Hochsensibilität einfach erklärt: Typische Merkmale und Symptome bei Erwachsenen, und wie du Hochsensibilität erkennen kannst

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Bist du hochsensibel? Viele Menschen sind hochsensibel und wissen es nicht, weil das Thema Hochsensibilität lange Zeit kaum bekannt war. Sie halten sich für zu empfindlich, zu dünnhäutig oder einfach für schwierig, weil sie Lärm, Gerüche, Stimmungen und Zeitdruck viel stärker spüren als die Menschen um sie herum. In diesem Beitrag erkläre ich dir, was Hochsensibilität genau ist, welche Merkmale von Hochsensibilität typisch sind, wie sich Hochsensibilität bei Erwachsenen körperlich und im Verhalten zeigt und wie du mit einem Test prüfen kannst, ob du selbst hochsensibel bist. Am Ende erfährst du, warum viele Betroffene unter ihrer Hochsensibilität leiden, obwohl sie gar nicht die Ursache des Leidens ist.

Kurz gesagt

Hochsensibilität ist ein Persönlichkeitsmerkmal und keine Krankheit. Hochsensible Menschen nehmen äußere und innere Reize intensiver wahr und verarbeiten sie tiefer als durchschnittlich sensible Menschen. Hochsensibilität betrifft etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung. Typische Merkmale sind eine feine Sinneswahrnehmung, eine starke Empathie, ein intensives Gefühlsleben, vernetztes Denken und ein Hang zur Überreizung. Hochsensibilität lässt sich nicht klinisch diagnostizieren, aber mit einem Fragebogen gut erkennen. Zur Belastung wird sie erst, wenn wir nicht gelernt haben, unsere innere Erregung zu regulieren. Im Netz liest du dafür auch Hypersensibilität oder Hochsensitivität. Gemeint ist dasselbe Persönlichkeitsmerkmal; Hypersensibilität ist streng genommen ein medizinischer Begriff für Überempfindlichkeit, etwa bei Allergien.

Keine Lust zu lesen? Hier kannst du dir den Beitrag als Video anschauen.

Was ist Hochsensibilität genau?

Hochsensibilität ist ein psychologisches Persönlichkeitsmodell, das Ende der 90er Jahre von der amerikanischen Psychologin Elaine N. Aron entwickelt wurde. Sie prägte den Begriff Highly Sensitive Person, kurz HSP, und nannte die Veranlagung wissenschaftlich Sensory Processing Sensitivity, also sensorische Verarbeitungssensitivität. Der Begriff Hochsensibilität ist die deutsche Übersetzung davon.

Das Modell beruht darauf, dass etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen spezifische Merkmale zeigen. Neuere Studien kommen sogar auf etwa 20 bis 30 Prozent aller Menschen, je nachdem, wo man die Grenze zieht. Hochsensible Personen reagieren neurologisch schneller auf nervliche Impulse, die gleichzeitig weniger gefiltert werden. Einfach gesagt: Das Nervensystem hochsensibler Menschen ist durchlässiger. Es nimmt mehr auf, sortiert weniger aus und verarbeitet das, was ankommt, tiefer. Hochsensibilität ist also keine Diagnose, keine psychische Störung und auch nichts, was man sich abtrainieren kann. Sie ist eine besondere Art der Wahrnehmung, die man am besten versteht, wenn man ihre Merkmale kennt.

Und nun zu den typischen Merkmalen. Was trifft davon auf dich zu?

Merkmale von Hochsensibilität: So zeigt sich Hochsensibilität bei Erwachsenen

Erhöhte Sinneswahrnehmung

Hochsensible Menschen nehmen Reize intensiver wahr, äußere Reize wie Geräusche und Licht genauso wie innere Reize wie Hunger, Schmerz oder Anspannung. Das zeigt sich unter anderem in der Sinneswahrnehmung. Zum Beispiel nehmen sie einen Geruch schneller und intensiver wahr als durchschnittlich sensible Menschen. Während ein unangenehmes Parfüm für eine durchschnittlich sensible Person nach einiger Zeit gar nicht mehr wahrnehmbar ist, kann es eine hochsensible Person stark belasten und Konzentrationsschwierigkeiten und Kopfschmerzen verursachen. Auch ein grelles Licht im Raum, Hintergrundmusik oder das Flimmern eines Bildschirms nehmen sie intensiv wahr und empfinden es schnell als belastend.

Essgeräusche anderer werden häufig intensiver und unangenehmer wahrgenommen, genauso wie Etiketten in der Kleidung. Gleichzeitig können hochsensible Menschen Sinneseindrücke auch stärker genießen: einen guten Duft, ein Musikstück, das Licht am Abend.

Hang zur Überreizung

Durch die intensivere Sinneswahrnehmung, die weniger gefiltert wird, kann es schneller zu einer nervlichen Überreizung in einer reizstarken Umgebung kommen. Hochsensible sind schnell überreizt, wenn viele Reize gleichzeitig auf sie einwirken. Besonders ausgeprägt ist das im Großraumbüro, im Kaufhaus oder auf einer lauten Feier. Normalerweise braucht es aber nur 5 bis 10 Minuten in einer ruhigeren Umgebung und Hochsensible sind wieder entspannt. Ist das aber nicht möglich und sie bleiben über längere Zeit in dieser Überreizung, brauchen sie eine längere Regenerationszeit als durchschnittlich sensible Menschen. Wie sich eine Reizüberflutung anfühlt und was dann hilft, erkläre ich dir im Beitrag Hochsensible in der Überreizung.

Schaubild „Symptome der Überreizung bei Hochsensibilität“: die stufenweisen Anzeichen eines überreizten Nervensystems bei hochsensiblen Menschen erkennen. Stufe 1, Reize belasten das Nervensystem: Äußere und innere Eindrücke strömen weniger gefiltert ein und werden tiefer verarbeitet, gezeichnet als Gehirn hinter einem durchlässigeren Schutzfilter. Stufe 2, Herzklopfen und hohe körperliche Übererregung: Das Nervensystem schaltet auf Alarm und zeigt deutliche körperliche Stressreaktionen. Stufe 3, Grübelschleifen und „Alles ist zu viel“: Das Gehirn verfällt in anhaltende Gedankenschleifen und es entsteht eine mentale Überforderung. Stufe 4, Erschöpfung, Gereiztheit und Rückzug: Hält die Überreizung lange an, leert sich der Akku; das Nervensystem braucht dann deutlich länger, um sich zu erholen.

Starke Empathie

Außerdem sind hochsensible Menschen sehr empathisch. Das zeigt sich im starken Mitgefühl und der Fähigkeit, Mimik und Körpersprache zu lesen und an der Stimmlage die Stimmung des Gegenübers zu erkennen. Die Herausforderung ist, sich nicht von den Gefühlen anderer anstecken zu lassen. Aufgrund ihrer Empathie und Empfindsamkeit meiden viele von ihnen Gewaltszenen und Nachrichten.

Hohe Sozialkompetenz

Hochsensible Personen sind prosozial und haben meistens das Wohl aller im Blick. Dabei sind sie sehr rücksichtsvoll und achten darauf, keine Grenzen zu überschreiten. Sie können die Meinungen anderer stehen lassen, ohne diese abzuwerten oder das Gegenüber von der eigenen Meinung überzeugen zu wollen.

Gutes Körpergefühl und starke Intuition

Sie haben ein gutes Bauchgefühl und häufig einen sechsten Sinn. Sie spüren oft früher als andere, dass etwas nicht stimmt, in einem Raum, in einem Gespräch oder im eigenen Körper.

Kreativität

Durch die Intensität der Sinneswahrnehmung und des Denkens sind sie in vielen Fällen sehr kreativ. Das kann sich im Künstlerischen, aber auch im Finden von Problemlösungen zeigen. Auch bei Alltagstätigkeiten wie Kochen, Handwerken oder der Gartengestaltung kann sich die Kreativität widerspiegeln.

Hoher Perfektionismus

Hochsensiblen Personen wird oft ein Hang zum Perfektionismus nachgesagt, und das stimmt in vielen Fällen. Unter Beobachtung fällt es ihnen oft schwer, ihr ganzes Potenzial zu zeigen. Durch ihren Perfektionismus sind sie sehr gewissenhaft, und es besteht die Herausforderung, sich nicht zu übernehmen. Multitasking ist für sie sehr stressig, genauso wenn sie eine größere Menge an Aufgaben abarbeiten sollen.

Reflektiert und vernetzt im Denken

Auch im Denken zeigt sich die Hochsensibilität: Sie sind sehr vernetzt und reflektiert. Dadurch fällt es ihnen leicht, Zusammenhänge zu erkennen, die für durchschnittlich Sensible zum Teil kaum nachvollziehbar sind oder sich erst verzögert erschließen. Häufig wissen sie sehr schnell, wer in einem Krimi der Mörder ist, und sie können das Ende von Büchern und Filmen voraussagen.

Frau mit langen blonden Locken sitzt am Fenster und hält eine rosa Tasse mit beiden Händen, draußen unscharfes Grün

Mehr Pausen nötig

In der Regel sind hochsensible Menschen sehr hilfsbereit und freundlich. Es sei denn, sie sind überreizt, dann zeigt sich die Reizüberflutung durch Gereiztheit. Hochsensible Personen brauchen regelmäßig Auszeiten, in denen sie sich zurückziehen und entspannen können, sonst kann es zu einer nervlichen Dauerbelastung kommen.

Gefühlsmenschen

Hochsensible Menschen sind besonders gefühlsstark. Das zeigt sich darin, dass sie alle Gefühle sehr intensiv wahrnehmen. Sie zeigen diese auch sichtbar in Mimik und Gestik nach außen. Es fällt ihnen leicht, schnell zwischen den Gefühlen zu wechseln. Ihr starkes Gefühlsleben spiegelt sich auch in einer tiefen Berührbarkeit durch Kunst, Musik und Natur.

Gute Beobachtungsgabe

Sie sind Beobachter. Sie erfassen Situationen schnell, sind vorausschauend und haben Gefahren im Blick. Da sie in Situationen erst einmal beobachten, werden sie eher als ruhig und zurückhaltend wahrgenommen. Häufig haben sie aber auch noch eine sehr lebhafte Seite. Nicht jeder hochsensible Mensch ist introvertiert; mehr dazu liest du im Beitrag über introvertierte hochsensible Personen.

Planend und strukturiert

Sie richten sich ihren Alltag so ein, dass sie das Pensum ihres Energiehaushaltes nicht überschreiten. Deswegen planen sie gerne im Voraus und brauchen bei Veränderungen einen längeren Vorlauf als durchschnittlich Sensible, um sich an die Situation anzupassen.

Auf einen Blick: Die wichtigsten Merkmale von Hochsensibilität

MerkmalStärkeHerausforderung
Erhöhte SinneswahrnehmungIntensiver Genuss von Düften, Musik, Licht und NaturLärm, Gerüche und grelles Licht belasten schnell
Hang zur ÜberreizungFrühes Erkennen, wenn etwas zu viel wirdErschöpfung in reizstarken Umgebungen, längere Erholung
Starke EmpathieMitgefühl, Lesen von Mimik und KörperspracheAnsteckung durch Gefühle anderer
Hohe SozialkompetenzRücksicht, Blick für das Wohl allerEigene Bedürfnisse kommen zu kurz
Körpergefühl und IntuitionGutes Bauchgefühl, sechster SinnSignale werden oft übergangen
Vernetztes DenkenZusammenhänge schnell erkennenGedankenkreisen, Entscheidungen dauern lange
KreativitätKunst, Problemlösungen, AlltagskreativitätViele Ideen, wenig Umsetzung bei Überlastung
PerfektionismusGewissenhaftigkeit, ZuverlässigkeitSich übernehmen, Stress unter Beobachtung
PausenbedarfRegelmäßige Erholung hält leistungsfähigGereiztheit und Dauerbelastung ohne Auszeiten
GefühlsstärkeTiefe Berührbarkeit durch Kunst, Musik und NaturGefühle hallen lange nach
BeobachtungsgabeSituationen schnell erfassen, vorausschauendWirkt zurückhaltend, wird unterschätzt
Planen und StrukturEnergiehaushalt im BlickVeränderungen ohne Vorlauf stressen

Symptome von Hochsensibilität: Wie Menschen mit Hochsensibilität die Reize körperlich spüren

Menschen mit Hochsensibilität spüren die intensive Reizverarbeitung nicht nur in der Wahrnehmung, sondern auch im Körper. Ich spreche hier bewusst nicht von Krankheitssymptomen, sondern von Reaktionen eines Nervensystems, das mehr verarbeitet als andere. Kein einzelnes Symptom beweist eine Hochsensibilität, aber in der Summe ergeben sie ein klares Bild. Typisch sind zum Beispiel:

  • Kopfschmerzen oder Konzentrationsschwierigkeiten nach reizstarken Situationen
  • eine niedrige Schmerzschwelle und eine stärkere Reaktion auf Koffein, Alkohol oder Medikamente
  • Erschöpfung nach sozialen Terminen, auch wenn sie schön waren
  • Schlafprobleme, wenn der Tag zu voll war und das Nervensystem nicht zur Ruhe kommt
  • Verspannungen, Magen-Darm-Beschwerden oder Herzklopfen bei Dauerstress

Diese körperlichen Anzeichen sind ein Signal dafür, dass das Nervensystem Pausen braucht. Viele Betroffene übergehen diese Signale jahrelang, weil sie gelernt haben, sich zusammenzureißen. Auf Dauer wird aus Hochsensibilität dann Dauerstress. Wie das zusammenhängt, erkläre ich im Beitrag über das hochsensible Nervensystem.

Was triggert hochsensible Menschen? Typische Auslöser bei hochsensiblen Erwachsenen

Wenn ich in meinen Seminaren frage, worauf Hochsensible am stärksten reagieren, kommen immer wieder dieselben Auslöser: Zeitdruck und Multitasking, Lärm und Unruhe, Streit und schlechte Stimmung im Raum, Ungerechtigkeit, Kritik und das Gefühl, beobachtet oder bewertet zu werden. Auch Veränderungen ohne Vorlauf und zu viele Termine hintereinander gehören dazu. So reagieren Hochsensible auf Dinge, die andere kaum bemerken. Der gemeinsame Nenner ist fast immer die Menge an Reizen in zu kurzer Zeit, verbunden mit der fehlenden Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Nicht der einzelne Reiz ist das Problem, sondern die Summe.

Charaktereigenschaften: Wie verhält sich eine hochsensible Person im Alltag und in Beziehungen?

Aus den Merkmalen ergeben sich typische Charaktereigenschaften, die Außenstehende oft an einem hochsensiblen Menschen bemerken: Er ist gewissenhaft, zuverlässig und feinfühlig, denkt lange über Entscheidungen nach und stellt sich viele Fragen. In Gruppen hält er sich zunächst zurück und beobachtet, bevor er sich einbringt. In Beziehungen ist er ein sehr aufmerksamer Partner, der Stimmungen sofort bemerkt, aber auch schnell verletzt ist und Konflikte lange mit sich herumträgt. Im Beruf leistet er unter ruhigen Bedingungen sehr viel und bricht unter Zeitdruck und Beobachtung ein. Manche wirken nach außen souverän und belastbar und sind innerlich längst am Limit. Genau deshalb wird Hochsensibilität bei Erwachsenen oft lange Zeit nicht erkannt.

Hochsensibilität bei Kindern und Kleinkindern

Hochsensibilität ist angeboren. Hochsensibilität zeigt sich deshalb schon bei Kleinkindern, wenn auch anders als bei Erwachsenen: Sie reagieren stark auf Geräusche, Kleidung und Gerüche, brauchen lange, um in neuen Situationen aufzutauen, stellen viele Fragen, haben ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl und sind nach einem vollen Kindergarten- oder Schultag oft völlig erschöpft oder gereizt. Das hochsensible Kind braucht vor allem Eltern, die diese Reaktionen nicht als Zicken oder Schwäche deuten, sondern als Zeichen eines feinen Nervensystems. Woran du hochsensible Kinder erkennst und wie du die Stärken der hochsensiblen Kinder förderst, beschreibe ich ausführlich im Beitrag So erkennst du ein hochsensibles Kind.

Der Hochsensibilitätstest: Bin ich hochsensibel?

Hochsensibilität kann man nicht klinisch diagnostizieren, weil sie keine Krankheit ist. Man kann sie aber erkennen, und ein Selbsttest kann dir helfen, dich mit dem Thema Hochsensibilität auseinanderzusetzen. Wenn die genannten Merkmale der Hochsensibilität überwiegend auf dich zutreffen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass du hochsensibel bist, groß. Den interaktiven Test für Erwachsene findest du im Beitrag Test Hochsensibilität für Erwachsene, den Test für Kinder im Beitrag So erkennst du ein hochsensibles Kind. Dort erfährst du auch, warum es wichtig ist, Hochsensibilität und Trauma zu unterscheiden, denn viele Symptome sehen sich zum Verwechseln ähnlich.

Wenn du mehr über die Hochsensibilität wissen möchtest, findest du auf meiner Seite Hochsensibilität viele weitere Beiträge, die das Thema vertiefen.

Ist Hochsensibilität eine Stärke oder eine Schwäche?

Weder noch. Deshalb sollten Hochsensible aufhören, sich in eine dieser Schubladen zu stecken. Hochsensibilität bringt Stärken mit sich: Empathie, Kreativität, Gründlichkeit, Intuition und die Fähigkeit, Schönes tief zu genießen. Sie bringt aber auch Risiken mit, vor allem die schnellere Überforderung und die Neigung zu Dauerstress, wenn Pausen fehlen. Ob die Stärken oder die Belastungen überwiegen, hängt nicht von der Sensibilität selbst ab, sondern davon, wie gut jemand gelernt hat, mit sich umzugehen. Und genau hier liegt der Punkt, an dem viele Hochsensible falsch abbiegen.

Viele Menschen sind hochsensibel, ohne es zu wissen: Wenn Hochsensibilität falsch gedeutet wird

Häufig werden Hochsensible als weinerliche, überempfindliche Mimosen dargestellt, die im Alltag überflutet werden von Eindrücken und Emotionen, stets nah am Wasser gebaut und überhaupt nicht belastbar. Auch in meinen Seminaren höre ich häufiger „ich bin depressiv, weil ich hochsensibel bin“ oder „ich bin viel zu sensibel für diese so unsensible, schnelllebige Welt“. Der Leidensdruck ist bei diesen Menschen wahnsinnig hoch. Häufig haben sie schon einiges an Therapieerfahrung und schon viel versucht, um besser mit sich und der Welt klarzukommen. Sie versuchen zum Teil verzweifelt, die Hochsensibilität als Gabe anzunehmen, wie es immer wieder propagiert wird. Oder sie bringen sich selbst in eine Ohnmacht, weil sie die Hochsensibilität für ihr Leiden verantwortlich machen und so die Eigenverantwortung abgeben.

Manche fragen sich auch, ob hinter ihren Beschwerden nicht eher ADHS, eine Angststörung oder eine Depression steckt. Das ist eine berechtigte Frage, denn es gibt Zusammenhänge zwischen Hochsensibilität und diesen Diagnosen: Sie können zusammen auftreten und werden oft miteinander verwechselt. Die Abklärung gehört in ärztliche oder therapeutische Hände. Hochsensibilität selbst ist aber keine dieser Diagnosen.

Starkes Leiden kommt meistens durch negative frühe Erfahrungen

Nach dem Motto: Das ist alles so, weil ich hochsensibel bin. Sie ergeben sich ihrem „Schicksal“. Das ist sehr tragisch, denn die Hochsensibilität ist nicht der Ursprung ihres Leidens. Deswegen klappt es auch nicht, die Hochsensibilität als Geschenk zu sehen und sie positiv für sich zu nutzen. Das werfen sie sich dann auch noch vor und fühlen sich noch schlechter.

Wenn wir so unter der Hochsensibilität leiden, liegt das in der Regel daran, dass wir nicht gelernt haben, unsere Emotionen, Gedanken und Stress innerlich zu regulieren. Oder dass wir unseren Körper nicht wahr- oder ernst nehmen und so seine Warnzeichen übergehen. Oft stecken dahinter frühe Erfahrungen, in denen das feine Nervensystem des Kindes überfordert war und niemand da war, der es beruhigt hat. Wie du Hochsensibilität und Trauma auseinanderhältst, erkläre ich im Beitrag Trauma und Hochsensibilität unterscheiden.

Wenn wir an unserer Selbstwahrnehmung und der Fähigkeit, innere Erregung zu regulieren, arbeiten, kann sich so viel in unserem Leben zum Positiven wenden. Dann finden wir eine innere Balance, in der die Sensibilität nicht mehr belastet, sondern trägt. Wie du das tun kannst, erfährst du in meinen Seminaren und Ausbildungen.

Umgang mit Hochsensibilität: Der nächste Schritt

Wenn du dich hier wiedererkennst, ist der nächste Schritt, deine eigene Hochsensibilität besser zu verstehen und zu lernen, wie sie Alltag, Beziehungen und Beruf prägt. Wer seine Hochsensibilität verstehen will, braucht mehr als eine Liste von Merkmalen; er braucht ein Bild davon, wie das eigene Nervensystem arbeitet. Dabei hilft dir mein Online-Kurs Hochsensibilität erkennen und verstehen. Wenn du merkst, dass du allein nicht weiterkommst, weil Stress, Erschöpfung oder alte Muster dich festhalten, unterstütze ich dich im Coaching für Hochsensible dabei, dein Nervensystem zu regulieren und wieder in deine Kraft zu kommen.

Schaubild „Hochsensibilität: Dein Nervensystem verstehen“ mit fünf Aussagen: Hochsensibilität ist ein Merkmal des Nervensystems und keine Krankheit, eine angeborene Veranlagung zur tieferen Verarbeitung von Reizen und Emotionen; die Filter im Nervensystem sind durchlässiger, Reize wie Licht, Lärm oder Stimmungen werden ungefilterter und gründlicher verarbeitet; schnellere Überreizung braucht bewusste Pausen, weil der innere Akku sich schneller leert; Tiefgang statt Smalltalk in Beziehungen, Hochsensible suchen echte Verbindung und setzen früh klare Grenzen; Akzeptanz macht das Leben leichter, wer mit seinem Nervensystem arbeitet statt dagegen, verwandelt Empfindlichkeit in echte Stärke.

Häufige Fragen zu den Merkmalen von Hochsensibilität

Was sind Anzeichen für Hochsensibilität?

Typische Anzeichen sind eine feine Sinneswahrnehmung, eine schnelle Überreizung in lauten oder vollen Umgebungen, starke Empathie, ein intensives Gefühlsleben, vernetztes Denken, Perfektionismus, ein hohes Bedürfnis nach Pausen und Rückzug sowie eine tiefe Berührbarkeit durch Kunst, Musik und Natur. Treffen die meisten dieser Merkmale auf dich zu, bist du sehr wahrscheinlich hochsensibel.

Wie verhält sich ein hochsensibler Mensch?

Ein hochsensibler Mensch beobachtet erst, bevor er handelt, denkt Entscheidungen lange durch, ist rücksichtsvoll und gewissenhaft und reagiert stark auf Stimmungen anderer. Unter Ruhe und ohne Beobachtung leistet er viel, unter Zeitdruck, Lärm und Bewertung wird er schnell überfordert und gereizt.

Was triggert hochsensible Menschen?

Am häufigsten sind es Zeitdruck, Multitasking, Lärm, Konflikte und schlechte Stimmung, Kritik, Ungerechtigkeit, plötzliche Veränderungen und zu viele Termine ohne Pausen. Entscheidend ist meist nicht der einzelne Reiz, sondern die Summe der Reize in zu kurzer Zeit.

Wie erkenne ich hochsensible Kleinkinder?

Hochsensible Kleinkinder reagieren stark auf Geräusche, Kleidung, Gerüche und neue Situationen, brauchen lange zum Aufwärmen, stellen viele Fragen, haben ein starkes Gerechtigkeitsgefühl und sind nach vollen Tagen erschöpft oder gereizt. Ausführliche Hinweise findest du in meinem Beitrag über hochsensible Kinder.

Gibt es einen Test für Hochsensibilität, der wissenschaftlich fundiert ist?

Elaine Aron hat einen Fragebogen entwickelt, die HSP-Skala, mit der Hochsensibilität in der Forschung erfasst wird. Eine klinische Diagnose gibt es nicht, weil Hochsensibilität keine Krankheit ist. Ein Selbsttest gibt dir eine gute Orientierung, ersetzt aber nicht die Abklärung, wenn du unter Symptomen wie Depressionen oder Angst leidest.

Ist Hochsensibilität eine psychische Störung?

Nein. Hochsensibilität ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, das etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung betrifft. Sie kann aber mit psychischen Erkrankungen zusammen auftreten, und Dauerstress durch fehlende Regulation kann Hochsensible anfälliger machen. Deshalb lohnt es sich, den Umgang mit der eigenen Sensibilität zu lernen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Aron, E. N. und Aron, A. (1997): Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345 bis 368. Zum Artikel
  • Aron, E. N. (1996): The Highly Sensitive Person. Deutsche Ausgabe: Sind Sie hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen. mvg Verlag.
  • Lionetti, F. u. a. (2018): Dandelions, tulips and orchids: evidence for the existence of low-sensitive, medium-sensitive and high-sensitive individuals. Translational Psychiatry, 8, 24. Zum Artikel
  • Greven, C. U. u. a. (2019): Sensory Processing Sensitivity in the context of Environmental Sensitivity: A critical review and development of research agenda. Neuroscience and Biobehavioral Reviews, 98, 287 bis 305. Zum Artikel

Über die Autorin

Sandra Quedenbaum, Coach für Hochsensible

Sandra Quedenbaum ist Coach für hochsensible Menschen und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Sie begleitet seit über zwanzig Jahren hochsensible Menschen im Einzelcoaching, ist selbst hochsensibel und bildet seit fast 20 Jahren als Lehrtrainerin aus, unter anderem in ihrer Online-Ausbildung zum HSP-Coach. Sie arbeitet telefonisch, online und in Salzhemmendorf im Weserbergland. Ihr Markenversprechen: Hochsensibel leicht leben. Dieser Beitrag wurde im September 2026 vollständig überarbeitet und erweitert.

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