Hochsensibilität oder ADHS? Die wichtigsten Unterschiede

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Du hast gelesen, Hochsensibilität sei nur ein anderes Wort für ADHS. Oder sogar eine Folge davon. Und du bist ins Grübeln gekommen, obwohl du dich in der Beschreibung der Hochsensibilität so gut wiedergefunden hast. Genau darum geht es in diesem Beitrag.

Diese Behauptung begegnet mir seit einiger Zeit immer öfter, vor allem in den sozialen Medien. Sie wird dort aus Unwissenheit verbreitet, oft mit großer Selbstsicherheit. Und sie hat eine Folge, die mir Sorgen macht: Ein Temperamentsmerkmal, das 15 bis 20 Prozent aller Menschen mitbringen, wird damit zu einer Störung erklärt, die es nach allem, was die Forschung weiß, nicht ist.

Was stimmt: Hochsensibilität und ADHS/ADS können bei einem Menschen zusammenkommen. Was ebenfalls stimmt: Es sind zwei verschiedene Dinge, die sich in den Genen, im Gehirn und im Verhalten unterscheiden lassen. Ich lade dich ein, die Gemeinsamkeiten und die wichtigsten Unterschiede der Reihe nach anzuschauen.

Ich bin selbst hochsensibel, und meine Tochter ist hochsensibel und hat zugleich ADHS in der Mischform aus ADHS und ADS. Beides zusammen kenne ich also aus nächster Nähe, und beides getrennt kenne ich aus meiner Arbeit. Eine Teilnehmerin meiner Ausbildung zum HSP-Coach hat mir eine Erfahrung geschildert, die das sehr anschaulich macht. In der Ausbildung war sie über Wochen nur mit hochsensiblen Menschen zusammen, lauter hochsensible Menschen mit ganz verschiedenen Lebensgeschichten. Parallel dazu besuchte sie eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit ADHS/ADS. Ihr Fazit: In der Selbsthilfegruppe war sofort klar, dass längst nicht jeder Mensch mit ADHS hochsensibel ist. Die Art, wie die Menschen dort wahrnahmen, reagierten und miteinander umgingen, unterschied sich deutlich von dem, was sie aus der Ausbildung kannte.

Kurz gesagt: Hochsensibilität und ADHS

Kurz gesagt: Hochsensibilität (in der Forschung „Sensory Processing Sensitivity“, kurz SPS) ist ein angeborenes Temperamentsmerkmal mit tieferer Verarbeitung von Reizen, stärkerer emotionaler Reaktion und schneller Überreizung. ADHS ist nach der ICD-11 eine neurologische Entwicklungsstörung mit anhaltender Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität und Impulsivität; ADS ist die vorwiegend unaufmerksame Form davon. Studien finden einen statistischen Zusammenhang zwischen beiden, aber keinen Beleg dafür, dass Hochsensibilität aus ADHS entsteht. Die meisten Hochsensiblen haben kein ADHS/ADS. Die Erblichkeit unterscheidet sich (ADHS rund 75 Prozent, Hochsensibilität rund 47 Prozent), und im Gehirn zeigen sich gegenläufige Muster: Bei Hochsensiblen arbeiten die Bereiche für Wahrnehmung, Empathie und Handlungsplanung stärker, bei ADHS sind die Bereiche für Impulskontrolle und Aufmerksamkeit weniger aktiv. Bei ADHS spricht das Belohnungssystem schwerer auf Dopamin an, deshalb suchen Betroffene Reize; Hochsensible entscheiden sich häufig für Ruhe. Hochsensible, die unter guten Bedingungen aufgewachsen sind, ziehen aus ihrer Veranlagung besondere Vorteile und fallen oft gar nicht als hochsensibel auf. Hochsensibilität und ADHS/ADS können gemeinsam vorkommen. Dann braucht es für beides einen eigenen Blick.

Was Hochsensibilität ist

Hochsensibilität ist keine Diagnose. Sie steht in keinem Diagnosehandbuch, weder im DSM-5 noch im ICD-11. Die Psychologin Elaine Aron hat das Merkmal 1997 beschrieben, seitdem wird es unter dem Begriff Sensory Processing Sensitivity erforscht. Vier Kennzeichen gehören dazu: tiefe Verarbeitung von Eindrücken, leichte Überreizung, starke emotionale Reaktionen und ein feines Gespür für Feinheiten. Hochsensible nehmen Reize tiefer auf und verarbeiten sie gründlicher. Die Filterung im Nervensystem ist bei ihnen schwächer eingestellt, deshalb kommt mehr an, und der Akku ist schneller leer. Etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen sind hochsensibel, nach neueren Auswertungen bis zu 30 Prozent.

Seit über zwanzig Jahren arbeite ich mit hochsensiblen Menschen, und ich bin selbst hochsensibel. Was ich in dieser Zeit immer wieder sehe: Hochsensible halten vor einer Entscheidung inne. Sie prüfen, wägen ab, spüren nach. Elaine Aron nennt das „Pause-to-check“. Dieses Innehalten ist der Kern des Merkmals, und es ist das genaue Gegenteil von Impulsivität.

Wenn Hochsensible unter guten Bedingungen aufwachsen

Ein Teil der Verwirrung entsteht, weil viele nur die Hochsensiblen kennen, die unter ihrer Hochsensibilität leiden. Die Forschung zeigt aber eine zweite Seite. Hochsensible reagieren auf ihre Umgebung stärker als andere, und zwar in beide Richtungen. Elaine Aron hat 2005 mit Kollegen gezeigt, dass Hochsensible mit einer belasteten Kindheit später häufiger schüchtern und bedrückt waren, Hochsensible mit einer guten Kindheit dagegen genauso unbelastet wie weniger sensible Menschen. Michael Pluess und Jay Belsky haben daraus 2013 den Begriff „Vantage Sensitivity“ geprägt: Sensible Menschen ziehen aus guten Erfahrungen und guter Förderung mehr Gewinn als andere. In einer Londoner Schule konnten Pluess und Boniwell 2015 messen, dass ein Programm zur Stärkung der Widerstandskraft bei den sensiblen Mädchen deutlich wirkte und ein Jahr anhielt, während es bei den weniger sensiblen Mädchen kaum etwas veränderte.

Elaine Aron beschreibt, dass viele dieser Hochsensiblen im Alltag gar nicht als hochsensibel auffallen. Sie konnten ihre Veranlagung von klein auf als Potenzial nutzen: die tiefe Verarbeitung, die feine Wahrnehmungsfähigkeit, die Empathiefähigkeit. Sie sind ausgeglichen, erfolgreich und belastbar. Genau diese Menschen tauchen in keiner Studie zum Zusammenhang mit ADHS/ADS auf, weil sie sich nirgends als Problemfall melden. Wer Hochsensibilität nur an Überreizung und Erschöpfung festmacht, übersieht sie. Zu mir kommen sie trotzdem: in meine Kurse zur Hochsensibilität, einfach weil sie mehr über sich erfahren möchten, aus Interesse und ohne Leidensdruck.

Was ADHS ist

ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt sie in der ICD-11 unter dem Code 6A05 als neurologische Entwicklungsstörung mit einem anhaltenden Muster aus Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität und Impulsivität. Das Muster muss mindestens sechs Monate bestehen, über das hinausgehen, was für Alter und Entwicklungsstand normal ist, und die schulische, berufliche oder soziale Funktionsfähigkeit deutlich beeinträchtigen. Deutliche Anzeichen müssen vor dem zwölften Lebensjahr vorhanden gewesen sein, meist schon in der frühen bis mittleren Kindheit, auch wenn die Diagnose oft erst später gestellt wird. Die Symptome zeigen sich in mehr als einem Lebensbereich, zum Beispiel zu Hause, in der Schule, bei der Arbeit oder mit Freunden, und sie dürfen sich nicht besser durch eine andere Störung oder durch Substanzen erklären lassen.

Die ICD-11 definiert die drei Bereiche so: Unaufmerksamkeit heißt, die Aufmerksamkeit bei Aufgaben, die nicht besonders anregend oder belohnend sind, schwer halten zu können, leicht ablenkbar zu sein und Schwierigkeiten mit der Organisation zu haben. Hyperaktivität heißt übermäßige körperliche Aktivität und Schwierigkeiten, still zu bleiben, am deutlichsten in strukturierten Situationen, die Selbstkontrolle verlangen. Impulsivität heißt, auf unmittelbare Reize zu handeln, ohne Risiken und Folgen zu bedenken.

Die ICD-11 unterscheidet drei Erscheinungsformen: die vorwiegend unaufmerksame (6A05.0), die vorwiegend hyperaktiv-impulsive (6A05.1) und die kombinierte (6A05.2). Was im Alltag ADS genannt wird, ist die vorwiegend unaufmerksame Erscheinungsform. Bei Erwachsenen liegt die Häufigkeit von ADHS insgesamt bei etwa 2,5 bis 3 Prozent.

Ein Punkt, den viele nicht wissen: Menschen mit ADHS/ADS haben oft Schwierigkeiten, Reize zu regulieren. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2025 mit 30 Studien und über 5.000 Teilnehmern zeigt, dass Menschen mit ADHS/ADS häufiger reizempfindlich sind, Reize häufiger meiden, aber auch häufiger Reize suchen und manche Reize weniger wahrnehmen als andere Menschen. Reizempfindlichkeit kommt also bei ADHS vor. Sie ist dort eine Folge der schwächeren Steuerung im Gehirn, und sie tritt zusammen mit Reizsuche und Unterempfindlichkeit auf. Das ist etwas anderes als die tiefe Verarbeitung der Hochsensiblen.

Wie sich ADS zeigt

Gerade die unaufmerksame Form wird mit Hochsensibilität verwechselt, und ich höre immer wieder den Satz, Hochsensible seien in Wirklichkeit ADS-Betroffene. Deshalb lohnt sich ein genauer Blick darauf, wie sich ADS bei Erwachsenen zeigt.

Menschen mit ADS wirken von außen oft ruhig, verträumt, manchmal abwesend. Die Hyperaktivität fehlt oder zeigt sich nur als innere Unruhe. Im Alltag heißt das: Sie verlieren den Faden in Gesprächen, überlesen Details, machen Flüchtigkeitsfehler, vergessen Termine und Absprachen, verlegen Schlüssel, Handy und Unterlagen, schieben Aufgaben auf, die Konzentration verlangen, fangen vieles an und bringen wenig zu Ende. Besonders schwer fällt ihnen alles, was wenig Reiz bietet: Formulare, Routinen, lange Texte, Verwaltung. Bei spannenden Aufgaben dagegen kann die Aufmerksamkeit kippen und zum Hyperfokus werden, bei dem alles andere ausgeblendet wird. Viele Betroffene bekommen ihre Diagnose erst als Erwachsene, weil sie in der Schule nicht gestört haben; das gilt besonders für Frauen. Wie stark die einzelnen Symptome ausgeprägt sind, ist individuell verschieden.

Und jetzt der Vergleich mit Hochsensibilität. Die Ruhe von außen haben beide gemeinsam. Dahinter liegt aber etwas Gegensätzliches. Das Kernmerkmal der Hochsensibilität ist das Wahrnehmen von Feinheiten; das Kernmerkmal der Unaufmerksamkeit in der ICD-11 ist das Übersehen von Details. Hochsensible verlieren selten Dinge, weil sie ihre Umgebung sehr genau registrieren; Menschen mit ADS verlieren Dinge, weil ihre Aufmerksamkeit wandert. Hochsensible können sich in reizarmen Umgebungen auf wenig anregende Aufgaben gut konzentrieren; bei ADS bleiben die Konzentrationsprobleme auch in Ruhe bestehen. Die ICD-11 nennt als Kern der Unaufmerksamkeit die Schwierigkeit, bei Aufgaben zu bleiben, die wenig anregend und wenig belohnend sind. Viele Hochsensible sind sehr stetige Menschen, denen genau solche Aufgaben besonders liegen: gleichmäßige, sorgfältige Arbeit ohne großen Reiz, bei der sie in Ruhe gründlich sein können. Hochsensible sind in Gesprächen oft die, die jedes Wort aufnehmen; Menschen mit ADS sind oft die, die zwischendurch gedanklich weg waren. Was die Verwechslung so leicht macht: Ein überreizter Hochsensibler zeigt vorübergehend genau die Zeichen, die bei ADS dauerhaft da sind, nämlich Konzentrationsverlust, Vergesslichkeit, Reizbarkeit. Der Unterschied liegt im Verlauf. Beim Hochsensiblen verschwinden diese Zeichen, wenn sich das Nervensystem wieder beruhigt hat. Beim Menschen mit ADS bleiben sie, auch nach einem ruhigen Wochenende.

Gemeinsamkeiten: Was die Studien zum Zusammenhang zeigen

Es gibt tatsächlich Studien, die einen Zusammenhang finden. Eine britische Forschungsgruppe hat 2020 bei 274 Erwachsenen ohne Diagnose die Hochsensibilitäts-Skala und einen ADHS-Fragebogen eingesetzt. Wer mehr ADHS-Merkmale angab, gab auch höhere Sensibilitätswerte an. Eine niederländische Arbeitsgruppe um Corina Greven, eine der führenden Forscherinnen zu Hochsensibilität, hat 2025 Ähnliches gefunden: Menschen mit ADHS-Diagnose hatten im Schnitt höhere Sensibilitätswerte als Menschen ohne.

Solche Studien werden in den sozialen Medien gern als Beweis gezeigt. Sie beweisen aber nur, dass beides öfter zusammen vorkommt als zufällig zu erwarten. Über die Ursache sagen sie nichts. Ein Zusammenhang zwischen zwei Dingen heißt nie, dass das eine aus dem anderen entsteht. Corina Greven selbst ordnet ihre Ergebnisse so ein: Hochsensibilität und ADHS sind getrennte Konstrukte, die zusammen vorkommen können. Nicht jede Person mit ADHS ist hochsensibel. Und die meisten Menschen mit hohen Sensibilitätswerten haben kein ADHS.

Rechne es dir einmal durch. Wenn 20 Prozent der Menschen hochsensibel sind und 3 Prozent der Erwachsenen ADHS haben, dann hat die große Mehrheit der Hochsensiblen kein ADHS, selbst wenn beides öfter zusammen auftritt als zufällig. Wäre Hochsensibilität eine Folge von ADHS, müsste fast jeder Hochsensible ADHS haben. Das Gegenteil ist der Fall.

Unterschiede im Gehirn

Hier wird es für mich am spannendsten, denn im Gehirn laufen die beiden Muster in entgegengesetzte Richtungen.

Bei Hochsensiblen hat die Forscherin Bianca Acevedo 2014 im Kernspintomografen gemessen, was passiert, wenn sie Gesichter mit Gefühlen sehen. Die Hirnbereiche für Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Einfühlung und Handlungsplanung waren bei ihnen stärker aktiv als bei weniger sensiblen Menschen: die Inselrinde, der Gyrus cinguli, der untere Stirnlappen und der prämotorische Bereich. Diese Regionen sorgen dafür, dass wir Eindrücke bewusst wahrnehmen, mit dem Körper verbinden und eine Reaktion vorbereiten. Eine Studie aus Deutschland von 2022 hat bei Berührung dasselbe gefunden: Die Berührung selbst kommt in der Hirnrinde bei Hochsensiblen nicht stärker an, aber die Inselrinde, die Eindrücke bewertet und einordnet, arbeitet stärker. Hochsensible fühlen also nicht mehr, sie verarbeiten tiefer.

Bei ADHS zeigen Meta-Analysen das umgekehrte Bild. Eine Auswertung von 21 Studien mit fast 300 Betroffenen und 320 Vergleichspersonen fand bei Aufgaben, in denen eine Reaktion unterdrückt werden muss, weniger Aktivität im rechten unteren Stirnlappen und der vorderen Inselrinde, im zusätzlichen motorischen Feld, im vorderen Gyrus cinguli und in tiefer liegenden Steuerzentren. Eine zweite Meta-Analyse mit 55 Studien fand bei Erwachsenen mit ADHS vor allem weniger Aktivität im Netzwerk für Planung und Aufmerksamkeit. Das sind zum Teil genau die Regionen, die bei Hochsensiblen stärker arbeiten.

Wichtig für die Einordnung: Die Studien haben verschiedene Aufgaben benutzt, deshalb ist das kein direkter Vergleich. Bianca Acevedo fasst den Stand aber so zusammen: ADHS geht mit weniger Aktivierung in den Bereichen für Selbstregulation, Aufmerksamkeit und Hemmung einher, Hochsensibilität mit mehr Aktivierung in diesen Bereichen, zusammen mit Verarbeitungstiefe und Empathie. Ein Gehirn, das Reize tiefer verarbeitet und mehr Kontrolle ausübt, ist etwas anderes als ein Gehirn, dem die Kontrolle schwerer fällt.

Dopamin: die Suche nach dem nächsten Reiz

Noch ein Unterschied, der im Alltag viel erklärt. ADHS hängt eng mit dem Botenstoff Dopamin zusammen, einem Neurotransmitter, der Signale zwischen Nervenzellen überträgt. Dopamin ist im Gehirn für Antrieb, Motivation und das Gefühl von Belohnung zuständig. Die Forschungsgruppe um Nora Volkow hat 2009 bei Erwachsenen mit ADHS im Belohnungssystem des Gehirns weniger Andockstellen und weniger Transporter für Dopamin gefunden als bei Vergleichspersonen, und zwar umso weniger, je stärker die Antriebslosigkeit ausgeprägt war. Vereinfacht gesagt: Das Belohnungssystem springt bei ADHS schwerer an. Die Medikamente, die bei ADHS helfen, erhöhen genau deshalb die Verfügbarkeit von Dopamin. Das erklärt die Reizsuche, die auch die Meta-Analyse zur Reizverarbeitung bei ADHS gefunden hat: Wer Belohnung schwerer spürt, sucht stärkere Reize, um sie zu spüren. Das Handy, das nächste Video, das nächste Projekt, der nächste Kick versorgen das System mit dem, was ihm fehlt.

Bei Hochsensiblen beobachte ich in meiner Arbeit das Gegenteil. Viele, auch junge Hochsensible erzählen mir, dass sie bewusst nur eingeschränkt am Handy scrollen, weil sie spüren, dass es ihnen danach schlechter geht. In vielen anderen Situationen zeigt sich dasselbe Muster: Zwischen einem weiteren Reiz und Ruhe entscheiden sie sich häufig für die Ruhe. Das passt zu dem, was die Forschung über die tiefe Verarbeitung sagt. Wer jeden Reiz gründlich verarbeitet, hat von zusätzlichen Reizen wenig und von Pausen viel. Für diese Beobachtung gibt es nach meinem Wissen keine eigene Studie, deshalb nenne ich sie als das, was sie ist: eine Erfahrung aus vielen Gesprächen. Sie ist aber ein brauchbares Unterscheidungsmerkmal für dich. Wenn du in freien Minuten wie von selbst nach dem nächsten Reiz greifst und ohne ihn unruhig wirst, spricht das eher für das Belohnungssystem der ADHS. Wenn du in freien Minuten den Reiz eher weglegst, weil dir danach besser ist, spricht das eher für Hochsensibilität.

Unterschiede in den Genen

Auch die Gene erzählen zwei verschiedene Geschichten. ADHS ist stark erblich: Zwillingsstudien kommen auf rund 75 Prozent. Hochsensibilität ist deutlich weniger erblich. Eine große Zwillingsstudie aus London mit über 2.800 Zwillingen fand 2020 einen Anteil von 47 Prozent, die andere Hälfte erklärt sich aus Erfahrungen. Wäre Hochsensibilität eine Folge von ADHS, müsste sie dieselbe genetische Grundlage haben. Hat sie nicht.

Noch deutlicher wird es in einer Studie einer internationalen Forschungsgruppe um Sofie Weyn und Francesca Lionetti von 2025, an der auch Elaine Aron beteiligt war. Dort wurde bei 541 Vorschulkindern die Sensibilität beobachtet und mit dem genetischen Risiko für ADHS verglichen, das sich aus vielen einzelnen Genvarianten berechnen lässt. Ergebnis: Je höher die beobachtete Sensibilität, desto niedriger war das genetische ADHS-Risiko, wenn auch nur leicht. Die Studie ist klein und der Effekt ebenfalls, deshalb ist das ein Hinweis und kein Beweis. Aber die Richtung spricht klar gegen die Behauptung.

Ich habe selbst einen Gentest gemacht. Die Merkmale, die sich in meinen Genen finden, sprechen ganz klar für eine Hochsensibilität und ganz klar gegen ADHS oder ADS. Dazu ist es wichtig einzuordnen: Solche Gentests zeigen Wahrscheinlichkeiten, keine Diagnosen. Für mich war das Ergebnis trotzdem eine Bestätigung dessen, was ich seit Jahrzehnten an mir beobachte.

Die wichtigsten Unterschiede im Verhalten

Im Alltag zeigen sich die Unterschiede an einigen Stellen besonders deutlich. Ich lade dich ein, dich selbst dabei zu beobachten.

Innehalten oder losgehen. Du stehst vor einer Entscheidung. Hältst du inne, prüfst alle Seiten und brauchst Zeit, bevor du dich festlegst? Das ist das Innehalten der Hochsensiblen. Oder handelst du oft, bevor du nachgedacht hast, und ärgerst dich hinterher darüber? Das ist die Impulsivität bei ADHS.

Zu viel oder zu wenig Reiz. Hochsensible kommen in Überreizung, wenn zu viel auf sie einströmt; bei Reizüberflutung und Überforderung suchen sie Ruhe und Rückzug, weil ihre Belastungsgrenze erreicht ist. Menschen mit ADHS/ADS geraten ebenfalls in Überreizung, suchen aber in ruhigen Phasen oft aktiv nach Reizen, weil ihnen sonst die Unterforderung zusetzt. In meiner Arbeit zeigt sich: Hochsensible brauchen nach einem vollen Tag die Stille wie die Luft zum Atmen. Für einen Menschen mit ADHS/ADS kann dieselbe Stille unerträglich werden.

Beständigkeit über Lebensbereiche. ADHS zeigt sich in mehreren Lebensbereichen gleichzeitig, zu Hause, im Beruf, in Beziehungen, und schon seit der Kindheit. Hochsensibilität zeigt sich ebenfalls seit der Kindheit, führt aber in einer passenden Umgebung zu keiner Beeinträchtigung. Viele Hochsensible leben ohne jede Einschränkung, solange sie auf ihren Akku achten.

Körperliche Reaktion auf Reize. Eine amerikanische Studie hat Kinder mit ADHS und Kinder mit einer Reizverarbeitungsstörung verglichen und dabei die Hautleitfähigkeit gemessen. Die Kinder mit Reizverarbeitungsstörung reagierten körperlich deutlich stärker auf Reize als die Kinder mit ADHS. Die Forscher schließen daraus, dass Reizempfindlichkeit und ADHS zwei verschiedene Dinge sind, auch wenn sie von außen ähnlich aussehen.

Hochsensibilität und ADHS im Vergleich

Merkmal Hochsensibilität ADHS
Einordnung Temperamentsmerkmal, keine Diagnose Neurologische Entwicklungsstörung, ICD-11 Code 6A05
Häufigkeit 15 bis 20 Prozent, nach neueren Daten bis 30 Prozent Etwa 2,5 bis 3 Prozent der Erwachsenen
Erblichkeit Rund 47 Prozent Rund 75 Prozent
Gehirn Stärkere Aktivität in Inselrinde, Gyrus cinguli und unterem Stirnlappen bei Wahrnehmung und Einfühlung Weniger Aktivität in unterem Stirnlappen, vorderer Inselrinde und vorderem Gyrus cinguli bei Impulskontrolle
Reizverarbeitung Tief und gründlich, schwächere Filterung Schwankend, Über- und Unterempfindlichkeit, Reizsuche
Vor einer Handlung Innehalten und prüfen Impuls, dann nachdenken
Aufmerksamkeit Ausdauernd in passender Umgebung Schwer zu steuern, springt, auch in Ruhe
Details Werden besonders genau wahrgenommen Werden übersehen, Flüchtigkeitsfehler
Unter guten Bedingungen Besonderer Gewinn, fällt oft gar nicht auf Beeinträchtigung bleibt bestehen, wird aber besser ausgeglichen
Nach einem vollen Tag Bedürfnis nach Ruhe Oft Bedürfnis nach neuem Reiz
Belohnungssystem Zusätzliche Reize bringen wenig, Pausen viel Belohnung wird schwerer gespürt (weniger Dopamin-Andockstellen), deshalb Reizsuche
Beeinträchtigung Keine, solange die Umgebung passt Deutlich, in mehreren Lebensbereichen
Hilfe Selbstkenntnis, Selbstfürsorge, Reizmanagement, Coaching Ärztliche Diagnostik, Therapie, gegebenenfalls Medikamente

Wenn beides zusammenkommt

Hier liegt die eigentliche Herausforderung. Ein Mensch kann hochsensibel sein und ADHS/ADS haben. Dann verstärken sich die Schwierigkeiten gegenseitig: Die tiefe Verarbeitung füllt den Akku schnell, und die schwache Steuerung macht es schwer, rechtzeitig für Ruhe zu sorgen. Die Überreizung kommt dann oft heftiger und häufiger. Meine Tochter ist so ein Mensch: hochsensibel, mit ADHS in der Mischform, die die ICD-11 als kombinierte Erscheinungsform bezeichnet. Ich sehe bei ihr täglich, wie sich beides verschränkt und warum es wichtig ist, beides auseinanderzuhalten. Gleichzeitig kann die Hochsensibilität ein Gegengewicht sein. Die Forschungsgruppe um Corina Greven hat gefunden, dass Hochsensibilität bei Menschen mit ADHS-Merkmalen mit Stärken wie Hyperfokus, geistiger Beweglichkeit, Neugier und Empathie zusammenhängt.

Wenn du beides bei dir vermutest, braucht jedes von beiden einen eigenen Blick. ADHS/ADS gehört in ärztliche oder psychotherapeutische Diagnostik, mit Fragebögen, Gespräch und Blick auf die Kindheit. Für die Hochsensibilität kannst du dich selbst einschätzen, zum Beispiel mit meinem Test für hochsensible Erwachsene (Link beim Einbau setzen). Eine ADHS/ADS-Diagnose macht deine Hochsensibilität nicht ungültig. Und eine Hochsensibilität erklärt kein ADHS/ADS weg.

Warum die Behauptung schadet

Wenn jemand in einem Video sagt, Hochsensibilität sei nur unerkanntes ADHS/ADS, dann passiert bei vielen Hochsensiblen etwas, das ich aus dem Coaching gut kenne. Sie fangen an, sich wieder zu hinterfragen, mit Frustration und Zweifeln am eigenen Selbstwert. Sie haben vielleicht Jahre gebraucht, um ihre Art zu verstehen und anzunehmen, und jetzt soll das etwas ganz anderes sein, als sie an sich kennen. Das wirft sie zurück.

Es gibt noch einen zweiten Schaden. Die Behauptung nimmt Menschen mit ADHS/ADS etwas weg. ADHS/ADS hat eigene Ursachen, eigene Schwierigkeiten und eigene Hilfen. Wer beides in einen Topf wirft, verwischt genau die Unterschiede, die bei der Diagnose und bei der Wahl der richtigen Unterstützung entscheidend sind. Beiden Gruppen ist mit Klarheit mehr geholfen.

Was ich den Leuten entgegne, die das verbreiten: Zeigt mir die Studie, die eine Ursache belegt. Es gibt sie nicht. Was es gibt, sind Zusammenhänge in Fragebögen, und die lassen sich in beide Richtungen lesen.

Was dir jetzt helfen kann

Ich lade dich ein, die Frage „Was bin ich?“ für einen Moment zur Seite zu legen und stattdessen zu fragen: „Wie geht es mir, und was brauche ich?“ Beobachte dich ein paar Tage an den Stellen, die ich oben beschrieben habe. Hältst du inne oder gehst du los? Suchst du nach einem vollen Tag die Stille oder den nächsten Reiz? Kannst du dich tief konzentrieren, wenn es ruhig ist?

Wenn du dich in der Hochsensibilität wiederfindest, dann ist das deine Veranlagung, und sie ist in Ordnung so. Was dir dann hilft, ist Selbstfürsorge: Pausen, Rückzug, Achtsamkeit für die ersten Zeichen von Stress und ein Alltag, der zu deinem Nervensystem passt. Genau dabei begleite ich hochsensible Personen in meiner Arbeit. Du kannst sie annehmen, mit allem, was dazugehört. Wenn du dich im Bild von ADHS/ADS wiederfindest, dann lohnt sich eine fachliche Abklärung, denn dort gibt es wirksame Hilfe. Und wenn beides zutrifft, dann gehört auch das zu dir, und du bist damit in guter Gesellschaft. So wie du wahrnimmst, ist es genau richtig. Es geht nur darum, dass du verstehst, was bei dir wie zusammenspielt.

Häufige Fragen zu Hochsensibilität und ADHS

Ist Hochsensibilität eine Folge von ADHS?

Nein. Keine Studie belegt eine solche Ursache. Studien finden einen statistischen Zusammenhang zwischen ADHS-Merkmalen und Sensibilität in Fragebögen, mehr nicht. Die Erblichkeit beider Merkmale unterscheidet sich deutlich, die Gehirnmuster laufen gegenläufig, und die einzige genetische Untersuchung findet eher einen negativen Zusammenhang. Die meisten Hochsensiblen haben kein ADHS/ADS.

Kann man hochsensibel sein und ADHS/ADS haben?

Ja. Beides kann bei einem Menschen zusammenkommen, und es kommt nach den Studien etwas häufiger zusammen vor als zufällig. Dann braucht jedes der beiden einen eigenen Blick: ärztliche Diagnostik für ADHS, Selbsteinschätzung und Reizmanagement für die Hochsensibilität.

Was ist der wichtigste Unterschied zwischen Hochsensibilität und ADHS?

Das Innehalten. Hochsensible prüfen vor einer Handlung, Menschen mit ADHS handeln oft, bevor sie nachgedacht haben; bei ADS zeigt sich der Unterschied vor allem in der Aufmerksamkeit, die auch in Ruhe wandert. Dahinter steht im Gehirn ein gegenläufiges Muster: mehr Aktivität in den Bereichen für Wahrnehmung und Kontrolle bei Hochsensiblen, weniger Aktivität in den Bereichen für Impulskontrolle bei ADHS.

Warum suchen Menschen mit ADHS/ADS Reize und Hochsensible eher Ruhe?

Bei ADHS springt das Belohnungssystem schwerer an; Erwachsene mit ADHS haben dort weniger Andockstellen und Transporter für Dopamin (Volkow und Kollegen 2009). Stärkere Reize gleichen das aus, deshalb die Reizsuche. Hochsensible verarbeiten jeden Reiz tief und haben von zusätzlichen Reizen wenig; nach meiner Erfahrung entscheiden sie sich häufig bewusst für Ruhe, zum Beispiel beim Handy.

Sind Menschen mit ADHS/ADS reizempfindlich?

Viele ja. Eine Meta-Analyse mit über 5.000 Teilnehmern zeigt bei ADHS häufiger Reizempfindlichkeit, aber auch häufiger Reizsuche und Unterempfindlichkeit. Diese schwankende Reizverarbeitung ist etwas anderes als die tiefe, gründliche Verarbeitung der Hochsensiblen.

Was unterscheidet ADS von ADHS?

ADS ist die umgangssprachliche Bezeichnung für die vorwiegend unaufmerksame Erscheinungsform der ADHS (ICD-11 Code 6A05.0), also ohne auffällige Hyperaktivität. Fachlich ist es dieselbe Störung. Menschen mit ADS wirken ruhig und verträumt, übersehen Details, vergessen und verlegen Dinge und tun sich mit wenig anregenden Aufgaben schwer.

Sind Hochsensible in Wirklichkeit ADS-Betroffene?

Nein. Beide wirken von außen ruhig, dahinter liegt aber ein Gegensatz: Hochsensible nehmen Feinheiten besonders genau wahr, Menschen mit ADS übersehen Details. Hochsensible konzentrieren sich in ruhiger Umgebung gut, bei ADS fällt das auch in Ruhe schwer. Ein überreizter Hochsensibler zeigt vorübergehend ähnliche Zeichen, die wieder verschwinden, wenn sich das Nervensystem beruhigt hat.

Fallen alle Hochsensiblen auf?

Nein. Hochsensible, die unter guten Bedingungen aufgewachsen sind, ziehen aus ihrer Veranlagung nach der Forschung zur Vantage Sensitivity besondere Vorteile und sind oft ausgeglichen und belastbar. Elaine Aron beschreibt, dass viele von ihnen im Alltag gar nicht als hochsensibel auffallen, weil sie ihre Veranlagung als Potenzial nutzen.

Wird Hochsensibilität auch mit Autismus oder Hochbegabung verwechselt?

Ja, beides kommt vor, und bei Kindern werden Hochsensibilität, ADHS und Hochbegabung auch mit Verhaltensauffälligkeiten verwechselt. Bianca Acevedo und Elaine Aron haben 2018 in einer Übersicht die Hirnbefunde bei Hochsensibilität mit denen bei Autismus verglichen und deutliche Unterschiede gefunden, vor allem bei der Verarbeitung sozialer Signale. Hochbegabung ist ein eigenes Merkmal, das mit Hochsensibilität zusammen vorkommen kann, aber nichts darüber aussagt. Dieser Beitrag beschränkt sich auf ADHS/ADS.

Wie unterscheidet sich das Gehirn bei Hochsensibilität und ADHS?

Bei Hochsensiblen arbeiten Inselrinde, Gyrus cinguli und der untere Stirnlappen stärker, wenn sie Gefühle oder Berührung wahrnehmen. Bei ADHS zeigen Meta-Analysen weniger Aktivität in unterem Stirnlappen, vorderer Inselrinde und vorderem Gyrus cinguli, wenn eine Reaktion unterdrückt werden muss. Die Studien benutzten verschiedene Aufgaben, deshalb ist das kein direkter Vergleich, die Richtung ist aber gegenläufig.

Ist Hochsensibilität eine Krankheit?

Nein. Hochsensibilität ist ein normal verteiltes Temperamentsmerkmal, das 15 bis 30 Prozent der Menschen mitbringen und das in keinem Diagnosehandbuch steht. ADHS ist dagegen eine Diagnose mit festgelegten Kriterien. Warum Hochsensibilität auch keine Traumafolge ist, zeige ich in meinem Beitrag Ist Hochsensibilität eine Krankheit?

Woran erkenne ich, ob ich zur Diagnostik gehen sollte?

Wenn Unaufmerksamkeit, innere Unruhe oder Impulsivität dich seit der Kindheit in mehreren Lebensbereichen deutlich beeinträchtigen, auch in ruhiger Umgebung, lohnt sich eine fachliche Abklärung auf ADHS. Wenn deine Schwierigkeiten vor allem in reizstarken Situationen auftreten und in Ruhe verschwinden, spricht das eher für Hochsensibilität.

Kann ein Gentest Hochsensibilität oder ADHS feststellen?

Gentests können Hinweise geben, weil beide Merkmale erblich sind und mit bestimmten Genvarianten zusammenhängen. Sie ersetzen weder die Selbsteinschätzung noch die ärztliche Diagnostik, denn beide Merkmale entstehen aus vielen Genen zusammen mit Erfahrungen.

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  • Aron, E. N., Aron, A. und Davies, K. M. (2005): Adult shyness: The interaction of temperamental sensitivity and an adverse childhood environment. Personality and Social Psychology Bulletin, 31(2), 181 bis 197.
  • Pluess, M. und Belsky, J. (2013): Vantage sensitivity: Individual differences in response to positive experiences. Psychological Bulletin, 139(4), 901 bis 916.
  • Pluess, M. und Boniwell, I. (2015): Sensory-Processing Sensitivity predicts treatment response to a school-based depression prevention program: Evidence of Vantage Sensitivity. Personality and Individual Differences, 82, 40 bis 45.

Über die Autorin

Sandra Quedenbaum, Coach für Hochsensible

Sandra Quedenbaum arbeitet seit über zwanzig Jahren mit hochsensiblen Menschen und ist selbst hochsensibel. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Coach und Lehrtrainerin und bildet seit fast 20 Jahren Coaches aus. Im Einzelcoaching, in Online-Kursen und in der Ausbildung zum HSP-Coach begleitet sie hochsensible Menschen dabei, ihre Veranlagung zu verstehen und im Alltag, im Beruf und in Beziehungen zu nutzen.

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