Hochsensible Männer: Das macht sie attraktiv

Inhaltsverzeichnis

In diesem Beitrag erkläre ich nur kurz, was Hochsensibilität ist. Es geht um die Frage, wie hochsensible Männer von außen wahrgenommen werden, was diese Blicke mit ihrem Bild von der eigenen Männlichkeit machen und warum so viele von ihnen ausgerechnet das verstecken, was sie als Mann besonders wertvoll macht.

Du spürst, wenn die Stimmung im Raum kippt, bevor jemand ein Wort gesagt hat. Du denkst Dinge zu Ende, bevor du sprichst. Nach einem lauten Tag ist dein Akku leer, während die Kollegen noch zusammensitzen. Und irgendwann hast du gelernt, all das für dich zu behalten, weil ein Mann so etwas angeblich nicht kennt. Da ist der Moment im Meeting, in dem du die beste Idee hast und schweigst, weil zwei Kollegen lauter sind und dir das Gegeneinander widerstrebt. Abends wirfst du dir vor, wieder nichts gesagt zu haben. Oder der Abend, an dem du einer Frau zwei Stunden aufmerksam zuhörst und am Ende hörst, was für ein guter Freund du bist.

Wenn du dich in solchen Momenten wiedererkennst, bist du hier richtig. Ich lade dich ein, beim Lesen zu prüfen, was davon zu dir passt oder zu dem Mann an deiner Seite. Schauen wir uns das genauer an.

Kurz gesagt zu hochsensiblen Männern: Hochsensible Männer verarbeiten Reize und Gefühle tiefer als andere und sind nach Elaine Aron ebenso häufig hochsensibel wie Frauen. Viele empfinden ihre Einfühlsamkeit als unmännlich und verstecken sie: Im Beruf gehen sie der Ellenbogengesellschaft aus dem Weg, bei der Partnersuche bleiben sie der gute Freund, und ihre Gefühle behalten sie für sich. Studien zeigen, dass Frauen selbstbewusste Männer anziehend finden, besonders wenn Stärke und Freundlichkeit zusammenkommen. Die Freundlichkeit bringen hochsensible Männer bereits mit. Anziehend wirken sie, sobald sie ihre Fähigkeiten selbstbewusst vertreten, also klar benennen, was sie können und brauchen, ohne sich dafür zu entschuldigen. Hilfreich sind die Einordnung als Veranlagung, feste Rückzugszeiten und Begleitung.

Was Hochsensibilität bei Männern bedeutet

Hochsensibilität ist angeboren. Das Nervensystem nimmt mehr Reize auf und verarbeitet sie gründlicher, vergleichbar mit einem Filter, der weiter offen steht als bei anderen. Die Psychologin Elaine Aron erforscht das Merkmal seit den 1990er-Jahren und beschreibt vier Kennzeichen: tiefes Verarbeiten, schnelle Überstimulation (der Akku ist früher leer), starke Gefühle mit viel Mitgefühl und die Wahrnehmung feiner Reize. Etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen sind hochsensibel, und Aron geht davon aus, dass Männer und Frauen gleich häufig betroffen sind. In Fragebögen erreichen Frauen im Schnitt höhere Werte, etwa in einer spanischen Untersuchung mit 9.447 Teilnehmern. Ob Männer tatsächlich seltener hochsensibel sind oder ihre Sensibilität im Fragebogen seltener angeben, ist wissenschaftlich offen.

Gezielte Studien dazu, wie hochsensible Männer die Männerrolle erleben, gibt es bisher kaum. Was ich dir hier beschreibe, stützt sich auf Beobachtungen aus meiner Arbeit, auf die Berichte des Psychotherapeuten Tom Falkenstein und auf allgemeine Forschung zu Männern. Es zeigt Muster, die für viele gelten und für den einzelnen Mann nicht immer zutreffen.

Junger Mann mit Bart und grauem T-Shirt steht mit verschränkten Armen da und schaut ruhig in die Kamera

Die Männerrolle: was von außen erwartet wird

Von einem Mann wird erwartet, dass er sich durchsetzt, Stärke zeigt und seine Sorgen mit sich allein ausmacht. Das Rollenbild des Mannes befindet sich zwar gerade in einer Veränderung, doch die alten Klischees halten sich hartnäckig. Wer Reize und Gefühle tiefer verarbeitet, passt schlecht in dieses Bild und bekommt genau das gespiegelt: zu weich, zu empfindlich, zu leise.

Diese Erfahrungen beginnen früh. Hochsensible Jungen sind als Kinder oft nah am Wasser gebaut und reagieren empfindsamer auf Ungerechtigkeiten als durchschnittlich sensible Jungen. Schon hier wird ihre Sensibilität als unmännlich abgetan, manchmal mit tiefen Auswirkungen bis ins Erwachsenenleben. Viele haben als Junge Sätze gehört wie „Ein Junge weint nicht“, „Stell dich nicht so an“ oder „Ein Mann muss das aushalten“. Solche Sätze wirken weiter, lange nachdem sie ausgesprochen wurden.

Tom Falkenstein, Autor des Buches „Hochsensible Männer“, beschreibt aus seiner Praxis, dass viele hochsensible Männer sich für ihre Empfindsamkeit schämen, obwohl sie angeboren ist, und unter ihrer Veranlagung leiden. Das Rollenbild verstärkt das, weil es Stärke mit Unempfindlichkeit gleichsetzt. Die Folge ist das Gefühl, als Mann falsch zu sein. Eine Einordnung nimmt dieser Scham den Boden, weil sie deine Reaktionen als Teil deines Nervensystems erklärt. Eine erste Orientierung gibt der Test Hochsensibilität für Erwachsene, der direkt auf der Seite läuft und keine Diagnose ersetzt.

Die Folge: Sie verstecken genau das, was sie auszeichnet

In meiner Arbeit zeigt sich bei hochsensiblen Männern immer wieder dasselbe Paket: Sie sind sehr einfühlsam und spüren, was ihr Gegenüber braucht, oft bevor es ausgesprochen wird. Sie haben einen ausgeprägten moralischen Kompass, der sie fair und ehrlich handeln lässt, und sind in Beziehungen häufig treu. Sie sind liebevoll und zärtlich, denken gründlich nach und arbeiten verlässlich. Eigentlich sind sie der Mann, den sich viele Frauen wünschen.

Und genau dieses Paket verstecken viele von ihnen. Einfühlsamkeit, Gefühlstiefe und Vorsicht gelten in dem Männerbild, das sie gelernt haben, als unmännlich. Also behalten sie ihre stärksten Seiten für sich, so wie man etwas Peinliches für sich behält. Von außen bleibt ein stiller, netter Mann sichtbar, und das, was ihn besonders macht, bekommt niemand zu sehen. Das hat Folgen, im Beruf, bei der Partnersuche und für die eigene Kraft. Der Reihe nach.

Mann umarmt seine Partnerin von hinten, beide schauen gemeinsam aus dem Fenster

Im Beruf: lieber zurückstecken als Ellenbogen zeigen

Hochsensible Männer tun sich oft schwer, sich in der männlich geprägten Arbeitswelt zu behaupten. In meiner Arbeit zeigt sich, dass es selten am Können liegt. Sie könnten sich durchsetzen. Die Ellenbogengesellschaft ist ihnen zuwider: das Aufplustern, das gegenseitige Überbieten, das Reden um des Redens willen. Auch der raue Humor, der unter Männern manchmal den Ton angibt, widerstrebt ihnen. Viele gehen deshalb weniger in Konkurrenz und halten sich zurück, auch wenn sie fachlich vorn liegen. Gesehen werden dann die Lauteren, und die durchdachte Idee bleibt in der Schublade.

Dazu kommen Lärm, Zeitdruck und ständige Erreichbarkeit, die einen hochsensiblen Menschen besonders schnell erschöpfen. Forschende fanden bei Hochsensiblen einen engeren Zusammenhang zwischen hohen Anforderungen und Erschöpfung (Vander Elst und Kollegen 2019) und eine größere Nähe zu Burn-out (Golonka und Gulla 2021). Diese Studien betreffen Männer und Frauen gemeinsam. Wer sich zusätzlich als Ernährer der Familie sieht, hält oft länger durch, als ihm guttut.

Welche Bedingungen im Beruf entlasten, beschreibe ich im Beitrag Berufe für Hochsensible. Wenn du den Beruf suchst, der zu deiner Wahrnehmung passt, hilft der Beitrag Hochsensibel und die eigene Berufung finden.

Infografik Hochsensible Männer im Beruf: Stärken zeigen statt zurückstecken, mit vier Feldern: Rückzug statt Ellenbogentaktik, Nervensystem gezielt entlasten, Kompetenzen ohne Entschuldigung benennen, Gründlichkeit als echte Kernkompetenz

Bei der Partnersuche: der gute Freund

Viele hochsensible Männer erleben, dass sie bei Frauen als der gute Freund enden. Sie hören zu, spüren, wie es dem anderen geht, und sind verlässlich da. Genau das macht sie zum Vertrauten. Zum Partner werden sie seltener, weil sie sich zurückhalten, wo andere flirten und auftrumpfen, und weil sie ihre stärksten Seiten gar nicht erst zeigen. Der Mann, der seine Einfühlsamkeit für sich behält, bleibt der Vertraute. Der Mann, der sie als Stärke zeigt, wird als Partner wahrgenommen.

Besonders bitter ist der Moment, in dem sich eine Frau genau so einen einfühlsamen Mann wünscht und dann doch den nimmt, der sich gern in Szene setzt. Er tritt selbstbewusst auf, und dieses Auftreten zieht. Viele hochsensible Männer lesen das als Beweis, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Die Studien im nächsten Abschnitt zeigen ein anderes Bild: Dein Wert als Partner steht fest. Was sich ändern lässt, ist seine Sichtbarkeit.

In einer bestehenden Beziehung erleben hochsensible Männer Nähe tief und brauchen zugleich Zeit für sich. Der Rückzug nach einem vollen Tag dient der Erholung, und die Partnerin versteht ihn leicht als Ablehnung, wenn er unerklärt bleibt. Der Beitrag Hochsensibilität in der Partnerschaft beschreibt typische Missverständnisse und Lösungen für beide Seiten, und im Paarcoaching für Hochsensible findet ihr als Paar Unterstützung.

Mann küsst seine Partnerin zärtlich auf die Stirn und hält dabei ihre Wange

Gefühle verbergen kostet Kraft

Wer als Junge für Tränen oder Rückzug Spott erlebt hat, lernt, Gefühle zu verbergen. Für einen hochsensiblen Mann ist das besonders anstrengend, weil er Gefühle stark wahrnimmt und viel Kraft braucht, um sie zu verdecken. Eine israelische Studie mit 119 Männern fand, dass eine starke Orientierung an traditionellen Männlichkeitsbildern bei geringer innerer Flexibilität mit mehr Anzeichen einer Depression zusammenhing (Aharon und Kollegen 2024). Die Studie betrifft Männer allgemein, und ein Zusammenhang beweist keine Ursache. Sie passt aber zu dem, was Falkenstein aus der Praxis schildert.

Dazu kommt, dass Männer sich spät Hilfe holen. Die Psychologen Addis und Mahalik beschreiben in einer viel zitierten Übersicht (2003), dass Erziehung und Männlichkeitsbilder mitbestimmen, ob und wie Männer Hilfe in Anspruch nehmen. Hochsensible Männer halten ihre Erschöpfung oft zuerst für persönliches Versagen und suchen erst Unterstützung, wenn der Akku ganz leer ist.

Wie das Unterdrücken von Gefühlen wirkt und was hilft, beschreibe ich im Beitrag Wenn Hochsensible verletzt sind. Wie du fremde Gefühle von deinen eigenen unterscheidest, steht im Beitrag Gefühle anderer spüren. Und wenn dir alles zu viel wird, hilft der Beitrag Überreiztes Nervensystem beruhigen.

Was Frauen laut Studien anziehend finden

Was zieht Frauen an? Dazu gibt es Forschung, und sie passt erstaunlich gut zu dem, was hochsensible Männer mitbringen. Eine Studie mit Studierenden fand, dass Männer, die in Gesprächen sozial selbstsicherer wirkten, von Frauen als romantisch attraktiver eingeschätzt wurden (Li und Kollegen 2020). Selbstbewusstsein zieht also messbar. Über Hochsensible sagt die Studie nichts, der Befund gilt für Männer allgemein.

Oft fällt in diesem Zusammenhang das Wort Dominanz, und es schreckt viele hochsensible Männer ab. Gemeint ist ein Mann, der weiß, was er will und was er kann, der Entscheidungen trifft und Lösungen findet. Das heißt nicht, dass Frauen beherrscht werden wollen. Sie wünschen sich eine starke Persönlichkeit an ihrer Seite. Eine frühe Studie (Sadalla und Kollegen 1987) fand, dass dominantes Auftreten Männer sexuell attraktiver machte, aber nicht sympathischer. Spätere Untersuchungen zeigen laut einem Übersichtsartikel (Kaufman 2015), dass Dominanz gepaart mit Freundlichkeit besonders attraktiv wirkt, während aggressive oder herrische Züge kaum anziehen. Derselbe Artikel fasst zusammen, dass Frauen sich für feste Beziehungen vor allem selbstbewusste, sensible Männer wünschen.

Lächelnder Mann in grüner Strickjacke sitzt entspannt auf einer Treppe im Freien

Lies diese Liste noch einmal langsam: Freundlichkeit, Sensibilität, Verlässlichkeit, dazu Klarheit und Entscheidungsfreude. Die erste Hälfte bringen hochsensible Männer von Haus aus mit. Die zweite Hälfte besitzen sie ebenfalls, sie zeigen sie nur selten: Wer Dinge tief durchdenkt, trifft durchdachte Entscheidungen. Wer fein wahrnimmt, findet Lösungen, die andere übersehen. Dafür ist kein anderer Charakter nötig. Was fehlt, ist allein die Sichtbarkeit, und hochsensible Männer suchen dabei ohnehin eine Begegnung auf Augenhöhe.

Fähigkeiten selbstbewusst vertreten: so geht es

Selbstbewusst vertreten heißt: die eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten klar benennen, ohne sich dafür zu entschuldigen. Damit meine ich keinen Pfau, der ein Rad schlägt und ruft: „Schaut her, das bin ich.“ Diese Show liegt hochsensiblen Männern fern, und sie ist zum Glück unnötig. Es reicht die ruhige Selbstverständlichkeit, mit der du auch sagen würdest, wie groß du bist.

So klingt der Unterschied. Im Beruf: statt „Ich weiß nicht, ob das jetzt passt, aber vielleicht könnte man …“ ein „Ich habe das durchdacht und schlage Folgendes vor.“ Beim Kennenlernen, wenn sie fragt, was dich ausmacht: „Ich nehme sehr genau wahr, wie es Menschen geht. Das macht mich zu einem guten Zuhörer und zu einem verlässlichen Partner.“ In der Beziehung: statt wortlos zu verschwinden ein „Mein Kopf ist voll, ich gehe eine Runde spazieren und bin in einer halben Stunde zurück.“ Keiner dieser Sätze stellt etwas zur Schau. Jeder benennt ruhig, was ist.

  1. Sich einordnen. Mache den Test Hochsensibilität für Erwachsene und prüfe, welche Merkmale zu dir passen. Die Einordnung erklärt deine Reaktionen als Veranlagung.
  2. Gelernte Sätze prüfen. Schreibe auf, welche Sätze über Männer du übernommen hast, etwa „Ein Mann jammert nicht“. Frage dich bei jedem, ob er von dir stammt oder ob du ihn nur gelernt hast.
  3. Stärken bewusst machen. Schreibe ebenso auf, was du gut kannst. Viele hochsensible Männer füllen diese Liste zunächst zögerlich, weil sie ihre Fähigkeiten für selbstverständlich halten. Anregungen gibt der Beitrag 10 Stärken der Hochsensibilität.
  4. Bedürfnisse ohne Entschuldigung benennen. Ein konkreter Satz wie „Ich brauche eine Stunde Ruhe“ versteht sich im Beruf und in der Familie leichter als jeder Fachbegriff, und er braucht kein „Entschuldigung“ davor.
  5. Fähigkeiten aussprechen. Benenne ruhig und mit Selbstverständlichkeit, was du kannst, im Beruf und beim Kennenlernen. Dein Einfühlungsvermögen und deine Gründlichkeit haben einen Wert, und du darfst ihn ausstrahlen.
  6. Rückzug einplanen. Trage feste Erholungszeiten in den Kalender ein, wie einen Termin, den du für dich vereinbarst. Mehr dazu im Beitrag Hochsensibilität und Selbstfürsorge. Was dein Nervensystem nachts braucht, steht im Beitrag Hochsensibilität und Schlaf.
  7. Begleitung annehmen. Im Coaching für Hochsensible arbeite ich mit Kunden daran, die eigenen Stärken zu erkennen und sie mit Selbstverständlichkeit zu vertreten.

So wie du fühlst und wahrnimmst, ist es genau richtig. Deine Feinfühligkeit ist eine Stärke, und sie entfaltet ihre Wirkung, sobald du sie zeigst. Such dir die Umgebung und die Menschen, die deine Tiefe sehen, und vertritt, was du kannst, mit der Selbstverständlichkeit, die es verdient.

Dieselbe Stärke, zwei Wirkungen

Stärke Versteckt wirkt sie so Selbstbewusst vertreten wirkt sie so
EinfühlungsvermögenDer gute Freund, dem Frauen ihr Herz ausschüttenDer Partner, bei dem sich eine Frau verstanden fühlt
Gründliches DurchdenkenDer Stille im Meeting, dessen Idee untergehtDer Kollege, dessen Vorschlag Gewicht hat
Moralischer KompassDer Vorsichtige, der als zögerlich giltDer Mann, auf dessen Wort Verlass ist
GefühlstiefeVerborgene Gefühle, die Kraft kostenNähe, Zärtlichkeit und echte Verbindung
Verlässlichkeit und TreueWird als selbstverständlich übersehenDie starke Persönlichkeit an ihrer Seite

Häufige Fragen zu hochsensiblen Männern

Ist Hochsensibilität bei Männern unmännlich?

Nein. Hochsensibilität ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal und weder eine Krankheit noch ein Mangel. Als unmännlich erscheint sie nur im Licht eines Rollenbildes, das Unempfindlichkeit zur Stärke erklärt. Dieses Bild ist eine gesellschaftliche Erwartung und keine Eigenschaft des einzelnen Mannes.

Warum verstecken hochsensible Männer ihre Stärken?

Viele empfinden Einfühlsamkeit, Gefühlstiefe und Vorsicht als unmännlich, weil sie als Junge Sätze wie „Ein Junge weint nicht“ gehört haben. Der Psychotherapeut Tom Falkenstein beschreibt aus seiner Praxis, dass sich viele hochsensible Männer für ihre Empfindsamkeit schämen. Gezielte Studien zu hochsensiblen Männern liegen bislang kaum vor.

Warum bleiben hochsensible Männer bei der Partnersuche oft der gute Freund?

Nach meiner Erfahrung hören sie zu, sind verlässlich und drängen sich nicht auf. Das schafft Vertrauen. Anziehend wirkt bei Frauen vor allem Selbstbewusstsein, und das bleibt unsichtbar, solange ein Mann seine Fähigkeiten für sich behält. Wer sie mit Selbstverständlichkeit vertritt, wird häufig als besonders anziehend erlebt. Für hochsensible Männer gibt es dazu kaum Studien, es ist eine Beobachtung aus der Praxis.

Was macht hochsensible Männer für Frauen anziehend?

Einfühlungsvermögen, Treue, Zärtlichkeit und ein moralischer Kompass werden von vielen Frauen gesucht. Anziehend werden sie, wenn der Mann diese Fähigkeiten selbstbewusst vertritt. Eine Studie mit Studierenden (Li und Kollegen 2020) fand, dass Männer, die in Gesprächen selbstsicherer wirkten, als romantisch attraktiver galten. Für hochsensible Männer ist das nicht gesondert untersucht.

Wirkt Dominanz bei Frauen anziehend?

Ja, wenn Dominanz bedeutet, dass ein Mann weiß, was er will und kann, Entscheidungen trifft und Lösungen findet, und wenn sie mit Freundlichkeit gepaart ist. Eine frühe Studie (Sadalla und Kollegen 1987) und ein Übersichtsartikel (Kaufman 2015) beschreiben diese Mischung als besonders attraktiv, aggressives oder herrisches Auftreten dagegen als kaum anziehend. Frauen wünschen sich damit eine starke Persönlichkeit an ihrer Seite, und hochsensible Männer suchen eine Begegnung auf Augenhöhe.

Was heißt es, die eigenen Fähigkeiten selbstbewusst zu vertreten?

Es heißt, Bedürfnisse und Fähigkeiten klar zu benennen, ohne sich dafür zu entschuldigen, etwa „Ich brauche eine Stunde Ruhe“ oder „Ich habe das durchdacht und schlage Folgendes vor“. Eine Show gehört ausdrücklich nicht dazu. Es geht um die ruhige Selbstverständlichkeit, mit der jemand sagt, was er kann und was er braucht.

Warum fällt hochsensiblen Männern die Arbeitswelt oft schwer?

Meist liegt es an den Bedingungen und kaum am Können. Konkurrenzdruck, Lärm, Zeitdruck und Selbstdarstellung belasten ein Nervensystem, das Reize gründlich verarbeitet. Viele gehen deshalb weniger in Konkurrenz, obwohl sie fachlich stark sind.

Sind hochsensible Männer seltener als hochsensible Frauen?

Nach Aron sind Männer und Frauen gleich häufig hochsensibel. In Fragebogenstudien erreichen Frauen im Durchschnitt höhere Werte. Ob das an einem echten Unterschied liegt oder daran, dass Männer Sensibilität seltener angeben, ist nicht entschieden.

Sind hochsensible Männer treue Partner?

Viele erleben sich so, und in meiner Arbeit zeigt sich oft ein ausgeprägter moralischer Kompass, der zu Verlässlichkeit und Treue führt. Eine Studie, die das für alle hochsensiblen Männer bestätigt, kenne ich nicht. Treue hängt immer vom einzelnen Menschen ab.

Was ist der Unterschied zwischen hochsensibel und hochsensitiv?

Hochsensibilität beschreibt die intensive Wahrnehmung und tiefe Verarbeitung über die fünf Sinne. Hochsensitivität bezeichnet eine Wahrnehmung über die sinnliche Wahrnehmung hinaus, zum Beispiel Vorahnungen. Beide Begriffe sind nicht austauschbar, auch wenn manche von sensitiven Männern sprechen und hochsensible Männer meinen.

Wird Hochsensibilität bei Männern diagnostiziert?

Hochsensibilität ist keine Diagnose im medizinischen Sinn. Eine Einordnung erfolgt mit Fragebögen wie der Highly Sensitive Person Scale von Elaine und Arthur Aron und im Gespräch. Wer zusätzlich unter Ängsten, Depressionen oder Erschöpfung leidet, kann sich an einen Arzt oder Psychotherapeuten wenden.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Aron, E. N. und Aron, A. (1997): Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345 bis 368.
  • Morales-Botello, M.-L., Betancort, M., Pérez-Chacón, M., Rodríguez-Jiménez, R.-M. und Chacón, A. (2025): Sociodemographic markers of high Sensory Processing Sensitivity: a descriptive study. Frontiers in Psychology, 16, 1617089.
  • Addis, M. E. und Mahalik, J. R. (2003): Men, masculinity, and the contexts of help seeking. American Psychologist, 58(1), 5 bis 14.
  • Aharon, G., Aisenberg-Shafran, D. und Levi-Belz, Y. (2024): Adherence to Masculinity Norms and Depression Symptoms Among Israeli Men: The Moderating Role of Psychological Flexibility. American Journal of Men’s Health, 18.
  • Vander Elst, T., Sercu, M., Van den Broeck, A., Van Hoof, E., Baillien, E. und Godderis, L. (2019): Who is more susceptible to job stressors and resources? Sensory-processing sensitivity as a personal resource and vulnerability factor. PLOS ONE, 14(11), e0225103.
  • Golonka, K. und Gulla, B. (2021): Individual differences and susceptibility to burnout syndrome: Sensory processing sensitivity and its relation to exhaustion and disengagement. Frontiers in Psychology, 12, 751350.
  • Sadalla, E. K., Kenrick, D. T. und Vershure, B. (1987): Dominance and heterosexual attraction. Journal of Personality and Social Psychology, 52(4), 730 bis 738.
  • Kaufman, S. B. (2015): The Myth of the Alpha Male. Greater Good Magazine, Universität Berkeley (Übersichtsartikel).
  • Li, N. P., Yong, J. C., Tsai, M., Lai, M. H. C., Lim, A. J. Y. und Ackerman, J. M. (2020): Confidence is sexy and it can be trained: Examining male social confidence in initial, opposite-sex interactions. Journal of Personality, 88(6), 1235 bis 1251.
  • Falkenstein, T.: Hochsensible Männer. Mit Feingefühl zur eigenen Stärke. Paderborn: Junfermann Verlag.

Über die Autorin

Sandra Quedenbaum, Coach für Hochsensible

Sandra Quedenbaum arbeitet seit über zwanzig Jahren mit hochsensiblen Menschen und ist selbst hochsensibel. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Coach und Lehrtrainerin und bildet seit fast 20 Jahren Coaches aus. Im Einzelcoaching, in Online-Kursen und in der Ausbildung zum HSP-Coach begleitet sie hochsensible Menschen dabei, ihre Veranlagung zu verstehen und im Alltag, im Beruf und in Beziehungen zu nutzen.

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