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Du bist hochsensibel, und es geht dir gut. Du spürst viel, du denkst gründlich, du brauchst deine Ruhe und holst sie dir. Dann liest du irgendwo, Hochsensibilität sei eine Störung, in Wahrheit eine Traumafolge oder ein Zeichen von ADHS. Und plötzlich fragst du dich, ob mit dir etwas übersehen wurde, obwohl du dich seit Jahren gut kennst.
Die Frage, ob Hochsensibilität eine Krankheit ist, wird mir oft gestellt, und die Antwort ist kurz: Nein. Hochsensibilität steht in keinem Diagnosehandbuch, weder im ICD-11 noch im DSM-5. Sie ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, das etwa jeder Fünfte mitbringt. Trotzdem taucht die Krankheitsidee in neuen Verkleidungen immer wieder auf: als These, Hochsensibilität sei ein Trauma, oder als These, sie sei eine Folge von ADHS. Beide haben eine gemeinsame Grundannahme: Wer hochsensibel ist, leidet. Genau das stimmt für einen großen Teil der Hochsensiblen nicht. Es gibt viele Menschen mit Hochsensibilität, die ihre Veranlagung voll für sich nutzen, die Regulation ihres Nervensystems gut beherrschen und im Alltag niemandem als hochsensibel auffallen. Oft wissen sie selbst nicht einmal, dass es für ihre Art einen Namen gibt.
Seit über zwanzig Jahren arbeite ich mit hochsensiblen Menschen. In diesem Beitrag geht es um die gesunde Mehrheit: was eine Kindheit bewirkt, in der die Hochsensibilität angenommen wurde, warum diese Menschen so selten auffallen, was Tiere mit der Veranlagung zu tun haben und warum die Thesen Trauma und ADHS schon rechnerisch nicht aufgehen. Ich lade dich ein, deine eigene Kindheit dabei mit im Blick zu behalten.
Kurz gesagt: Hochsensibilität ist keine Krankheit
Kurz gesagt: Hochsensibilität ist keine Krankheit, keine psychische Erkrankung und keine Diagnose. Sie steht weder im ICD-11 noch im DSM-5. Die Psychologin Elaine N. Aron hat sie Mitte der 1990er-Jahre beschrieben, 1996 in ihrem Buch „The Highly Sensitive Person“ und 1997 im ersten Fachartikel; in der Forschung heißt sie „Sensory Processing Sensitivity“ (kurz SPS; hochsensible Personen heißen kurz HSP) und gilt als angeborenes Persönlichkeitsmerkmal. Das Wort „Hypersensibilität“, das im Netz dafür kursiert, passt schlecht, weil es nach Störung klingt. Das Wort „Hochsensitivität“ meint etwas anderes, nämlich Wahrnehmung über die Sinne hinaus. Etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen gelten als hochsensibel, nach neueren Auswertungen rund 30 Prozent. Hochsensible Menschen nehmen Reize stärker wahr und verarbeiten Sinneseindrücke tiefer und intensiver als die meisten anderen; ihr Nervensystem filtert weniger aus, deshalb kommen mehr Reize an. Diese ausgeprägte Reizverarbeitung führt zu empfindlichen Reaktionen auf Reize und zu starken emotionalen Reaktionen. Hochsensibilität ist zu rund 47 Prozent erblich, lässt sich bei Säuglingen im Alter von vier Monaten beobachten und kommt in vergleichbarer Form bei über hundert Tierarten vor. Hochsensible reagieren stärker auf ihre Umgebung als andere Menschen, und zwar in beide Richtungen: Eine belastete Kindheit trifft sie härter, eine gute Kindheit und gute Förderung bringen ihnen mehr als anderen. Dieses Prinzip heißt in der Forschung „Vantage Sensitivity“. Mit einer angeborenen Hochsensibilität kann also einhergehen, dass gute Erfahrungen stärker wirken. Hochsensible mit einer guten Kindheit sind im Erwachsenenalter genauso unbelastet wie weniger sensible Menschen, oft fallen sie gar nicht als hochsensibel auf. Die Behauptungen, Hochsensibilität werde durch Trauma verursacht oder sei eine Folge von ADHS, scheitern an der Erblichkeit, am frühen Auftreten, an den Tieren und an den Zahlen: Belastende Kindheitserfahrungen haben in Deutschland rund 44 Prozent der Menschen, eine posttraumatische Belastungsstörung rund 2 Prozent, ADHS rund 3 Prozent der Erwachsenen; hochsensibel sind 15 bis 30 Prozent, und zwar mit und ohne solche Erfahrungen.
Was eine angenommene Hochsensibilität in der Kindheit bewirkt
Die wichtigste Untersuchung dazu stammt von Elaine Aron selbst. Sie hat 2005 zusammen mit Arthur Aron und Kristin Davies in zwei Befragungen mit 96 und 213 Erwachsenen geprüft, wie Hochsensibilität und Kindheit zusammenwirken. Das Ergebnis war eindeutig: Hochsensible, die ihre Kindheit als belastet erinnerten (wenig elterliche Wärme, Probleme in der Familie), waren als Erwachsene deutlich häufiger schüchtern und emotional belastet als weniger sensible Menschen mit derselben Kindheit. Hochsensible mit einer guten Kindheit dagegen unterschieden sich in Schüchternheit und Belastung nicht von anderen Menschen. Die Hochsensibilität allein machte also niemanden schüchtern oder bedrückt. Es war die Kombination aus Sensibilität und einer Kindheit, in der das Kind mit seiner Art alleingelassen wurde.
Eine amerikanische Studie von Miriam Liss und Kollegen aus demselben Jahr mit 213 Studierenden fand das Gleiche für Depressionen: Hochsensible reagierten besonders stark auf wenig fürsorgliche Eltern. Eine britische Untersuchung von Charlotte Booth und Kollegen aus dem Jahr 2015 mit 185 Erwachsenen zeigte es für die Lebenszufriedenheit: Hochsensible mit schlechten Kindheitserfahrungen waren im Erwachsenenalter unzufriedener als andere, Hochsensible mit guten Kindheitserfahrungen genauso zufrieden wie alle anderen.
Das ist der Kern dessen, was du über Hochsensibilität und Kindheit wissen solltest: Die Veranlagung an sich ist kein Problem. Sie wird erst dann zur Belastung, wenn das Kind mit ihr nicht angenommen wird.
Was heißt „angenommen“ in diesem Zusammenhang? Nach meiner Erfahrung sind es drei Dinge, die hochsensible Kinder brauchen: Ihre Wahrnehmung wird ernst genommen, auch wenn die Eltern das Geräusch, den Geruch oder die Stimmung im Raum selbst gar nicht bemerken. Ihr Bedürfnis, sich nach einer Reizüberflutung zurückzuziehen, wird respektiert, statt als Verweigerung ausgelegt zu werden. Und ihre starken Gefühle dürfen da sein, ohne dass sie dafür beschämt werden. Mehr dazu findest du in meinem Beitrag über die Bedürfnisse hochsensibler Kinder.
Vantage Sensitivity: Warum Hochsensible aus guten Bedingungen mehr machen
Die Studien von Aron, Liss und Booth zeigen, dass eine gute Kindheit Hochsensible auf das Niveau aller anderen bringt. Eine zweite Forschungsrichtung zeigt mehr: Hochsensible ziehen aus guten Bedingungen einen größeren Gewinn als weniger sensible Menschen.
Der Entwicklungspsychologe Michael Pluess und sein Kollege Jay Belsky haben dafür 2013 den Begriff „Vantage Sensitivity“ geprägt. Das Wort „vantage“ bedeutet Vorteil. Gemeint ist: Menschen unterscheiden sich darin, wie stark sie von positiven Erfahrungen profitieren, und sensible Menschen profitieren besonders stark. Vorher hatte die Psychologie Sensibilität fast nur als Verletzlichkeit gesehen. Pluess und Belsky haben gezeigt, dass das nur die halbe Wahrheit ist.
Dazu gibt es inzwischen handfeste Belege. Pluess und Ilona Boniwell haben 2015 an einer Londoner Mädchenschule ein Programm zur Stärkung der seelischen Widerstandskraft untersucht. Bei den sensiblen Mädchen zwischen elf und dreizehn Jahren gingen die depressiven Symptome deutlich zurück, und der Effekt hielt ein Jahr an. Bei den weniger sensiblen Mädchen veränderte das gleiche Programm kaum etwas.
Eine italienische Studie von Annalaura Nocentini, Ersilia Menesini und Michael Pluess aus dem Jahr 2018 fand das Gleiche bei einem Programm gegen Mobbing an Schulen. Sensible Jungen profitierten deutlich stärker davon als weniger sensible Jungen: Sie wurden seltener Opfer, und ihre ängstlichen und bedrückten Symptome gingen stärker zurück.
Eine niederländische Untersuchung von Meike Slagt und Kollegen aus dem Jahr 2018 hat Kindergartenkinder über längere Zeit begleitet. Sensible Kinder reagierten stärker auf Veränderungen im Erziehungsverhalten ihrer Eltern, sowohl auf mehr Härte als auch auf mehr Wärme. Je nachdem, was sich zu Hause veränderte, entwickelten sie sich stärker in die eine oder andere Richtung als weniger sensible Kinder.
Das Bild, das sich daraus ergibt, ist für mich eines der wichtigsten in der ganzen Hochsensibilitäts-Forschung: Die gleiche Veranlagung, die ein Kind in einer schwierigen Umgebung besonders verletzlich macht, lässt es in einer guten Umgebung besonders aufblühen. Hochsensibilität ist ein Verstärker. Was verstärkt wird, entscheidet die Umgebung.
Eine Einschränkung gehört dazu: Die Studien mit Rückblick auf die Kindheit (Aron, Booth) finden bei guter Kindheit „gleich gut wie andere“, die Studien mit konkreten Förderprogrammen (Pluess, Nocentini, Slagt) finden „besser als andere“. Der Unterschied liegt vermutlich daran, dass ein Fragebogen über die eigene Kindheit gröber misst als ein Programm, dessen Wirkung man direkt beobachten kann. Beide Befunde zeigen in dieselbe Richtung.
Hochsensible Menschen ohne Leidensdruck: Warum du sie selten erkennst
Wenn du dich fragst, wo all diese gut aufgewachsenen Hochsensiblen sind: Sie sind überall, du erkennst sie nur nicht. Elaine Aron beschreibt, dass viele Hochsensible, die unter günstigen Bedingungen aufgewachsen sind, im Alltag gar nicht als hochsensibel auffallen. Sie sind ausgeglichen, belastbar und oft überdurchschnittlich erfolgreich, weil sie die tiefe Verarbeitung, das feine Gespür und die Empathie von klein auf als Werkzeug nutzen konnten.
Das deckt sich mit meiner Erfahrung. Ein großer Teil der Hochsensiblen, die ins Coaching kommen, bringt eine Kindheit mit, in der ihre Art ständig hinterfragt wurde. Die Hochsensiblen mit guten Kindheitserfahrungen treffe ich dagegen eher in meinen Kursen. Sie kommen dorthin, weil sie mehr über sich erfahren möchten, und ein Leidensdruck fehlt bei ihnen meist ganz. Diese Menschen tauchen in keiner Studie auf, die Hochsensible über Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen rekrutiert, und sie melden sich nicht in Foren, in denen es um Überreizung und Erschöpfung geht. Wer Hochsensibilität nur aus solchen Quellen kennt, sieht zwangsläufig nur die belastete Hälfte.
Dazu kommt: Viele dieser Menschen wissen gar nicht, dass sie hochsensibel sind. Warum sollten sie? Sie hatten nie das Gefühl, falsch zu sein. Den Eindruck, anders zu sein als die meisten um sie herum, kennen viele von ihnen durchaus. Sie erleben ihn aber wertfrei, als Feststellung ohne Urteil. Ihre gründliche Art zu denken, ihr Gespür für Stimmungen und ihr Bedürfnis nach Rückzug waren für sie immer einfach ihre Art. Manche von ihnen entdecken den Begriff erst, wenn ein eigenes Kind die gleichen Züge zeigt, oder wenn sich die Lebensumstände so ändern, dass der Akku zum ersten Mal spürbar leer wird.
Hochsensibilität zeigt sich also in zwei Gesichtern. Das eine ist das erschöpfte, überreizte, oft von einer schwierigen Kindheit geprägte Gesicht mit Überforderung, Perfektionismus und Selbstzweifeln, das in Büchern, Videos und Beratungen vorkommt. Das andere ist das ruhige, aufmerksame, tragfähige Gesicht, das niemand mit Hochsensibilität in Verbindung bringt. Beide gehören zum selben Merkmal.
Angeborene Hochsensibilität: Belege aus der Tierwelt
Das vielleicht stärkste Argument dafür, dass Hochsensibilität eine Veranlagung ist und keine Krankheit, kommt aus der Biologie. Eine Veranlagung, die bei Fruchtfliegen, Fischen, Vögeln, Hunden und Affen vorkommt, kann weder eine menschliche Traumafolge noch eine psychiatrische Diagnose sein.
Die Verhaltensbiologen Max Wolf, Sander van Doorn und Franz Weissing haben 2008 in einer viel zitierten Arbeit gezeigt, dass sich Tiere innerhalb einer Art regelmäßig in zwei Typen aufteilen: Die einen reagieren stark auf ihre Umgebung, nehmen Veränderungen schnell wahr und passen ihr Verhalten an. Wie hochsensible Menschen nehmen sie Feinheiten wahr, die den anderen entgehen. Die anderen folgen eher festen Routinen und lassen sich von Veränderungen wenig beeindrucken. Mit einem Rechenmodell konnten die Forscher erklären, warum beide Typen nebeneinander bestehen: Die aufmerksame Strategie lohnt sich besonders, solange sie selten ist. Wäre jeder aufmerksam, gäbe es keinen Vorteil mehr. Deshalb pendelt sich der Anteil der sensiblen Tiere bei einer Minderheit ein, und genau das sehen wir auch beim Menschen.
Elaine Aron hat 2012 zusammen mit Arthur Aron und Jadzia Jagiellowicz die Forschung zu Tierpersönlichkeiten gesichtet und kommt zu dem Schluss, dass das Muster der Hochsensibilität in über hundert Tierarten beschrieben wurde, unter verschiedenen Namen wie „responsiv“, „reaktiv“ oder „schüchtern“. Sie leitet daraus ab, dass Hochsensibilität eine alte, in der Evolution bewährte Überlebensstrategie ist: gründlich beobachten, bevor man handelt.
Eine sensible Forelle, ein wachsamer Vogel oder eine vorsichtige Maus haben kein Trauma in der Kindheit und kein ADHS. Sie tragen eine Anlage, die ihrer Gruppe nützt, weil jemand die Veränderung bemerkt, bevor die anderen hineinlaufen. Beim Menschen ist es dieselbe Anlage.
Krankheitsthese 1: Hochsensibilität wird durch Trauma verursacht
Wer Hochsensibilität für eine Krankheit hält, nennt meist eine von zwei Ursachen. Die erste ist ein Trauma. Hochsensibilität wird häufig im Zusammenhang mit Trauma genannt, und die Behauptung hört sich auf den ersten Blick plausibel an. Menschen mit Trauma-Erfahrungen sind oft schreckhaft, nehmen Gefahren früh wahr, reagieren stark auf Reize und ziehen sich zurück. Ihr Nervensystem steht in Alarmbereitschaft, Fachleute sprechen von Übererregung, und oft kommt eine Schlafstörung dazu. Das sind Verhaltensweisen, die auch bei einer Überreizung des Nervensystems vorkommen, wie sie Hochsensible kennen: Ein lautes Geräusch, Spannung im Raum, zu viele Menschen auf einmal, und sie möchten sich zurückziehen. Weil beides so ähnlich aussieht, wird Hochsensibilität als Traumafolge gedeutet: als Nervensystem, das durch frühe Verletzungen, etwa Vernachlässigung oder ein Bindungstrauma, in Daueralarm steht. Dabei hat die Empfindlichkeit hier und dort verschiedene Ursachen.
Die Forschung widerspricht dieser These an mehreren Stellen.
Erstens die Erblichkeit. Eine Londoner Zwillingsstudie mit über 2.800 Zwillingen hat 2020 ergeben, dass rund 47 Prozent der Unterschiede in der Sensibilität auf die Gene zurückgehen. Die restlichen 53 Prozent erklären sich aus Erfahrungen. Ein Trauma kann die Sensibilität eines Menschen verändern, keine Frage. Und Traumafolgen können über Generationen weitergegeben werden, über das Verhalten der Eltern und über die Epigenetik, also über Veränderungen, die bestimmen, welche Gene aktiv sind, ohne das Erbgut selbst zu verändern. Für die Zwillingsrechnung ändert das wenig: Was Eltern an beide Zwillinge weitergeben, trifft eineiige und zweieiige Paare gleich und zählt dort zur Umwelt. Die 47 Prozent beschreiben den Anteil, der aus dem Erbgut selbst kommt, und der lässt sich mit keiner Erfahrung erklären.
Zweitens das frühe Auftreten. Der Harvard-Psychologe Jerome Kagan hat über Jahrzehnte Säuglinge im Alter von vier Monaten beobachtet. Etwa 20 Prozent von ihnen reagierten auf neue Reize wie unbekannte Gerüche, Geräusche oder bewegte Gegenstände mit besonders starker Bewegung und Weinen. Kagan nannte sie „hochreaktiv“. Dieses Muster war im Alter von vier Monaten erkennbar, blieb über die Kindheit hinweg stabil und sagte noch im Erwachsenenalter voraus, wie stark das Gehirn auf unbekannte Gesichter reagierte. Vier Monate sind ein Alter, in dem die Umgebung erst wenig Zeit hatte, etwas zu prägen. Eine frühe Verletzung lässt sich damit trotzdem nicht ausschließen, denn eine Geburt und auch die Zeit davor können ein Baby belasten, und ein Geburtstrauma kann das ganze Leben prägen. Deshalb lohnt der Blick auf die Zahlen. Wie viele Babys die eigene Geburt als Trauma erleben, misst keine Studie direkt. Bei den Müttern ist es gut untersucht: Je nach Studie erleben 18 bis 48 Prozent der Frauen ihre Geburt als traumatisch, und die Kinder sind bei diesen Geburten dabei. Wäre ein Geburtstrauma die Ursache für Kagans Muster, müsste dieses Muster also bei weit mehr als einem Fünftel der Säuglinge auftreten, und sein Anteil müsste mit den Geburtsumständen schwanken. Kagan fand stattdessen in verschiedenen Gruppen immer wieder ungefähr dieselben 20 Prozent. Das passt zu einer angeborenen Veranlagung, deren Häufigkeit auffällig gut zur Hochsensibilität passt.
Drittens die Hochsensiblen mit guter Kindheit. Wäre Hochsensibilität ein Trauma, dürfte es keine Hochsensiblen geben, die ohne belastende Erfahrungen aufgewachsen sind. Die Studien von Aron, Liss und Booth zeigen aber genau diese Menschen: hochsensibel, gute Kindheit, keine Belastung. Sie sind in den Befragungen zahlreich vertreten.
Viertens die Tiere, die ich oben beschrieben habe: Ein Merkmal, das bei Fruchtfliegen und Forellen vorkommt, entsteht nicht aus menschlichen Verletzungen.
Was an der These einen wahren Kern hat: Hochsensible sind nach meiner Erfahrung nicht häufiger von Trauma betroffen als andere Menschen. Aber es gibt eine Traumaform, die bei ihnen sehr häufig vorkommt, und das ist der Umgang mit ihrer Hochsensibilität in der Kindheit. Wer als Kind immer wieder hört, man sei zu empfindlich, stelle sich an, solle sich nicht so haben, der erlebt genau die Ablehnung, die Aron 2005 als entscheidenden Faktor gemessen hat. Die Reihenfolge ist also umgekehrt: Das Trauma entsteht aus dem Umgang mit der Hochsensibilität, und die Hochsensibilität war zuerst da. Mehr dazu findest du in meinem Beitrag über Hochsensibilität und Trauma.
Hochsensibilität und Hypervigilanz: oft verwechselt, nie dasselbe
Ich bin Traumatherapeutin, und meine Arbeit zeigt mir noch einen Unterschied, der die These widerlegt. Nach einem Trauma bleibt das Nervensystem in ständiger Wachsamkeit, Fachleute nennen das Hypervigilanz. Der Mensch achtet ständig auf mögliche Gefahren, schläft schlecht, schreckt bei jedem Geräusch hoch. Von außen sieht das der Überstimulation eines Hochsensiblen zum Verwechseln ähnlich, und genau deshalb werden beide so oft in einen Topf geworfen. Die Unterschiede zwischen Hochsensibilität und Hypervigilanz liegen im Ursprung und im Verlauf: Hypervigilanz ist ein Zustand, der aus traumatischen Erfahrungen entsteht; Hochsensibilität ist angeboren. Ein hochsensibler Mensch ohne Trauma nimmt viel wahr und bleibt dabei entspannt; ein Mensch in Hypervigilanz nimmt viel wahr, weil er sich bedroht fühlt.
Der Unterschied zeigt sich, sobald ein Trauma verarbeitet ist. Bei durchschnittlich sensiblen Menschen legt sich nach einer passenden Traumatherapie die Hypervigilanz. Sie reagieren dann wieder so auf Reize wie andere Durchschnittssensible auch. Bei Hochsensiblen mit Trauma-Erfahrungen bleibt nach der Verarbeitung die intensive Wahrnehmung von Reizen bestehen. Was sich ändert, ist die Bewertung: Die Wahrnehmung wird nicht mehr als Last empfunden, und die Hochsensibilität kann endlich als große Bereicherung erlebt werden. Wäre Hochsensibilität eine Traumafolge, müsste sie mit der Verarbeitung verschwinden. Sie bleibt.
Und noch etwas sehe ich immer wieder, wenn ich hochsensible Menschen durch eine Traumaverarbeitung begleite: Sie haben in einer passenden Psychotherapie ihr Trauma schneller verarbeitet als durchschnittlich sensible Menschen. Reize verarbeiten sie tiefer, und das gilt auch für Erlebtes: Sie reflektieren gründlich, durchleben, was war, und schließen es ab. Diese Empfindsamkeit, die ihnen im Alltag manchmal zu schaffen macht, wird in der Therapie zu ihrer Stärke.
Krankheitsthese 2: Hochsensibilität ist eine Folge von ADHS
Die zweite Krankheitsthese habe ich in meinem Beitrag zu Hochsensibilität und ADHS ausführlich behandelt, deshalb hier nur das Wesentliche. Es gibt Studien, die einen statistischen Zusammenhang zwischen ADHS-Merkmalen und Sensibilität in Fragebögen finden. Keine einzige Studie belegt, dass das eine aus dem anderen entsteht. Die Erblichkeit unterscheidet sich deutlich (ADHS rund 75 Prozent, Hochsensibilität rund 47 Prozent), die Gehirnmuster laufen in entgegengesetzte Richtungen, und eine Studie der Forschungsgruppe um Sofie Weyn und Francesca Lionetti mit 541 Vorschulkindern fand 2025 sogar einen leicht negativen Zusammenhang zwischen beobachteter Sensibilität und dem genetischen ADHS-Risiko. Die Forscherin Corina Greven, die selbst Zusammenhänge gefunden hat, ordnet es so ein: Hochsensibilität und ADHS sind getrennte Dinge, die zusammen vorkommen können, und die meisten Menschen mit hohen Sensibilitätswerten haben kein ADHS.
Beide Thesen haben denselben Fehler. Sie nehmen eine Gruppe, die auffällt, weil sie leidet, und erklären deren Leiden zur Definition des Merkmals. Die gesunde Mehrheit kommt in dieser Rechnung gar nicht vor.
Entwicklungstrauma und Hochsensibilität: Warum die Zahlen nicht passen
Rechne es einmal durch. Hochsensibel sind je nach Studie etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung, nach einer Auswertung von Francesca Lionetti und Kollegen aus dem Jahr 2018 sogar rund 31 Prozent. ADHS haben nach einer weltweiten Auswertung von 2021 rund 2,6 Prozent der Erwachsenen, wenn man die Diagnose streng mit Beginn in der Kindheit fasst, und rund 6,8 Prozent, wenn man nur die aktuellen Symptome zählt. Eine posttraumatische Belastungsstörung haben in Deutschland nach einer repräsentativen Untersuchung von Andreas Maercker und Kollegen rund 2,3 Prozent der Bevölkerung, die komplexe Form rund 0,5 Prozent.
Mit diesen Zahlen allein wäre die Rechnung schnell erledigt, aber sie greift zu kurz. Wer sagt, Hochsensibilität sei eine Traumafolge, meint meist Entwicklungstrauma und selten das Vollbild einer Belastungsstörung. Ein Entwicklungstrauma entsteht aus anhaltenden Belastungen in der Kindheit, die nie eine Diagnose bekommen haben: Bezugspersonen, die nicht verlässlich da waren, emotionale Vernachlässigung, dazu Traumata, die von den Eltern und Großeltern weitergetragen wurden. Diese Zahl ist tatsächlich viel höher. Eine repräsentative Befragung von Andreas Witt, Jörg Fegert und Kollegen aus dem Jahr 2019 mit 2.531 Befragten fand, dass 43,7 Prozent der Menschen in Deutschland mindestens eine belastende Kindheitserfahrung berichten, etwa Vernachlässigung, Gewalt, Missbrauch oder eine psychisch kranke Bezugsperson. 8,9 Prozent berichten vier oder mehr solcher Erfahrungen. Weltweit erleben rund 70 Prozent der Menschen im Laufe ihres Lebens mindestens ein potenziell traumatisches Ereignis.
Genau diese hohen Zahlen bringen die These zu Fall. Wenn fast jeder Zweite belastende Kindheitserfahrungen hat, aber nur 15 bis 30 Prozent der Menschen hochsensibel sind, dann machen belastende Erfahrungen die meisten Menschen eben nicht hochsensibel. Und umgekehrt: Die Studien von Aron, Liss und Booth finden Hochsensible mit einer guten Kindheit in großer Zahl. Die Gruppen überschneiden sich, wie es bei zwei häufigen Merkmalen immer der Fall ist. Das eine erklärt das andere nicht. Für ADHS gilt dieselbe Logik in die andere Richtung: Bei rund 3 Prozent Betroffenen unter Erwachsenen kann ADHS höchstens einen kleinen Teil der Hochsensiblen betreffen, selbst wenn jeder Mensch mit ADHS hochsensibel wäre.
Hochsensibilität verstehen: Was das für dich bedeutet
Wenn du zu den Hochsensiblen gehörst, die gut aufgewachsen sind: Du bist kein Sonderfall und kein Glückspilz, den es eigentlich nicht geben dürfte. Du bist die Normalform eines gesunden Merkmals. Solltest du das Thema Hochsensibilität erst spät für dich entdeckt haben, dann erklärt der Begriff vielleicht rückwirkend einiges, zum Beispiel warum du nach vollen Tagen Ruhe brauchst oder warum du Stimmungen, Gerüche oder Berührungen intensiver wahrnimmst als andere. Nimm ihn als Beschreibung deiner Art.
Wenn deine Kindheit anders war und deine Hochsensibilität dort immer wieder infrage gestellt wurde: Die Forschung zur Vantage Sensitivity hat eine gute Nachricht für dich. Die gleiche Veranlagung, die dich damals verletzlich gemacht hat, macht dich heute besonders empfänglich für gute Bedingungen. Die Schulprogramme von Pluess und Nocentini haben genau das gezeigt: Sensible Menschen holen aus einer Förderung mehr heraus als andere. Das gilt für ein gutes Umfeld, für Beziehungen zu anderen Menschen, in denen du so sein darfst, wie du bist, für deine eigene Selbstfürsorge, für die Fähigkeit, dich abzugrenzen, und für ein Coaching, das dich darin begleitet, deine Veranlagung als Stärke zu nutzen. Der Umgang mit der eigenen Hochsensibilität lässt sich in jedem Alter lernen. Deine Resilienz wächst mit jeder Erfahrung, in der du als sensibler Mensch richtig bist. Ein Teil der Arbeit besteht dann darin, die alten Botschaften („zu empfindlich“, „stell dich nicht so an“) von der Veranlagung zu trennen, die immer schon in Ordnung war. Wie das geht, beschreibe ich auf meiner Seite zum Coaching für Hochsensible.
Wenn du selbst ein hochsensibles Kind hast: Du hältst mit deinem Umgang den größten Hebel in der Hand, den die Forschung kennt. Ernst nehmen, Ruhe erlauben, Gefühle zulassen. Mehr brauchst du am Anfang nicht. Wie sich Hochsensibilität bei Kindern zeigt und ob dein Kind hochsensibel ist, kannst du mit meinem Test für hochsensible Kinder einschätzen; einen Selbsttest gibt es auch für Erwachsene.
Auf einen Blick: Hochsensibilität, Trauma und ADHS
| Merkmal | Hochsensibilität | Traumafolgestörung | ADHS |
|---|---|---|---|
| Einordnung | Angeborenes Temperamentsmerkmal, keine Diagnose | Diagnose nach belastendem Erlebnis | Neurologische Entwicklungsstörung, Diagnose |
| Häufigkeit | 15 bis 20 Prozent, nach Lionetti 2018 rund 31 Prozent | PTBS rund 2 Prozent, komplexe PTBS rund 0,5 Prozent; belastende Kindheitserfahrungen rund 44 Prozent (Deutschland) | Rund 2,6 Prozent der Erwachsenen mit Beginn in der Kindheit |
| Erblichkeit | Rund 47 Prozent | Ereignis ist die Ursache; Folgen können über Generationen weitergegeben werden | Rund 75 Prozent |
| Erkennbar ab | Vier Monate (Kagan) | Nach dem Ereignis, auch schon rund um die Geburt | Vor dem zwölften Lebensjahr |
| Bei Tieren | Ja, in über hundert Arten | Stressreaktionen ja, die Diagnose nein | Nein |
| Nach Verarbeitung eines Traumas | Intensive Wahrnehmung bleibt, wird als Bereicherung erlebt | Hypervigilanz legt sich, Reizverarbeitung wie vorher | Bleibt bestehen |
| Unter guten Bedingungen | Besonderer Gewinn, fällt oft gar nicht auf | Belastung bleibt ohne Verarbeitung bestehen | Beeinträchtigung bleibt, wird besser ausgeglichen |
| Unter schlechten Bedingungen | Besonders verletzlich | Entsteht erst dadurch | Beeinträchtigung verstärkt sich |
| Zusammenhang mit der Kindheit | Verstärkt, was die Umgebung bietet | Kann aus belastender Kindheit entstehen | Angelegt, von der Umgebung beeinflusst |
Häufige Fragen zu Hochsensibilität und Krankheit
Ist Hochsensibilität eine Krankheit oder eine psychische Störung?
Nein. Hochsensibilität steht in keinem Diagnosehandbuch, weder im ICD-11 noch im DSM-5. Sie ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, das 15 bis 30 Prozent der Menschen mitbringen und bei über hundert Tierarten vorkommt. Belastend wird sie erst, wenn ein Kind mit ihr nicht angenommen wird; die Veranlagung selbst macht niemanden krank.
Ist Hochsensibilität eine Folge von Trauma?
Nein. Hochsensibilität ist zu rund 47 Prozent erblich, bei vier Monate alten Säuglingen beobachtbar und kommt bei über hundert Tierarten vor. Es gibt zahlreiche Hochsensible mit einer guten Kindheit und ohne jede Belastung. Ein Trauma kann die Sensibilität eines Menschen verändern, es erklärt die Veranlagung aber nicht.
Was passiert, wenn ein hochsensibles Kind angenommen wird?
Nach den Studien von Aron (2005), Liss (2005) und Booth (2015) sind Hochsensible mit einer guten Kindheit im Erwachsenenalter genauso unbelastet und zufrieden wie weniger sensible Menschen. Nach den Studien zur Vantage Sensitivity profitieren sie von Förderung sogar stärker als andere. Viele von ihnen fallen im Alltag gar nicht als hochsensibel auf.
Was ist Vantage Sensitivity?
Ein Begriff von Michael Pluess und Jay Belsky aus dem Jahr 2013. Er beschreibt, dass Menschen unterschiedlich stark von positiven Erfahrungen profitieren und dass sensible Menschen besonders stark profitieren. Belegt ist das unter anderem für Schulprogramme gegen Depression und Mobbing, die bei sensiblen Kindern deutlich besser wirkten als bei weniger sensiblen.
Warum fallen gesunde Hochsensible nicht auf?
Weil sie ihre Veranlagung von klein auf als Stärke nutzen konnten und keinen Grund haben, Hilfe zu suchen. Sie tauchen in Beratungen, Foren und Studien mit belasteten Teilnehmern nicht auf. Viele wissen nicht einmal, dass es für ihre Art einen Namen gibt, weil sie sich nie als falsch erlebt haben.
Wie viele Hochsensible haben ein Trauma oder ADHS?
Hochsensible sind nach Erfahrung aus der Praxis nicht häufiger von Trauma betroffen als andere Menschen. Belastende Kindheitserfahrungen berichten in Deutschland rund 44 Prozent aller Menschen, hochsensibel sind 15 bis 30 Prozent; beide Gruppen überschneiden sich, ohne dass das eine das andere erklärt. ADHS haben rund 3 Prozent der Erwachsenen, deshalb kann ADHS höchstens einen kleinen Teil der Hochsensiblen betreffen.
Verschwindet Hochsensibilität, wenn ein Trauma verarbeitet ist?
Nein. Bei durchschnittlich sensiblen Menschen legt sich nach der Verarbeitung die Hypervigilanz, und sie reagieren wieder wie andere Durchschnittssensible. Bei Hochsensiblen bleibt die intensive Wahrnehmung bestehen; sie wird nur nicht mehr als Last erlebt. Wäre Hochsensibilität eine Traumafolge, müsste sie mit der Verarbeitung verschwinden.
Was unterscheidet Hochsensibilität von Hypervigilanz?
Hypervigilanz ist die ständige Alarmbereitschaft des Nervensystems nach einem Trauma; sie legt sich, wenn das Trauma verarbeitet ist. Hochsensibilität ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal mit tiefer Verarbeitung von Reizen, das nach einer Traumaverarbeitung bestehen bleibt und dann als Bereicherung erlebt wird. Beides kann bei einem Menschen zusammenkommen.
Gibt es Hochsensibilität bei Tieren?
Ja. Die Forschung zu Tierpersönlichkeiten beschreibt bei über hundert Arten eine Minderheit von Tieren, die stärker auf ihre Umgebung reagiert, Veränderungen früher bemerkt und vorsichtiger handelt. Wolf, van Doorn und Weissing haben 2008 gezeigt, warum sich dieser Typ in der Evolution als Minderheit hält.
Kann ich als Erwachsener noch von meiner Hochsensibilität profitieren, wenn meine Kindheit schwierig war?
Ja. Die Vantage Sensitivity gilt in jedem Alter. Die Veranlagung, die dich unter schlechten Bedingungen verletzlich gemacht hat, macht dich unter guten Bedingungen besonders empfänglich für Förderung, gute Beziehungen und passende Begleitung. Der erste Schritt ist, die alten Botschaften von der Veranlagung zu trennen.
Wie kann ich mein hochsensibles Kind unterstützen?
Nimm seine Wahrnehmung ernst, auch wenn du den Reiz selbst nicht bemerkst. Respektiere sein Bedürfnis nach Ruhe. Lass starke Gefühle zu, ohne es dafür zu beschämen. Die Forschung zeigt, dass genau dieser Umgang entscheidet, ob die Veranlagung zur Stärke oder zur Belastung wird.
Quellen
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- Faraone, S. V. und Larsson, H. (2019): Genetics of attention deficit hyperactivity disorder. Molecular Psychiatry, 24, 562 bis 575.
Über die Autorin

Sandra Quedenbaum arbeitet seit über zwanzig Jahren mit hochsensiblen Menschen und ist selbst hochsensibel. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Coach und Lehrtrainerin und bildet seit fast 20 Jahren Coaches aus. Im Einzelcoaching, in Online-Kursen und in der Ausbildung zum HSP-Coach begleitet sie hochsensible Menschen dabei, ihre Veranlagung zu verstehen und im Alltag, im Beruf und in Beziehungen zu nutzen. Sie ist außerdem Traumatherapeutin, Erzieherin und Sozialpädagogin und Mutter einer hochsensiblen Tochter.