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Du bist gern unter Menschen, stürzt dich voller Begeisterung in neue Projekte und stehst auch mal gern im Mittelpunkt? Und trotzdem brauchst du nach einem Fest oder einer intensiven Woche Tage, bis du dich erholt hast? Gerade extrovertierte Hochsensible sind sich häufig unsicher, ob sie wirklich hochsensibel sind. Die gängigen Beschreibungen treffen immer nur zum Teil auf sie zu, und hochsensibel und extrovertiert klingt für viele wie ein Widerspruch zwischen Hochsensibilität und Extrovertiertheit.
In diesem Beitrag erfährst du, woran du erkennst, ob du eine extrovertierte hochsensible Person bist, welche Stärken diese Kombination mitbringt, warum manche in einen Kreislauf aus Aktionismus und Kollaps geraten und was du beachten solltest, damit du deine Fähigkeiten gut für dich nutzen kannst.
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Kurz gesagt: extrovertiert und hochsensibel
Nach Elaine Aron sind etwa 30 Prozent der Hochsensiblen extrovertiert. Extrovertierte Hochsensible sind kontaktfreudig, spontan und begeisterungsfähig und haben eine starke Impulskraft. Weil jede hochsensible Person Reize tief verarbeitet, tragen sie immer auch einen introvertierten Anteil in sich; genau genommen sind sie ambivertiert. Mit einer guten Selbstwahrnehmung verbinden sie die Stärken aus beiden Bereichen. Ist die Selbstwahrnehmung durch ungünstige Erfahrungen geschwächt, entsteht leicht ein Kreislauf aus Begeisterung, Überforderung und Rückzug, der manchmal mit High Sensation Seeking verwechselt wird. Was hilft: die eigene Energie früh wahrnehmen, Pausen einplanen, solange der Akku noch halb voll ist, und beiden Anteilen bewusst Raum geben.
Kann man hochsensibel und gleichzeitig extrovertiert sein?
Ja. Laut Elaine Aron, der Entwicklerin des Modells der Hochsensibilität, sind etwa 30 Prozent der Hochsensiblen extrovertiert, die übrigen 70 Prozent der Hochsensiblen sind introvertiert.
Warum zweifeln extrovertierte Menschen, ob sie wirklich hochsensibel sind?
Weil die introvertierten HSP in der Mehrheit sind, beschreiben die meisten Fachbücher vor allem sie. Über die extrovertierte Seite findet man dagegen nur sehr wenig. Viele Hochsensible mit einer extrovertierten Seite finden sich deshalb in den Beschreibungen nur zum Teil wieder, und es fällt ihnen schwer, ihre Hochsensibilität zu erkennen.
Dabei beschreiben Hochsensibilität und Extrovertiertheit zwei verschiedene Dinge. Hochsensibilität bedeutet, dass du Reize intensiver wahrnimmst und tiefer verarbeitest. Extrovertiertheit beschreibt, woher du deine Energie bekommst: aus dem Kontakt mit anderen Menschen und aus Anregung von außen. Beides geht gut zusammen. Warum diese Menschen eigentlich ambivertiert sind, erkläre ich im Beitrag Ambivertiert und hochsensibel. Wie die Introvertierten ticken, liest du im Beitrag Introvertiert und hochsensibel.
Im Folgenden erfährst du typische Merkmale, in denen sich die Extroversion zeigt, und wie sich diese auf das Leben auswirken. Zum besseren Verständnis stelle ich an einigen Stellen das Verhalten von extrovertierten und introvertierten Hochsensiblen gegenüber, weil dadurch klarer wird, welche Herausforderungen durch die Extrovertiertheit entstehen.
Merkmale extrovertierter Hochsensibler: Kontakt und soziale Interaktion
Extrovertierte hochsensible Personen sind kontaktfreudig
Sie gehen offen auf Menschen zu, und es fällt ihnen leicht, Kontakt aufzunehmen. Smalltalk ist für sie zwar nicht die Erfüllung, trotzdem fällt er ihnen leicht. Sie nutzen ihn, um in tiefere Gespräche überzuleiten. Während introvertierte Hochsensible am liebsten mit ein bis zwei Menschen zusammen sind, schätzen Extrovertierte auch das Zusammensein in großen Gruppen. Dort bringen sie sich aktiv und eventuell auch führend ein. Sie mögen es, im Mittelpunkt zu stehen, und genießen die Aufmerksamkeit, allerdings nur für eine begrenzte Zeit. Das Zusammensein in Gruppen empfinden sie als inspirierend.
Die Akkus von extrovertierten HSP halten länger
Im Vergleich zu Introvertierten können sie das Zusammensein mit anderen Menschen energetisch länger genießen und fühlen sich auch bei gesellschaftlichen Anlässen wohl. Die meisten haben eine höhere Toleranz gegenüber vielen Eindrücken und größeren Menschenmengen. Durch die Hochsensibilität brauchen sie aber auch Zeiten, in denen sie sich allein zurückziehen können.
Extrovertierte hochsensible Menschen und Freundschaften
Während man bei Introvertierten die Freundschaften in der Regel an einer Hand abzählen kann, haben Extrovertierte neben ausgewählten engen Freunden meist auch mehrere Bekannte, bei denen der Kontakt oberflächlicher ist. Häufig sind diese Kontakte sehr unterschiedlich und decken damit unterschiedliche Bedürfnisse ab. Deswegen wirken sie auf einige Freunde und Bekannte eher introvertiert, auf andere eher extrovertiert.
Die starke Impulskraft extrovertierter Hochsensibler
Menschen mit dieser Kombination zeichnen sich durch eine starke Impulskraft aus. Diese macht sich in unterschiedlichen Bereichen bemerkbar. Während Introvertierte erst einmal überlegen, abwägen und reflektieren, bevor sie aktiv werden, handeln Extrovertierte genau umgekehrt. Deswegen sind sie auch sehr spontan und begeisterungsfähig. Durch ihre nach außen gelebte Begeisterungsfähigkeit ziehen sie andere mit, und sie sind häufig gute Motivatoren. Sie treffen schnell Entscheidungen und gehen dabei auch Risiken ein. Diese werden im Anschluss reflektiert und gegebenenfalls korrigiert oder verworfen.
Während Introvertierte erst überlegen, bevor sie etwas aussprechen, zeigt sich bei Extrovertierten auch hier die Impulskraft. Sie sagen häufig ohne zu überlegen, was sie denken, und tragen ihr Herz auf der Zunge. Gepaart mit der Fähigkeit, die den meisten Hochsensiblen zu eigen ist, Menschen sehr gut beobachten und einschätzen zu können, treffen sie mit ihren Aussagen in Konflikten genau ins Mark, womit sie sich nicht immer Freunde machen.
Praktisch veranlagt
Ihre Impulskraft sorgt auch dafür, dass sie anpacken, wenn es etwas zu tun gibt. Sie sind eher die Praktiker. Das äußert sich auch darin, dass sie Bedienungsanleitungen erst dann lesen, wenn sie nicht weiterkommen. Sie lernen durch „Versuch und Irrtum“. Sie handeln, reflektieren dann die Auswirkungen und kehren entsprechend zur Handlung zurück. Sie können ihre Aufmerksamkeit sehr gut fokussieren. Gleichzeitig lassen sie sich aber auch leicht ablenken. Meistens kommen sie jedoch auf ihre ursprüngliche Aufgabe zurück.
Große Vielseitigkeit
Sie reden gern und denken laut. Durch die Hochsensibilität sind sie aber auch gute Zuhörer. Generell denken Hochsensible auf mehreren Ebenen gleichzeitig, das Denken ist eine große Stärke der Hochsensiblen. Bei Extrovertierten kann dieses Denken sehr stark verschachtelt sein. Sie sind Experten darin, um die Ecke zu denken. Manchmal wirkt das sehr konfus und ist nur schwer nachzuvollziehen. Wenn man aber genauer nachfragt, steckt dahinter eine sehr ausgefeilte Logik. Mehr dazu liest du im Beitrag Wie hochsensible Menschen denken.
Kreativität
Hochsensible sind meistens sehr kreativ. Während Introvertierte sehr kreativ darin sind, bestehende Dinge zu optimieren, ist die Stärke der Extrovertierten, Neues zu schaffen. Mehr über die kreativen Stärken Hochsensibler liest du im Beitrag Hochsensibilität und Kreativität.
Lust auf Neues
Außerdem lieben sie Neues: neue Aktivitäten, neue Menschen, neue Orte. Sie sind sozusagen neugierig im wortwörtlichen Sinne. Banale Routine ist für sie sehr ermüdend, Abwechslung inspirierend und belebend. Deswegen findet man unter ihnen auch viele Scanner-Persönlichkeiten. Scanner-Persönlichkeiten lieben Impulse. Für sie ist es wichtig, Neues zu lernen, gern auch Dinge, bei denen sie keinerlei Vorerfahrung haben. Mehr dazu liest du im Beitrag Hochsensible Scanner-Persönlichkeit.
Introvertiert oder extrovertiert: hochsensible Menschen im Vergleich
Die folgende Übersicht fasst die Unterschiede zusammen. Sie beschreibt Tendenzen; jeder Mensch hat seine eigene Mischung, und niemand ist nur introvertiert oder nur extrovertiert.
| Merkmal | Introvertierte Hochsensible | Extrovertierte Hochsensible |
|---|---|---|
| Kontakt | am liebsten mit ein bis zwei Menschen | auch gern in größeren Gruppen, gern für eine begrenzte Zeit im Mittelpunkt |
| Energie | Akku leert sich in Gesellschaft schneller | Akku hält länger, trotzdem sind Rückzugszeiten nötig |
| Freundschaften | wenige, enge Freunde | ausgewählte enge Freunde und viele Bekannte |
| Entscheidungen | erst überlegen und abwägen, dann handeln | erst handeln, dann reflektieren und gegebenenfalls korrigieren |
| Sprechen | überlegen, bevor sie etwas sagen | sagen spontan, was sie denken, und denken laut |
| Lernen | lesen zuerst die Anleitung | lernen durch Versuch und Irrtum |
| Kreativität | bestehende Dinge optimieren | Neues schaffen |
Eigentlich ist jede extrovertierte HSP ambivertiert
Genau genommen sind sie alle ambivertiert, weil sie gleichermaßen einen introvertierten und einen extrovertierten Anteil in sich tragen. Die Hochsensibilität sorgt dafür, dass Extrovertierte immer auch einen introvertierten Anteil haben. Es treffen also genauso die introvertierten Merkmale auf sie zu. Das ist eine wunderbare Mischung, weil ihnen die Stärken aus beiden Bereichen zur Verfügung stehen. Gleichzeitig wollen aber auch die Bedürfnisse beider Anteile befriedigt werden. Die Intensität der Verhaltensweisen kann individuell variieren.
Um diese Vorteile nutzen zu können, ist eine gute Selbst- und Fremdwahrnehmung sehr wichtig. Sind diese Fähigkeiten noch nicht genug entwickelt, besteht die Möglichkeit, dass wir unsere introvertierten Fähigkeiten in Situationen nutzen, in denen extrovertiertes Verhalten sinnvoller wäre, und umgekehrt.
Ein Beispiel: Claudia im Verkaufsgespräch
Nehmen wir als Beispiel die ambivertierte, hochsensible Claudia. Sie arbeitet bei MediaMarkt in der Computerabteilung. Wenn sie ihre Fähigkeiten hilfreich einsetzt, geht sie herzlich und offen auf ihre Kundin zu, und man spürt ihre Begeisterung für die Produkte und ihre Arbeit. So bekommt die Kundin ein positives Grundgefühl. Dann nutzt Claudia ihre introvertierten Fähigkeiten. Sie hört aufmerksam und empathisch zu und kann dadurch ein Produkt empfehlen, das zu den Bedürfnissen der Kundin passt. Hierfür mischt Claudia ihre Fähigkeiten. Sie spiegelt die Bedürfnisse der Kundin und schildert zugewandt und mit Überzeugung, wie das Produkt genau diese Bedürfnisse erfüllt. Die Kundin geht mit einem passenden Produkt und mit dem Gefühl, gut beraten zu sein, nach Hause.
Ambivertiertheit hat große Vorteile
Das klingt jetzt vielleicht banal. Nutzt Claudia ihre ambivertierten Fähigkeiten aber nicht passend zur Situation, wird sich die Situation wahrscheinlich ganz anders entwickeln. Tritt sie nur introvertiert auf, würde sie eher warten, bis die Kundin sie anspricht. Nicht jeder Kunde macht das von sich aus, und dann kommt es vielleicht gar nicht zu einer Beratung. Nutzt sie nur ihre extrovertierten Fähigkeiten, kommt der Kontakt zwar zustande, Claudia geht dann aber nicht auf die Bedürfnisse der Kundin ein. Sie wird ihr wahrscheinlich ein Produkt empfehlen, das für sie selbst passt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kundin doch nicht kauft oder den Kauf im Nachhinein bereut, ist wesentlich höher. Viele meiner extrovertierten Kunden sind sehr erfolgreich im Vertrieb tätig; durch ihre Fähigkeiten sind sie große Verkaufstalente.
Nutzt du deine Fähigkeiten passend?
Was ich in meiner Arbeit aber häufiger beobachte, ist, dass sie ihre Fähigkeiten zum Teil entgegengesetzt nutzen. Das passiert, wenn wir Schwierigkeiten in der Selbst- und Fremdwahrnehmung haben. Wenn du hochsensibel und extrovertiert bist, lade ich dich ein, dein Verhalten einmal abzuscannen und zu schauen, inwieweit es dir gelingt, deine intro- und extrovertierten Fähigkeiten passend einzusetzen. Wenn du merkst, dass es dir nicht immer leichtfällt, sie hilfreich zu nutzen, scanne dein Verhalten mehrmals täglich ab. Das hilft dir, deine Fähigkeiten bewusster einzusetzen.
Extrovertierte Hochsensible im Stress: der Kreislauf aus Aktionismus und Kollaps
Eigentlich hat man mit dieser Kombination viele Vorteile. Das zeigt sich leider nicht bei jedem so. Für manche ist das Leben eine große Herausforderung zwischen Unter- und Überforderung, zwischen Ideenreichtum und praktischer Umsetzung und zwischen Kontaktwunsch und dem Wunsch, allein zu sein.
Voraussetzung dafür, dass beide Anteile auf ihre Kosten kommen, ist eine gute Selbstwahrnehmung. Leider ist diese bei vielen extrovertierten Hochsensiblen durch ungünstige Erfahrungen nicht optimal entwickelt. In meiner Arbeit zeigt sich, dass vor allem die Menschen betroffen sind, deren Sensibilität in der Kindheit nicht angenommen, ständig hinterfragt oder sogar beschämt wurde. Dann besteht die Gefahr, dass unsere extrovertierten und introvertierten Bedürfnisse ständig miteinander im Konflikt sind. Das Gute daran: Selbstwahrnehmung lässt sich lernen.
Auf Hochtouren
Wir stürzen uns dann voller Begeisterung in ein neues Projekt und stecken unsere ganze Energie hinein. Wir versuchen, alles zum Thema zu finden, schauen uns Videos an, recherchieren wie wild, knüpfen vielleicht auch neue Kontakte für das Projekt und planen große Aktionen. Unsere Aufmerksamkeit ist dann total auf das neue Projekt fokussiert. Wenn uns in dieser Situation die Selbstwahrnehmung fehlt, bemerken wir nicht, dass wir viel zu hochtourig laufen, dass wir Pausen bräuchten und uns mit der Masse an Informationen, die wir zusammentragen, häufig völlig überfluten.
Wenn der Akku leer ist: der Kollaps
Dieser High-Level-Zustand kann mehrere Tage dauern, bis unsere Akkus völlig leer sind. Die Folge ist, dass wir irgendwann kollabieren. Wir sind dann völlig überfordert und haben gar keine Kraft mehr. Die anfängliche extreme Motivation ist total verpufft. Wie eine dauerhafte Überreizung das Nervensystem belastet, erkläre ich im Beitrag Hochsensible in der Überreizung.
In der Versenkung
Am liebsten wollen wir uns dann unter der Bettdecke verkriechen und nichts mehr hören und sehen. Wenn wir die Möglichkeit haben, gehen wir in den völligen Rückzug und verschwinden in der Versenkung: kein Telefon, keine E-Mails, und die Klingel ist abgestellt. Wenn das nicht möglich ist, werden wir krank. Der Körper holt sich so die Ruhe, die er dringend braucht. Wir sind in der Lage, diese Zeit sehr zu genießen. Wir tanken Kraft, lassen es uns gut gehen, empfinden diese Auszeit als sehr angenehm und starten anschließend mit neuer Energie.
Störungen bedrohen die Regeneration
Bei Störungen können wir aber sehr ungehalten werden. Insbesondere mit Kindern ist das eine sehr schwierige Phase, da diese natürlich immer wieder Kontakt einfordern. Es kann passieren, dass wir uns in solchen Momenten aus der Not heraus sehr ungehalten und ablehnend gegenüber unseren Kindern verhalten. Dann plagt uns auch noch das schlechte Gewissen. Am besten wäre für uns in so einer Phase absolute Ruhe, damit wir wieder Kraft tanken können. Jede Störung verlängert den Regenerationsprozess.
Der Wechsel zwischen Extrovertiertheit und Introvertiertheit
Nach zwei bis drei Tagen im introvertierten Dasein meldet sich der extrovertierte Anteil wieder und langweilt sich. Begierig sucht er nach etwas Neuem, das ihn fesselt und in das wir unsere Energie voll hineinstecken können. Nur selten beobachte ich, dass am Alten angeknüpft wird. In der Regel wird das alte Projekt über den Haufen geworfen. Manchmal verbuchen wir es sogar als gescheitert, obwohl es sehr viel Potenzial hat. Uns ist aber eigentlich nur die Luft ausgegangen, weil unsere Herangehensweise uns überfordert hat.
Aktionismus und Kollaps: Warum hier genaues Hinschauen wichtig ist
Das neue Projekt wird dann wieder voller Inbrunst und Begeisterung in Angriff genommen. Leider sind in der Regel wieder die völlige Überlastung und der Kollaps die Folge. So entsteht ein tragischer Kreislauf aus Aktionismus und Überforderung. Schon häufiger stand bei solchen Kunden von außen der Verdacht auf eine bipolare Störung im Raum. Deswegen ist es hier wichtig, genau hinzuschauen. Sie leben zwar sehr stark im Wechsel zwischen Aktion und Erschöpfung, zeigen jedoch nicht die Symptome einer Manie oder einer Depression. Wir sind in einer introvertierten Phase dann nicht depressiv, sondern haben einfach keine Lust mehr auf Input. Und wenn wir die Ruhe bekommen, geht es uns auch relativ schnell wieder gut, und wir genießen die Auszeit. So lange, bis es wieder langweilig wird. Dann geht das Spiel von vorn los.
Der Beipackzettel: Hier ist mir besonders wichtig zu betonen, dass meine Schilderung nicht die Beurteilung einer Fachperson ersetzt, die dich live erlebt. Wirklich manische Menschen sind kaum in der Lage, sich durch eine Selbsteinschätzung angemessen zuzuordnen. Wenn du unsicher bist, lass dich ärztlich oder psychotherapeutisch untersuchen.
Im Video erkläre ich, wie dieser Kreislauf entsteht und wie du ihn von High Sensation Seeking unterscheidest.
Wie sich der Wechsel auf Umfeld, Beruf und Beziehungen auswirkt
Wenn der Wechsel das Umfeld verwirrt
Für das Umfeld kann dieses wechselhafte Verhalten zum Teil sehr verwirrend sein. Bei dem einen Treffen ist das neue Thema genau unser Ding, das, was wir schon lange hätten machen sollen, das Nonplusultra. Zwei Wochen später berichten wir von einem völlig anderen Projekt. Und wieder ist es genau unser Ding, das, was wir schon lange hätten machen sollen, das Nonplusultra.
Ambivertierte hochsensible Personen im Beruf
Diese Wechselhaftigkeit spiegelt sich häufig auch im Lebenslauf wider. Zum einen, weil der Wunsch, sich etwas Neuem zu widmen, sehr stark ist, zum anderen, weil es sehr anstrengend ist, mit solch einem Verhaltensmuster im gleichen Job zu bleiben, da die Wechselhaftigkeit auch häufiger zu Konflikten führen kann. Es sei denn, der Job bietet die Möglichkeit, genau diese Wechselhaftigkeit auszuleben. Deswegen ziehen viele die Selbstständigkeit vor. Welche Berufe zu hochsensiblen Menschen passen, liest du im Beitrag Berufe für Hochsensible.
Gute Projektstarter
In einem passenden Team können wir unheimlich erfolgreich sein. Die Fähigkeit, uns so zu begeistern und hineinzuknien, macht uns zu perfekten Projektstartern. Unsere Kreativität bringt ganz neue Impulse und ist sehr innovativ. Wir haben auch die Fähigkeit, Kunden von unseren Ideen zu überzeugen. Jetzt benötigen wir nur noch andere Teammitglieder, die unsere Ideen langfristig umsetzen. Wenn wir diesen Rahmen nicht haben, kann es sein, dass wir von unseren vielen Ideen letztendlich nichts wirklich ins Leben bringen. Im Coaching ist da die Hauptaufgabe, auf den roten Faden zu achten und dabei zu unterstützen, am Ball zu bleiben. Ein Begleiter ist hier unheimlich hilfreich, sonst besteht die Gefahr, dass es zu einem Kreislauf aus Anpacken und Hinwerfen kommt.
Ambivertierte in Beziehungen
Auch im sozialen Kontakt zeigt sich die Wechselhaftigkeit. Ein Faktor davon ist die Empathie. In einer introvertierten Phase sind wir sehr einfühlsam, neigen nach einer Überlastung aber auch dazu, uns stark zurückzuziehen und jedem Kontakt aus dem Weg zu gehen. In einer extrovertierten Phase besteht die Gefahr, dass wir in unserer Begeisterung andere überfahren und mit unserer Impulskraft anecken. In Freundschaft und Partnerschaft ist es wichtig, dass unser Gegenüber psychisch sicher gebunden ist und die Rückzugsmomente nicht persönlich nimmt. Die Wechselhaftigkeit kann sehr anstrengend sein, nicht nur für uns selbst, und führt leider öfter auch zu Konflikten mit anderen. Mehr dazu liest du im Beitrag Hochsensibilität in der Partnerschaft.
Extrovertierte hochsensible Kinder
Auch bei Kindern ist diese Kombination oft schwer zu erkennen. Ein extrovertiertes hochsensibles Kind geht offen auf andere Kinder zu, redet viel, sprüht vor Ideen und will überall dabei sein. Eltern, Erzieher und Lehrer denken deshalb selten an Hochsensibilität. Nach einem Kindergeburtstag, einem Ausflug oder einem vollen Schultag zeigt sich dann die andere Seite: Das Kind ist überreizt, weinerlich oder wütend und braucht viel Ruhe, die es sich selbst oft nicht nimmt.
Extrovertierte hochsensible Kinder brauchen beides: Gelegenheiten, ihre Begeisterung und ihre Kontaktfreude auszuleben, und feste Ruheinseln, solange der Akku noch nicht leer ist. Hilfreich ist es, wenn Eltern ihnen früh helfen, die eigenen Signale wahrzunehmen, zum Beispiel mit der Frage „Wie voll ist dein Akku gerade?“. So lernt das Kind genau die Selbstwahrnehmung, die ihm später hilft, den Kreislauf aus Aktionismus und Kollaps zu vermeiden. Ob dein Kind hochsensibel ist, kannst du mit meinem Test für hochsensible Kinder einschätzen.
Extrovertiert hochsensibel oder High Sensation Seeker?
Wer extrovertiert und hochsensibel ist und sich im Kreislauf aus Begeisterung und Kollaps wiedererkennt, stößt früher oder später auf den Begriff High Sensation Seeker, kurz HSS. Gemeint sind Menschen, die stark nach neuen, intensiven Erfahrungen suchen. Den Begriff Sensation Seeking hat der Psychologe Marvin Zuckerman geprägt; im Englischen spricht man vom High Sensation Seeker. Elaine Aron hat das Sensation Seeking der Hochsensibilität zugeordnet. Seitdem weiß man aber viel mehr über das Nervensystem.
Der Hirnforscher Gerhard Roth beschreibt, dass zumindest die extreme Form des High Sensation Seeking aus einer Schädigung des Nervensystems durch frühe traumatische Erfahrungen entsteht. Diese Menschen reagieren anders auf Risiko und Belohnung, brauchen stärkere Reize, um überhaupt etwas zu spüren, und sind immer auf der Suche nach dem nächsten Kick. Dieser Kick ist mit großen Gefahren verbunden: gefährliche Sportarten, wechselnde Sexualpartner ohne Verhütung oder Geldanlagen, bei denen ein extremer Verlust möglich ist.
Nach meiner Auffassung widerspricht das dem achtsamen und vorausschauenden Wesen hochsensibler Menschen. Nach Aron hat jede HSP ein starkes Achtsamkeitssystem: Wir achten auf Gefahren, und unsere Gedanken befassen sich stets mit den möglichen Folgen unseres Handelns. Wir können mutig sein, aber wir sind nicht waghalsig und suchen keine Situationen, die nah am Lebensbedrohlichen sind. Diese extreme Form des Sensation Seeking hat deshalb nichts mit der Hochsensibilität zu tun.
Extrovertierte Hochsensible werden trotzdem häufig vorschnell als HSS eingeordnet, weil ihr Verhalten von außen ähnlich aussieht: Begeisterung für Neues, viele Projekte, schnelle Langeweile. Im Stress steckt dahinter meist ein hochsensibles Nervensystem, dem die Selbstwahrnehmung fehlt, um rechtzeitig zu bremsen. Die Triebkraft ist die Begeisterung für eine Idee oder ein Projekt, beim extremen High Sensation Seeking dagegen die Gefahr selbst. Wie ich beide Muster genau unterscheide, erkläre ich ausführlich im Beitrag High Sensation Seeker (HSS).
Was extrovertierte Hochsensible beachten sollten: acht Tipps für den Alltag
Die Herausforderung ist, dass wir uns beiden Anteilen ausgeglichen widmen und sie flexibel einsetzen. Wenn uns das gelingt, wachsen wir über uns hinaus und können Großes leisten. Diese acht Punkte helfen dir dabei:
- Scanne dein Verhalten: Prüfe mehrmals am Tag kurz, ob du gerade eher deine introvertierten oder deine extrovertierten Fähigkeiten nutzt und ob das zur Situation passt.
- Nimm Über- und Unterforderung früh wahr: Achte gerade in begeisterten Phasen auf die ersten Zeichen der Überreizung, etwa innere Unruhe, Gereiztheit oder schlechten Schlaf, und lege Pausen ein, solange noch Energie da ist. So lernst du, deine eigenen Grenzen zu erkennen.
- Dosiere die Informationsflut: Begrenze Recherche, Videos und neue Kontakte am Anfang eines Projekts bewusst, damit du dich selbst nicht überflutest.
- Knüpfe am Alten an: Wenn nach dem Rückzug die Lust auf Neues kommt, prüfe zuerst, ob dein letztes Projekt vielleicht nur eine Pause gebraucht hat.
- Wähle Aufgaben mit Abwechslung: Suche dir Projekte, die an sich abwechslungsreich genug sind und immer Neues bieten, oder verbinde Bereiche, die auf den ersten Blick gar nicht zusammenpassen.
- Hol dir ein Team oder eine Begleitung: Als Projektstarter brauchst du Menschen, die deine Ideen langfristig mit umsetzen, oder jemanden, der mit dir auf den roten Faden achtet.
- Kündige deinen Rückzug an: Sag deinem Partner, deinen Freunden und deinen Kindern, dass du Ruhe brauchst und wann du wieder für sie da bist. So können sie deinen Rückzug leichter einordnen.
- Plane Regeneration fest ein: Organisiere für deine Ruhephasen Unterstützung, zum Beispiel bei der Kinderbetreuung, damit du ungestört Kraft tanken kannst.
Wenn wir ambivertiert sind, ist es schön, dass wir sowohl die introvertierten als auch die extrovertierten Vorzüge genießen können. Es fällt uns leichter, uns Situationen anzupassen, und wir können durch unsere Vielfalt an Fähigkeiten viel bewegen. Der introvertierte, hochsensible Anteil sorgt dafür, dass wir fundiert, sozial und ethisch reflektiert und gut durchdacht Dinge entwickeln, die wir durch die extrovertierte Impulskraft dann auch wirklich in die Tat umsetzen. Vorausgesetzt, wir achten auf unsere Bedürfnisse und geben sowohl dem introvertierten als auch dem extrovertierten Teil in uns genügend Raum. Der Blick über den Tellerrand, die Offenheit für Neues und die Faszination, diese Dinge konstruktiv zu verknüpfen, bringen hilfreiche neue Perspektiven mit einer immensen Schaffenskraft. Wie du deine Energie im Alltag schützt, liest du im Beitrag Hochsensibilität und Selbstfürsorge.
Coaching für extrovertierte Hochsensible
Wenn du dich in diesem Beitrag wiedererkennst und den Wechsel zwischen Begeisterung und Erschöpfung verändern möchtest, unterstütze ich dich im Coaching für Hochsensible. Gemeinsam stärken wir deine Selbstwahrnehmung, achten auf deinen roten Faden und finden einen Rhythmus, in dem dein introvertierter und dein extrovertierter Anteil genügend Raum bekommen. Bist du unsicher, ob du hochsensibel bist? Mein Test für Erwachsene gibt dir eine erste Orientierung.
Häufige Fragen zu Hochsensibilität und Extrovertiertheit
Kann man extrovertiert und hochsensibel sein?
Ja. Nach Elaine Aron sind etwa 30 Prozent der Hochsensiblen extrovertiert. Hochsensibilität beschreibt die tiefe Verarbeitung von Reizen, Extrovertiertheit beschreibt, dass jemand Energie aus dem Kontakt mit anderen Menschen und aus Anregung von außen gewinnt. Beides kann gut zusammengehen.
Woran erkenne ich, dass ich eine extrovertierte hochsensible Person bin?
Du bist kontaktfreudig, begeisterungsfähig und spontan, fühlst dich auch in größeren Gruppen wohl und liebst Neues. Gleichzeitig bist du nicht rein extrovertiert: Du verarbeitest Eindrücke tief, spürst die Stimmungen anderer Menschen genau und brauchst nach intensiven Phasen Zeit für dich allein. Eine erste Orientierung gibt dir ein Test zur Hochsensibilität.
Sind extrovertierte HSP eigentlich ambivertiert?
Ja, genau genommen schon. Durch die Hochsensibilität tragen sie immer auch einen introvertierten Anteil in sich. Sie können beides im Wechsel und haben die Stärken aus beiden Bereichen zur Verfügung, wenn sie gut für die Bedürfnisse beider Anteile sorgen.
Warum sind extrovertierte Hochsensible oft erschöpft?
Weil sie sich mit ihrer Impulskraft voller Begeisterung in Neues stürzen und dabei die Signale der Überreizung übersehen, wenn die Selbstwahrnehmung noch nicht gut entwickelt ist. Auf die Phase auf Hochtouren folgen dann Kollaps und Rückzug. Früh wahrgenommene Pausen unterbrechen diesen Kreislauf.
Ist der Wechsel zwischen Aktion und Rückzug eine bipolare Störung?
In der Regel nicht. Sie leben zwar stark im Wechsel zwischen Aktion und Erschöpfung, zeigen aber nicht die Symptome einer Manie oder Depression, und in der Ruhe geht es ihnen schnell wieder gut. Eine sichere Einschätzung kann nur eine Fachperson geben, die dich persönlich erlebt.
Sind extrovertierte Hochsensible High Sensation Seeker?
Nicht im Sinne der extremen Form. Elaine Aron hat das Sensation Seeking der Hochsensibilität zugeordnet. Nach Gerhard Roth entsteht aber zumindest die extreme Form, bei der Menschen bewusst gefährliche Situationen suchen, aus einer Schädigung des Nervensystems. Das widerspricht dem achtsamen und vorausschauenden Wesen hochsensibler Menschen und hat nach meiner Auffassung nichts mit Hochsensibilität zu tun. Extrovertierte Hochsensible im Stress werden deshalb oft vorschnell als HSS eingeordnet.
Wie erkenne ich ein extrovertiertes hochsensibles Kind?
Es ist offen, gesprächig und voller Ideen, will überall dabei sein und wirkt deshalb auf den ersten Blick kaum sensibel. Nach vollen Tagen ist es aber schnell überreizt, weinerlich oder wütend und braucht viel Ruhe, die es sich selbst oft nicht nimmt.
Quellen und weiterführende Literatur
- Aron, E. N. (1996): The Highly Sensitive Person. Broadway Books, New York. Deutsche Ausgabe: Sind Sie hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen. mvg Verlag.
- Aron, E. N. und Aron, A. (1997): Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345 bis 368.
- Zuckerman, M. (1994): Behavioral Expressions and Biosocial Bases of Sensation Seeking. Cambridge University Press.
- Sher, B. (2006): Refuse to Choose! Deutsche Ausgabe: Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast. dtv.
Über die Autorin

Sandra Quedenbaum arbeitet seit über zwanzig Jahren mit hochsensiblen Menschen und bildet seit fast 20 Jahren Coaches aus. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, ausgebildete Lehrtrainerin, selbst hochsensibel und begleitet ihre Kunden im Einzelcoaching, in Online-Kursen und in der Ausbildung zum HSP-Coach. Ihr Ansatz ist körperorientiert und traumasensibel.