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„Kinder, kommt mäkeln, das Essen ist fertig!“ Für viele Familien mit hochsensiblen Kindern beschreibt dieser Satz den Alltag ziemlich genau. Das Essen ist für die meisten hochsensiblen Kinder, und noch mehr für ihre Eltern, eine Herausforderung. Die Kinder sind sehr wählerisch in dem, was sie mögen, und das kann im Familienalltag sogar zum Stressthema werden.
In diesem Beitrag erfährst du, wie sich das Essverhalten vieler hochsensibler Kinder zeigt, warum sie so reagieren und welche Auswirkungen das auf den Alltag haben kann. Du bekommst Tipps, wie du den Essalltag entstressen und dein Kind ganz nebenbei in seinem Selbstwert und Selbstbewusstsein stärken kannst. Ich lade dich ein, das Essverhalten deines Kindes einmal mit seinen Sinnen zu betrachten. Schauen wir uns das der Reihe nach an.
Keine Lust zu lesen? Hier kannst du dir den Beitrag als Video anschauen.
Kurz gesagt: hochsensible Kinder und Essen
Hochsensible Kinder nehmen Geschmack, Geruch und Konsistenz von Essen intensiver wahr, weil ihr Nervensystem schon auf feine Reize reagiert. Deshalb wirken sie beim Essen wählerisch: Sie schmecken Schärfe, Salz, Süße oder Bitterstoffe früher, mögen die Speisen oft getrennt auf dem Teller und entscheiden stark nach dem Gefühl im Mund. In der Regel steckt dahinter eine feine Wahrnehmung und keine Essstörung. Belastend wird das Thema vor allem dann, wenn am Tisch Druck entsteht und die Wahrnehmung des Kindes nicht ernst genommen wird. Was hilft: das Geschmacksurteil des Kindes ernst nehmen, die Zubereitung variieren, Speisen getrennt anrichten, Druck herausnehmen und bei körperlichen Beschwerden oder Gewichtsverlust ärztlich abklären lassen.
Essen bei hochsensiblen Kindern heißt essen mit feinen Sinnen
Das Gehirn hochsensibler Menschen reagiert schon auf sehr feine Reize. Hochsensible Kinder, kurz HSK, brauchen dafür viel geringere Impulse als durchschnittlich sensible Kinder. Für sie ist Essen schneller salzig, schneller scharf, schneller alt, weil ihr Gehirn schon bei einer geringeren Menge eines Stoffes reagiert. Dazu kommt die gründliche Verarbeitung: Ein Geschmack, der anderen kaum auffällt, bleibt bei ihnen im Vordergrund. Auch die sensorischen Eindrücke rund um das Essen zählen: Hochsensible Kinder sind oft schneller überreizt, und jedes Geräusch am Tisch, laute Gespräche oder ein starker Geruch können den Appetit zusätzlich dämpfen. Wer so sensibel wahrnimmt, braucht beim Essen mehr Ruhe als andere.
Das hochsensible Essverhalten ist deshalb kein Trotz und keine Laune. Es ist eine Folge der feinen Wahrnehmung, die sich auch in anderen Bereichen zeigt, etwa bei Geräuschen, Kleidung oder Stimmungen. Ob dein Kind hochsensibel ist, kannst du mit meinem Test für hochsensible Kinder einschätzen. Was hochsensible Kinder grundsätzlich brauchen, beschreibe ich im Beitrag Bedürfnisse hochsensibler Kinder.
Praxisbeispiel mit meinem hochsensiblen Kind
Als meine Tochter vier war, hatten wir eine Wurst, die ihr zu scharf war. Ich selbst esse gern scharf und konnte ihr Urteil überhaupt nicht nachempfinden. Ich war mir sicher, dass die Wurst nicht scharf sein konnte, weil ich bis dahin immer dachte, selbst sehr feine Geschmackssinne zu haben. Nach einiger Diskussion aß sie dann etwas anderes. Als ich die Wurst wegräumte, schaute ich auf die Zutaten, und da stand: Chili. Da hatte ich wohl meine Meisterin gefunden.
Wahrheit ist eine Frage des Blickwinkels
Wir Menschen neigen dazu, unsere Wahrnehmung auf andere zu übertragen. Damals habe ich gelernt, meine Tochter in ihren Beurteilungen ernst zu nehmen. Trotz allem fachlichen Wissen erwische ich mich immer mal wieder dabei, meine Wahrnehmung als „die ultimative Wahrheit“ zu setzen. Jedes Mal, wenn es mir gelingt, das zu lassen, ist das ein Pluspunkt für das Selbstbewusstsein meiner Tochter. Wie du dein Kind darüber hinaus stärkst, liest du im Beitrag Hochsensible Kinder stärken.
Hochsensible Kinder sind FEINschmecker
Hochsensible Kinder schmecken feinste Nuancen von scharf, salzig, süß und bitter. Die Vorlieben und Abneigungen sind dabei unterschiedlich. Zwar schmecken hochsensible Kinder alle diese Geschmacksrichtungen, häufig gibt es aber eine Nuance, auf die sie besonders stark reagieren.
HSK sind Geschmacksspezialisten
Eine Seminarteilnehmerin erzählte mir, dass ihre Tochter Süßes nicht mochte. Da denkt man erst einmal: traumhaft, keine Diskussionen wegen zu vieler Süßigkeiten. Im Alltag ist das aber gar nicht so einfach, denn in vielen Nahrungsmitteln ist Zucker zugesetzt, und das hat sie sofort herausgeschmeckt. Auch süßes Obst mochte sie nicht, und die Familie hatte große Schwierigkeiten, eine Kinderzahnpasta ohne Süße zu finden. Auch Medizin war für sie oft zu süß, sodass sie sie gleich wieder hochwürgte.
Häufig werden ungeliebte Nahrungsmittel nicht vertragen
Auch hier zeigt sich, dass hochsensible Kinder besonders fein wahrnehmen. Meine Tochter hat bis zur Kindergartenzeit alles gegessen, bis auf Milchprodukte. Irgendwann mochte sie auch keine Tomaten mehr, die sie vorher sehr gern gegessen hatte. Als sie einen Ausschlag bekam, haben wir sie beim Kinesiologen auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten testen lassen. Es stellte sich heraus, dass sie auf Milcheiweiß und Fruchtsäure reagierte. Die Ärztin schilderte mir ein Phänomen: Viele Kinder spüren intuitiv, welche Nahrungsmittel sie nicht vertragen, und mögen sie deshalb nicht.
Wenn wir sie lassen, sind HSK sehr intuitive Esser
Eine Kundin berichtete mir, dass sie ihr Kind immer wieder mit großen Kämpfen dazu überredet hat, Obst zu essen. Sie war in Sorge, dass es zu wenig Vitamine bekommt. Das Kind hatte ständig Bauchschmerzen und dadurch einige Fehltage in der Schule. Außerdem war es oft schlapp und konnte sich schlecht konzentrieren. Schließlich bekam es noch Neurodermitis. Ich schilderte ihr meine Erfahrungen und empfahl ihr, das Kind untersuchen zu lassen. Es stellte sich heraus, dass es Fruchtzucker nicht vertrug. Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie genau unser Körper weiß, was uns guttut. Es lohnt sich, genau hinzuhören und sich vom Kind auch mal etwas sagen zu lassen. Lehnt dein Kind bestimmte Lebensmittel dauerhaft ab und kommen Bauchschmerzen, Hautausschlag oder Müdigkeit dazu, lass das beim Kinderarzt abklären.
Warum hochsensible Kinder ihr Essen getrennt auf dem Teller mögen
Viele hochsensible Kinder lieben es, wenn das Essen auf ihrem Teller getrennt liegt. Da kann es schon mal zu einem Drama kommen, wenn eine Erbse sich selbstständig macht und zum Kartoffelbrei hinüberkullert. Für das Kind ist das eine grobe Verfehlung der Erbse, weil der Geschmack so nicht mehr rein ist. Das klingt vielleicht witzig, kann für die Eltern aber richtig anstrengend sein und für das Kind erst recht. Es mag ohnehin nicht viel, und wenn das Wenige dann noch „verunreinigt“ ist, ist das für das Kind wirklich doof. Und wenn dann noch ein „Stell dich doch nicht so an“ dazukommt, ist die Stimmung im Keller.
Hochsensible Kinder brauchen kreative Köche
Auf der anderen Seite kann es sein, dass einige Nahrungsmittel plötzlich doch gern gegessen werden, wenn sie so vermischt sind, dass ein neuer Geschmack entsteht. Zum Beispiel Spinat, der in Pfannkuchenteig eingerührt ist, natürlich nicht zu viel davon. Meine Tochter liebt Kartoffelsuppe. Als Suppengrün nehme ich viel von dem Gemüse, das sie sonst nicht isst. Ich püriere es und nehme den Gemüsebrei als Grundlage für die Suppe. Klappt super.
Hochsensible Kinder sind Konsistenzesser
Dann gibt es noch einen weiteren wichtigen Faktor, der bestimmt, ob hochsensible Kinder ein Essen mögen: die Konsistenz. Brotrinde ist für viele HSK unangenehm und ein häufiger Diskussionspunkt. Aber mal ehrlich: Ist es wirklich schlimmer, die Rinde nicht zu essen, als dem Kind jedes Mal zu vermitteln, dass es falsch ist und eigentlich anders essen sollte, als es mag? Welche Auswirkungen das ständige Kritisieren auf die Psyche eines Kindes haben kann, erfährst du im Beitrag Hochsensible Kinder, Zwänge und Ängste. Diesen Beitrag lege ich dir als Grundlage für den Umgang mit deinem hochsensiblen Kind ans Herz.
Die Vorliebe für bestimmte Konsistenzen kann man sich aber auch zunutze machen. Meine Tochter war vier, als sie sagte: „Ich mag die Möhren nicht, die waren gar nicht eingefroren.“ Daraufhin habe ich mit unterschiedlichen Zubereitungsformen experimentiert. Einige Gemüsesorten mag sie nur roh, andere nur aus der Dose und wieder andere nur, wenn sie eingefroren waren oder gekocht sind. Ausschlaggebend dafür, ob es schmeckt, ist das Gefühl in ihrem Mund. Hochsensible Kinder sind vielfach Konsistenzesser.
Kochen für ein hochsensibles Kind: vier Wege, die Familien gehen
Mir sind vier Varianten bekannt, wie Eltern mit ihrem hochsensiblen Kind das Mittagessen managen:
- Zwei Gerichte kochen: Einige kochen einfach zwei oder mehr Gerichte. Dafür bin ich in der Regel zu faul.
- Kochen, was alle mögen: Das ist mein Weg. Er beschränkt allerdings das Angebot für alle. Ich konnte mal sehr gut kochen; mal sehen, was davon übrig ist, wenn meine Tochter auszieht.
- Gegessen wird, was auf den Tisch kommt: Manche Kinder werden wirklich gezwungen, ihr Essen zu essen, oder sie bekommen eben nichts. Wenn sie Glück haben, dürfen sie sich wenigstens ein Brot machen.
- Jeder isst, was er will, wann er mag: Dazu komme ich im nächsten Abschnitt.
Die dritte Variante kennen wahrscheinlich noch einige Eltern aus ihrer eigenen Kindheit. Diese Form ist Gift für die Seele. Wenn man das mal macht, ist es in Ordnung; als Dauerzustand lernt das Kind dabei, dass seine Bedürfnisse keinen Stellenwert haben. Vielleicht beginnt es sogar, seine Bedürfnisse zu übergehen. Passiert das zu häufig, entwickeln sich daraus später Erwachsene, die ihre Bedürfnisse gar nicht wahrnehmen oder ernst nehmen, mit weitreichenden Folgen in den unterschiedlichsten Lebensbereichen. Ich habe Kunden, die gar nicht wissen, was sie mögen, weil sie nie gelernt haben, ihren eigenen Geschmack zu entwickeln. Mehr dazu findest du in meinem Video Hochsensibilität: Fluch oder Segen für Hochsensible.
Einige Familien essen fast gar nicht mehr zusammen
Bei der vierten Variante isst jeder, was er will, und dann, wann er mag. Das hat zwar einige Vorteile, aber auch einen wesentlichen Nachteil. Das gemeinsame Essen ist eine wichtige Komponente, um die Beziehung zu stärken, allerdings nur, wenn das Handy dabei weggelegt wird. Es bietet die Möglichkeit zum Austausch und zu einer gemeinsamen Erfahrung. Diese gemeinsamen Erfahrungen werden in vielen Familien immer seltener. Früher saß man wenigstens noch zusammen vor dem Fernseher, heute sitzt jeder allein vor seinem Tablet oder Handy. Und irgendwann wundern sich die Eltern, dass ihre Kinder ihnen nichts erzählen. Häufig haben die Kinder es einfach nicht gelernt, oder es gibt kaum Gelegenheiten, weil jeder sein Ding macht.
Wenn das Essen mit einem hochsensiblen Kind in Stress ausartet
Die vierte Variante wird häufig dann gewählt, wenn es beim Essen immer wieder Stress gibt. Der Stress stärkt die Bindung natürlich auch nicht, sofern er nicht positiv aufgelöst wird. Konflikte beim Essen belasten die ganze Familie. Aber wer macht eigentlich das Problem?
Ein Perspektivwechsel
Angenommen, du bist bei deiner Schwiegermutter eingeladen. Es gibt etwas, das du absolut nicht magst, vielleicht Rosenkohl oder Schweinefüße oder was auch immer du ablehnst. Kartoffeln magst du, und du isst einfach mehr davon. Hast du dann ein Problem? Wahrscheinlich noch nicht. Jetzt fängt deine Schwiegermutter an, dich zu bedrängen. Sie versucht, dich zu überreden, du könntest es ja wenigstens mal probieren. Vielleicht appelliert sie an dein Gewissen, weil sie sich so viel Mühe gemacht hat. Sie könnte auch betonen, dass es deiner Vorgängerin oder deinem Vorgänger sehr gut geschmeckt hat, oder sie wird sogar ärgerlich und sagt beleidigt: „Ich muss ja auch nicht kochen!“ Na, klingt das für dich nach einem entspannten Essen? Könntest du in dieser Atmosphäre Lust bekommen, etwas Neues zu probieren? Fühlst du dich angenommen und willkommen, so wie du bist?
Wenn das Essen zum Kriegsschauplatz wird
In solch einer Situation finden sich einige hochsensible Kinder wieder. Ständig wird ihr Essverhalten kritisiert, die Mahlzeit ist vermintes Gebiet. Entsprechend angespannt oder lustlos kommen sie schon an den Tisch. Manchmal werden sie dann sogar noch bestraft.
Eine Lanze für die Eltern
Ich glaube, dass Eltern sich so verhalten, weil sie es vielleicht selbst nicht anders kennengelernt haben und dieses Verhalten wirklich für eine gut gemeinte Erziehung halten. Vielleicht entstehen diese Situationen auch aus Sorge, dass ihr Kind nicht genug Nährstoffe bekommt, oder die Eltern sind überlastet, selbst emotional in Not und dadurch nicht in der Lage, liebevoll auf ihr Kind einzugehen. Hätten sie bessere Alternativen, würden sie diese sicher nutzen.
Ehrenrunden entstressen den eigenen Erziehungsanspruch
Gerade wenn ich gestresst bin, neige ich dazu, eher genervt als verständnisvoll zu reagieren, wenn meine Tochter etwas nicht mag. Und jedes Mal, wenn es mir gelingt, sie liebevoll in ihren Bedürfnissen wahrzunehmen und anzunehmen, kann ich einen Pluspunkt für das Selbstbewusstsein, den Selbstwert und die Selbstwahrnehmung meiner Tochter verbuchen. In dem Wissen, dass ich auch nur ein Mensch bin und das nicht immer gelingt, freue ich mich jedes Mal, wenn es klappt. Gönne dir auch Ehrenrunden und sei liebevoll mit deinen „Macken“, genauso, wie dein Kind es braucht.
Hochsensible Kinder ekeln sich schnell
Kommen wir zurück zum typischen Essverhalten hochsensibler Kinder. Wenn meine Tochter etwas probiert, verzieht sie schon von vornherein angeekelt das Gesicht. Da unsere Gefühle auch der Mimik folgen, hätte so selbst ihre allerliebste Speise keine Chance.
Auch die feine Nase isst mit
Da hochsensible Kinder in der Regel auch eine sehr feine Nase haben, kann es am Geruch liegen, dass das Kind nichts essen will. Und das muss gar nicht das eigene Essen sein. Wenn ich etwas esse, das meine Tochter nicht riechen mag, bekommt sie keinen Bissen mehr herunter. Wie stark der Geruchssinn bei Hochsensiblen wirkt, beschreibe ich im Beitrag Geruchsempfindlichkeit bei Hochsensiblen.
HSK können einen ganz schön fordern
Manchmal wollen hochsensible Kinder etwas, das sie eigentlich gern gegessen haben, generell nicht mehr essen, weil es einmal nicht geschmeckt hat. Weil das Kind eine Apfelsorte nicht mochte, mag es künftig gar keine Äpfel mehr. Wieder ein Nahrungsmittel weniger. Da kann man schon ganz schön verzweifeln.
Wie das Essen den Alltag des hochsensiblen Kindes beeinflusst
Meine Tochter wollte eine Zeit lang nicht mehr bei Freundinnen übernachten, weil sie Sorge hatte, dass sie dort das Essen nicht mag. Heute nimmt sie ihr eigenes Essen mit. Manche Kinder wollen deswegen auch nicht auf Geburtstagsfeiern oder Klassenfahrten. Auch Essengehen ist eine Herausforderung, denn die gängigen Kindergerichte mag sie nicht. Sie isst dann nur Kartoffeln oder Reis. In vertrauten Restaurants gibt sie Sonderbestellungen auf; die Bedienungen kennen schon ihr Spezialgericht, und das findet sie ziemlich cool.
Generationserfahrungen als Herausforderung
Ein weiterer heikler Punkt, der in meinen Seminaren immer wieder zur Sprache kommt, sind häufig Oma und Opa. Geprägt von der Kriegs- und Nachkriegszeit hat Essen für sie einen sehr emotionalen Wert. Nichtessen kann für sie mit dem Gefühl von Verhungern verknüpft sein, in der Regel unbewusst. Dennoch machen sie sich tiefe Sorgen und treten entsprechend zum Teil sehr massiv auf. Hier können sich auch eigene Konflikte mit den Eltern widerspiegeln, die es schwer machen, dem eigenen Kind Rückhalt zu geben, weil das Ziehen von Grenzen schwerfällt.
Ein „gesundes“ Zeichen, wenn Kinder sich abgrenzen
Es kann auch vorkommen, dass Kinder nicht mehr zu ihrer heißgeliebten Oma wollen, weil diese immer wieder versucht, sie zum Probieren zu überreden. Hier zeigt sich, dass das Kind schon viel Ich-Stärke entwickelt hat, weil es sich nicht so behandeln lässt. Diese Fähigkeit, sich abzugrenzen, schützt es auch im späteren Leben. Das Kind braucht aber wahrscheinlich trotzdem Unterstützung beim Klärungsgespräch mit der Oma, sonst ist die Gefahr groß, dass es beim „Ich meine es ja nur gut“ bleibt.
Ich stelle mir gern die Frage: „Ist es den Konflikt wert?“
Die frohe Botschaft ist, dass ich noch von keinem Kind gehört habe, das durch sein wählerisches Essverhalten wirkliche körperliche Schäden davongetragen hat. Wir lassen zur Sicherheit bei unserer Tochter jährlich die Blutwerte prüfen. Eine Freundin aus meiner Grundschulzeit hat sich viele Jahre fast nur von Marmeladentoast ernährt, nicht einmal Süßigkeiten hat sie gegessen. Heute hat sie eine eigene Familie und ist gesund. Unser Körper kann ganz schön viel verkraften. Deshalb lohnt sich die Überlegung, ob sich der Stress, den wir uns und damit auch dem Kind wegen des Essens machen, wirklich lohnt.
Ein Hoffnungsschimmer
Von mehreren Müttern habe ich gehört, dass sich das Spektrum des Essens mit der Pubertät erweitert. Diesen Trend habe ich auch bei meiner Tochter beobachtet, als sie etwa elf war. Dennoch kenne ich viele erwachsene hochsensible Menschen, die ihren ausgewählten Geschmack beibehalten. Und für alle besorgten Eltern und vor allem Großeltern: Sie leben alle noch und sind wohlauf.
Picky Eater oder Essstörung? Wann du genauer hinschauen solltest
Im Englischen heißen wählerische Esser Picky Eater. Wählerisches Essen ist bei hochsensiblen Kindern häufig und in den meisten Fällen harmlos. Hochsensibilität ist keine Essstörung. Es gibt aber Situationen, in denen du das Essverhalten deines Kindes ärztlich abklären lassen solltest, am besten zuerst beim Kinderarzt:
- Dein Kind nimmt ab oder wächst nicht mehr so, wie es seinem Alter entspricht.
- Die Auswahl an Lebensmitteln, die es isst, wird über Monate immer kleiner.
- Dein Kind hat Angst vor dem Essen, etwa vor dem Verschlucken oder Würgen.
- Es wirkt dauerhaft müde, blass oder hat wiederkehrend Bauchschmerzen oder Hautausschläge.
- Das Essen schränkt den Alltag so stark ein, dass dein Kind Kindergarten, Schule oder Freunde meidet.
Fachleute sprechen bei einer sehr starken, dauerhaften Einschränkung der Nahrungsauswahl von einer vermeidend-restriktiven Ernährungsstörung (englisch Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder, ARFID). Sie gehört in ärztliche und therapeutische Hände. Beim typischen hochsensiblen Kind, das bestimmte Speisen ablehnt, aber insgesamt gut gedeiht, reicht in aller Regel ein entspannter Umgang am Familientisch.
Was hilft: Tipps für entspannte Mahlzeiten mit hochsensiblen Kindern
Aus meiner Erfahrung mit meiner Tochter und aus vielen Gesprächen mit Eltern haben sich diese zehn Punkte bewährt:
- Nimm das Geschmacksurteil deines Kindes ernst: Wenn es sagt, etwas sei scharf, bitter oder alt, schmeckt es das wirklich.
- Variiere die Zubereitung: Roh, gekocht, gedünstet, tiefgekühlt oder aus der Dose fühlt sich dasselbe Gemüse im Mund völlig anders an.
- Richte getrennt an: Ein Teller mit Fächern oder kleine Schälchen halten die Geschmäcker sauber auseinander.
- Arbeite Gemüse unsichtbar ein: Püriertes Gemüse in Suppen, Soßen oder Pfannkuchenteig bringt Vielfalt, ohne dass es zum Streitpunkt wird.
- Lade zum Probieren ein und lass die Entscheidung beim Kind: Ein Löffel zum Kosten darf auch wieder zurück auf den Teller.
- Achte auf Gerüche: Lüfte beim Kochen und setze dein Kind nicht direkt neben ein stark riechendes Gericht.
- Plane für Übernachtungen und Feiern vor: Eigenes Essen mitzunehmen nimmt deinem Kind die Sorge und macht es unabhängiger.
- Gib dem Tag Struktur: Feste Essenszeiten helfen bei der Strukturierung des Tages und geben deinem Kind Sicherheit.
- Nimm die Großeltern mit ins Boot: Erkläre ihnen, warum dein Kind so isst, und unterstütze es beim Klärungsgespräch.
- Lass körperliche Beschwerden abklären: Bauchschmerzen, Hautausschläge oder anhaltende Müdigkeit gehören zum Kinderarzt.
Wie Ernährung das Nervensystem von Erwachsenen unterstützt und warum ein stabiler Blutzucker für Hochsensible so wichtig ist, beschreibe ich im Beitrag Hochsensibilität und Ernährung.
Jede entspannte Mahlzeit stärkt dein Kind in seinem Selbstwert. Es lernt: Meine Wahrnehmung zählt, und ich darf so sein, wie ich bin. Wenn du dir für den Umgang mit deinem hochsensiblen Kind Unterstützung wünschst, begleite ich dich im Coaching für Eltern hochsensibler Kinder.
Auf einen Blick: typisches Essverhalten hochsensibler Kinder
| Was du beobachtest | Was dahintersteckt | Was hilft |
|---|---|---|
| Das Kind findet Essen schnell zu scharf, zu salzig oder zu süß | Feine Geschmackswahrnehmung, schon geringe Mengen wirken stark | Geschmacksurteil ernst nehmen, sparsam würzen |
| Die Speisen dürfen sich auf dem Teller nicht berühren | Der Wunsch nach reinem Geschmack | Getrennt anrichten, Teller mit Fächern |
| Brotrinde oder bestimmte Konsistenzen werden abgelehnt | Das Gefühl im Mund entscheidet | Zubereitung variieren: roh, gekocht, püriert, tiefgekühlt |
| Das Kind verzieht beim Probieren sofort das Gesicht | Ekel wird durch die eigene Mimik verstärkt | Neutral probieren lassen, ohne Kommentar |
| Der Geruch am Tisch verdirbt den Appetit | Feine Nase | Lüften, Abstand zu stark riechenden Speisen |
| Bestimmte Lebensmittel werden dauerhaft abgelehnt | Manchmal ein Körpersignal für eine Unverträglichkeit | Bei Beschwerden ärztlich abklären |
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Häufige Fragen zu hochsensiblen Kindern und Essen
Warum sind hochsensible Kinder beim Essen so wählerisch?
Weil sie Geschmack, Geruch und Konsistenz intensiver wahrnehmen. Ihr Nervensystem reagiert schon auf geringe Mengen von Schärfe, Salz, Süße oder Bitterstoffen, und das Gefühl im Mund spielt eine große Rolle. Was für andere normal schmeckt, ist für sie oft zu viel.
Ist wählerisches Essen bei hochsensiblen Kindern eine Essstörung?
In der Regel nicht. Hochsensibilität ist keine Essstörung, und die meisten hochsensiblen Kinder, die bestimmte Speisen ablehnen, gedeihen gut. Nimmt ein Kind ab, wird die Auswahl immer kleiner oder hat es Angst vor dem Essen, sollte das ärztlich abgeklärt werden.
Soll ich mein hochsensibles Kind zum Probieren zwingen?
Druck verstärkt die Abneigung und belastet die Beziehung. Besser wirkt eine Einladung zum Kosten, bei der das Kind selbst entscheidet, ob es weiterisst. So lernt es, dass seine Wahrnehmung ernst genommen wird.
Warum mögen hochsensible Kinder ihr Essen getrennt auf dem Teller?
Wenn sich Speisen berühren, vermischen sich die Geschmäcker. Hochsensible Kinder schmecken das sofort. Ein Teller mit Fächern oder kleine Schälchen lösen das Problem meist ganz einfach.
Was kann ich kochen, wenn mein hochsensibles Kind kaum Gemüse isst?
Probiere verschiedene Zubereitungen aus, denn roh, gekocht oder tiefgekühlt schmeckt und fühlt sich dasselbe Gemüse anders an. Püriertes Gemüse lässt sich gut in Suppen, Soßen oder Pfannkuchenteig einarbeiten.
Wächst sich das wählerische Essen hochsensibler Kinder aus?
Bei vielen Kindern erweitert sich die Auswahl mit der Pubertät. Manche hochsensible Erwachsene behalten aber einen sehr ausgewählten Geschmack, und das ist in Ordnung, solange sie gesund sind.
Quellen und weiterführende Literatur
- Aron, E. N. (2002): The Highly Sensitive Child. Broadway Books, New York. Deutsche Ausgabe: Das hochsensible Kind. mvg Verlag.
- Aron, E. N. und Aron, A. (1997): Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345 bis 368.
- Pluess, M., Assary, E., Lionetti, F., Lester, K. J., Krapohl, E., Aron, E. N. und Aron, A. (2018): Environmental sensitivity in children: Development of the Highly Sensitive Child Scale and identification of sensitivity groups. Developmental Psychology, 54(1), 51 bis 70.
- American Psychiatric Association (2013): Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5. Auflage (DSM-5), Abschnitt Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder.
Über die Autorin

Sandra Quedenbaum arbeitet seit über zwanzig Jahren mit hochsensiblen Menschen und bildet seit fast 20 Jahren Coaches aus. Sie ist Erzieherin und Sozialpädagogin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, ausgebildete Lehrtrainerin und selbst hochsensibel. Sie hat eine hochsensible Tochter und begleitet ihre Kunden, darunter viele Eltern hochsensibler Kinder, im Einzelcoaching, in Online-Kursen und in der Ausbildung zum HSP-Coach. Ihr Ansatz ist körperorientiert und traumasensibel.