Hochsensibilität und Kreativität: das kreative Potenzial entfalten

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Hochsensible Menschen nehmen Reize intensiver wahr und verarbeiten sie gründlicher als andere. Sie bemerken Nuancen in Farben, Klängen und Stimmungen, sehen Details, die anderen entgehen, und verknüpfen das Wahrgenommene mit früheren Erfahrungen und Gefühlen. Dadurch verbinden sie Informationen, die für andere nichts miteinander zu tun haben, und spüren früh, wo etwas fehlt oder nicht stimmig ist. Aus dieser feinen Wahrnehmung und dem vernetzten Denken entsteht Kreativität. Deshalb sind auch viele Musiker, Schauspieler, Maler und andere Künstler hochsensibel.

Eine weitere Stärke beobachte ich seit über zwanzig Jahren in meiner Arbeit mit hochsensiblen Menschen: Sie sind besonders gut darin, Bestehendes neu zu kombinieren, weiterzuentwickeln und zu optimieren. Weil sie auf mehreren Ebenen gleichzeitig denken und Dinge miteinander verbinden, sehen sie, was eine Methode, einen Ablauf oder ein Konzept noch besser machen würde. Ich kenne das auch von mir selbst. Meine Ausbildung zum HSP-Coach ist aus vielen eigenen Ausbildungen entstanden: Ich habe aus jeder die Teile ausgewählt, die für hochsensible Menschen besonders hilfreich sind, und sie zu etwas Eigenem verbunden.

Viele Hochsensible würden sich trotzdem nie als kreativ bezeichnen, weil sie Kreativität nur mit Kunst verbinden. In diesem Beitrag geht es darum, was die Forschung über Hochsensibilität und Kreativität weiß, warum Hochsensible so gut im Weiterentwickeln sind, was ihre Kreativität bremst und wie du deine Kreativität fördern kannst. Ich lade dich ein, beim Lesen darauf zu achten, wo du selbst kreativ bist, auch dort, wo du es bisher anders genannt hast. Schauen wir uns das der Reihe nach an.

Kurz gesagt: Kreativität ist die Fähigkeit, etwas zu schaffen, das neu ist und einen Nutzen hat. Hochsensible Menschen nehmen Reize intensiver wahr und verarbeiten sie tiefer; dadurch verbinden sie Informationen, die für andere nichts miteinander zu tun haben. Ihre Empathie und ihre intensive Gefühlswelt verstärken diese Kreativität. In einer Studie von David Bridges und Haline Schendan aus dem Jahr 2019 mit 288 Teilnehmern hing die Seite der Hochsensibilität, die feine Wahrnehmung und Ästhetik betrifft, mit drei verschiedenen Kreativitätsmaßen zusammen; die leichte Erregbarkeit zeigte keinen solchen Zusammenhang. In meiner Praxis zeigt sich eine besondere Stärke: Hochsensible entwickeln aus Bestehendem Neues und verbessern Vorhandenes. Ihre Kreativität entfaltet sich am besten mit Ruhe, Zeit und einem regulierten Nervensystem.

Was Kreativität ist: mehr als Kunst, Malen und Musik

In der Kreativitätsforschung hat sich eine schlichte Definition durchgesetzt, die Mark Runco und Garrett Jaeger 2012 als Standarddefinition beschrieben haben: Kreativ ist, was originell ist und zugleich wirksam, also einen Zweck erfüllt. Ein Bild kann das erfüllen, ein Lied oder ein Gedicht. Genauso eine neue Lösung für ein altes Problem im Team, ein Rezept, das mit dem auskommt, was im Kühlschrank ist, oder ein Gespräch, in dem jemand die Worte findet, die einen festgefahrenen Streit lösen.

Die Psychologen James Kaufman und Ronald Beghetto unterscheiden deshalb verschiedene Stufen der Kreativität. Neben der großen Kreativität, die Kunst und Wissenschaft verändert, gibt es die Alltagskreativität: die vielen kleinen neuen Ideen, mit denen Menschen ihr Leben, ihre Arbeit und ihre Beziehungen gestalten. Diese Alltagskreativität ist das Feld, auf dem die meisten hochsensiblen Menschen stark sind. Sie zeigt sich in der Problemlösung, im Weiterentwickeln und im Gespür dafür, was an einer Sache noch fehlt.

Für diesen Beitrag ist das wichtig. Wer Kreativität nur als künstlerisches Talent versteht, übersieht bei sich selbst oft die kreativste Seite. Kreative Tätigkeiten reichen vom Schreiben und Gestalten über Handwerk, Garten und Kochen bis zur Art, wie jemand einen Kurs aufbaut oder ein Kind durch eine schwierige Phase begleitet.

Highly Sensitive Person: was hochsensible Menschen anders verarbeiten

Den Begriff Hochsensibilität hat die amerikanische Psychologin Elaine Aron in den 1990er-Jahren geprägt; sie gilt als Pionierin der Forschung zu diesem Thema. Sie beschreibt die Highly Sensitive Person, kurz HSP, als Menschen mit einem angeborenen Persönlichkeitsmerkmal, das sie Sensory Processing Sensitivity nennt. Etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen sind hochsensibel. Hochsensible nehmen Reize intensiver wahr, verarbeiten sie gründlicher und werden dadurch schneller überfordert. Sinnesreize wie Geräusche, Licht und Gerüche gehören dazu, ebenso Veränderungen in der Umgebung, die Stimmung anderer Menschen und emotionale Reaktionen, eigene wie fremde.

Gemessen wird das Merkmal meist mit dem Fragebogen, den Elaine Aron und Arthur Aron 1997 veröffentlicht haben, der Highly Sensitive Person Scale mit 27 Fragen. Mehr zu den Grundlagen findest du im Beitrag Hochsensibilität: Was sie mit deinem Leben macht. Wenn du wissen möchtest, ob du selbst hochsensibel bist, gibt dir der Test Hochsensibilität für Erwachsene eine erste Einordnung.

Für die Kreativität ist vor allem diese tiefe Reizverarbeitung bedeutsam, mehr noch als die intensive Wahrnehmung selbst. Was eine hochsensible Person wahrnimmt, wird mit früheren Erfahrungen verglichen, mit Gefühlen verknüpft und in Zusammenhänge eingeordnet. Genau diese Verknüpfungen sind der Stoff, aus dem neue Ideen entstehen. Wie dieses vernetzte Denken im Einzelnen abläuft, beschreibe ich im Beitrag Wie hochsensible Menschen denken.

Empathie und intensive Gefühle: was die Kreativität verstärkt

Hochsensible Menschen fühlen intensiver, die eigenen Gefühle ebenso wie die anderer Menschen. Sie spüren die Stimmung in einem Raum, bemerken kleine Veränderungen in einem Gesicht oder einer Stimme und können sich gut in andere hineinversetzen. Diese Empathie und die intensive Gefühlswelt verstärken ihre Kreativität, denn aus ihnen entsteht der Stoff für Musik, Bilder, Texte und Rollen.

Besonders deutlich wird das bei hochsensiblen Schauspielern. Sie können sich gut in eine Rolle einfühlen und in sie hineinspringen, weil sie spüren, wie sich ein anderer Mensch in einer Situation fühlt, und dieses Gefühl in Stimme, Haltung und Blick übertragen. Ähnlich geht es hochsensiblen Musikern, Autoren und Malern: Sie drücken Gefühle so aus, dass andere sich darin wiederfinden. Das Publikum spürt, dass hier jemand etwas selbst empfunden hat.

Diese Tiefe wirkt auch im Alltag. Wer mitfühlt, versteht, was ein anderer Mensch braucht, und findet Lösungen, die zu ihm passen. Zur Quelle der Kreativität wird die Gefühlswelt, wenn sie Raum bekommt und das Nervensystem zur Ruhe kommen kann. Wer dauerhaft überreizt ist, erlebt dieselben Gefühle eher als Last. Wie du fremde Gefühle von deinen eigenen unterscheidest, beschreibe ich im Beitrag Gefühle anderer spüren, und wie du starke Gefühle steuerst, im Beitrag Emotionen regulieren bei Hochsensibilität.

Sind hochsensible Menschen kreativer? Was die Forschung zeigt

Die Frage, ob Hochsensibilität und Kreativität zusammenhängen, ist erst in den letzten Jahren genauer untersucht worden. Zwei Befunde sind dabei besonders aufschlussreich.

Ein Forschungsteam um K. A. Smolewska an der University of Waterloo in Kanada hat 2006 den Fragebogen von Aron ausgewertet und drei Bereiche der Hochsensibilität gefunden: die leichte Erregbarkeit, also wie schnell jemand von Reizen überwältigt wird, die niedrige Wahrnehmungsschwelle, also wie fein jemand Reize bemerkt, und die ästhetische Sensitivität, also das Gespür für Kunst, Musik, Details und Atmosphäre. Im Vergleich mit den Big Five, den fünf großen Persönlichkeitsmerkmalen Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus, hing die ästhetische Sensitivität am stärksten mit der Offenheit für neue Erfahrungen zusammen. Die beiden anderen Bereiche hingen eher mit dem Neurotizismus zusammen, also mit der Neigung zu belastenden Gefühlen. Offenheit gilt in der Kreativitätsforschung als das Persönlichkeitsmerkmal, das am engsten mit Kreativität verbunden ist; das hat unter anderem Gregory Feist in einer großen Übersichtsarbeit gezeigt.

Direkt gemessen haben den Zusammenhang David Bridges und Haline Schendan von der Universität Plymouth. In ihrer Studie mit 288 Teilnehmern, veröffentlicht 2019, erfassten sie Hochsensibilität unter anderem mit der Highly Sensitive Person Scale und Kreativität auf drei Wegen: mit einem Fragebogen zu kreativen Leistungen, mit einem Fragebogen zum Ideenreichtum im Alltag und mit einem Test zum divergenten Denken, bei dem es darum geht, zu einer Aufgabe möglichst viele und ungewöhnliche Lösungen zu finden. Das Ergebnis: Die Seite der Hochsensibilität, die feine Wahrnehmung und ästhetisches Empfinden betrifft, hing mit allen drei Maßen zusammen. Die Seite, die mit leichter Erregbarkeit und belastenden Gefühlen zu tun hat, zeigte keinen Zusammenhang. Außerdem wirkte sich Offenheit umso stärker auf kreative Leistungen aus, je sensibler die Teilnehmer waren. In einer zweiten Arbeit aus demselben Jahr fassen die beiden Forscher den Stand zusammen und kommen zu dem Schluss, dass sensible Menschen kreativer sind.

Zur Einordnung: Diese Studien zeigen Zusammenhänge, keine Gesetzmäßigkeit. Nicht jeder hochsensible Mensch hat eine ausgeprägte Kreativität im künstlerischen Sinn, und nicht jeder kreative Mensch ist hochsensibel. Die Forschung zeigt aber, dass die feine Wahrnehmung, die Hochsensible mitbringen, eine gute Grundlage für Kreativität ist, und dass die Überreizung dazu nichts beiträgt.

Aus Bestehendem Neues entwickeln: eine Stärke der HSP

In meiner Arbeit zeigt sich eine Form von Kreativität bei hochsensiblen Menschen besonders deutlich: Sie nehmen etwas, das es schon gibt, und machen daraus etwas Neues oder entwickeln es weiter. Eine Methode wird an die Menschen angepasst, mit denen sie arbeiten. Ein Arbeitsablauf im Team wird so umgebaut, dass er leichter läuft. Ein altes Möbelstück bekommt eine neue Funktion, ein Rezept eine eigene Note, ein bewährtes Konzept eine Form, die besser zur Situation passt. Diese Art der Kreativität wirkt oft unscheinbar, weil sie wie eine Verbesserung aussieht. In ihrer Wirkung ist sie groß, denn sie verbindet Bewährtes mit dem, was gerade gebraucht wird.

Warum gelingt das Hochsensiblen so gut? Aus meiner Sicht kommen mehrere Eigenschaften zusammen. Hochsensible sehen Details und bemerken schnell, wo etwas hakt; diese Fähigkeit beschreibe ich im Beitrag Zehn Stärken der Hochsensibilität als Blick für Fehler. Sie denken vernetzt und erkennen, wie ein Teil mit dem Ganzen zusammenhängt. Sie sind empathisch, nehmen zwischenmenschliche Feinheiten wahr und spüren, was Menschen an einer Sache fehlt, oft bevor diese es selbst benennen können. Und sie denken vorausschauend, sodass sie die Folgen einer Veränderung schon mitdenken, während sie sie planen.

Dazu kommt ein Punkt, der mit dem Nervensystem zu tun hat. Wer vom Bekannten ausgeht, hat festen Boden unter den Füßen und kann trotzdem Neues wagen. Für viele Hochsensible ist das ein sehr angenehmer Weg, kreativ zu sein: Das Vertraute gibt Sicherheit, und die Veränderung bekommt genau die Aufmerksamkeit, die sie braucht.

Innerhalb der Gruppe der Hochsensiblen gibt es dabei Unterschiede. Introvertierte Hochsensible optimieren nach meiner Erfahrung besonders gern Bestehendes, extrovertierte Hochsensible schaffen häufiger ganz Neues. Mehr dazu liest du im Beitrag Was extrovertierte Hochsensible beachten sollten. Wer viele wechselnde Interessen hat und ständig Neues beginnt, findet sich vielleicht im Beitrag Hochsensible Scanner-Persönlichkeit wieder.

Ein Hinweis aus der Praxis, den viele meiner Kunden aus eigener Erfahrung kennen: Diese Kreativität bleibt im Beruf oft unsichtbar. Wer einen Ablauf so verbessert, dass danach alles reibungslos läuft, bekommt selten Applaus, weil der Erfolg darin besteht, dass es keine Probleme mehr gibt. Es lohnt sich, diese Stärke für dich selbst zu benennen und sie im Team sichtbar zu machen.

Was die Kreativität hochsensibler Menschen bremst

Überreizung als kreative Blockade

Ein überreiztes Nervensystem hat keinen Raum für neue Ideen. Wer den ganzen Tag Lärm, Unterbrechungen und die Stimmung anderer verarbeitet hat, ist abends damit beschäftigt, wieder zur Ruhe zu kommen. Kreativität braucht ein Nervensystem, das sich sicher fühlt. Die Studie von Bridges und Schendan passt dazu: Der Teil der Hochsensibilität, der mit leichter Erregbarkeit zu tun hat, trägt zur Kreativität nichts bei. Woran du eine Reizüberflutung erkennst und wie du ein überreiztes Nervensystem beruhigst, beschreibe ich in eigenen Beiträgen.

Beobachtung, Bewertung und Zeitdruck

Elaine Aron beschreibt, dass viele Hochsensible schlechter abschneiden, wenn sie beobachtet oder unter Zeitdruck bewertet werden, obwohl sie dieselbe Aufgabe allein gut lösen. Für die Kreativität heißt das: Die besten Ideen entstehen bei vielen Hochsensiblen in Ruhe und allein, selten in der Präsentation vor Publikum. Techniken wie Brainstorming in einer großen, lauten Runde liegen vielen deshalb weniger; wie gut sie gelingen, hängt situativ stark von der Gruppe und vom Raum ab. Wer seine Ideen vorher in Ruhe aufschreibt und dann in die Runde bringt, kann dort genauso viel beitragen.

Perfektionismus und der innere Kritiker

Wer Details sieht, sieht auch jede Schwäche im eigenen Entwurf. Das ist bei der Überarbeitung eine Stärke und beim Anfangen ein Hindernis. Viele Hochsensible verwerfen eine Idee, bevor sie eine Chance hatte, weil der innere Kritiker schon spricht. Wie du solche inneren Sätze unterbrichst, ist Thema meines Online-Kurses Die inneren Dialoge stoppen.

Die eigene Kreativität zurückstellen

Hochsensible spüren gut, was andere brauchen, und stellen die eigenen Bedürfnisse dafür oft zurück. Die Zeit für das eigene kreative Tun ist dann das Erste, was wegfällt. Dabei ist genau diese Zeit für viele Hochsensible eine Quelle von Kraft.

Kreativität fördern: sieben Wege für hochsensible Menschen

1. Selbstakzeptanz: Kreativität weit fassen

Schreib eine Woche lang auf, wo du etwas angepasst, verbessert, umgebaut oder neu kombiniert hast. Viele Hochsensible sind überrascht, wie lang diese Liste wird. Das ist der erste Schritt zu einer Selbstakzeptanz, die auch die eigene Kreativität einschließt.

2. Beim Bestehenden anfangen

Nutze die Stärke, die du wahrscheinlich schon hast. Nimm etwas, das es gibt, ein Rezept, einen Ablauf, eine Methode, ein Stück Stoff, und frag dich: Was würde es für mich oder für andere leichter, schöner oder passender machen? Ändere zuerst nur eine Sache. Aus solchen kleinen Veränderungen entstehen oft neue Ideen, die niemand geplant hat.

3. Stille und Zurückgezogenheit einplanen

Kreativität braucht bei Hochsensiblen Rückzug. Plane regelmäßig Zeit ein, in der dich niemand anspricht, kein Bildschirm leuchtet und nichts erledigt werden will. Schon eine halbe Stunde am Morgen, bevor der Tag seine Reize schickt, kann reichen. Mehr dazu, wie du deine Energie schützt, findest du im Beitrag Hochsensibilität und Selbstfürsorge.

4. Ideen reifen lassen

Der Sozialpsychologe Graham Wallas hat den kreativen Prozess schon 1926 in vier Phasen beschrieben: Vorbereitung, Inkubation, Einfall und Überprüfung. In der Inkubation arbeitet der Kopf im Hintergrund weiter, während du etwas ganz anderes tust. Hochsensible Menschen verarbeiten ohnehin gründlich; wenn du ihnen diese Phase erlaubst, kommen die Lösungen oft beim Spazierengehen, unter der Dusche oder am nächsten Morgen.

5. Erst sammeln, später bewerten

Trenne das Erfinden vom Prüfen. Schreib alle Ideen auf, auch die unfertigen, und lege die Liste für einen Tag weg. Beim zweiten Lesen darf dein genauer Blick dann seine Arbeit tun. So bekommt jede Stärke ihren Platz: die Offenheit für Neues beim Sammeln, der Blick für Details beim Auswählen.

6. Kreative Ausdrucksformen zur Verarbeitung nutzen

Viele Hochsensible erleben, dass Schreiben, Malen, Musik, Handwerk oder Tanz, also auch sensorische Tätigkeiten mit den Händen und dem Körper, ihnen helfen, das zu verarbeiten, was sie am Tag aufgenommen haben. Die kreative Ausdrucksform ist dabei weniger wichtig als die Regelmäßigkeit. Auch Achtsamkeitsübungen können ein Einstieg sein, etwa zehn Minuten bewusstes Wahrnehmen im Garten, bevor du zu zeichnen oder zu schreiben beginnst. Achtsamkeit in Bewegung liegt vielen Hochsensiblen dabei näher als stilles Sitzen.

7. Die Stärke im Beruf nutzen

Kreativität gehört in kreativen Berufen dazu, in Grafik, Schreiben, Musik oder Architektur. Sie wird aber auch in vielen anderen Berufen gebraucht, überall dort, wo Menschen begleitet, Abläufe verbessert oder Lösungen für Einzelne gefunden werden. Welche Berufe zu hochsensiblen Menschen passen, beschreibe ich im Beitrag Berufe für Hochsensible. Und wenn du erkennen möchtest, wie du diese Stärke nutzen kannst, ohne dich zu erschöpfen, ist das ein gutes Thema für ein Coaching für Hochsensible.

Deine Art, genau hinzuschauen und Dinge weiterzudenken, ist Kreativität. Gib ihr Ruhe und Zeit, dann zeigt sie sich immer deutlicher. Du bringst schon alles mit, was es dafür braucht.

Auf einen Blick: Sensibilität und Kreativität bei Hochsensiblen

Merkmal der Hochsensibilität Was es für die Kreativität bedeutet Was dabei hilft
Tiefe VerarbeitungVerbindungen zwischen scheinbar getrennten DingenZeit, damit Ideen reifen können
Niedrige WahrnehmungsschwelleDetails und Nuancen, die andere übersehenReizarme Umgebung zum Arbeiten
Ästhetische SensitivitätGespür für Form, Klang und StimmigkeitRegelmäßige kreative Tätigkeiten
Blick für SchwachstellenBestehendes gezielt weiterentwickelnErst sammeln, später bewerten
EmpathieEinfühlen in Rollen und Menschen, Ausdruck, in dem andere sich wiederfindenEigene Bedürfnisse gleich wichtig nehmen
Leichte ErregbarkeitÜberreizung blockiert neue IdeenNervensystem regulieren, Pausen planen

Häufige Fragen zu Hochsensibilität und Kreativität

Sind hochsensible Menschen kreativer?

Die Forschung spricht für einen Zusammenhang. In einer Studie von Bridges und Schendan aus dem Jahr 2019 hing die Seite der Hochsensibilität, die feine Wahrnehmung und ästhetisches Empfinden betrifft, mit kreativen Leistungen, mit Ideenreichtum im Alltag und mit divergentem Denken zusammen. Das bedeutet eine gute Grundlage für Kreativität, aber keinen Automatismus.

Sind alle Kreativen hochsensibel?

Nein. Kreativität hängt mit mehreren Persönlichkeitsmerkmalen zusammen, am stärksten mit der Offenheit für neue Erfahrungen. Viele kreative Menschen sind hochsensibel, viele andere sind es nicht. Hochsensibilität ist eine von mehreren möglichen Quellen für Kreativität.

Warum können Hochsensible Bestehendes so gut weiterentwickeln?

Nach meiner Beobachtung kommen dabei mehrere Stärken zusammen: der Blick für Details und Schwachstellen, das vernetzte Denken, die Empathie für die Menschen, die etwas nutzen, und das vorausschauende Denken. Dazu gibt das Vertraute dem Nervensystem Sicherheit, sodass die Aufmerksamkeit ganz bei der Veränderung sein kann.

Ist Kreativität angeboren oder kann man sie entwickeln?

Beides. In einer niederländischen Zwillingsstudie von Anna Vinkhuyzen und Kollegen aus dem Jahr 2009 mit 1.685 Zwillingspaaren ging ein großer Teil der Unterschiede in musikalischen, künstlerischen und schriftstellerischen Fähigkeiten auf die Anlagen zurück. Zugleich lässt sich Kreativität trainieren: Ginamarie Scott, Lyle Leritz und Michael Mumford haben 2004 in einer Übersichtsarbeit 70 Studien ausgewertet und festgestellt, dass gut aufgebaute Kreativitätstrainings die kreative Leistung spürbar verbessern, und zwar in ganz unterschiedlichen Gruppen. Für Hochsensible heißt das: Die feine Wahrnehmung, die nach Elaine Aron angeboren ist, bringt eine gute Grundlage mit. Was daraus wird, hängt von Übung und von Zeit für eigenes Tun ab.

Wie kann ich als hochsensibler Mensch meine Kreativität fördern?

Indem du Kreativität weit fasst, beim Bestehenden anfängst, regelmäßig ruhige Zeit einplanst, Ideen reifen lässt, das Sammeln vom Bewerten trennst, kreative Ausdrucksformen zur Verarbeitung nutzt und deine Stärke bewusst im Beruf einsetzt. Die Grundlage ist ein Nervensystem, das zur Ruhe kommen kann.

Warum fällt Hochsensiblen Kreativität manchmal schwer?

Meist wegen Überreizung, Zeitdruck oder Bewertung von außen und wegen eines strengen inneren Kritikers. Wer überreizt ist, hat keinen Raum für neue Ideen. Ruhe, Rückzug und die Erlaubnis, unfertige Ideen aufzuschreiben, helfen am meisten.

Welche kreativen Berufe passen zu Hochsensiblen?

Gestaltung, Schreiben, Musik, Fotografie, Handwerk und Architektur passen zu vielen, wenn die Arbeitsumgebung ruhig ist und Zeitdruck begrenzt bleibt. Kreativität wird aber auch in Beratung, Pädagogik, Pflege, Entwicklung und Organisation gebraucht, überall dort, wo Lösungen für Menschen gefunden werden.

Wie hilft ein Coaching, das kreative Potenzial zu entfalten?

Im Coaching geht es darum, die eigene Art von Kreativität zu erkennen und die Bedingungen zu finden, unter denen sie sich zeigt. Oft stehen dabei Überreizung oder ein strenger innerer Kritiker im Weg. Ein Coaching für Hochsensible kann helfen, diese Bremsen zu lösen und die Stärke im Alltag und im Beruf gezielt einzusetzen.

Sind hochsensible Kinder besonders kreativ?

Viele hochsensible Kinder spielen lange und versunken, erfinden eigene Welten und nehmen Farben, Klänge und Stimmungen fein wahr. Sie brauchen dafür Ruhe und Zeit ohne Programm. Was hochsensible Kinder sonst brauchen, beschreibe ich im Beitrag Bedürfnisse hochsensibler Kinder.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Aron, E. N. (1996): The Highly Sensitive Person. How to Thrive When the World Overwhelms You. New York: Birch Lane Press.
  • Aron, E. N. und Aron, A. (1997): Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345 bis 368.
  • Smolewska, K. A., McCabe, S. B. und Woody, E. Z. (2006): A psychometric evaluation of the Highly Sensitive Person Scale: The components of sensory-processing sensitivity and their relation to the BIS/BAS and „Big Five“. Personality and Individual Differences, 40(6), 1269 bis 1279.
  • Bridges, D. und Schendan, H. E. (2019): The sensitive, open creator. Personality and Individual Differences, 142, 179 bis 185.
  • Bridges, D. und Schendan, H. E. (2019): Sensitive individuals are more creative. Personality and Individual Differences, 142, 186 bis 195.
  • Feist, G. J. (1998): A meta-analysis of personality in scientific and artistic creativity. Personality and Social Psychology Review, 2(4), 290 bis 309.
  • Runco, M. A. und Jaeger, G. J. (2012): The standard definition of creativity. Creativity Research Journal, 24(1), 92 bis 96.
  • Kaufman, J. C. und Beghetto, R. A. (2009): Beyond big and little: The four c model of creativity. Review of General Psychology, 13(1), 1 bis 12.
  • Scott, G., Leritz, L. E. und Mumford, M. D. (2004): The effectiveness of creativity training: A quantitative review. Creativity Research Journal, 16(4), 361 bis 388.
  • Vinkhuyzen, A. A. E., van der Sluis, S., Posthuma, D. und Boomsma, D. I. (2009): The heritability of aptitude and exceptional talent across different domains in adolescents and young adults. Behavior Genetics, 39(4), 380 bis 392.
  • Wallas, G. (1926): The Art of Thought. London: Jonathan Cape.

Über die Autorin

Sandra Quedenbaum, Coach für Hochsensible

Sandra Quedenbaum arbeitet seit über zwanzig Jahren mit hochsensiblen Menschen und ist selbst hochsensibel. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Coach und Lehrtrainerin und bildet seit fast 20 Jahren Coaches aus. Im Einzelcoaching und im Paarcoaching begleitet sie hochsensible Menschen und ihre Partner dabei, eine Beziehung zu gestalten, die zu beiden passt.

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