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Du reagierst stark auf Lärm, Licht und Gerüche, du brauchst nach einem Tag unter Menschen deine Ruhe, und du nimmst Kleinigkeiten wahr, die andere übersehen. Irgendwann sagt jemand zu dir: „Das klingt doch nach Autismus.“ Oder du liest selbst über das Autismus-Spektrum und findest dich in einigen Punkten wieder. Dann bleibt die Frage im Kopf: Bin ich hochsensibel, gehöre ich zum Autismus-Spektrum, oder vielleicht beides?
Diese Frage begegnet mir in meiner Arbeit immer wieder. Bei manchen meiner hochsensiblen Kunden stand früher der Verdacht im Raum, sie könnten zum Autismus-Spektrum gehören. Eine Diagnostik hat das dann nicht bestätigt. Andererseits hatte ich auch Kunden, die ich aufgrund meiner Kenntnisse eher dem Autismus-Spektrum als der Hochsensibilität zugeordnet hätte, und genau das hat sich später diagnostisch bestätigt.
Weil das Autismus-Spektrum nicht zu meinen Kernkompetenzen gehört, habe ich mein Video zu diesem Thema in Zusammenarbeit mit Nico vom YouTube-Kanal InsideAut gemacht. Nico ordnet sich selbst dem Autismus-Spektrum zu und hat mich fachlich beraten. Mein Video findest du weiter unten in diesem Beitrag. Nico hat außerdem ein eigenes Video zur Frage gemacht, ob Hochsensibilität ein Teil von Autismus ist. Auch das verlinke ich dir, weil es die Sicht eines Menschen im Autismus-Spektrum zeigt.
In diesem Beitrag erfährst du, wo sich Hochsensibilität und Autismus ähneln, wo sie sich klar unterscheiden und was die Forschung dazu sagt. Ich lade dich ein, beim Lesen zu prüfen, wo du dich wiederfindest.
Kurz gesagt: Hochsensibilität und Autismus im Vergleich
- Hochsensibilität ist ein angeborenes Temperamentsmerkmal, das etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen betrifft, nach neueren Studien rund 30 Prozent. Autismus ist eine neurologische Entwicklungsbesonderheit, die bei rund einem Prozent der Menschen diagnostiziert wird.
- Beide Gruppen nehmen Reize intensiv wahr und brauchen Rückzug. Diese Gemeinsamkeit führt zu Verwechslungen.
- Der entscheidende Unterschied liegt in der Empathie: Menschen im Autismus-Spektrum fällt es schwer, Gefühle anderer aus Mimik, Gestik und Tonfall zu erkennen (kognitive Empathie). Hochsensible erfassen Gefühle anderer meist intuitiv und schnell.
- Mitgefühl (emotionale Empathie) ist bei Menschen im Autismus-Spektrum vorhanden. Der Weg dorthin ist für sie mühsamer, weil sie die Gefühlslage erst erschließen müssen.
- Hochsensibilität ist keine Diagnose. Eine Autismus-Diagnose stellen nur Fachärzte oder Psychotherapeuten mit entsprechender Erfahrung.
- Hochbegabung ist ein drittes, eigenständiges Merkmal. Hochbegabte sind laut einer Studie von 2023 bei Überreizung sogar weniger empfindlich als der Durchschnitt.
Was ist Hochsensibilität und was ist Autismus?
Hochsensibilität beschreibt ein angeborenes Temperament. Hochsensible Menschen verarbeiten Reize tiefer und gründlicher als durchschnittlich sensible Menschen. Die Reizfilterung ist bei ihnen schwächer eingestellt, deshalb kommt mehr im Bewusstsein an. Die Psychologin Elaine Aron schätzt den Anteil auf 15 bis 20 Prozent, eine Studie von Francesca Lionetti und Kollegen aus dem Jahr 2018 fand bei rund 30 Prozent der Erwachsenen eine hohe Sensitivität. Hochsensibilität steht in keinem Diagnosehandbuch. Sie ist ein Persönlichkeitsmerkmal, mit dem die meisten Menschen gut leben.
Autismus wird heute als Spektrum verstanden. In den Diagnosehandbüchern heißt es Autismus-Spektrum-Störung, abgekürzt ASS; viele Menschen im Autismus-Spektrum lehnen das Wort Störung ab und sprechen von einer anderen Art, wahrzunehmen und zu denken. Früher wurden Unterformen wie frühkindlicher Autismus und Asperger-Syndrom unterschieden; diese Einteilung gilt heute als überholt. Der Begriff Spektrum soll die große Bandbreite der Ausprägungen erfassen. Autismus gilt als neurologische Entwicklungsbesonderheit, die sich auf soziale Kommunikation, Verhalten und Wahrnehmung auswirkt. Die Diagnosekriterien stehen im DSM-5 und in der ICD-11: Besonderheiten im sozialen Austausch und in der Kommunikation, eingeschränkte und sich wiederholende Verhaltensmuster und Interessen sowie eine veränderte Reaktion auf Sinnesreize. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass etwa eines von hundert Kindern zum Autismus-Spektrum gehört.
Wichtig ist mir dabei: Jeder Mensch im Autismus-Spektrum hat eigene Stärken, Herausforderungen und Bedürfnisse. Autismus ist kein einheitliches Bild.
Wo sich Hochsensibilität und Autismus ähneln
Die Verwechslung kommt nicht von ungefähr. Es gibt Bereiche, in denen sich Hochsensible und Menschen im Autismus-Spektrum ähnlich erleben:
- Beide nehmen Sinnesreize intensiv wahr. Laute Geräusche, grelles Licht, Gerüche oder kratzende Kleidung können für beide Gruppen belastend sein.
- Beide brauchen nach sozialen Situationen Rückzug, um den Akku wieder aufzuladen.
- Beide achten auf Details, die anderen entgehen.
- Beide fühlen sich in großen Gruppen oder bei Smalltalk oft unwohl.
Zwei Studien haben diese Überschneidung untersucht. Miriam Liss und Kollegen fanden 2008 einen Zusammenhang zwischen einer niedrigen Reizschwelle und Neigung zur Überreizung einerseits und autistischen Merkmalen wie Schwierigkeiten im sozialen Austausch andererseits. Sandra Konrad und Dominique Gerber stellten 2018 fest, dass sich Hochsensible und Menschen im Autismus-Spektrum in der Hochsensibilitäts-Skala kaum unterscheiden. Beide Arbeiten weisen in dieselbe Richtung: Die Überschneidung liegt vor allem in der Reizverarbeitung.
Eine Überschneidung in einem Bereich macht aus zwei Merkmalen aber noch nicht dasselbe. Entscheidend ist, was sich darüber hinaus unterscheidet.
Der entscheidende Unterschied: Empathie
Im Volksmund heißt es oft, Menschen im Autismus-Spektrum fehle die Empathie. Das trifft so nicht zu. Hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen, denn Empathie hat mehrere Formen. Zwei davon sind für den Vergleich wichtig.
Die emotionale Empathie beschreibt die Fähigkeit, das zu fühlen, was eine andere Person fühlt, also Mitgefühl. Die kognitive Empathie beschreibt die Fähigkeit zu erkennen, was eine andere Person gerade fühlt oder denkt. Dafür lesen wir Mimik, Gestik, Tonfall und das, was zwischen den Zeilen gesagt wird.
Eine Studie von Isabel Dziobek und Kollegen aus dem Jahr 2008 hat genau diese beiden Formen getrennt untersucht. Erwachsene im Autismus-Spektrum (damals noch mit der Diagnose Asperger-Syndrom) hatten Schwierigkeiten, die Gefühle von Menschen auf Fotos richtig zu benennen. Ihr Mitgefühl war dagegen genauso stark ausgeprägt wie in der Vergleichsgruppe. Menschen im Autismus-Spektrum können also mitfühlen. Der Weg dorthin ist für sie mühsamer, weil sie die Gefühlslage ihres Gegenübers erst erschließen müssen.
Wie dieser Weg aussieht, hat mir Nico beschrieben: Er nimmt die zusammengezogenen Augenbrauen, die nach vorn gebeugte Haltung, das Wippen des Fußes und die Worte bewusst wahr. Dann analysiert er, wie es dem Gegenüber gehen könnte, und zieht daraus Schlüsse, wie er angemessen reagiert. Das ist ein aktiver Denkprozess, der viel Kraft und Konzentration kostet. Ironie, Sarkasmus und komplexe Gefühle wie Eifersucht oder Stolz sind auf diesem Weg besonders schwer zu erfassen, weil die Signale dafür uneindeutig sind. Es erleichtert Menschen im Autismus-Spektrum deshalb sehr, wenn ihr Gegenüber seine Gefühle klar benennt.
Bei Hochsensiblen läuft das anders. Die Empathie ist eine ihrer besonderen Stärken. Eine Übersichtsarbeit von Bianca Acevedo und Kollegen aus dem Jahr 2018 hat Studien mit bildgebenden Verfahren zusammengefasst. Bei Hochsensiblen sind Gehirnregionen, die mit Empathie, Selbstreflexion und der Verarbeitung sozialer Reize zusammenhängen, besonders aktiv. Bei Menschen im Autismus-Spektrum zeigten dieselben Regionen eine geringere Aktivität. Hochsensible wissen deshalb häufig sofort, wie es einer anderen Person geht und was sie braucht, manchmal sogar, bevor das Gegenüber es selbst weiß. Der Unterschied liegt also weniger im Mitgefühl als im Weg dorthin: Bei Hochsensiblen läuft das Erkennen der Gefühle schnell und ohne Anstrengung ab, bei Menschen im Autismus-Spektrum über bewusstes Beobachten und Schlussfolgern.
Weitere Unterschiede zwischen Hochsensibilität und Autismus
Neben der Empathie gibt es weitere Punkte, an denen sich die beiden Merkmale unterscheiden:
- Soziale Nähe: Hochsensible genießen Begegnungen, wenn ihr Akku voll ist. Sie ziehen sich wegen der Reizmenge zurück, und das Verstehen anderer Menschen fällt ihnen leicht. Für Menschen im Autismus-Spektrum ist der soziale Austausch selbst anstrengend, weil sie Signale bewusst entschlüsseln müssen.
- Routinen und Spezialinteressen: Ein ausgeprägtes Bedürfnis nach festen Abläufen und tiefe, eng umrissene Spezialinteressen gehören zu den Diagnosekriterien für Autismus. Hochsensible mögen Planbarkeit, kommen mit Änderungen aber meist zurecht, und ihre Interessen sind oft breit gefächert.
- Reaktion auf Reize: Menschen im Autismus-Spektrum können auf Reize sowohl übermäßig als auch auffällig schwach reagieren. Hochsensible reagieren durchweg stärker.
- Ironie und Zwischentöne: Hochsensible erfassen Unausgesprochenes schnell. Menschen im Autismus-Spektrum fällt es schwer, Aussagen anders als wörtlich zu verstehen.
- Diagnose: Autismus ist eine klinische Diagnose mit festen Kriterien. Hochsensibilität ist ein Temperamentsmerkmal ohne Diagnose, das mit einem Fragebogen erfasst wird.
Hochsensibilität und Autismus: Was die Forschung sagt
Die Studie von Konrad und Gerber verdient einen genaueren Blick, weil sie in Deutschland am häufigsten zitiert wird, wenn es um dieses Thema geht. Die beiden Forscherinnen von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg haben 2018 drei Gruppen verglichen: 20 Menschen im Autismus-Spektrum (in der Studie noch als Asperger-Syndrom oder hochfunktionaler Autismus bezeichnet), 80 Hochsensible ohne Autismus-Diagnose und 74 Menschen aus einer Vergleichsgruppe. Alle füllten den Autismus-Spektrum-Quotienten und die deutsche Fassung der Hochsensibilitäts-Skala aus.
Zwei Ergebnisse sind für dich wichtig. Erstens: In der Hochsensibilitäts-Skala unterschieden sich die Teilnehmer im Autismus-Spektrum kaum von den Hochsensiblen. Nur bei der ästhetischen Sensibilität, also dem Gespür für Kunst, Musik und feine Stimmungen, lagen die Hochsensiblen deutlich höher. Beide Gruppen hoben sich klar von der Vergleichsgruppe ab. Zweitens: Im Autismus-Spektrum-Quotienten unterschieden sich Hochsensible in allen Skalen deutlich von den Teilnehmern im Autismus-Spektrum, mit großen bis sehr großen Effekten. Gleichzeitig lagen ihre Werte über denen der Vergleichsgruppe. Konrad und Gerber ordnen Hochsensible deshalb dem sogenannten Broader Autism Phenotype zu, dem subklinischen Bereich autistischer Merkmale, in dem die Kriterien für eine Diagnose nicht erfüllt sind.
Ich lese dieses Ergebnis so: Die Überschneidung ist real und sie liegt in der Reizverarbeitung. Daraus folgt für mich nicht, dass Hochsensibilität ein Teil von Autismus ist. Die Studie zeigt zugleich, wie deutlich sich beide Gruppen unterscheiden, und sie erklärt nicht, warum Hochsensible im sozialen Bereich und in der Empathie so anders funktionieren als Menschen im Autismus-Spektrum.
Drei Punkte bleiben offen. Erstens wurde nicht erfasst, ob die hochsensiblen Teilnehmer von Trauma-Erfahrungen betroffen waren. Nach meiner Erfahrung kann sich die Reizempfindlichkeit durch belastende Erfahrungen um ein Vielfaches verstärken, und das könnte die Werte im Autismus-Fragebogen beeinflussen. Zweitens ist offen, ob sich autistische Merkmale gedämpfter zeigen, wenn ein Mensch zugleich hochsensibel ist. Drittens war die Gruppe aus dem Autismus-Spektrum mit 20 Personen klein, und die Hochsensiblen waren im Schnitt deutlich älter als die Vergleichsgruppe. Es gibt also noch viel zu erforschen, und die Meinungen zu diesem Thema gehen auseinander. Für mich bleibt wichtig, Hochsensibilität als eigenständiges Merkmal anzuerkennen und sie weder mit Autismus gleichzusetzen noch als leichte Form davon zu betrachten.
Hochsensibilität und Autismus auf einen Blick
| Merkmal | Hochsensibilität | Autismus-Spektrum |
|---|---|---|
| Was es ist | Angeborenes Temperamentsmerkmal | Neurologische Entwicklungsbesonderheit |
| Häufigkeit | 15 bis 20 Prozent, nach Lionetti rund 30 Prozent | Etwa 1 Prozent |
| Diagnose | Keine Diagnose, Fragebogen | Klinische Diagnose nach DSM-5 oder ICD-11 |
| Reizverarbeitung | Tiefer, stärkere Reaktion | Übermäßige oder schwache Reaktion möglich |
| Emotionale Empathie (Mitgefühl) | Stark ausgeprägt | Vorhanden |
| Kognitive Empathie (Gefühle erkennen) | Intuitiv und schnell | Mühsam, über bewusstes Analysieren |
| Mimik, Tonfall, Ironie | Werden leicht erfasst | Schwer zu deuten, wörtliches Verstehen |
| Rückzug | Wegen der Reizmenge | Wegen der Reizmenge und der Anstrengung im sozialen Austausch |
| Routinen und Spezialinteressen | Planbarkeit angenehm, Interessen breit | Fester Bestandteil der Diagnosekriterien |
Hochbegabung: die dritte Verwechslung
Neben Autismus taucht in Gesprächen über Hochsensibilität oft ein weiterer Begriff auf: Hochbegabung. Auch hier gibt es Überschneidungen im Erleben. Hochbegabte Menschen denken schnell und tief, nehmen Zusammenhänge wahr, die andere übersehen, und langweilen sich bei Oberflächlichem. Das klingt nach der Verarbeitungstiefe, die Hochsensible kennen. Und weil Autismus und überdurchschnittliche Intelligenz zusammen auftreten können, wird aus zwei Merkmalen schnell ein Dreieck aus Hochsensibilität, Autismus und Hochbegabung, in dem alles gleich aussieht.
Die Forschung mahnt hier zur Vorsicht. Hochbegabung bedeutet eine überdurchschnittliche Intelligenz, in der Regel ab einem IQ von 130, und betrifft etwa zwei Prozent der Menschen. Hochsensibilität sagt über die Intelligenz nichts aus. Eine große Studie von Veerle De Gucht und Kollegen aus dem Jahr 2023 verglich 636 Hochbegabte mit über 10.000 Menschen aus der Allgemeinbevölkerung. Das Ergebnis: Hochbegabte waren in den belastenden Anteilen der Hochsensibilität, also Überreizung und emotionaler Reaktivität, sogar weniger empfindlich als der Durchschnitt. Nur bei der ästhetischen Sensibilität lagen sie etwas höher, und dieser kleine Unterschied verschwand fast, sobald Alter, Geschlecht und Bildung berücksichtigt wurden. Hochbegabt zu sein heißt also nicht automatisch, hochsensibel zu sein, und umgekehrt.
Was die drei Merkmale im Alltag unterscheidet: Hochbegabung zeigt sich im Denken und Lernen, Hochsensibilität in der Wahrnehmung und im Fühlen, Autismus im sozialen Austausch, in Routinen und in der Reizverarbeitung. Ein Mensch kann eines, zwei oder alle drei in sich tragen. Wenn du dich fragst, ob du hochbegabt bist, hilft ein Intelligenztest bei einem Psychologen weiter. Hochsensibilität erkennst du an deiner Art, Reize und Gefühle zu verarbeiten, und für Autismus braucht es eine fachliche Diagnostik.
Kann ein Mensch hochsensibel und im Autismus-Spektrum sein?
Ja, das ist möglich. Menschen im Autismus-Spektrum nehmen Reize häufig intensiv wahr, und in Fragebögen zur Hochsensibilität erreichen sie oft ähnliche Werte wie Hochsensible. Ob ein Mensch beides in sich trägt, lässt sich am ehesten an der Empathie und am sozialen Erleben erkennen. Wenn du dich in den Beschreibungen zur kognitiven Empathie und zu den Routinen wiederfindest, lohnt sich eine fachliche Abklärung. Eine Autismus-Diagnose stellen Fachärzte für Psychiatrie oder Psychotherapeuten mit Erfahrung im Autismus-Spektrum, in Deutschland oft in spezialisierten Autismus-Ambulanzen.
Als Coach stelle ich keine Diagnosen. Was ich tun kann: mit dir gemeinsam anschauen, wie du Reize, Gefühle und Begegnungen erlebst, und dir helfen, deine Hochsensibilität so zu verstehen, dass du gut mit ihr lebst. Wenn sich im Gespräch Hinweise auf das Autismus-Spektrum zeigen, sage ich das offen und empfehle eine Abklärung.
Was du jetzt tun kannst
Wenn du unsicher bist, ob du hochsensibel bist, hilft dir mein Test für hochsensible Erwachsene weiter. Er ist kostenlos und braucht keine E-Mail-Adresse. Achte beim Ausfüllen besonders auf die Fragen zur Empathie und zu Gefühlen anderer Menschen.
Wenn du dich eher im Autismus-Spektrum wiederfindest, ist eine fachliche Diagnostik der nächste Schritt. Eine Diagnose kann entlasten, weil sie erklärt, warum manches im Leben so viel Kraft kostet, und sie öffnet den Zugang zu passender Unterstützung.
Und wenn du beides in dir vermutest: Die Empathie ist dein Kompass. Frag dich, ob du die Gefühle anderer meist sofort spürst oder ob du sie dir bewusst zusammensetzen musst. Diese Frage hilft dir weiter als jede Liste von Merkmalen.
Mein Video zu Hochsensibilität und Autismus
In meinem Video gehe ich ausführlich auf den Unterschied in der Empathie ein. Es ist in Zusammenarbeit mit Nico vom Kanal InsideAut entstanden.
Nico hat die Frage, ob Hochsensibilität ein Teil von Autismus ist, aus seiner Sicht als Mensch im Autismus-Spektrum beantwortet. Sein Video „Ist Hochsensibilität Teil von Autismus? Gemeinsamkeiten und Unterschiede“ empfehle ich dir ebenso wie seinen Kanal, wenn du mehr über das Autismus-Spektrum erfahren möchtest.
Häufige Fragen zu Hochsensibilität und Autismus
Ist Hochsensibilität eine leichte Form von Autismus?
Nein. Hochsensibilität ist ein Temperamentsmerkmal, Autismus eine neurologische Entwicklungsbesonderheit mit eigenen Diagnosekriterien. Beide überschneiden sich in der Reizverarbeitung, unterscheiden sich aber deutlich in der Empathie und im sozialen Erleben. Konrad und Gerber ordnen Hochsensible zwar dem subklinischen Bereich autistischer Merkmale zu, fanden aber zugleich signifikante Unterschiede zu Menschen im Autismus-Spektrum in allen Skalen des Autismus-Spektrum-Quotienten.
Woran erkenne ich, ob ich hochsensibel oder im Autismus-Spektrum bin?
Der klarste Hinweis ist die Empathie. Hochsensible spüren die Gefühle anderer meist sofort und intuitiv. Menschen im Autismus-Spektrum müssen Mimik, Gestik und Tonfall bewusst analysieren, um die Gefühlslage ihres Gegenübers zu erschließen. Weitere Hinweise sind ein starkes Bedürfnis nach festen Abläufen, eng umrissene Spezialinteressen und ein wörtliches Verstehen von Aussagen, die typisch für das Autismus-Spektrum sind.
Haben Menschen im Autismus-Spektrum keine Empathie?
Doch. Die Studie von Dziobek und Kollegen aus dem Jahr 2008 zeigt, dass das Mitgefühl (emotionale Empathie) bei Erwachsenen im Autismus-Spektrum genauso ausgeprägt ist wie bei anderen Menschen. Schwierigkeiten bestehen beim Erkennen der Gefühle (kognitive Empathie). Sobald die Gefühlslage erkannt oder klar benannt ist, können Menschen im Autismus-Spektrum mitfühlen.
Kann man hochsensibel und im Autismus-Spektrum zugleich sein?
Ja. Menschen im Autismus-Spektrum nehmen Reize häufig intensiv wahr und erreichen in Fragebögen zur Hochsensibilität oft ähnliche Werte wie Hochsensible. Ob beides vorliegt, klärt eine fachliche Diagnostik.
Wer kann Autismus diagnostizieren?
Eine Autismus-Diagnose stellen Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, Kinder- und Jugendpsychiater oder Psychotherapeuten mit Erfahrung im Autismus-Spektrum. In Deutschland gibt es dafür spezialisierte Autismus-Ambulanzen. Ein Coach stellt keine Diagnosen.
Hängen Hochsensibilität und Hochbegabung zusammen?
Kaum. Hochbegabung misst sich am IQ, Hochsensibilität an der Art, wie jemand Reize verarbeitet. Die bisher größte Untersuchung dazu (De Gucht und Kollegen 2023) fand bei Hochbegabten keine erhöhte Hochsensibilität; bei den belastenden Anteilen lagen sie sogar unter dem Durchschnitt. Ein Mensch kann beides sein, das eine folgt aber nicht aus dem anderen.
Warum werden Hochsensibilität und Autismus so oft verwechselt?
Weil die Reizempfindlichkeit in beiden Fällen auffällt. Lärm, Licht, Gerüche und Menschenmengen belasten Hochsensible und Menschen im Autismus-Spektrum, und beide brauchen Rückzug. Was sich unterscheidet, zeigt sich erst beim genaueren Hinschauen: die Empathie, der soziale Austausch und das Bedürfnis nach Routinen.
Was sagt die Studie von Konrad und Gerber zu Hochsensibilität und Autismus?
Kurz zusammengefasst: Bei der Reizempfindlichkeit sehen Hochsensible und Menschen im Autismus-Spektrum fast gleich aus, bei den autistischen Merkmalen liegen Welten dazwischen. Hochsensible landen zwischen beiden Gruppen, mit deutlichem Abstand zu den Teilnehmern aus dem Spektrum. Die Autorinnen sprechen deshalb vom Broader Autism Phenotype, einem Bereich mit einzelnen autistischen Merkmalen, aber ohne Diagnose. Die Zahlen und offenen Fragen findest du oben im Abschnitt zur Forschung.
Hilft Coaching, wenn ich unsicher bin, ob ich hochsensibel oder im Autismus-Spektrum bin?
Coaching hilft dir, dein Erleben von Reizen, Gefühlen und Begegnungen zu verstehen und deine Hochsensibilität in den Alltag zu integrieren. Eine Diagnose ersetzt es nicht. Zeigen sich im Coaching Hinweise auf das Autismus-Spektrum, ist eine fachliche Abklärung der richtige nächste Schritt.
Quellen
- Acevedo, B., Aron, E., Pospos, S. und Jessen, D. (2018): The functional highly sensitive brain: a review of the brain circuits underlying sensory processing sensitivity and seemingly related disorders. Philosophical Transactions of the Royal Society B, 373, 20170161.
- Aron, E. N. und Aron, A. (1997): Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345 bis 368.
- Dziobek, I., Rogers, K., Fleck, S., Bahnemann, M., Heekeren, H. R., Wolf, O. T. und Convit, A. (2008): Dissociation of cognitive and emotional empathy in adults with Asperger syndrome using the Multifaceted Empathy Test (MET). Journal of Autism and Developmental Disorders, 38(3), 464 bis 473.
- De Gucht, V., Woestenburg, D. H. A. und Backbier, E. (2023): Do gifted individuals exhibit higher levels of Sensory Processing Sensitivity and what role do openness and neuroticism play in this regard? Journal of Research in Personality, 104, 104376.
- Konrad, S. und Gerber, D. (2018): Der Zusammenhang zwischen sensorischer Verarbeitungssensitivität (SPS) und den Autismus-Spektrum-Störungen (ASS). Posterbeitrag, 51. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Frankfurt am Main.
- Lionetti, F., Aron, A., Aron, E. N., Burns, G. L., Jagiellowicz, J. und Pluess, M. (2018): Dandelions, tulips and orchids: evidence for the existence of low-sensitive, medium-sensitive and high-sensitive individuals. Translational Psychiatry, 8, 24.
- Liss, M., Mailloux, J. und Erchull, M. J. (2008): The relationships between sensory processing sensitivity, alexithymia, autism, depression, and anxiety. Personality and Individual Differences, 45(3), 255 bis 259.
- Weltgesundheitsorganisation: Faktenblatt Autismus (Prävalenz etwa 1 von 100 Kindern).
- Videos: Sandra Quedenbaum, „Gilt das auch für dich?“ (YouTube, 2023, in Zusammenarbeit mit Nico von InsideAut); InsideAut, „Ist Hochsensibilität Teil von Autismus? Gemeinsamkeiten und Unterschiede“ (YouTube, 2025).
Über die Autorin

Sandra Quedenbaum arbeitet seit über zwanzig Jahren mit hochsensiblen Menschen und ist selbst hochsensibel. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Coach und Lehrtrainerin und bildet seit fast 20 Jahren Coaches aus. Im Einzelcoaching, in Online-Kursen und in der Ausbildung zum HSP-Coach begleitet sie hochsensible Menschen dabei, ihre Veranlagung zu verstehen und im Alltag, im Beruf und in Beziehungen zu nutzen.