Hochsensibilität und Resilienz: innere Stärke und Widerstandskraft

Inhaltsverzeichnis

Viele hochsensible Menschen halten sich für wenig belastbar. In meiner Arbeit höre ich diese Einschätzung oft, und meistens von Menschen, die seit Jahren Beruf, Familie und ein feines Nervensystem gleichzeitig tragen. Wenn ich nachfrage, wie lange sie das schon so schaffen, kommt eine Zahl, die eher für das Gegenteil spricht. Wer zwanzig Jahre lang mehr wahrnimmt als andere und trotzdem jeden Morgen aufsteht, hat viel Kraft. Oft fehlt nur das Wissen, wie man sie dort einsetzt, wo sie wirkt.

In diesem Beitrag geht es um Resilienz, also um die Widerstandskraft, mit der ein Mensch durch Belastungen kommt, und um die Frage, warum sie bei hochsensiblen Menschen anders entsteht als in den üblichen Ratgebern beschrieben. Was bei Stress im Körper passiert und warum Cortisol bei Hochsensiblen lange erhöht bleiben kann, beschreibe ich im Beitrag Cortisol, Hochsensible und Dauerstress. Hier geht es um das, was danach kommt: wie du nach einer Belastung wieder auf die Füße kommst und wie du das so einrichtest, dass es beim nächsten Mal schneller geht. Ich lade dich ein, beim Lesen darauf zu achten, welche Bausteine du schon lebst. Schauen wir uns das der Reihe nach an.

Kurz gesagt: Resilienz ist die Fähigkeit, nach einer Belastung wieder in ein stabiles Gleichgewicht zu finden. Hochsensible Menschen sind nicht grundsätzlich weniger resilient als andere, ihre Resilienz entsteht aber auf anderem Weg: über Erholung, Regulation des Nervensystems und eine passende Umgebung. Hochsensible reagieren stärker auf ihre Umgebung, im Schlechten wie im Guten; in einer Studie von Michael Pluess und Ilona Boniwell profitierten hochsensible Mädchen deutlich von einem Resilienzprogramm, weniger sensible gar nicht. Widerstandskraft lässt sich aufbauen, wenn sie zum eigenen Nervensystem passt.

Was Resilienz ist: Widerstandskraft als Prozess

Resilienz ist die Fähigkeit, Belastungen, Krisen und Rückschläge zu bewältigen und danach wieder in einen stabilen Zustand zu kommen, manchmal sogar gestärkt. Das Wort stammt aus der Werkstoffkunde und beschreibt dort Materialien, die nach einer Verformung in ihre Form zurückkehren. Für Menschen passt das Bild nur zur Hälfte. Der Neurowissenschaftler Raffael Kalisch, der am Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz arbeitet, beschreibt Resilienz als Prozess, der sich verändern lässt: Sie zeigt sich in dem, was ein Mensch tut, während er belastet ist, und in dem, was er danach tut, damit die Belastung ihn nicht dauerhaft beschädigt.

Zwei Missverständnisse halten sich hartnäckig. Das erste lautet, Resilienz heiße, nichts an sich heranzulassen. Das wäre Abstumpfung, und sie gelingt hochsensiblen Menschen ohnehin kaum, weil ihr Nervensystem die Reize trotzdem verarbeitet. Das zweite lautet, Resilienz hätten die Harten. Besonders resiliente Menschen sind oft die, die früh merken, wenn es zu viel wird, und die wissen, was sie dann brauchen. Genau diese Fähigkeit bringen Hochsensible mit, oft ohne sie zu nutzen.

Ein dritter Punkt ist für diesen Text wichtig: Der Psychologe Richard Lazarus hat zusammen mit Susan Folkman gezeigt, dass Stress stark von der Bewertung einer Situation abhängt. Dieselbe Situation ist für den einen eine Herausforderung und für den anderen eine Bedrohung. Diese Bewertung läuft bei hochsensiblen Menschen gründlicher ab, und sie lässt sich verändern.

Hochsensible Menschen und Resilienz: Schwäche oder Superkraft?

Hochsensibilität und Resilienz gelten vielen als Gegensatz. Der Eindruck hat eine Grundlage: Elaine Aron beschreibt unter dem Begriff Highly Sensitive Person, kurz HSP, dass hochsensible Menschen Reize intensiver wahrnehmen und tiefer verarbeiten. Die Psychologin Grace Benham zeigte 2006 mit der Highly Sensitive Person Scale, dem Fragebogen von Aron, dass Hochsensible mehr Stress und mehr körperliche Beschwerden berichten als weniger sensible Menschen. Wer nur diese Hälfte kennt, hält Hochsensibilität für eine Schwäche. Hochsensibilität ist keine Schwäche, und die Forschung zeigt auch die andere Seite.

Die andere Hälfte ist jünger und weniger bekannt. Jay Belsky und Michael Pluess haben 2009 die differenzielle Empfänglichkeit beschrieben: Hochsensible Menschen reagieren stärker auf ihre Umgebung, und zwar in beide Richtungen. In einer ungünstigen Umgebung geht es ihnen schlechter als anderen, in einer guten Umgebung besser. Pluess hat diese positive Seite 2013 als Vantage Sensitivity beschrieben. 2015 zeigte er zusammen mit Ilona Boniwell in einer Studie mit elfjährigen Schülerinnen in England, dass das Resilienzprogramm SPARK depressive Beschwerden bei den hochsensiblen Mädchen senkte, bei den weniger sensiblen dagegen gar keine Wirkung hatte. Der Effekt war auch nach zwölf Monaten noch messbar.

Das ist der Kern dieses Beitrags: Hochsensibilität ist eine hohe Empfänglichkeit, die je nach Umgebung zur Belastung oder zur Superkraft wird. Wer sie in eine passende Umgebung bringt und lernt, sein Nervensystem zu regulieren, baut oft mehr Resilienz auf als die meisten Menschen um ihn herum. In einer unpassenden Umgebung verbraucht sie sich.

Warum Stress bei hochsensiblen Menschen anders wirkt

Hochsensible Menschen nehmen mehr Reize auf, äußere Reize wie Geräusche, Licht, Gerüche und Veränderungen in der Umgebung und innere wie Gedanken, Stimmungen und Körperempfindungen. Diese tiefe Reizverarbeitung ist das Kernmerkmal der Hochsensibilität: Was ankommt, wird gründlicher verarbeitet, verglichen und bewertet. Das kostet Energie, und es führt schneller zu Überforderung und Überstimulation, also zu dem Zustand, in dem das Nervensystem nichts mehr aufnehmen kann und in Übererregung oder Rückzug geht. Viele hochsensible Personen kennen diesen Zustand als Reizüberflutung.

Dazu kommt die Erholungszeit. Ein hochsensibler Mensch braucht nach einem reizreichen Tag länger, um wieder zur Ruhe zu kommen, und viele nehmen sich diese Zeit nicht, weil sie glauben, sie stünde ihnen nicht zu. Was Hochsensible am meisten stresst, ist selten das Große. Es sind Zeitdruck, Lärm, Konflikte im Umfeld, die Stimmung anderer Menschen, Unterbrechungen, fehlende Rückzugsmöglichkeiten und das Gefühl, sich ständig rechtfertigen zu müssen. Und es ist die Erwartung, genauso zu funktionieren wie Menschen, deren Nervensystem Reize stärker filtert.

Deshalb greifen die üblichen Resilienz-Rezepte bei Hochsensiblen oft ins Leere. „Geh öfter raus aus der Komfortzone“, „Härte dich ab“, „Lass es nicht an dich heran“: Diese Ratschläge passen zu einem anders gebauten Nervensystem. Für Hochsensible braucht es drei Verschiebungen.

Resilienz bei Hochsensiblen: drei Verschiebungen

Erholungsfähigkeit vor Belastbarkeit

Entscheidend ist, wie schnell du dich nach einer Belastung erholst. Ein Nervensystem, das zuverlässig in die Ruhe zurückfindet, hält auf Dauer mehr aus als eines, das alles wegsteckt und nie herunterfährt. In meiner Arbeit ist das die erste Umstellung: Wir schauen darauf, was jemand nach einer Belastung für sich tut, und erst danach darauf, was er schafft.

Regulation statt Kontrolle

Viele Hochsensible versuchen, ihre Reaktionen zu kontrollieren: weniger fühlen, kürzer nachdenken, sich zusammenreißen. Das kostet Kraft und hält selten lange. Regulation heißt, die eigene Reaktion wahrzunehmen, sie einzuordnen und dem Nervensystem zu geben, was es braucht, um wieder herunterzukommen. Das ist lernbar, und es ist die Grundlage von allem Weiteren. Wie das bei starken Gefühlen geht, beschreibe ich im Beitrag Emotionen regulieren bei Hochsensibilität.

Passung statt Anpassung

Anpassung heißt, sich der Umgebung anzugleichen. Passung heißt, die Umgebung so zu wählen und zu gestalten, dass sie zu dir passt. Die Forschung zur differenziellen Empfänglichkeit zeigt: Bei Hochsensiblen hat die Umgebung mehr Gewicht als bei anderen. Wer resilienter werden will, arbeitet deshalb auch an seinem Umfeld, seiner Arbeit, seinen Beziehungen und seinem Tagesablauf.

Drei Wege der Stressbewältigung, übersetzt für Hochsensible

Der Stressforscher Gert Kaluza unterscheidet drei Wege, mit Stress umzugehen, und alle drei gehören zu einer tragfähigen Resilienz. Für hochsensible Menschen verschiebt sich die Gewichtung.

Instrumentell: den Stress an der Quelle verändern. Weniger Termine an einem Tag, ein Arbeitsplatz mit Rückzugsmöglichkeit, klare Absprachen, Nein sagen. Für Hochsensible ist das oft der wichtigste Weg, weil ihr Nervensystem auf die Reizmenge reagiert.

Mental: die Bewertung verändern. Der innere Satz „Ich muss das aushalten wie alle anderen“ erzeugt mehr Stress als der Lärm im Büro. Wer ihn durch „Ich nehme mehr wahr, deshalb brauche ich früher eine Pause“ ersetzt, reguliert schon, bevor der Körper reagiert.

Regenerativ: Erholung. Schlaf, Bewegung, Stille, Natur, Menschen, die dich ohne lange Erklärungen verstehen. Bei Hochsensiblen gehört das in jeden Tag, weil ihr System täglich mehr verarbeitet.

Hochsensibel und resilient: acht Bausteine für innere Stärke

1. Die eigene Hochsensibilität annehmen

Selbstakzeptanz trägt alle anderen Bausteine. Solange du deine Wahrnehmung für einen Fehler hältst, kämpfst du gegen dich selbst, und dieser Kampf verbraucht mehr Kraft als jede äußere Belastung. Hochsensibilität ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal und Teil der Persönlichkeit. Wenn du noch unsicher bist, ob du hochsensibel bist, gibt dir der Test Hochsensibilität für Erwachsene eine erste Einordnung.

2. Das eigene Nervensystem lesen lernen

Selbstreflexion heißt hier, dich zu beobachten: Woran merke ich, dass es zu viel wird? Bei vielen Hochsensiblen sind es kleine Zeichen, lange bevor die Überreizung da ist: ein enger werdender Blick, Gereiztheit bei Kleinigkeiten, der Wunsch, alle sollen still sein. Wer diese Zeichen kennt, kann früh reagieren. Wer sie übergeht, landet in der Überreizung und braucht Stunden, um herauszukommen.

3. Erholung planen

Innere Ruhe braucht bei Hochsensiblen einen festen Platz im Kalender. Ein reizarmer Abend nach einem vollen Tag, eine Stunde ohne Bildschirm, ein Wochenende, an dem nichts geplant ist. Das ist der regenerative Weg aus dem Modell oben und im Umgang mit Stress oft der wichtigste Teil. Gleichzeitig ist es der, den Hochsensible am häufigsten streichen, weil andere ihn scheinbar nicht brauchen. Mehr dazu findest du im Beitrag Hochsensibilität und Selbstfürsorge.

4. Lernen, die eigenen Bedürfnisse zu priorisieren

Die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und ernst zu nehmen, ist ein weiterer wichtiger Faktor, der dabei hilft, die Resilienz zu stärken. Hochsensibilität bedeutet eine starke innere emotionale Beteiligung. HSP sind oft besonders stark darin, die Schwingung der Menschen in ihrem Umfeld aufzunehmen. Statt ihren eigenen Bedürfnissen die gleiche Wertigkeit zu geben wie denen der anderen, neigen Hochsensible dazu, sie zurückzustellen, ohne zu beachten, dass ihr Nervensystem andere Bedürfnisse hat. Sie passen sich eher an, anstatt ein Umfeld zu schaffen, das genug Raum für alle Beteiligten bietet, und haben dadurch weniger Möglichkeiten, ihre Hochsensibilität als Stärke zu nutzen.

5. Grenzen setzen und Nein sagen

Viele hochsensible Menschen stellen eigene Bedürfnisse auch zurück, weil sie die der anderen so deutlich spüren. Nein zu sagen fühlt sich für sie an wie ein Angriff auf die Beziehung. Tatsächlich schützt es die Beziehung. Wer lernt, klare Grenzen zu setzen, bleibt im Kontakt, statt nach drei Wochen erschöpft und wütend abzutauchen. Grenzen gehören zum instrumentellen Weg, und für Hochsensible sind sie besonders wirksam.

6. Die Bewertung verändern

Das ist der mentale Weg. Die inneren Sätze, mit denen du deine Wahrnehmung kommentierst, machen aus einer Belastung eine Bedrohung oder eine Aufgabe. „Warum bin ich schon wieder so?“ erzeugt Stress. „Ich merke, dass es viel ist, und ich weiß, was ich brauche“ erzeugt Handlungsfähigkeit. Wie du innere Dialoge unterbrichst, ist das Thema meines Online-Kurses Die inneren Dialoge stoppen.

7. Menschen wählen, die dich tragen

Soziale Unterstützung gehört in der Resilienzforschung zu den stärksten Schutzfaktoren. Für Hochsensible zählt dabei vor allem die Qualität der Beziehungen. Ein Mensch, der dich ohne lange Erklärungen versteht, stärkt deine Widerstandskraft mehr als ein voller Terminkalender. Und weil Hochsensible Stimmungen aufnehmen, gilt auch das Umgekehrte: Menschen, die dich dauerhaft herunterziehen, kosten dich mehr Kraft als andere.

8. Die eigene Sensibilität als Stärke nutzen

Resilienz braucht Sinn. Hochsensible Menschen haben Fähigkeiten, die in Krisen tragen: Sie sehen früh, wenn etwas schiefläuft, sie nehmen Nuancen wahr, die anderen entgehen, sie denken gründlich und empfinden tief. Wer diese besonderen Stärken kennt und im Alltag einsetzt, erlebt seine Empfindsamkeit als etwas, das ihm dient. Das ist die Selbstwirksamkeit, um die es in der Resilienzforschung geht, und bei Hochsensiblen wartet sie oft nur darauf, entdeckt zu werden.

Emotionale Intelligenz: die unterschätzte Stärke Hochsensibler

Hochsensible Menschen erleben Gefühle intensiv, eigene und fremde. Ohne Regulation ist das belastend. Mit Regulation wird daraus emotionale Intelligenz: die Fähigkeit, Gefühle wahrzunehmen, zu benennen, einzuordnen und zu steuern. Sie ist ein Kern jeder Resilienz und die Grundlage für emotionale Stabilität, weil sie entscheidet, ob ein Gefühl dich überrollt oder dir etwas mitteilt. Zwei Fragen helfen dabei: Was fühle ich gerade, und gehört das zu mir oder zu jemand anderem? Warum Hochsensible intensiver fühlen, beschreibe ich im Beitrag Hochsensibel und Gefühle.

Achtsamkeit für Hochsensible: am besten in Bewegung

Achtsamkeit taucht in jedem Resilienzratgeber auf, und sie hilft auch Hochsensiblen, mit einer Einschränkung: Wer bereits überreizt ist, wird durch stilles Sitzen mit geschlossenen Augen selten ruhiger und nimmt die innere Unruhe eher deutlicher wahr. Achtsamkeit wirkt bei vielen Hochsensiblen am besten in Bewegung, draußen und in kleinen Portionen. Fünf Minuten bewusstes Gehen im Wald regulieren oft mehr als eine halbe Stunde Meditation im Wohnzimmer neben dem Handy. Wie du ein überreiztes Nervensystem akut beruhigst, beschreibe ich im Beitrag Überreiztes Nervensystem beruhigen.

Wenn die Bausteine nicht reichen

Es gibt einen Punkt, an dem Resilienz nicht die Antwort ist. Wenn du seit Monaten erschöpft bist und auch Wochenenden nichts mehr auffüllen, wenn Schlaf nicht mehr erholt, wenn Kleinigkeiten dich in Panik oder Erstarrung bringen oder wenn du dich seit Langem nur noch durch den Tag schleppst, geht es um Erschöpfung, manchmal um ein Burn-out oder um alte Belastungen, die sich als Stress zeigen. Dann ist ärztliche oder psychotherapeutische Unterstützung der richtige Weg. Wie du Trauma und Hochsensibilität auseinanderhältst, beschreibe ich im Beitrag Trauma und Hochsensibilität unterscheiden.

Wer die Bausteine Schritt für Schritt umsetzen möchte, findet in meinem Online-Kurs Live Up: Stressmanagement für Hochsensible in 18 Modulen genau das: Selbstregulation, Grenzen, Erholung und den Umgang mit den inneren Sätzen. Und wenn du lieber mit mir persönlich sortierst, wo dein Nervensystem gerade steht, ist das ein Thema für ein Coaching für Hochsensible.

Deine Feinfühligkeit und deine Widerstandskraft gehören zusammen. Jeder Abend, an dem du dir Erholung gönnst, und jedes klare Nein stärken dein Nervensystem ein Stück mehr. Vertrau darauf, dass du mehr Kraft hast, als du dir oft zutraust.

Auf einen Blick: Hochsensibilität und Resilienz

Resilienzfaktor Was er bedeutet Was Hochsensible dafür brauchen
SelbstakzeptanzDie eigene Art annehmenHochsensibilität als Merkmal verstehen
SelbstregulationNach Belastung zur Ruhe kommenFrühzeichen kennen, Erholung fest einplanen
BedürfnisseEigene Bedürfnisse ernst nehmenIhnen die gleiche Wertigkeit geben wie denen der anderen
GrenzenNein sagen, Bedürfnisse vertretenReizmenge steuern, bevor sie zu viel wird
BewertungBelastung als Aufgabe sehenInnere Dialoge unterbrechen
BindungMenschen, die tragenWenige, sichere Beziehungen
SelbstwirksamkeitErleben, dass eigenes Handeln wirktDie Stärken der feinen Wahrnehmung einsetzen
PassungUmgebung, die zu einem passtArbeit, Wohnen und Alltag am Nervensystem ausrichten

Häufige Fragen zu Hochsensibilität und Resilienz

Sind hochsensible Menschen weniger resilient?

Hochsensible Menschen berichten mehr Stress und mehr Beschwerden, wenn ihre Umgebung nicht passt. In einer passenden Umgebung und mit gelernter Selbstregulation entwickeln sie viel Widerstandskraft, weil sie früher merken, wenn etwas zu viel wird, und stärker auf Unterstützung ansprechen. In der Studie von Pluess und Boniwell aus dem Jahr 2015 wirkte ein Resilienzprogramm nur bei den hochsensiblen Mädchen.

Was stresst hochsensible Menschen am meisten?

Am häufigsten Lärm, Zeitdruck, Konflikte, die Stimmung anderer Menschen, ständige Unterbrechungen, fehlende Rückzugsmöglichkeiten und der Druck, wie alle anderen funktionieren zu müssen. Was im Einzelnen belastet, ist von Mensch zu Mensch verschieden und lässt sich mit einem einfachen Protokoll über zwei Wochen herausfinden.

Welche Menschen sind besonders resilient?

Nach der Resilienzforschung sind es Menschen mit stabilen Beziehungen, einem realistischen und eher zuversichtlichen Bewertungsstil, dem Erleben, dass ihr Handeln etwas bewirkt, und der Fähigkeit, Belastung früh zu bemerken und sich zu erholen. Viele dieser Faktoren bringen Menschen mit Hochsensibilität mit.

Kann man Resilienz trainieren?

Ja. Resilienz ist ein Prozess, und wer die eigene Resilienz stärken möchte, kann das lernen. Ansatzpunkte sind die Selbstregulation, die Bewertung von Belastungen, das Setzen von Grenzen und die Pflege tragender Beziehungen. Für hochsensible Menschen ist ein Resilienztraining besonders wirksam, wenn es Erholung und Reizsteuerung einschließt.

Welche drei Wege der Stressbewältigung gibt es?

Nach Gert Kaluza den instrumentellen Weg (den Stressauslöser verändern), den mentalen Weg (die eigene Bewertung verändern) und den regenerativen Weg (sich erholen). Für Hochsensible sind der instrumentelle und der regenerative Weg meist am wichtigsten, weil ihr Nervensystem auf die Reizmenge und auf fehlende Erholung reagiert.

Ist Hochsensibilität eine Stärke?

Hochsensibilität ist eine hohe Empfänglichkeit, die je nach Umgebung zur Belastung oder zur Stärke wird. Wer seine Hochsensibilität kennt, sein Nervensystem reguliert und seine Umgebung passend gestaltet, erlebt sie überwiegend als Stärke.

Wie werde ich als hochsensibler Mensch resilienter?

Indem du deine Hochsensibilität annimmst, die Frühzeichen deines Nervensystems kennenlernst, Erholung fest einplanst, deine Bedürfnisse ernst nimmst, Grenzen setzt, deine inneren Sätze prüfst, tragende Beziehungen pflegst und deine Stärken bewusst einsetzt. Kleine, regelmäßige Schritte wirken dabei stärker als große Vorsätze.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Aron, E. N. (1996): The Highly Sensitive Person. How to Thrive When the World Overwhelms You. New York: Birch Lane Press.
  • Benham, G. (2006): The highly sensitive person: Stress and physical symptom reports. Personality and Individual Differences, 40(7), 1433 bis 1440.
  • Belsky, J. und Pluess, M. (2009): Beyond diathesis stress: Differential susceptibility to environmental influences. Psychological Bulletin, 135(6), 885 bis 908.
  • Pluess, M. und Belsky, J. (2013): Vantage sensitivity: Individual differences in response to positive experiences. Psychological Bulletin, 139(4), 901 bis 916.
  • Pluess, M. und Boniwell, I. (2015): Sensory-Processing Sensitivity predicts treatment response to a school-based depression prevention program: Evidence of Vantage Sensitivity. Personality and Individual Differences, 82, 40 bis 45.
  • Lazarus, R. S. und Folkman, S. (1984): Stress, Appraisal, and Coping. New York: Springer.
  • Kalisch, R. (2017): Der resiliente Mensch. Berlin: Berlin Verlag.
  • Kaluza, G. (2018): Gelassen und sicher im Stress. 7. Auflage. Berlin: Springer.

Über die Autorin

Sandra Quedenbaum arbeitet seit über zwanzig Jahren mit hochsensiblen Menschen und ist selbst hochsensibel. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Coach und Lehrtrainerin und bildet seit fast 20 Jahren Coaches aus. Im Einzelcoaching und in ihren Online-Kursen begleitet sie hochsensible Menschen dabei, ihr Nervensystem zu verstehen und ihre Widerstandskraft auf eine Weise aufzubauen, die zu ihnen passt.

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