wenn sie ständig hinterfragt, abgewertet oder sogar gedemütigt wurde. Diese Schattenseiten betreffen also längst nicht jeden hochsensiblen Menschen. Hochsensibilität ist keine Krankheit und keine psychische Störung. Wer die Schattenseiten kennt, kann lernen, gut mit ihnen umzugehen. Manche nennen das Merkmal auch Hypersensibilität; gemeint ist dieselbe Veranlagung, nicht eine Überempfindlichkeit im medizinischen Sinn.
Die dunklen Seiten von HSP als Podcast und Video
Den Beitrag „10 dunkle Seiten der Hochsensibilität“ gibt es auch als Folge meines Podcasts und als YouTube-Video.
Die dunkle Seite der Hochsensibilität - Podcast
Hier findest du die Podcast-Folge. Einfach auf den Link klicken und direkt loshören.
Warum wir über die dunkle Seite der Hochsensibilität sprechen müssen
Hochsensibel zu sein hat definitiv seine Schattenseiten. Wenn wir uns alles schönreden, werden wir unserer Realität nicht gerecht. Gerade wenn wir noch nicht gelernt haben, mit unserer Hochsensibilität umzugehen, kann sie richtig belasten. Ein „Du musst das nur positiv sehen“ oder „Hochsensibilität ist ein großes Geschenk“ ist für viele, die unter ihrer Hochsensibilität leiden, eher ein Schlag ins Gesicht. Wieder werden wir nicht gesehen, und unsere Wahrnehmung wird nicht ernst genommen.
Die Wahrheit ist: HSP haben eine wunderbare Gabe, und Hochsensibilität kann verdammt anstrengend sein. Beides darf gesagt werden.
Ein Blick in die Forschung erklärt, warum beides zusammengehört. Den Begriff der Hochsensibilität prägte Elaine Aron, die Pionierin der Hochsensibilitätsforschung. Sie beschrieb das Merkmal 1996 als Sensory Processing Sensitivity, also als eine tiefere Verarbeitung von Reizen bei niedrigerer Reizschwelle. Hochsensible nehmen äußere Reize intensiver auf und verarbeiten sie tiefer, und diese Reizverarbeitung ist immer aktiv. Sie sorgt dafür, dass hochsensible Personen Stimmungen, Zwischentöne und Details bemerken, die den meisten Normalsensiblen entgehen. Dieselbe Reizverarbeitung sorgt dafür, dass ein Großraumbüro, ein voller Terminkalender oder ein Streit im Nebenzimmer bei HSP schneller zur Überforderung führen. Die Forschungsgruppe um Francesca Lionetti (Lionetti et al. 2018) hat gezeigt, dass sich Menschen in ihrer Empfindlichkeit auf einem Kontinuum verteilen; die Studie trägt den Titel „Dandelions, tulips and orchids“ und unterscheidet Löwenzahn, Tulpen und Orchideen. Hochsensible sind die Orchideen: Sie reagieren stärker auf gute und auf schlechte Bedingungen. Diese besondere Empfänglichkeit für die Umgebung ist der Kern des Themas.
Genau hier liegt der Schlüssel. Die dunklen Seiten der Hochsensibilität sind die Kehrseite eines Nervensystems, das mehr aufnimmt. Ob sie sich zeigen, hängt vor allem davon ab, wie mit der Hochsensibilität eines Menschen umgegangen wurde. Wer als Kind mit seiner Sensibilität angenommen wurde, kennt viele dieser Punkte nur in milder Form. Wer dagegen immer wieder hinterfragt, belächelt oder sogar gedemütigt wurde, lernt, die eigene Wahrnehmung zu verstecken, und trägt diese Erfahrungen oft bis ins Erwachsenenalter mit sich, bis hin zu traumatischen Erfahrungen. In meiner Arbeit zeigt sich: Genau dort liegen die Wurzeln der meisten Schattenseiten. Was das mit Trauma zu tun hat, beschreibe ich im Beitrag Hochsensibilität und Trauma.
10 Schattenseiten der Hochsensibilität: was Hochsensible belastet
Die folgenden zehn Probleme begegnen mir in meiner Arbeit immer wieder, und zwar bei hochsensiblen Menschen, deren Sensibilität früher nicht angenommen wurde. Wer mit seiner Hochsensibilität gesehen und unterstützt wurde, kennt sie oft nur am Rande. Die Ausprägung ist deshalb sehr unterschiedlich.
1. Selbstkritik: Hochsensible Menschen sind gnadenlose Selbstkritiker
Du gehst abends ins Bett und dein Kopf rattert: „Warum habe ich das gesagt? Wie konnte ich nur so dumm sein? Die anderen denken bestimmt …“
Viele Hochsensible sind ihre eigenen schlimmsten Kritiker. Durch das ständige Grübeln und die intensive Verarbeitung von allem bilden wir uns pausenlos Meinungen, über andere, über uns selbst, über jede noch so kleine Situation. Die tiefe Selbstreflexion und Reflexionsfähigkeit, die Hochsensible auszeichnet, kippt dabei in Selbstkritik. Typische Gedanken, die ich im Coaching höre:
- „Ich kann nicht abschalten.“
- „Ich denke zu viel.“
- „Ich kritisiere mich ständig selbst.“
- „Warum setzen mir Sinnesreize so zu?“
- „Warum bin ich immer so hochempfindlich?“
Das kostet enorm viel Kraft und ist auf Dauer total erschöpfend.
2. Emotionale Achterbahnfahrt ohne Ausstiegsmöglichkeit
Stell dir vor: Du siehst einen Schmetterling und fühlst pure Magie. Fünf Minuten später liest du eine Nachricht und bist am Boden zerstört.
Während andere emotional recht gleichmäßig durch den Tag gehen, fahren viele Hochsensible Achterbahn, hoch, runter, hoch, runter, ohne Pause. Diese emotionale Intensität fühlt sich oft wie ein Fluch an. Dazu gehört auch die Wut: Viele hochsensible Erwachsene erleben Wutanfälle, die scheinbar aus dem Nichts kommen und für die sie sich hinterher schämen. Meist ist die Wut die letzte Stufe einer Überreizung, die schon Stunden vorher begonnen hat. Wie du intensive Gefühle steuern kannst, zeige ich dir Schritt für Schritt im Beitrag Emotionen regulieren bei Hochsensibilität.
3. Wir sind Stimmungsstaubsauger
HSP saugen die Stimmung anderer auf wie ein Staubsauger:
- Dein Chef ist schlecht drauf? Zack, ist dein Tag gelaufen.
- Deine Freundin hat Liebeskummer? Du fühlst mit, als wäre es dein eigener.
- Jemand ist gestresst im Raum? Du spürst es körperlich.
Die Empathie ist die Gabe. Das Problem beginnt, wenn die Abgrenzung fehlt: Dann trägst du am Abend die Gefühle von fünf Menschen mit dir herum und weißt nicht mehr, welches davon dein eigenes war. Warum Hochsensible fremde Gefühle so stark wahrnehmen und wie du dich davon abgrenzt, erkläre ich ausführlich im Beitrag Gefühle anderer spüren.
4. Überforderung im Alltag: Reize, Reize, Reize
Für viele HSP gehört Überforderung zum Alltag: laute Musik, Unordnung, drei Termine an einem Tag, ein unerwarteter Anruf. Jeder dieser Reize kann das Fass zum Überlaufen bringen.
Die Folgen der Überstimulation sind Konzentrationsverlust, plötzliche Wutausbrüche oder Kopfschmerzen. Dein Körper geht in den Alarmmodus wegen eines unaufgeräumten Zimmers. Viele hochsensible Menschen reagieren auf Reizüberflutung sehr ausgeprägt, weil ihr Nervensystem weniger herausfiltert und alles, was ankommt, tiefer verarbeitet. Woher die Reizüberflutung kommt, liest du im Beitrag Hochsensibilität und Reizüberflutung; was in der akuten Überreizung hilft, findest du im Beitrag Überreiztes Nervensystem beruhigen.
5. Grenzen setzen? Welche Grenzen?
Die traurige Wahrheit: Viele hochsensible Personen können keine Grenzen setzen, weil sie es nie gelernt haben. Typische Situationen:
- „Kannst du schnell …?“ „Ja, klar!“
- „Hilfst du mir mal?“ „Natürlich!“
- „Hättest du Zeit für …?“ „Doch, immer!“
Warum? Weil wir so feinfühlig für die Gefühle anderer sind, dass wir ihre Enttäuschung körperlich spüren würden. Also machen wir lieber mit, auch wenn es uns schadet. Sich durchzusetzen fühlt sich für viele Hochsensible an, als würden sie jemanden verletzen. Tatsächlich ist es umgekehrt: Wer die eigenen Bedürfnisse kennt und benennt, verhindert die stille Wut, die entsteht, wenn man zum zehnten Mal Ja gesagt und Nein gemeint hat.
6. Unsicherheit als ständiger Begleiter: Kritik, Enttäuschung und das Gefühl, zu viel zu sein
Der Klassiker: „Bin ich zu sensibel?“
Wie oft hast du das schon gehört? Von Eltern, Lehrern, Partnern, Freunden: „Stell dich nicht so an, du bist zu empfindlich, das ist doch nicht so schlimm.“ Viele Hochsensible hören diese Sätze schon als Kind, und bei hochsensiblen Kindern prägen sie das Selbstbild besonders tief. Nach Jahren dieser Botschaften glauben wir es selbst. Das hat tiefgreifende Auswirkungen auf unser Selbstwertgefühl. Wir schämen uns für unsere Sensibilität und entschuldigen uns dafür, dass wir anders sind.
Aus dieser Unsicherheit entsteht ein Muster, das mir in fast jedem Coaching begegnet: Hochsensible nehmen Kritik persönlich. Ein beiläufiger Satz des Chefs, ein knapper Blick der Freundin, eine unbeantwortete Nachricht, und schon läuft die Verarbeitung auf Hochtouren. Wenn Hochsensible verletzt sind, bleibt die Verletzung lange. Sie spüren jede Nuance der Kränkung und spielen die Szene immer wieder ab. Deshalb fällt vielen HSP auch das Verzeihen schwer. Sie wollen verzeihen, aber das Nervensystem hat die Verletzung gespeichert und meldet sie bei jeder Begegnung erneut. Verzeihen gelingt Hochsensiblen meist erst, wenn sie die eigene Verletzung ernst genommen haben, statt sie wegzudrücken. Was passiert, wenn Hochsensible ihre Empfindungen dauerhaft verbergen, habe ich im Beitrag Hochsensibilität unterdrücken beschrieben.
7. Hochsensibel Entscheidungen treffen: ein Albtraum
Wenn Hochsensible noch nicht gelernt haben, mit ihrem besonderen Nervensystem umzugehen und die eigenen Bedürfnisse zu spüren, stehen sie unter Dauerstress. Dann können wir oft keine Entscheidungen treffen:
- Welche Marmelade im Supermarkt? Zehn Minuten grübeln.
- Welches Restaurant? Eine Stunde Diskussion.
- Heiraten oder nicht? Jahre der Unsicherheit.
Warum? Weil wir jede Entscheidung bis ins kleinste Detail durchdenken: alle möglichen Konsequenzen, alle Gefühle, die wir verletzen könnten, alle Risiken. Elaine Aron nennt diese gründliche Verarbeitung „depth of processing“. Sie ist eine Stärke, wenn Zeit da ist, und eine Last, wenn der Supermarkt gleich schließt.
8. Perfektionismus bis zum Zusammenbruch
Die Wahrheit über hochsensiblen Perfektionismus: Er kostet Kraft und kann bis zur Erschöpfung führen. Alles muss perfekt sein: der Garten, die Wohnung, das Aussehen, die Arbeit, die Kinder. Null Fehlertoleranz, natürlich nur für uns selbst. Bei anderen sind wir super tolerant.
Wenn dann doch mal etwas schiefgeht, brechen wir zusammen: Schuldgefühle, Scham, Selbstvorwürfe. Der Perfektionismus ist dabei meist ein Schutz. Hochsensible Kinder lernen oft früh, dass sie Kritik nur vermeiden, wenn alles fehlerfrei ist, und tragen diese Regel als Erwachsene weiter.
9. Körperliche Warnsignale werden ignoriert
Das Gefährlichste: HSP ignorieren ihre körperlichen Grenzen. Typische Reaktionen:
- Kopfschmerzen: „Wird schon.“
- Rückenschmerzen: „Muss ich durch.“
- Schlaflosigkeit: „Normal bei mir.“
- Erschöpfung: „Ach, stell dich nicht so an.“
Das Ergebnis, wenn das über Jahre so weitergeht: chronische Erschöpfung, Burn-out, depressive Verstimmungen oder Angstzustände. Hochsensibilität selbst ist keine psychische Störung. Die Forschung zeigt aber einen Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und Angst oder Depression, besonders wenn hochsensible Menschen ungünstigen Bedingungen ausgesetzt sind und ihre Grenzen dauerhaft übergehen. Wie Dauerstress im hochsensiblen Körper wirkt, erkläre ich im Beitrag Cortisol, Hochsensible und Dauerstress. Wie du deine Energie im Alltag schützt, liest du im Beitrag Hochsensibilität und Selbstfürsorge.
10. Ziele entwickeln? Welche Ziele?
Viele HSP können keine Ziele entwickeln. Mit fehlendem Ehrgeiz hat das wenig zu tun. Es kommen zwei Dinge zusammen:
- Eine innere Stimme, die sagt: „Du schaffst das sowieso nicht.“
- Wir haben keine Ahnung, was wir wirklich wollen, weil wir so sehr auf andere fokussiert sind.
Das Ergebnis: Es ist, als würdest du in einem Taxi sitzen und sagen „Fahren Sie mich nach Hause“, ohne zu sagen, wo du wohnst.
Probleme der Hochsensiblen auf einen Blick
| Schattenseite | Woran du sie erkennst | Was hilft |
|---|---|---|
| Selbstkritik | Grübeln am Abend, Sätze wie „Ich denke zu viel“ | Gedanken benennen, mit dir sprechen wie mit einer guten Freundin |
| Emotionale Achterbahn | Starke Ausschläge nach oben und unten, plötzliche Wut | Überreizung früh erkennen, Gefühle zulassen statt wegdrücken |
| Stimmungsstaubsauger | Du trägst die Laune anderer nach Hause | Eigene Gefühle von fremden unterscheiden, Abgrenzung üben |
| Überforderung | Kopfschmerzen, Konzentrationsverlust, Reizbarkeit | Reize reduzieren, Pausen einplanen, Nervensystem beruhigen |
| Fehlende Grenzen | Automatisches Ja, stille Wut danach | Bedürfnisse kennen, Nein üben, Enttäuschung anderer aushalten |
| Unsicherheit und Kritik | Alles persönlich nehmen, lange verletzt sein | Verletzung ernst nehmen, dann prüfen, was wirklich gemeint war |
| Entscheidungen | Endloses Abwägen, Angst vor Fehlern | Zeitrahmen setzen, den Körper mitentscheiden lassen |
| Perfektionismus | Null Fehlertoleranz bei dir selbst | Fehler als Information sehen, aus der du lernst |
| Überhörte Warnsignale | Schmerzen und Schlafprobleme werden weggeredet | Körper täglich abfragen, Erholung fest einplanen |
| Fehlende Ziele | Kein Gefühl für eigene Wünsche | Erst Bedürfnisse spüren, dann Ziele ableiten |
Der Wendepunkt: Hochsensibilität ist keine psychische Störung
Jetzt fragst du dich vielleicht: „Toll, und was soll ich jetzt mit diesen Informationen machen?“
Hier ist die Sache: Erst wenn wir die Schattenseiten anerkennen, können wir damit arbeiten. Die glücklichsten Hochsensiblen haben eines gemeinsam: Sie haben aufgehört, sich für die eigene Hochsensibilität zu entschuldigen. Sie haben gelernt, dass Hochsensibilität weder Fluch noch Segen ist. Sie ist einfach da, ein Merkmal wie braune Augen oder große Füße. Für Elaine Aron ist Hochsensibilität ein angeborenes Temperamentsmerkmal und keine psychische Störung. Einen Nachteil macht erst die Umgebung daraus, die nicht zu diesem Temperament passt.
Zu jeder der zehn Schattenseiten gibt es eine Stärke, die aus derselben Wurzel kommt: Die Selbstkritik ist die Kehrseite der Selbstreflexion, der Stimmungsstaubsauger die Kehrseite der Empathie und der sozialen Kompetenz, der Perfektionismus die Kehrseite der Gewissenhaftigkeit. Welche Stärken das im Einzelnen sind, liest du im Beitrag 10 Stärken der Hochsensibilität. Wie du daraus innere Widerstandskraft aufbaust, beschreibe ich im Beitrag Hochsensibilität und Resilienz.
Was hochsensible Menschen jetzt mitnehmen können
- Behandle dich so, wie du deinen besten Freund behandeln würdest.
- Emotionale Grenzen schützen dich. Du darfst den Schmerz anderer bei ihnen lassen.
- Erkenne Überforderung, bevor du zusammenbrichst. Dein Körper sendet Signale, hör auf sie.
- „Nein“ sagen ist Selbstschutz. Es ist wichtig, den Körper zu spüren, damit du Entscheidungen treffen kannst.
- Deine Sensibilität ist richtig so, wie sie ist.
Du bist nicht allein: Hochsensibilität erkennen und annehmen
Wenn du dich in diesem Artikel wiedererkannt hast, weißt du jetzt: Viele sensible Menschen erleben genau das. Es gibt sie in jeder Familie, in jedem Team und in jeder Schulklasse, die meisten haben nur nie ein Wort dafür bekommen. Du bist einfach hochsensibel, und das ist okay.
Hochsensibilität ist keine Krankheit. Sie ist eine Charakterausprägung mit Licht und Schatten, und beide Seiten verdienen es, gesehen zu werden.
Hochsensibel leicht leben: bereit für den nächsten Schritt?
Hast du genug von diesem Kreislauf? Möchtest du endlich lernen, wie du mit Selbstkritik, Überforderung, fehlenden Grenzen und all den anderen Herausforderungen umgehst? Dann ist es Zeit für eine professionelle Unterstützung. In meinem Stressmanagement-Kurs für Hochsensible bearbeiten wir genau diese zehn Punkte und noch einiges mehr.
Das lernst du:
- Wie du deine Selbstkritik in den Griff bekommst
- Wirksame Strategien gegen Überforderung
- Grenzen setzen ohne schlechtes Gewissen
- Entscheidungen treffen ohne stundenlange Grübeleien
- Deinen Körper wieder wahrnehmen und respektieren
Du musst da nicht allein durch: In meinem Coaching für Hochsensible gehen wir solche Themen gemeinsam an. Die Schattenseiten sind ein Teil des Bildes. Wenn du die eigene Hochsensibilität verstehen möchtest, von der Reizverarbeitung bis zum Umgang im Alltag, findest du das ganze Bild zum Thema Hochsensibilität auf meiner Seite Hochsensibilität: Was sie mit deinem Leben macht. Wer noch unsicher ist, ob der Begriff Hochsensibilität überhaupt auf ihn zutrifft, kann mit meinem Test für Erwachsene beginnen.
Häufige Fragen zu den Schattenseiten der Hochsensibilität
Welche Probleme haben hochsensible Menschen im Alltag?
Am häufigsten sind Überforderung durch Reize wie Lärm, Menschenmengen oder volle Terminkalender, das Aufnehmen fremder Stimmungen, Schwierigkeiten beim Grenzensetzen und eine starke Selbstkritik. Dazu kommen Entscheidungsschwierigkeiten, Perfektionismus und das Übergehen körperlicher Warnsignale. Wie stark diese Probleme im Alltag wiegen, hängt vor allem davon ab, wie früher mit der Sensibilität umgegangen wurde, wie gut ein hochsensibler Mensch seine Veranlagung heute kennt und wie viel Erholung sein Alltag zulässt. Wer als Kind angenommen wurde, erlebt viele dieser Probleme kaum.
Welche Nachteile hat Hochsensibilität?
Der größte Nachteil ist die schnellere Erschöpfung: Weil das Nervensystem mehr aufnimmt und tiefer verarbeitet, ist der Akku früher leer. In einer lauten, hektischen Umgebung fällt es Hochsensiblen schwerer, konzentriert zu bleiben, und Konflikte oder Kritik wirken länger nach. Diese Nachteile hängen stark von den Bedingungen ab. In einer passenden Umgebung überwiegen bei vielen HSPs die Stärken der Hochsensibilität.
Was triggert hochsensible Menschen?
Typische Auslöser sind Lärm, grelles Licht, starke Gerüche, Zeitdruck, Konflikte in der Nähe, Kritik und unerwartete Änderungen. Auch positive Reize wie ein Fest oder eine Reise können überfordern, weil das Nervensystem alles gleich intensiv verarbeitet. Bei vielen Hochsensiblen wirken mehrere kleine Reize zusammen, bis ein letzter, oft harmloser Reiz den Zusammenbruch auslöst.
Was passiert, wenn alles zu viel wird?
In der Überreizung schaltet das Nervensystem auf Alarm. Das zeigt sich als Reizbarkeit, Wut, Weinen, Rückzug, Konzentrationsverlust, Kopfschmerzen oder als Gefühl von Taubheit. Manche Hochsensible funktionieren nach außen weiter und brechen erst zu Hause ein. Hilfreich ist dann alles, was Reize reduziert: ein ruhiger Raum, Bewegung, Schlaf und der Verzicht auf weitere Entscheidungen an diesem Tag.
Ist Hochsensibilität eine psychische Störung?
Nein. Hochsensibilität ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, das die Forschung als Sensory Processing Sensitivity beschreibt. Sie steht in keinem Diagnosekatalog. Die Schattenseiten können allerdings in eine Erschöpfung, eine depressive Verstimmung oder eine Angststörung führen, wenn ein hochsensibler Mensch seine Grenzen dauerhaft übergeht. Dann braucht es ärztliche oder therapeutische Hilfe. Die Hochsensibilität gehört dabei zum Verständnis dazu; behandelt wird die Erschöpfung, die Depression oder die Angst.
Warum nehmen Hochsensible alles persönlich?
Weil sie jede Nuance in Stimme, Blick und Wortwahl wahrnehmen und diese Eindrücke tief verarbeiten. Ein beiläufiger Satz wird deshalb so gründlich durchdacht wie eine ernste Kritik. Kommt eine Vorgeschichte hinzu, in der die eigene Sensibilität oft abgewertet wurde, liest das Nervensystem in jeder Bemerkung eine mögliche Abwertung. Hilfreich ist es, die erste Reaktion zuzulassen und danach zu prüfen, was tatsächlich gesagt wurde.
Können hochsensible Menschen verzeihen?
Ja, sie brauchen dafür meist länger als andere. Hochsensible speichern Verletzungen mit allen Details, und das Nervensystem meldet die Verletzung bei jeder Begegnung erneut. Verzeihen gelingt in der Regel erst, wenn die eigene Verletzung ernst genommen und ausgesprochen wurde. Ein schnelles „Ist schon gut“ hält bei Hochsensiblen selten.
Wie kann ich mich als hochsensibler Mensch durchsetzen?
Durchsetzen beginnt damit, die eigenen Bedürfnisse zu kennen. Viele Hochsensible spüren erst Stunden später, dass sie etwas nicht wollten. Hilfreich ist ein kurzer Aufschub: „Ich sage dir morgen Bescheid“ verschafft Zeit, den Körper zu befragen. Danach hilft eine klare, freundliche Formulierung ohne lange Begründung. Die Enttäuschung des anderen darfst du wahrnehmen, ohne sie zu übernehmen.
Was sollte man im Umgang mit hochsensiblen Menschen vermeiden?
Sätze wie „Stell dich nicht so an“ oder „Du bist zu empfindlich“ treffen Hochsensible an ihrer wundesten Stelle, weil sie diese Botschaften meist seit der Kindheit kennen. Ebenso schwierig sind Überraschungen, Zeitdruck, laute Umgebungen und Kritik vor anderen. Hilfreich sind Vorlauf, ein ruhiger Rahmen für schwierige Gespräche und die Bereitschaft, die Wahrnehmung des Hochsensiblen ernst zu nehmen, auch wenn man sie selbst nicht teilt. Mehr dazu liest du im Beitrag Was hochsensible Menschen nicht mögen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Aron, E. N. (1996): The Highly Sensitive Person. Broadway Books, New York. Deutsch: Sind Sie hochsensibel?
- Aron, E. N. und Aron, A. (1997): Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73, 345 bis 368.
- Liss, M., Timmel, L., Baxley, K. und Killingsworth, P. (2005): Sensory processing sensitivity and its relation to parental bonding, anxiety, and depression. Personality and Individual Differences, 39, 1429 bis 1439.
- Acevedo, B. P. und andere (2014): The highly sensitive brain: an fMRI study of sensory processing sensitivity and response to others‘ emotions. Brain and Behavior, 4, 580 bis 594.
- Lionetti, F. et al. (2018): Dandelions, tulips and orchids: evidence for the existence of low-sensitive, medium-sensitive and high-sensitive individuals. Translational Psychiatry, 8, 24.
- Greven, C. U. und andere (2019): Sensory Processing Sensitivity in the context of Environmental Sensitivity: A critical review and development of research agenda. Neuroscience and Biobehavioral Reviews, 98, 287 bis 305.
Über die Autorin

Sandra Quedenbaum arbeitet seit über zwanzig Jahren mit hochsensiblen Menschen und bildet seit fast 20 Jahren Coaches aus. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, ausgebildete Lehrtrainerin, selbst hochsensibel und begleitet ihre Kunden im Einzelcoaching, in Online-Kursen und in der Ausbildung zum HSP-Coach. Ihr Ansatz ist körperorientiert und traumasensibel.

