Gefühle anderer spüren: Fremde Emotionen wahrnehmen und sich abgrenzen

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Bunte Lichtspirale in kräftigen Farben, Sinnbild für die starke Gefühlswelt Hochsensibler

Eine Kundin erzählte mir von einer Besprechung, in der nichts Besonderes passiert ist. Es wurde über Zahlen gesprochen, niemand wurde laut. Sie kam nach Hause, legte sich hin und war für den Rest des Tages nicht mehr ansprechbar. Auf meine Frage, was denn vorgefallen sei, sagte sie: „Nichts. Aber der Kollege links von mir war völlig fertig, und die Chefin hat sich über irgendetwas geärgert, das gar nichts mit uns zu tun hatte.“

 

Sie hat nichts erlebt. Sie hat mitgefühlt, was zwei andere Menschen erlebt haben.

In diesem Beitrag geht es darum, was passiert, wenn du die Gefühle anderer Menschen spürst, warum das bei hochsensiblen Menschen stärker ausfällt und wie du lernst, zwischen deinen eigenen Gefühlen und fremden zu unterscheiden. Warum du grundsätzlich intensiver fühlst, habe ich im Beitrag über Hochsensibilität und Gefühle beschrieben. Falls du erst einmal wissen möchtest, ob du überhaupt hochsensibel bist, findest du dafür meinen Test für Erwachsene.

Kurz gesagt: Gefühle anderer spüren

Die Gefühle anderer zu spüren ist Empathie. Übersinnlich ist daran nichts. Unser Gehirn simuliert die Emotionen des Gegenübers und erzeugt dabei eine eigene, echte Körperreaktion. Bei hochsensiblen Menschen fällt diese Reaktion stärker aus, weil Reize tiefer verarbeitet werden. Belastend wird es erst, wenn die Unterscheidung verloren geht: Wer nicht mehr merkt, welches Gefühl zu wem gehört, übernimmt Stimmungen, die er nicht lösen kann. Abgrenzen heißt deshalb, die Zuordnung zurückzugewinnen. Weniger fühlen musst du dafür nicht.

Was eigentlich passiert, wenn du Gefühle anderer spürst

Wenn dein Gegenüber traurig ist und dir die Kehle eng wird, ist das keine Einbildung. Die Emotion, die du wahrnimmst, erzeugt in dir eine körperliche Reaktion, die der seinen ähnelt. Die Psychologie nennt das emotionale Ansteckung. Elaine Hatfield und ihre Kollegen haben in den neunziger Jahren beschrieben, wie Menschen die Mimik, Körperhaltung und Sprechweise ihres Gegenübers unbewusst nachahmen und dadurch dessen Gefühlszustand in Ansätzen selbst erzeugen. Das läuft in Millisekunden ab, lange bevor du darüber nachdenkst.

Die Forschung unterscheidet zwei Wege. Bei der affektiven Empathie fühlst du mit, du übernimmst also den Gefühlszustand. Bei der kognitiven Empathie verstehst du, was der andere fühlt, ohne es selbst zu durchleben. Beides ist Empathie, und beides ist nützlich. Empathische Menschen, die die Gefühle anderer stark spüren, haben meist einen sehr ausgeprägten affektiven Anteil. Man spricht auch von Einfühlungsvermögen, wenn beides zusammenwirkt.

Tania Singer und Olga Klimecki haben eine Unterscheidung ergänzt, die im Alltag mehr hilft als jede andere. Sie trennen Mitgefühl von empathischem Distress. Mitgefühl ist zugewandt, es bleibt handlungsfähig und ist mit Wärme verbunden. Empathischer Distress ist die emotionale Überlastung: Du leidest mit, bist selbst belastet und ziehst dich zurück, um dich zu schützen. Wer regelmäßig nach Begegnungen ausgelaugt ist, kennt meist den zweiten Zustand.

Was im Gehirn passiert, wenn du Gefühle anderer Menschen spürst

In den neunziger Jahren entdeckte die Arbeitsgruppe um Giacomo Rizzolatti Nervenzellen, die sowohl beim eigenen Handeln feuern als auch beim Beobachten derselben Handlung bei einem anderen. Diese Spiegelneuronen wurden schnell zur Erklärung für alles Empathische erklärt. Dafür ist die Datenlage dünner, als es viele Ratgeber darstellen, und unter Neurowissenschaftlern ist die Hypothese umstritten. Gregory Hickok hat die Kritik 2014 in einem eigenen Buch zusammengefasst. Gesichert ist der allgemeinere Befund der Neurowissenschaften: Beim Beobachten fremder Gefühle werden im Gehirn ähnliche Regionen aktiviert wie beim eigenen Erleben, unter anderem die Inselrinde, die Körperempfindungen verarbeitet. Das Gehirn simuliert also einen Teil dessen, was es beim Gegenüber wahrnimmt.

Für hochsensible Menschen gibt es dazu eine aufschlussreiche Untersuchung. Bianca Acevedo und ihr Team zeigten Probanden 2014 im Kernspintomografen Fotos von fröhlichen und traurigen Gesichtern. Bei den hochsensiblen Teilnehmern waren die Regionen, die mit Empathie und Körperwahrnehmung zu tun haben, deutlich stärker aktiviert als bei den anderen, besonders bei den Bildern des vertrauten Partners. Das ist der beste Beleg dafür, dass die Wahrnehmung fremder Gefühle bei Hochsensiblen tatsächlich anders verläuft und nicht nur anders erzählt wird. Was diese feine Wahrnehmung für eine Liebesbeziehung bedeutet, beschreibe ich im Beitrag Hochsensibilität in der Partnerschaft.

Warum hochsensible Menschen die Gefühle anderer stärker spüren

Elaine Aron beschreibt als Kern der Hochsensibilität die tiefere Verarbeitung von Reizen. Ein Gesichtsausdruck, ein Tonfall, eine Pause im Satz sind Reize wie jeder andere. Ein hochsensibles Nervensystem registriert sie und setzt sie sofort in Bezug zu allem, was es über die Situation weiß. Genau das führt dazu, dass hochsensible Menschen in Sekundenschnelle erfassen, wie die Stimmung in einem Raum ist, wer mit wem im Konflikt steht und wer sich unwohl fühlt. Ihre Antenne für Zwischenmenschliches ist fein eingestellt.

Diese Fähigkeit ist im Coaching, in der Pflege, in der Beratung und in der Erziehung viel wert. Sie hat nur eine Bedingung: Du musst wissen, wessen Gefühl du gerade in dir trägst. Fehlt diese Zuordnung, wird aus einer Stärke eine Dauerbelastung.

Wie sich das im Alltag zeigt

In meiner Arbeit beschreiben Kunden immer wieder dieselben Situationen. Du betrittst einen Raum und weißt sofort, dass gestritten wurde, obwohl alle freundlich schauen. Du telefonierst und merkst am ersten Satz, dass etwas nicht stimmt. Du sitzt neben einem Menschen, dem es schlecht geht, und bekommst selbst Bauchschmerzen, Übelkeit oder Kopfschmerzen. Du gehst nach einem Familienfest nach Hause und bist erschöpft, obwohl es ein schöner Abend war.

Bunter Schriftzug "Empathie" zwischen zwei sich zugewandten Köpfen

Ein häufiges Muster ist das verzögerte Einsetzen. Während der Begegnung funktionierst du gut, erst danach kommt die Erschöpfung. Das führt dazu, dass viele den Zusammenhang gar nicht herstellen und ihre Müdigkeit für ein körperliches Problem halten.

Manche Kunden berichten mir auch, dass sie bei vertrauten Menschen über Entfernung etwas mitbekommen: ein ungutes Gefühl, kurz bevor ein Anruf kommt. Ich nehme diese Erfahrungen ernst, weil sie oft und unabhängig voneinander geschildert werden. Eine wissenschaftliche Erklärung dafür gibt es nicht. Erklärbar ist die Genauigkeit, mit der vertraute Menschen einander lesen: Wer jemanden über Jahre kennt, registriert kleinste Abweichungen in Stimme, Rhythmus und Verhalten und zieht daraus unbewusst Schlüsse, die sich wie Ahnungen anfühlen.

Wenn Mitfühlen zur emotionalen Überlastung wird

Ob es zu viel wird, entscheidet die Verarbeitung. Die Menge der Gefühle ist zweitrangig. Solange du fremde Gefühle wahrnehmen, einordnen und wieder abgeben kannst, ist alles in Ordnung. Problematisch wird es, wenn sie hängenbleiben.

Daran erkennst du eine Überlastung:

  • Du bist nach Begegnungen erschöpft, ohne dass etwas Anstrengendes passiert ist.
  • Stimmungen anderer wirken bei dir über Stunden oder Tage nach.
  • Du grübelst über Probleme, die gar nicht deine sind.
  • Du meidest Menschenansammlungen, Nachrichten oder bestimmte Personen.
  • Du reagierst gereizt, ohne zu wissen, worauf.
  • Dein Körper meldet sich mit Verspannung, Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen oder Schlafstörungen.

Kommt zur emotionalen Belastung noch die alltägliche Reizmenge dazu, rutschst du schnell in die Überreizung. Wie du ein überreiztes Nervensystem wieder beruhigst, habe ich in einem eigenen Beitrag beschrieben. Hält der Zustand über Wochen an, spielt auch das Stresshormon Cortisol eine Rolle, das dafür sorgt, dass Gefühle länger nachhallen als nötig. Das ist ein Signal, dass die Erholung fehlt. Ein Symptom einer Krankheit ist es nicht.

Die wichtigste Frage: Ist das meins oder deins?

Das ist die Frage, die ich Kunden und den Teilnehmern meiner Ausbildung am häufigsten mitgebe, und sie wirkt verblüffend schnell. Wenn ein starkes Gefühl auftaucht, halte einen Moment inne und prüfe:

Wann hat es angefangen? Wenn die Schwere erst aufkam, als dein Kollege den Raum betrat, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie ihm gehört.

Passt es zu deiner Lage? Wenn dein Tag gut war und du trotzdem verzweifelt bist, lohnt sich die Frage, wem du heute begegnet bist.

Verändert es sich, wenn du allein bist? Fremde Gefühle lassen nach, wenn der Kontakt endet, manchmal erst nach einer Weile. Deine eigenen Gefühle bleiben.

Was ist im Körper? Eigene Gefühle haben meist einen klaren Ort und einen Anlass. Übernommene fühlen sich oft diffus an, als läge etwas auf dir, das nicht zu dir gehört.

Diese Prüfung braucht am Anfang Zeit. Nach einigen Wochen läuft sie fast automatisch ab, und genau das ist der Punkt, an dem viele Kunden zum ersten Mal sagen, dass es leichter wird. Die Selbstwahrnehmung wird dabei genauso differenziert wie die Wahrnehmung des Gegenübers. Wie du deine eigenen starken Gefühle in sieben Schritten regulierst, beschreibe ich im Beitrag Emotionen regulieren bei Hochsensibilität.

Warum manche Menschen sich nicht abgrenzen können

Es gibt Kunden, bei denen diese Unterscheidung von Anfang an schwerfällt. Das hat selten mit mangelnder Übung zu tun.

Wenn Hochsensibilität mit einem Entwicklungstrauma zusammentrifft, verschiebt sich die Wahrnehmung. Ein Kind, das früh lernen musste, die Stimmung der Eltern zu lesen, um Ärger zu vermeiden, entwickelt dafür eine hohe Genauigkeit. Die eigenen Emotionen treten dabei in den Hintergrund, weil sie im Zweifel gestört haben. Als Erwachsener nimmst du dann die Gefühle anderer zuverlässiger wahr als deine eigenen. Oder du spürst deine eigenen Bedürfnisse, stellst sie aber selbstverständlich zurück.

In solchen Fällen ist Abgrenzung ein Entwicklungsschritt, der nachgeholt wird. Mit einer Technik, die man anwendet, ist es dann nicht getan. Über den Unterschied zwischen Hochsensibilität und Trauma habe ich einen eigenen Beitrag geschrieben, ebenso über Schocktrauma und Entwicklungstrauma.

Zwei Menschen sitzen eng aneinandergelehnt auf einer Bank am Wasser, Sinnbild für Harmonie und Nähe

Empath, hochempathisch, hochsensibel: Was ist was?

Die Begriffe werden durcheinandergeworfen, deshalb eine kurze Einordnung.

Hochsensibilität ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das Elaine Aron seit 1997 erforscht und das etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen betrifft. Es umfasst mehr als Empathie, nämlich die Reizverarbeitung insgesamt.

 

Empath und hochempathisch sind Alltagsbezeichnungen für Menschen mit stark ausgeprägter affektiver Empathie. In der Forschung kommen beide Begriffe nicht vor. Auch der Ausdruck Hyperempathie-Syndrom kursiert im Netz, ohne dass es dafür eine anerkannte Diagnose gäbe.

Autismus wird oft mit fehlender Empathie gleichgesetzt, was so nicht stimmt. Bei Menschen mit Autismus ist häufig die kognitive Empathie erschwert, das Einschätzen und Mentalisieren also, während das Mitfühlen erhalten oder sogar sehr stark sein kann.

Wichtig ist der Satz, der daraus folgt: Gefühle anderer stark zu spüren ist kein Symptom und keine psychische Störung. Es wird erst dann zum Thema, wenn es dich erschöpft.

Infografik Empathie ohne Erschöpfung mit vier Punkten. Das Nervensystem verarbeitet Emotionen tiefer: Das Gehirn simuliert fremde Gefühle als echte körperliche Reaktionen, was bei Hochsensiblen zu schneller Überreizung führt. Kernfrage, ist das meins oder deins: Prüfe bei starken Gefühlen, ob sie erst durch eine andere Person entstanden sind und ob sie im Alleinsein nachlassen. Körper-Anker gegen empathischen Distress nutzen: Durch das Spüren der Füße oder bewusstes Ausatmen bleibst du bei dir, statt in fremden Stimmungen zu versinken. Geplante Nachsorge nach sozialen Kontakten: Plane nach emotional dichten Begegnungen bewusst reizarme Zeit ein, um das Aufgenommene zu verdauen.

Sieben Wege, dich abzugrenzen, ohne dich zu verschließen

Die Zuordnung üben. Frage dich bei jedem starken Gefühl, ob es deins ist. Das ist die Grundlage, alles andere baut darauf auf.

Vor Begegnungen kurz bei dir ankommen. Eine Minute im Auto sitzen bleiben und wahrnehmen, wie es dir gerade geht, bevor du in ein Treffen gehst. Wer seinen Ausgangszustand kennt, merkt hinterher, was dazugekommen ist. Diese Form der Achtsamkeit braucht keine Übungsmatte.

Körperlich bleiben. Gefühle anderer erreichen dich über den Körper, deshalb hilft der Körper beim Sortieren. Füße spüren, länger ausatmen als einatmen, etwas in die Hand nehmen. Das klingt banal und ist das Wirksamste, was ich kenne.

Innerlich einen Schritt zurücktreten. Manchen Kunden hilft das Bild einer halbdurchlässigen Grenze: Du nimmst wahr, was beim anderen los ist, lässt es aber nicht ungefiltert ein. Das ist Kopfarbeit und funktioniert nicht bei jedem gleich gut.

Von Mitleiden zu Mitgefühl wechseln. Statt mitzuleiden, fokussiere darauf, was der andere jetzt brauchen könnte. Diese Fürsorge verändert den inneren Zustand messbar und macht dich handlungsfähig, statt dich zu lähmen.

Nachsorge einplanen. Nach einem emotional dichten Tag brauchst du Zeit ohne Menschen und ohne Reize, um das Aufgenommene zu verdauen. Wer diese Zeit streicht, sammelt an. Diese Selbstfürsorge gehört zur Arbeit dazu.

Kontakte dosieren. Es gibt Menschen, die nach jeder Begegnung etwas bei dir zurücklassen. Du darfst die Häufigkeit dieser Treffen steuern, ohne dich dafür zu rechtfertigen.

Auf einen Blick

SituationWas in dir passiertWas hilft
Du betrittst einen Raum und spürst SpannungEmotionale Ansteckung über Mimik, Haltung, TonfallKurz innehalten, eigenen Zustand prüfen
Du bist nach einem Gespräch erschöpftEmpathischer Distress, das Mitfühlen hat überwogenNachsorge, Reizpause, Bewegung
Fremde Stimmungen wirken tagelang nachErhöhtes Stressniveau, Gefühle klingen langsamer abErholung planen, Stressquellen prüfen
Du weißt nicht, ob ein Gefühl deins istDie Zuordnung fehltDie vier Prüffragen anwenden
Du spürst andere zuverlässiger als dich selbstFrüh erlernte Ausrichtung auf andereBegleitung, nicht nur Technik
Du meidest Menschen ganzSchutz durch Rückzug, auf Dauer einsamDosieren statt vermeiden

Wenn Abgrenzung allein nicht reicht

Manche Muster lösen sich mit Übung. Andere sitzen tiefer, besonders wenn das Lesen fremder Stimmungen einmal überlebenswichtig war. Wenn du merkst, dass du dich seit Jahren im Kreis drehst, dass du dich nur noch über die Bedürfnisse anderer wahrnimmst oder dass die Erschöpfung nicht mehr weggeht, ist professionelle Begleitung sinnvoll. In meinem Coaching für Hochsensible arbeite ich genau daran: die eigenen Gefühle wieder zu erreichen und die fremden dort zu lassen, wo sie hingehören.

Lieber hören als lesen? In diesem Video spreche ich über Hochsensibilität und Gefühle, das Thema, das diesem Beitrag zugrunde liegt.

Häufige Fragen zum Spüren fremder Gefühle

Wie nennt man Menschen, die Gefühle und Emotionen anderer spüren?

Im Alltag werden sie oft Empathen oder hochempathische Menschen genannt. Beides sind keine wissenschaftlichen Begriffe. Fachlich beschreibt man die Fähigkeit zur Empathie in ihrem affektiven Anteil. Viele dieser Menschen sind hochsensibel, aber nicht jeder hochsensible Mensch spürt fremde Gefühle gleich stark.

Wie kann man sich von den Gefühlen anderer Menschen abgrenzen?

Der erste Schritt ist die Zuordnung: prüfen, wann ein Gefühl aufkam, ob es zu deiner Lage passt und ob es nachlässt, wenn du allein bist. Dazu kommen körperliche Anker, bewusste Pausen vor und nach Begegnungen und die Entscheidung, welchen Kontakten du wie viel Raum gibst.

Was ist hochempathisch?

Gemeint ist eine besonders stark ausgeprägte Fähigkeit, die Gefühle anderer wahrzunehmen und mitzuerleben. Es ist eine Beschreibung. Eine Diagnose gibt es dafür nicht. Belastend wird sie erst, wenn das Mitfühlen in eigene Erschöpfung kippt.

Kann man die Energie anderer Menschen spüren?

Was Menschen als Energie beschreiben, lässt sich in aller Regel auf wahrgenommene Signale zurückführen: Mimik, Körperspannung, Stimmlage, Atemrhythmus, Verhalten im Raum. Hochsensible verarbeiten diese Signale genauer, oft ohne sie benennen zu können. Deshalb fühlt es sich an, als käme die Information aus dem Nichts.

Warum spüre ich die Gefühle anderer stärker als früher?

Das hat meist mit dem Stressniveau zu tun. Ein belastetes Nervensystem filtert schlechter und reagiert schneller auf Reize. Auch Lebensphasen mit wenig Erholung, hormonelle Veränderungen oder eine länger andauernde Überforderung führen dazu, dass die Durchlässigkeit zunimmt.

Ist es schlimm, wenn ich die Gefühle anderer nicht abstellen kann?

Abstellen ist nicht das Ziel und wäre auch ein Verlust. Es geht um Unterscheidung. Wenn du weißt, welches Gefühl wem gehört, kannst du empathisch und einfühlsam bleiben, ohne dich zu verlieren.

Spüren Hochsensible Gefühle über Entfernung?

Viele berichten davon, besonders bei nahestehenden Menschen. Wissenschaftlich belegt ist das nicht. Erklärbar ist, dass vertraute Menschen einander sehr genau lesen und kleinste Veränderungen im Verhalten registrieren, lange bevor sie darüber sprechen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Aron, E. N., Aron, A. (1997): Sensory-Processing Sensitivity and its Relation to Introversion and Emotionality. Journal of Personality and Social Psychology.
  • Aron, E. N. (1996): Sind Sie hochsensibel? Ein praktisches Handbuch für hochsensible Menschen.
  • Acevedo, B. P. et al. (2014): The highly sensitive brain: an fMRI study of sensory processing sensitivity and response to others‘ emotions. Brain and Behavior.
  • Hatfield, E., Cacioppo, J. T., Rapson, R. L. (1993): Emotional Contagion. Current Directions in Psychological Science.
  • Singer, T., Klimecki, O. M. (2014): Empathy and compassion. Current Biology.
  • Rizzolatti, G., Craighero, L. (2004): The mirror-neuron system. Annual Review of Neuroscience.
  • Hickok, G. (2014): The Myth of Mirror Neurons. W. W. Norton, New York.
  • Decety, J., Jackson, P. L. (2004): The functional architecture of human empathy. Behavioral and Cognitive Neuroscience Reviews.
  • Lionetti, F. et al. (2018): Dandelions, tulips and orchids: evidence for the existence of low-sensitive, medium-sensitive and high-sensitive individuals. Translational Psychiatry.

Über die Autorin

Sandra Quedenbaum, Coach für Hochsensible

Sandra Quedenbaum arbeitet seit über zwanzig Jahren mit hochsensiblen Menschen und bildet seit fast 20 Jahren Coaches aus. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und begleitet ihre Kunden im Einzelcoaching, in Online-Kursen und in der Ausbildung zum HSP-Coach. Ihr Ansatz ist körperorientiert und traumasensibel.

Zuletzt aktualisiert am 25. September 2026

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