Bedürfnisse hochsensibler Kinder: das hochsensible Kind begleiten

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Dein Kind weint, weil die Socke eine Naht hat. Es weigert sich, auf den Kindergeburtstag zu gehen, auf den es sich wochenlang gefreut hat. Nach der Kita ist es so erschöpft, dass ein falsches Wort reicht, und der Abend ist gelaufen. Und du stehst daneben und fragst dich, was du falsch machst. Meist machst du nichts falsch. Dein Kind nimmt die Welt intensiver wahr als die meisten anderen Kinder, und das hat Folgen für alles, was danach kommt.

Ob dein Kind hochsensibel ist, klärst du mit dem Test für hochsensible Kinder auf dieser Seite. Hier geht es um die Frage danach: Welche Bedürfnisse haben hochsensible Kinder, was braucht dein Kind von dir, und wie begleitest du das hochsensible Kind so, dass es mit seiner Veranlagung gut aufwächst? Die Hochsensibilität zu erkennen und zu verstehen ist der erste Schritt, um dein Kind besser zu verstehen und im Alltag zu unterstützen. In meiner Arbeit mit Eltern hochsensibler Kinder zeigt sich immer wieder: Sobald die Eltern verstehen, was im Kind vorgeht, verändert sich der Alltag, noch bevor sie irgendetwas anders machen. Ich lade dich ein, beim Lesen dein eigenes Kind vor Augen zu haben. Schauen wir uns das der Reihe nach an.

Kurz gesagt: Hochsensibilität bei Kindern ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, das nach der amerikanischen Psychologin Elaine Aron etwa 15 bis 20 Prozent aller Kinder betrifft. Hochsensible Kinder nehmen ihre Umgebung intensiver wahr, verarbeiten Reize, Stimmungen und Gefühle tiefer und sind deshalb schnell überfordert. Das Merkmal ist weder eine Krankheit noch eine Störung. Hochsensible Kinder brauchen vor allem Vorhersehbarkeit, Zeit für Übergänge, Pausen von Reizen, ernst genommene Gefühle und Erwachsene, die ihre Eigenart erklären statt sie zu beschämen. Die Forschung zeigt, dass sensible Kinder von einer guten Begleitung stärker profitieren als weniger sensible Kinder.

Was bedeutet Hochsensibilität bei Kindern?

Hochsensibilität beschreibt eine besondere Empfindsamkeit in der Verarbeitung von Sinneseindrücken. Der Begriff geht auf die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron zurück, die das Merkmal 1997 als Sensory Processing Sensitivity beschrieben und mit der Highly Sensitive Person Scale messbar gemacht hat; für Kinder gibt es inzwischen eine eigene Fassung des Fragebogens. Im Deutschen hat sich für hochsensible Kinder die Abkürzung HSK eingebürgert. Arons Buch „Das hochsensible Kind“ ist bis heute der Ausgangspunkt für alle, die sich mit dem Thema Hochsensibilität bei Kindern befassen. Aron beschreibt vier Merkmale, die zusammen vorliegen müssen: Das Kind verarbeitet Eindrücke tief und gründlich, es ist schnell überreizt, es hat starke Gefühle und viel Einfühlungsvermögen, und es bemerkt Feinheiten, die anderen entgehen.

Das Merkmal ist angeboren. Eine Zwillingsstudie aus London kommt zu dem Ergebnis, dass etwa die Hälfte der Unterschiede in der Sensibilität auf die Gene zurückgeht, die andere Hälfte auf Erfahrungen und Umwelt. Hochsensibilität wird also zum Teil vererbt, und viele Eltern hochsensibler Kinder erkennen beim Lesen ihre eigene Hochsensibilität wieder. Hochsensibilität ist weder eine Krankheit noch eine psychische Störung, sie steht in keinem Diagnosehandbuch, und sie muss nicht behandelt werden. Sie ist ein Persönlichkeitsmerkmal wie Schüchternheit oder Neugier, das bei etwa jedem fünften Kind vorkommt. Im Englischen heißt ein hochsensibler Mensch Highly Sensitive Person, kurz HSP. Das Merkmal bleibt ein Leben lang: Hochsensible Erwachsene waren hochsensible Kinder, und hochsensible Menschen jeden Alters teilen dieselbe Art, die Welt aufzunehmen.

Ein Bild aus der Forschung hilft beim Verstehen. Der amerikanische Kinderarzt Thomas Boyce unterscheidet Löwenzahnkinder, die fast überall gedeihen, von Orchideenkindern, die unter schlechten Bedingungen verkümmern und unter guten Bedingungen aufblühen. Studien zur sogenannten differenziellen Empfänglichkeit bestätigen dieses Bild: Sensible Kinder reagieren stärker auf harte oder unberechenbare Erziehung, sie profitieren aber auch stärker von Wärme, Verlässlichkeit und guter Begleitung als weniger sensible Kinder. Das ist die wichtigste Nachricht dieses Beitrags. Deine Begleitung hat bei einem hochsensiblen Kind mehr Gewicht als bei anderen Kindern, im Guten wie im Schlechten. Auch die Widerstandskraft, die in der Psychologie Resilienz heißt, entsteht bei sensiblen Kindern aus verlässlichen Beziehungen zu ihren Bezugspersonen. Abhärtung erreicht bei ihnen das Gegenteil.

Wie zeigt sich Hochsensibilität bei Kindern? Typische Merkmale

Kein hochsensibles Kind gleicht dem anderen. Manche sind still und zurückhaltend, also eher introvertiert, andere sind extrovertiert, laut, wild und auf der Suche nach Abenteuern. Wie stark die einzelnen Merkmale ausgeprägt sind, unterscheidet sich von Kind zu Kind. Was hochsensible Kinder verbindet, ist die Art, wie ihr Nervensystem mit Eindrücken umgeht. Die Besonderheiten hochsensibler Kinder zeigen sich auf vier Ebenen:

In der Wahrnehmung: Sensorische Reize wie laute Geräusche, grelles Licht oder Gerüche und Berührungen werden intensiv wahrgenommen und kommen ungefiltert an. Das Kind stört sich an Etiketten in der Kleidung, an Nähten, an nassen Ärmeln. Es riecht, dass die Milch nicht mehr frisch ist, bevor jemand sonst es bemerkt. Es hält sich bei Lärm die Ohren zu. Es bemerkt, wenn ein Möbelstück verrückt wurde oder die Erzieherin traurig ist.

In den Gefühlen: Das Gefühlsleben ist intensiv. Freude, Wut, Trauer und Angst kommen mit voller Wucht. Das Kind weint bei traurigen Geschichten und leidet mit, wenn ein anderes Kind ausgelacht wird. Es nimmt Kritik tief, oft tiefer, als sie gemeint war. Ungerechtigkeit bringt es in Rage.

In der Überforderung: Nach Kindergeburtstagen, Ausflügen, Besuch oder einem langen Kitatag kippt die Stimmung. Das Kind wird weinerlich, trotzig oder aggressiv, oft erst zu Hause, wo es sich sicher fühlt. Viele Eltern beschreiben, dass ihr Kind in der Kita oder Schule als ruhig und angepasst gilt und zu Hause explodiert. Das ist kein Widerspruch. Das Kind hat den Tag über zusammengehalten, was es nicht verarbeiten konnte, und lässt es dort los, wo es darf.

In der Verarbeitung: Das Kind braucht Zeit, um Eindrücke zu verarbeiten. Es beobachtet erst lange, bevor es mitspielt. Es stellt Fragen, die für sein Alter erstaunlich sind, und denkt über Tod, Gerechtigkeit und Gott nach. Es braucht Zeit für Entscheidungen. Neue Situationen, neue Menschen und Veränderungen im Ablauf lösen Unsicherheit aus.

Je nach Alter sieht das anders aus. Beim Baby zeigt sich Hochsensibilität oft in Schreckhaftigkeit, Einschlafproblemen und Unruhe bei Besuch. Beim Kleinkind kommen heftige Wutanfälle bei Überforderung, Ablehnung neuer Speisen und lange Eingewöhnungen dazu. Beim Schulkind fallen Perfektionismus, Sorgen vor Klassenarbeiten, Erschöpfung nach der Schule und ein feines Gespür für die Stimmung in der Klasse auf. Hochsensible Kinder fühlen sich in ruhiger, überschaubarer Umgebung wohl und blühen dort auf. Welche Merkmale bei deinem Kind zutreffen, kannst du mit dem Test für hochsensible Kinder durchgehen.

Wie sich Hochsensibilität aus Sicht eines Kindes anfühlt, erzählt meine Tochter in einem Video. Sie war damals elf Jahre alt und beschreibt darin, wie sie ihre Hochsensibilität erlebt: Meine Tochter erzählt, wie sie ihre Hochsensibilität erlebt. Ich lade dich ein, das Video gemeinsam mit deinem Kind anzuschauen und danach darüber zu sprechen, was ihm bekannt vorkommt.

Hochsensible Kinder, gefühlsstarke Kinder, ADHS oder Autismus?

Der Begriff „gefühlsstarke Kinder“ ist in Deutschland durch die Autorin Nora Imlau bekannt geworden und beschreibt Kinder, die ihre Gefühle sehr intensiv erleben und ausdrücken. Die Überschneidung mit Hochsensibilität ist groß, die Begriffe stammen aber aus unterschiedlichen Quellen. Hochsensibilität ist ein Forschungsbegriff aus der Persönlichkeitspsychologie und umfasst neben den starken Gefühlen auch die feine Wahrnehmung und die tiefe Verarbeitung. Gefühlsstärke ist ein Begriff aus der Elternratgeberliteratur und setzt den Schwerpunkt auf das Temperament. Auch Hochsensibilität und Hochbegabung werden oft in einem Atemzug genannt, weil intensives Erleben und gründliches Denken sich ähneln. Ein wissenschaftlich belegter Zusammenhang fehlt bisher; ein hochsensibles Kind kann hochbegabt sein, muss es aber nicht.

Schwieriger ist die Abgrenzung zu ADHS und Autismus, weil Reizüberflutung, Rückzug und heftige Gefühlsausbrüche bei allen drei vorkommen. Ein grober Anhaltspunkt: Hochsensible Kinder lesen soziale Signale gut und reagieren stark darauf. Sie können sich konzentrieren, wenn die Umgebung ruhig ist, und beruhigen sich in Ruhe schnell wieder. Bei ADHS bleibt die Unruhe auch ohne äußere Reize bestehen, bei Autismus fällt das Deuten von Mimik und sozialen Regeln schwer. Wenn du unsicher bist, ob bei deinem Kind mehr dahintersteckt, ist der Kinderarzt oder ein Kinderpsychologe die richtige Adresse. Eine Abklärung nimmt dem Kind nichts, und sie verhindert, dass ein Kind mit ADHS jahrelang nur als „sensibel“ gilt.

Sieben Bedürfnisse hochsensibler Kinder gegen Überforderung

Hochsensible Kinder haben dieselben Bedürfnisse wie alle Kinder, nur in einer anderen Dosierung. Die Frage, die ich Eltern im Coaching als Erstes stelle, lautet: Was braucht das Kind gerade von dir? In meiner Arbeit mit Eltern sehe ich sieben Bedürfnisse, die bei hochsensiblen Kindern besonders ins Gewicht fallen.

1. Vorhersehbarkeit

Ein hochsensibles Kind verarbeitet jede Veränderung gründlich. Feste Abläufe am Morgen, beim Essen und beim Schlafengehen ersparen ihm Verarbeitungsarbeit. Wenn etwas anders läuft, hilft eine Ankündigung: „Heute holt dich Oma ab, sie wartet am Tor.“ Überraschungen, die andere Kinder freuen, kosten ein hochsensibles Kind Kraft.

2. Zeit für Übergänge

Vom Spielen zum Essen, vom Haus in die Kita, vom Wachsein in den Schlaf: Jeder Wechsel ist ein kleiner Kraftakt. Fünf Minuten Vorwarnung, ein Ritual und kein Zeitdruck machen den Unterschied zwischen einem ruhigen Wechsel und einem Wutanfall. Bei großen Übergängen wie dem Kitastart oder der Einschulung gilt das in mehrfacher Dosis.

3. Pausen von Reizen

Nach einem vollen Tag braucht das Kind feste Ruhephasen, in denen nichts hereinkommt: keine Termine, kein Besuch, kein Bildschirm. Viele hochsensible Kinder spielen nach der Kita erst einmal allein in ihrem Zimmer oder wollen einfach nur kuscheln. Das ist keine Unhöflichkeit. Der Akku ist leer und lädt in Ruhe wieder auf. Ein reizarmer Rückzugsort im Haus, und sei es eine Höhle aus Decken, ist für viele Kinder die beste Erfindung des Jahres.

4. Ernst genommene Gefühle

Sätze wie „Stell dich nicht so an“ oder „Das ist doch nicht schlimm“ sind für ein hochsensibles Kind eine doppelte Kränkung. Sie stimmen aus seiner Sicht nicht, und sie sagen ihm, dass mit seiner Wahrnehmung etwas nicht stimmt. Was hilft, ist, die Bedürfnisse des Kindes ernst zu nehmen und zu benennen: „Der Lärm war zu viel für dich.“ „Du bist traurig, weil Lena nicht mit dir gespielt hat.“ Kleine Kinder können ihre Gefühle noch nicht allein regulieren. Sie brauchen dafür einen ruhigen Erwachsenen, an dem sie sich sozusagen anlehnen können. Fachleute nennen das Co-Regulation. Dein ruhiger Ton wirkt stärker als jedes Argument.

5. Keine Beschämung

Hochsensible Kinder nehmen Kritik tief und behalten sie lange. Ein bloßstellender Satz vor anderen Kindern wirkt bei ihnen wochenlang nach. Grenzen setzen ist trotzdem wichtig, und hochsensible Kinder halten sich sogar besonders gut an Regeln, die sie verstehen. Der Unterschied liegt im Ton: klar in der Sache, ruhig in der Stimme, ohne Vorwurf und ohne Publikum.

Mädchen sitzt zusammengekauert mit einem Teddybär auf dem Sofa, während ein Erwachsener mit dem Finger auf sie zeigt

6. Eine Erklärung für die eigene Eigenart

Kinder spüren, dass sie anders reagieren als andere. Ohne Erklärung schließen sie daraus, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Erkläre deinem Kind seine Hochsensibilität in seiner Sprache: „Deine Antennen sind länger als bei anderen. Du merkst mehr, und darum wird es dir auch schneller zu viel. Das ist kein Fehler, das ist deine Art.“ Ein Kind, das sich selbst versteht, kann irgendwann selbst sagen, wann es eine Pause braucht.

7. Stärken, die gesehen werden

Im Alltag mit einem hochsensiblen Kind sprechen Eltern viel über das, was schwierig ist. Das Kind hört zu. Genauso wichtig ist, dass es hört, was an seiner Art gut ist. Hochsensible Kinder haben oft ein großes Einfühlungsvermögen, sie sind gründlich, haben einen starken Gerechtigkeitssinn, viel Fantasie, einen Blick für Details und häufig einen besonderen Zugang zu Kunst oder Musik. Das Selbstwertgefühl eines hochsensiblen Kindes wächst mit dem, was die wichtigsten Erwachsenen in ihm sehen.

Das hochsensible Kind begleiten: Tipps für zu Hause, Kita und Schule

Zu Hause

Plane den Tag mit dem Reizhaushalt deines Kindes im Blick. Auf einen Kindergeburtstag folgt kein Besuch beim Onkel. Nach der Kita gibt es erst eine halbe Stunde Ruhe, dann das Gespräch über den Tag. Sorge für Schlaf, denn müde hochsensible Kinder sind doppelt empfindlich. Bei Wutanfällen aus Überforderung hilft es, das Kind aus der Situation zu nehmen, in Ruhe bei ihm zu bleiben und erst danach über das Verhalten des Kindes zu sprechen. Mitten im Sturm erreicht kein Wort das Kind.

In Kita und Schule: Erzieher und Lehrer einbeziehen

Kita und Schule sind für hochsensible Kinder die reizreichsten Orte des Tages. Im Kita-Alltag kommen Lautstärke, viele Kinder, ständige Wechsel und wenig Rückzug zusammen. Sprich mit der Erzieherin, dem Lehrer oder einer anderen Fachkraft, ohne dein Kind als Sonderfall darzustellen. Konkrete Bitten wirken besser als der Begriff Hochsensibilität: ein fester Platz am Rand im Morgenkreis, Rückzugsmöglichkeiten wie die Leseecke, Vorwarnung bei Änderungen im Tagesablauf, kein Vorführen vor der Klasse. Viele Fachkräfte in der Arbeit mit Kindern kennen das Thema Hochsensibilität im Alltag inzwischen, und die meisten sind dankbar für Hinweise, mit denen sie arbeiten können. Bei der Wahl der Schule lohnt ein Blick auf Klassengröße, Lärmpegel und die Haltung des Kollegiums mehr als auf das pädagogische Konzept.

Geschwister und Umfeld

Geschwister, Großeltern und Freunde verstehen oft nicht, warum ein Kind eine „Extrawurst“ bekommt. Erkläre es kurz und ohne Rechtfertigung: „Paul braucht nach der Schule eine Pause, sonst geht es ihm nicht gut.“ Geschwister brauchen dabei ihre eigene Zeit mit dir, damit sie die Rücksicht auf die besonderen Bedürfnisse deines Kindes nicht als Zurücksetzung erleben.

Was Eltern hochsensibler Kinder über sich selbst wissen sollten

Das Leben mit hochsensiblen Kindern bleibt anstrengend, auch wenn du dein Kind verstehst. Ein hochsensibles Kind kann sich nur so weit beruhigen, wie der Erwachsene neben ihm ruhig ist. Das ist die Kehrseite der Co-Regulation. Wenn du selbst hochsensibel bist, und das ist bei Eltern hochsensibler Kinder häufig, dann trifft die Überforderung deines Kindes auf deine eigene. Zwei überreizte Nervensysteme in einem Raum schaukeln sich hoch. Deshalb gehört zur Begleitung eines hochsensiblen Kindes auch die Frage, wie du selbst zur Ruhe kommst und wo dein Reizhaushalt am Ende des Tages steht. Wie du deinen eigenen Alltag reizärmer gestaltest, beschreibe ich im Beitrag Hochsensibilität und Reizüberflutung. Eltern, die sich das eingestehen, zeigen ihrem Kind, wie man mit einem feinen Nervensystem lebt.

Das gilt auch für den Blick in die eigene Kindheit. Viele Eltern erkennen im Kind das Kind, das sie selbst waren, und begegnen dabei alten Sätzen: „Sei nicht so empfindlich.“ „Reiß dich zusammen.“ Wer diese Sätze bei sich bemerkt, kann entscheiden, sie nicht weiterzugeben.

Auf einen Blick: die Bedürfnisse hochsensibler Kinder

Bedürfnis Woran du erkennst, dass es fehlt Was hilft
VorhersehbarkeitUnruhe und Widerstand bei jeder ÄnderungFeste Abläufe, Ankündigungen, Rituale
Zeit für ÜbergängeWutanfälle beim Wechsel von einer Tätigkeit zur nächstenVorwarnung, kein Zeitdruck, Übergangsrituale
Pausen von ReizenZusammenbruch nach Kita, Schule, Feiern und BesuchRuhige Zeit danach, Rückzugsort, weniger Termine
Ernst genommene GefühleDas Kind zieht sich zurück oder eskaliert, wenn es abgewiegelt wirdGefühle benennen, ruhig bleiben, Co-Regulation
Keine BeschämungDas Kind grübelt tagelang über einen TadelKlare Grenzen, ruhiger Ton, kein Publikum
Erklärung der Eigenart„Mit mir stimmt etwas nicht“Hochsensibilität kindgerecht erklären
Gesehene StärkenGeringes Selbstwertgefühl, Angst vor FehlernStärken benennen, Fehler als normal behandeln

Wenn du tiefer einsteigen möchtest

Ein Beitrag kann erklären, was in deinem Kind vorgeht. Was in eurer Familie gerade der beste nächste Schritt ist, klärt sich im Gespräch. Wenn du das Thema gründlich verstehen willst, führt dich mein Onlinekurs Das hochsensible Kind verstehen in 20 Modulen durch Wahrnehmung, Gefühle, Überforderung, Kita, Schule und Familie, in deinem eigenen Tempo. Wenn es bei euch gerade brennt, weil die Wutanfälle den Alltag bestimmen, der Schulstart bevorsteht oder du selbst am Ende deiner Kraft bist, ist ein Gespräch sinnvoller als ein Kurs. Im Coaching für Eltern hochsensibler Kinder schauen wir gemeinsam auf dein Kind, auf dich und auf das, was ihr beide braucht. Wie dein Kind mit seiner Veranlagung ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt, beschreibe ich im Beitrag So wird dein hochsensibles Kind selbstbewusst. Zum Hören gibt es im Podcast Hochsensibel leicht leben eine eigene Folgengruppe zu hochsensiblen Kindern.

Dein Kind hat mit dir jemanden, der hinschaut und verstehen will. Für ein hochsensibles Kind ist das der wichtigste Boden, auf dem es wachsen kann.

Häufige Fragen zum Umgang mit hochsensiblen Kindern

Wie geht man mit hochsensiblen Kindern richtig um?

Der Umgang mit hochsensiblen Kindern gelingt mit Verständnis und Geduld, mit Verlässlichkeit und mit Erklärungen. Hochsensible Kinder brauchen feste Abläufe, Vorwarnung bei Veränderungen, Pausen nach reizreichen Situationen und Erwachsene, die ihre Gefühle ernst nehmen, statt sie kleinzureden. Grenzen sind wichtig, sie werden aber ruhig und ohne Beschämung gesetzt. Wer das Kind versteht, statt es zu verändern, erlebt weniger Wutanfälle und mehr Kooperation.

Wie erzieht man hochsensible Kinder am besten?

Hochsensible Kinder reagieren auf Erziehung stärker als andere Kinder, in beide Richtungen. Harte, unberechenbare oder beschämende Erziehung schadet ihnen mehr, warme und klare Begleitung nützt ihnen mehr. Schimpfen und Strafen erzeugen bei ihnen Angst statt Einsicht, weil sie Kritik ohnehin tief nehmen. Am besten funktionieren klare Regeln, die das Kind versteht, ein ruhiger Ton und Konsequenzen, die logisch mit dem Verhalten zusammenhängen.

Wie kann ich meinem Kind Hochsensibilität erklären?

Mit einem Bild aus seiner Welt: lange Antennen, ein feines Radar, ein Hund mit besonders guter Nase. Der Kern der Erklärung lautet: „Du merkst mehr als andere. Darum wird es dir schneller zu viel, und darum siehst du auch Dinge, die andere übersehen. Beides gehört zusammen, und beides ist in Ordnung.“ Je jünger das Kind, desto einfacher das Bild. Wichtig ist, dass die Erklärung die Stärken genauso nennt wie die Schwierigkeiten.

Wie verhalten sich hochsensible Kinder in der Schule?

Viele hochsensible Kinder sind in der Schule angepasst, gewissenhaft und still, weil sie Konflikte und Aufmerksamkeit vermeiden. Sie leiden unter Lärm, unter Zeitdruck bei Klassenarbeiten und unter Lehrern, die laut werden. Die Erschöpfung zeigt sich meist erst zu Hause. Andere hochsensible Kinder fallen durch Tränen, Rückzug oder Wutausbrüche auf, wenn ihnen die Reize über den Kopf wachsen. Ein Gespräch mit der Lehrkraft über konkrete Entlastungen hilft in beiden Fällen.

Wird Hochsensibilität vererbt?

Zum Teil. Zwillingsstudien schätzen den Anteil der Gene an der Sensibilität auf ungefähr die Hälfte. Der Rest geht auf Erfahrungen und Umwelt zurück. Hochsensible Kinder haben deshalb häufig mindestens ein hochsensibles Elternteil, aber nicht immer.

Braucht ein hochsensibles Kind eine Therapie?

Nein. Hochsensibilität ist keine Störung und braucht keine Behandlung. Eine Therapie oder Beratung ist dann sinnvoll, wenn ein Kind unter Ängsten, Schlafstörungen oder anhaltender Erschöpfung leidet, oder wenn unklar ist, ob ADHS, Autismus oder eine Belastung dahinterstecken. In den meisten Familien reicht es, wenn die Eltern das Kind verstehen und den Alltag anpassen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Aron, E. N. (2002): The Highly Sensitive Child. New York: Broadway Books. Deutsch: Das hochsensible Kind. mvg Verlag.
  • Aron, E. N. und Aron, A. (1997): Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345 bis 368.
  • Pluess, M., Assary, E., Lionetti, F., Lester, K. J., Krapohl, E., Aron, E. N. und Aron, A. (2018): Environmental sensitivity in children: Development of the Highly Sensitive Child Scale and identification of sensitivity groups. Developmental Psychology, 54(1), 51 bis 70.
  • Belsky, J. und Pluess, M. (2009): Beyond diathesis stress: Differential susceptibility to environmental influences. Psychological Bulletin, 135(6), 885 bis 908.
  • Slagt, M., Dubas, J. S., van Aken, M. A. G., Ellis, B. J. und Dekovic, M. (2018): Sensory processing sensitivity as a marker of differential susceptibility to parenting. Developmental Psychology, 54(3), 543 bis 558.
  • Assary, E., Zavos, H. M. S., Krapohl, E., Keers, R. und Pluess, M. (2021): Genetic architecture of Environmental Sensitivity reflects multiple heritable components: a twin study with adolescents. Molecular Psychiatry, 26, 4896 bis 4904.
  • Lionetti, F. u. a. (2018): Dandelions, tulips and orchids: evidence for the existence of low-sensitive, medium-sensitive and high-sensitive individuals. Translational Psychiatry, 8, 24.
  • Boyce, W. T. (2019): The Orchid and the Dandelion. New York: Knopf. Deutsch: Orchidee oder Löwenzahn? Droemer.

Über die Autorin

Sandra Quedenbaum ist Erzieherin und Sozialpädagogin, arbeitet seit über zwanzig Jahren mit hochsensiblen Menschen und ist selbst hochsensibel. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Coach und Lehrtrainerin, bildet seit fast 20 Jahren aus und begleitet Eltern hochsensibler Kinder im Coaching und mit dem Onlinekurs „Das hochsensible Kind verstehen“. Sie hat selbst eine hochsensible Tochter.

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