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Seit Jahren verbreitet sich im Internet die Behauptung, Hochsensibilität gehe immer auf ein Trauma zurück. Das verunsichert viele Teilnehmer meiner Seminare. Manche suchen dann nach einem Trauma, das es womöglich gar nicht gibt. Andere machen den umgekehrten Fehler: Sie erklären jede Panikattacke, jede Schlaflosigkeit und jede gescheiterte Beziehung mit ihrer Hochsensibilität und übersehen ein Trauma, das seit der Kindheit in ihnen arbeitet. Beides kostet Jahre.
In dieser dreiteiligen Reihe geht es um die Frage, wie du ein Trauma von Hochsensibilität unterscheiden kannst. Teil 1 erklärt den Zusammenhang: was Hochsensibilität ist, was ein Trauma ist, warum beide im Nervensystem so ähnlich aussehen und warum die Unterscheidung für die Begleitung so wichtig ist. Teil 2 zeigt dir in einer Tabelle, woran du Trauma und Hochsensibilität unterscheiden kannst. Teil 3 erklärt den Unterschied zwischen Schocktrauma und Entwicklungstrauma. Keine Lust zu lesen? Weiter unten kannst du dir den Beitrag als Video anschauen.
Ich lade dich ein, beim Lesen zu prüfen, in welcher der drei Gruppen du dich am ehesten wiederfindest. Schauen wir uns das der Reihe nach an.
Kurz gesagt: Hochsensibilität und Trauma
Hochsensibilität ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, das Elaine Aron in den Neunzigern beschrieben hat: eine sehr intensive Sinnesverarbeitung, ein hohes Maß an Empathie und ein feineres Nervensystem. Sie ist nicht ablegbar, genau wie die Augenfarbe. Ein Trauma ist eine Verletzung des Nervensystems durch ein überwältigendes Ereignis oder durch wiederholte Belastung in der Kindheit. Es macht ebenfalls reizempfindlich, weil es das Stresstoleranzfenster verengt; diese Sensibilisierung geht zurück, wenn das Trauma verarbeitet ist. Hochsensibilität entsteht nicht durch ein Trauma. Hochsensible Menschen verarbeiten traumatische Erlebnisse intensiver, häufiger von einem Trauma betroffen sind sie nach meiner Beobachtung aber nicht. Wer sehr stark unter seiner Hochsensibilität leidet, sollte ein Trauma als Ursache prüfen lassen, weil Trauma und Hochsensibilität ein anderes therapeutisches Vorgehen brauchen und die Auswirkungen von Traumata tiefgreifender sind als die einer reinen Veranlagung.
Drei Ausgangspositionen meiner Kunden
In über 300 Seminaren zur Hochsensibilität wiederholte sich die grundlegende Teilnehmerstruktur immer wieder. Ich sehe drei Gruppen.
Hochsensible mit guter Selbstregulation: Zu einem Teil sind es hochsensible Personen, die einfach mehr über sich erfahren möchten; auch das ist typisch für Hochsensible. Dazu kommt der Wunsch, einiges im Leben noch besser zu gestalten. Im Großen und Ganzen sind diese Menschen mit ihrem Leben und mit sich selbst zufrieden.
Hochsensible mit ausbaufähiger Selbstregulation: Die zweite Gruppe tut sich mit manchen Herausforderungen der Hochsensibilität schwer, lebt aber insgesamt ein zufriedenes und glückliches Leben. Diese Menschen haben feste Beziehungen und nicht mehr Konflikte als andere. Mit dem passenden Wissen und den richtigen Werkzeugen kommen sie mit den Herausforderungen ihrer Hochsensibilität gut zurecht.
Hochsensible mit Trauma oder Menschen mit Trauma-Erfahrungen, die nicht hochsensibel sind: Die dritte Gruppe leidet stark unter ihrer Hochsensibilität. Bei ihnen spricht viel für eine Traumatisierung. Zu dieser Gruppe gehören Hochsensible und Normalsensible. Einige halten die Folgen ihres Traumas fälschlich für Folgen ihrer Hochsensibilität, manchen wurde diese Deutung auch von anderen nahegelegt. Sie haben Konflikte im Beruf und im Privatleben, bleiben in Beziehungen, die ihnen schaden, oder tun sich schwer, sich auf eine Beziehung einzulassen. Panikattacken, Depressionen, Zwänge, dauerhafte Angst oder dissoziative Zustände gehen auf Erfahrungen zurück, die wir im Leben gemacht haben. Die Hochsensibilität ist nicht ihre Ursache. Für diese Gruppe ist der Begriff Hochsensibilität oft eher ein Schutzschild als eine Erklärung, und deshalb ist es so wichtig, Trauma und Hochsensibilität unterscheiden zu können.
Zwei Arten: angeborene Hochsensibilität oder Traumatisierung
Die eine ist genetisch bedingt und angeboren. Elaine Aron schuf in den Neunzigern das Konzept der Hochsensibilität und den Begriff Sensory Processing Sensitivity. Man kann sie so wenig ablegen wie die eigene Augenfarbe. Kennzeichen sind eine sehr intensive Verarbeitung von Sinnesreizen, eine tiefe emotionale Verarbeitung und ein hohes Maß an Empathie. In der Regel haben Hochsensible ein großes soziales, ethisches und ökologisches Bewusstsein. Zwillingsstudien zeigen, dass rund die Hälfte der Unterschiede in der Sensibilität erblich ist; welche Rolle die Gene spielen, beschreibe ich im Beitrag Ist Hochsensibilität vererbbar?.
Die zweite entsteht durch Traumatisierung. Wer ein Trauma erlebt hat, nimmt Reize intensiver wahr, weil sein Nervensystem nach der Verletzung auf Gefahr eingestellt ist. Das Nervensystem bleibt dauerhaft wachsam; die Fachsprache nennt das Hypervigilanz. Sie sieht von außen aus wie Hochsensibilität, hat aber eine andere Richtung: Sie sucht nach Bedrohung und übersieht das Schöne. Die erhöhte Sinneswahrnehmung und der Hang zur Überreizung gehen zurück, wenn das Trauma verarbeitet ist. Streng genommen ist diese zweite Art eine Sensibilisierung durch ein traumatisches Ereignis oder durch wiederholte emotionale Verletzungen; ich nenne beides hier nebeneinander, weil Betroffene beides gleich erleben.
Das Stresstoleranzfenster bei hochsensiblen Menschen und bei Trauma
Das Modell des Stresstoleranzfensters (Window of Tolerance) erklärt die Zusammenhänge und zeigt, was bei beiden gleich ist. Jeder Mensch hat einen Bereich, in dem er sich emotional sicher fühlt, seine Komfortzone. Wie groß sie ist, hängt vor allem davon ab, wie gut wir uns selbst regulieren können, also wie wir mit zu vielen oder zu wenigen Reizen umgehen. Gelingt es uns bei zu vielen Reizen nicht, uns zu regulieren, schüttet der Körper vermehrt Stresshormone aus, und wir rutschen in die Übererregung: Kampf oder Flucht, Herzrasen, Anspannung, Gedankenkreisen. Das Gegenstück ist die Untererregung: Erstarrung, Leere, emotionale Taubheit, Rückzug.
Eine typische Situation aus meinem eigenen Leben: Es ist Winter. Ich gehe dick angezogen in ein Kaufhaus. Mir wird sehr schnell unerträglich warm. Ich trage schon einiges an Taschen. Einfach die dicken Sachen ausziehen ist dadurch nicht möglich. Ich beginne zu schwitzen, überall juckt es, und die Kleidung wird schwer wie Blei.
Weil ich dort dringend etwas kaufen möchte, halte ich die Situation aus. Subjektiv sehe ich keine Möglichkeit, mein Unbehagen zu regulieren. Nach weniger als fünf Minuten schüttet mein Körper Adrenalin aus. Weil ich mir die Flucht selbst verbiete, bleibt der Kampfimpuls. Dann geht man mir besser aus dem Weg. Meine Komfortzone ist überschritten, und ich lande in der Übererregung. Sobald ich wieder in einer angenehmeren Umgebung bin, brauche ich etwa fünf Minuten, bis ich mich eingependelt habe.
Ein traumatisierter Mensch braucht nach meiner Beobachtung deutlich länger, um wieder zur Ruhe zu kommen. Hier liegen eine Gemeinsamkeit und ein Unterschied: Hochsensible haben genetisch bedingt ein schmaleres Stresstoleranzfenster als der Durchschnitt und geraten schneller in die Über- oder Untererregung; mit guter Selbstregulation finden sie aber schnell zurück. Auch traumatisierte Menschen haben ein schmaleres Fenster und gelangen leicht in die Über- oder Untererregung. Sie brauchen aber lange für den Weg zurück und fühlen sich dabei ausgeliefert. Was im Nervensystem dabei passiert, beschreibe ich im Beitrag über das vegetative Nervensystem der HSP; wie du dich aus einer akuten Überreizung holst, im Beitrag Hochsensible in der Überreizung.
Hochsensibilität ist eine Strategie der Natur, Trauma eine Verletzung
Welchen Sinn hat die Hochsensibilität aus Sicht der Natur? Hochsensible haben von Geburt an ein schmaleres Stresstoleranzfenster und reagieren dadurch schneller auf Reize. Das dient der Erhaltung der Art: In jeder Gruppe braucht es Mitglieder, die Gefahren früh bemerken, Stimmungen lesen und gründlich abwägen, bevor gehandelt wird. Elaine Aron beschreibt diese Veranlagung auch bei vielen Tierarten. Die Wachsamkeit kostet etwas, nämlich ein höheres Bedürfnis nach Erholung, und sie bringt etwas: Empathie, Voraussicht und Tiefe. Gleichzeitig sind Hochsensible mit Merkmalen ausgerüstet, die eine Selbstregulation vereinfachen. Wie sich Hochsensibilität und durchschnittliche Sensibilität in der Menschheitsgeschichte ergänzt haben, steht im Beitrag über Hochsensibilität und Evolution.
Ein Trauma ist eine Verletzung. Sie entsteht aus einem akuten Trauma (Unfall, Gewalt, Naturkatastrophe) oder aus frühen Verletzungen. Emotionale Belastungen in der Kindheit, etwa emotionale oder körperliche Vernachlässigung, gehören dazu. Das Nervensystem hat gelernt, dass die Welt unsicher ist, und bleibt im Alarm. Selbstverständlich kann auch ein hochsensibler Mensch ein Trauma erlebt haben. In vielen Fällen ist das so. Traumatische Erfahrungen treffen dann auf ein ohnehin feines System, und deshalb hängen beide Themen zusammen.
Der Zusammenhang: Warum Hochsensible Traumata intensiver verarbeiten
Hochsensibilität entsteht nicht durch ein Trauma. Trotzdem begegnen sich beide häufig, und der Zusammenhang geht in beide Richtungen.
Hochsensible Kinder werden von ihrer Umgebung stärker geprägt als andere Kinder, im Guten wie im Schlechten. Die Forschung nennt das differenzielle Empfänglichkeit: Je ausgeprägter die Sensibilität, desto stärker wirkt beides. Hochsensible Menschen verarbeiten Reize tiefer, und deshalb verarbeiten sie auch belastende Situationen und traumatische Erlebnisse intensiver. Elaine Aron hat 2005 gezeigt, dass hochsensible Erwachsene, die eine belastende Kindheit hatten, deutlich mehr unter Ängstlichkeit und Schüchternheit leiden als Hochsensible mit einer guten Kindheit, während der Effekt bei nicht hochsensiblen Menschen viel kleiner ist. Dieselbe Empfänglichkeit wirkt aber auch in die gute Richtung: Nach Studien des Psychologen Michael Pluess sprechen Hochsensible besonders gut auf Unterstützung an.
Häufiger von einem Trauma betroffen sind Hochsensible nach meiner Beobachtung deshalb nicht. Eine Traumaform begegnet mir bei ihnen aber sehr häufig: die Art, wie in der Kindheit mit ihnen und ihrer Hochsensibilität umgegangen wurde. In meiner Arbeit ist die Kombination aus angeborener Hochsensibilität und Entwicklungstrauma die häufigste Konstellation. Mehr dazu steht in den häufigen Fragen in Teil 2.
Umgekehrt macht ein Trauma Menschen sensibel, die es vorher nicht waren. Viele Menschen, die sich als hochsensibel bezeichnen, sind es nach den Kriterien von Elaine Aron gar nicht; sie tragen die Hypervigilanz, aber nicht die Tiefe, die Empathie und die Freude an Schönem, die die Hochsensibilität ausmacht. Für sie ist der Begriff Hochsensibilität eher ein Schutzschild, das die eigentliche Verletzung verdeckt, während ein hochsensibler Mensch ohne Trauma den Begriff eher als Krücke nutzt, die stützt, aber nicht vor sich hergetragen wird. Und dann gibt es die Menschen, die traumatisiert und hochsensibel sind. Sie behalten alle Eigenschaften der Hochsensibilität und tragen zusätzlich die Folgen der Verletzung. Für sie ist die Unterscheidung am schwersten und am wichtigsten.
Was triggert Hochsensible, was triggert traumatisierte Menschen?
Beide reagieren auf Reize, aber auf unterschiedliche. Hochsensible überreizt die Menge: Lärm, Licht, Gerüche, Menschenmengen, Zeitdruck, Konflikte im familiären oder sozialen Umfeld, zu viel auf einmal; eine permanente Reizüberflutung ohne Erholung führt in den Dauerstress. Klare Grenzen und das Wahrnehmen der eigenen Grenzen sind deshalb für Hochsensible die wichtigste Vorsorge. Die Reaktion baut sich langsam auf und geht mit Ruhe wieder weg. Ein Trauma wird getriggert durch die Ähnlichkeit: ein Tonfall, ein Geruch, eine Geste, ein Satz, der dem Ursprungsereignis auch nur entfernt gleicht. Emotionale Reaktionen kommen dann schlagartig, stehen in keinem Verhältnis zum Anlass und bleiben trotz Ruhe bestehen, weil das Nervensystem in der Vergangenheit feststeckt. Wenn du dich fragst, warum dich bestimmte Situationen so viel härter treffen als andere, die objektiv anstrengender sind, ist das ein Hinweis auf einen Trigger.
Trauma von Hochsensibilität unterscheiden: therapeutisches Vorgehen
Es ist immens wichtig, als Coach oder Therapeut Hochsensibilität von Trauma unterscheiden zu können. Der ausschließlich Hochsensible und der traumatisierte Mensch benötigen jeweils ein anderes therapeutisches Vorgehen. Hier kann Unwissenheit viel Schaden anrichten. Wer einem traumatisierten Menschen nur beibringt, Reize zu dosieren, verwaltet die Symptome und lässt die Ursache liegen. Wer einen Hochsensiblen ohne Trauma in eine Traumaverarbeitung schickt, sucht nach etwas, das es bei ihm gar nicht gibt, und vermittelt ihm, dass mit ihm etwas falsch ist.
Mit Hochsensibilität beschäftige ich mich seit 2002, meine erste Ausbildung in Traumaarbeit habe ich 2007 abgeschlossen. Seitdem setze ich mich intensiv mit Trauma und Hochsensibilität auseinander. Die Unterschiede, die ich in Teil 2 dieser Reihe in einer Tabelle zusammengefasst habe, beruhen auf diesen Beobachtungen und Erfahrungen. Sie ersetzen keine Diagnose. Eine posttraumatische Belastungsstörung oder eine komplexe PTBS stellt ein Arzt oder ein Psychotherapeut fest, und ihre Verarbeitung gehört in therapeutische Hände. Aus meiner Sicht sollte Traumaarbeit körperorientiert sein, denn ein Trauma sitzt im Körper und im Nervensystem. Besonders hervorheben möchte ich die Somatische Emotionale Integration (SEI) von Dami Charf, weil sie körperorientierte Traumaarbeit und Bindungsarbeit zusammenbringt; mehr dazu steht in Teil 3. Ein Coaching kann parallel begleiten, indem es die Stabilisierung unterstützt und die hochsensiblen Anteile ernst nimmt; wie das aussieht, beschreibe ich auf der Seite Traumasensibles Coaching für Hochsensible. Wie sich Hochsensibilität ohne Trauma im Leben zeigt, steht auf meiner Seite Hochsensibilität: Was sie mit deinem Leben macht.
Wann du Hilfe in Anspruch nehmen solltest
Leidest du sehr stark unter deiner Hochsensibilität, ist die Wahrscheinlichkeit, dass du ein Trauma erlebt hast, groß. Eine reine Hochsensibilität macht das Leben manchmal anstrengend, und es bleibt trotzdem ein gutes Leben; mit dem passenden Wissen gewinnen Hochsensible eine hohe emotionale Stabilität. Hilfe in Anspruch zu nehmen ist die folgerichtige Konsequenz aus der Unterscheidung. Wenn du Flashbacks oder Dissoziation erlebst, Suizidgedanken hast, Alkohol oder Medikamente zur Beruhigung brauchst, seit Wochen kaum schläfst oder Panikattacken bekommst, gehörst du in therapeutische oder ärztliche Hände, und zwar zeitnah. Antworten auf die häufigsten Fragen zu diesem Thema findest du kompakt in meinen FAQ zu Hochsensibilität und Trauma.
Hier geht es weiter mit Teil 2 der Reihe: Trauma und Hochsensibilität unterscheiden. Im dritten Teil erfährst du, dass auch der Verlauf unserer Geburt oder die Art unserer Erziehung traumatisierende Auswirkungen haben können.
Zu wissen, was zu deiner Veranlagung gehört und was zu einer alten Verletzung, ist ein erster Schritt. Mit dieser Klarheit findest du die Unterstützung, die zu dir passt.
Der Beitrag als Video
Die drei Teile der Reihe „Hochsensibilität von Trauma unterscheiden“ stammen aus einem Video. Hier kannst du es dir anschauen.
Häufige Fragen zu Hochsensibilität und Trauma
Hat Hochsensibilität etwas mit Trauma zu tun?
Ja, aber Trauma ist keine Ursache der Hochsensibilität. Hochsensibilität ist angeboren. Hochsensible Menschen verarbeiten belastende Erfahrungen intensiver; häufiger von einem Trauma betroffen sind sie nach meiner Beobachtung trotzdem nicht. Umgekehrt macht ein Trauma Menschen reizempfindlich, sodass sie sich für hochsensibel halten.
Kann Hochsensibilität durch ein Trauma entstehen?
Nein. Was durch ein Trauma entsteht, ist Hypervigilanz, eine dauerhafte Wachsamkeit des Nervensystems, die der Hochsensibilität ähnelt. Sie geht mit der Verarbeitung des Traumas zurück. Die angeborene Hochsensibilität bleibt ein Leben lang.
Wie äußert sich ein verdrängtes Trauma?
Ein verdrängtes Trauma äußert sich durch Symptome ohne erkennbaren Anlass: chronische Anspannung, Schlaflosigkeit, Schreckhaftigkeit, Erinnerungslücken, Gefühlsausbrüche oder emotionale Taubheit, Schwierigkeiten in Beziehungen, körperliche Symptome ohne Befund und ein Grundgefühl, falsch zu sein. Viele Betroffene beschreiben ihre Kindheit als ganz normal und suchen die Erklärung bei der Hochsensibilität.
Was triggert Hochsensible?
Hochsensible triggert die Menge an Reizen: Lärm, Licht, Gerüche, Menschenmengen, Zeitdruck, Konflikte, zu viele Termine. Die Überreizung baut sich langsam auf und geht mit Ruhe zurück. Ein Trauma-Trigger ist dagegen ein einzelner Reiz, der dem Ursprungsereignis ähnelt, und die Reaktion kommt schlagartig.
Welche psychischen Folgen kann ein Trauma haben?
Mögliche Folgen sind eine posttraumatische Belastungsstörung, bei wiederholter Belastung in der Kindheit eine komplexe PTBS mit Störungen der Gefühlsregulation, des Selbstbilds und der Beziehungen, außerdem Ängste, Depressionen, Zwänge und Suchterkrankungen. Die Diagnose stellt ein Arzt oder ein Psychotherapeut.
Wie kann man Hochsensibilität von Trauma unterscheiden?
Unterscheiden lassen sich beide an der Richtung der Sensibilität (offen für Schönes und Belastendes gegenüber einseitig auf Gefahr), am Umgang mit Ruhe (gesucht gegenüber vermieden), am Gedächtnis (gute Erinnerungen gegenüber Lücken), an der Empathie (echt gegenüber gefahrenscannend) und am Weg zurück ins Toleranzfenster (schnell gegenüber lang). Die vollständige Tabelle steht in Teil 2 dieser Reihe.
Wann sollte man professionelle Hilfe suchen?
Professionelle Hilfe ist angezeigt, wenn das Leiden das Leben bestimmt: bei Flashbacks, Dissoziation, Suizidgedanken, Substanzgebrauch zur Beruhigung, wochenlanger Schlaflosigkeit oder Panikattacken. Dann braucht es Traumatherapie; ein Coaching kann begleiten, aber nicht ersetzen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Aron, E. N. (1996): The Highly Sensitive Person. Broadway Books, New York.
- Aron, E. N. und Aron, A. (1997): Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73, 345 bis 368.
- Aron, E. N., Aron, A. und Davies, K. M. (2005): Adult shyness: The interaction of temperamental sensitivity and an adverse childhood environment. Personality and Social Psychology Bulletin, 31, 181 bis 197.
- Assary, E. und andere (2021): Genetic architecture of Environmental Sensitivity reflects multiple heritable components: a twin study with adolescents. Molecular Psychiatry, 26, 4896 bis 4904.
- Belsky, J. und Pluess, M. (2009): Beyond diathesis stress: Differential susceptibility to environmental influences. Psychological Bulletin, 135, 885 bis 908.
- Charf, D. (2018): Auch alte Wunden können heilen. Kösel, München.
- Pluess, M. und Boniwell, I. (2015): Sensory-Processing Sensitivity predicts treatment response to a school-based depression prevention program: Evidence of Vantage Sensitivity. Personality and Individual Differences, 82, 40 bis 45.
- Siegel, D. J. (1999): The Developing Mind. Guilford Press, New York.
- van der Kolk, B. (2014): The Body Keeps the Score. Viking, New York.
Über die Autorin

Sandra Quedenbaum arbeitet seit über zwanzig Jahren mit hochsensiblen Menschen und bildet seit fast 20 Jahren Coaches aus. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, selbst hochsensibel und begleitet ihre Kunden im Einzelcoaching, in Online-Kursen und in der Ausbildung zum HSP-Coach. Ihr Ansatz ist körperorientiert und traumasensibel.